Ulrich von Lichtenstein war einer der führenden Männer der Steiermark des Mittelalters. Er lebte von etwa 1200 bis 1275. Im Jahre 1255 schrieb Ulrich von Lichtenstein sein Werk 'Frauendienst'. Dieser, der sowohl autobiographische als auch epische Elemente aufweist, gilt als der erste deutsche Ich-Roman. In seinen 'Frauendienst' übernahm Ulrich von Lichtenstein mehrere seiner lyrischen Werke und fügte sie an passender Stelle ein. Unter anderem finden sich hier auch zwei Tagelieder, die er in den Jahren 1233/40 und 1240/41 verfasste. Bekannte mittelalterliche Lyriker, wie unter anderem Wolfram von Eschenbach, Walter von der Vogelweide und, nach dem Tod Ulrichs von Lichtenstein, Oswald von Wolkenstein, schrieben ebenfalls Tagelieder. Sie orientierten sich (fast) immer an einem strickten Rahmen, der die einzelnen Elemente dieser Gattung umfasste und vorgab. Ulrich von Lichtenstein wich in seinen beiden Tageliedern von wichtigen Elementen dieser Norm ab. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Betrachtung dieser beiden Tagelieder und soll zeigen, wie sie in den epischen Rahmen des 'Frauendienstes' passen. Ebenfalls sollen die Gründe Ulrichs von Lichtenstein Abweichung von der Norm betrachtet werden und wie sich diese in den beiden Tageliedern äußert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das ‚allgemeine‘ Tagelied und die Tagelieder des „Frauendienst“
3. Das erste Tagelied
4. Das zweite Tagelied
5. Schlussfolgerung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die beiden Tagelieder aus Ulrich von Lichtensteins Werk „Frauendienst“ und analysiert, wie diese in den epischen Rahmen des Ich-Romans eingebettet sind, wobei insbesondere das bewusste Abweichen des Autors von gängigen Gattungsnormen im Vordergrund steht.
- Analyse der inhaltlichen Konstituenten des klassischen Tagelieds im Vergleich zu Ulrich von Lichtensteins Werk.
- Untersuchung der motivischen Abweichungen, insbesondere des Ersetzens des Wächters durch die Magd.
- Betrachtung der Ständeklausel und des Strebens nach Authentizität und Realismus.
- Untersuchung der Darstellung der Liebesbeziehung und der Einheit der Liebenden.
- Diskussion der parodistischen Elemente und der bewussten Missachtung traditioneller Tageliednormen.
Auszug aus dem Buch
3. Das erste Tagelied
Im Gegensatz zum ersten Minnedienst Ulrichs von Lichtenstein erfährt er in diesem Teil des „Frauendienst“ Erfüllung und Freude im Minnedienst. Dieser zweite Teil besticht durch eine weitaus größere Fülle an Gedichten als noch im ersten Teil. Doch diese riesige Menge an lyrischen Werken, die durchschnittlich immer mehr an Länge zunehmen und (fast) immer die gleiche überschwängliche Fröhlichkeit vermitteln, wird (wenn überhaupt) nur durch wenige Sätze aneinandergefügt; die Spannung und die einstige dichterische Größe des Werkes haben das Nachsehen. Dennoch kann man den zweiten Minnedienst, obwohl hier die „Liebesfrische“ des ersten Dienstes verdrängt wird, als weitaus künstlerischer als seinen Vorgänger betrachten. Der zweite Teil des „Frauendienst“ wurde von Ulrich von Lichtenstein größtenteils allein nur wegen seiner zahlreichen lyrischen Werke verfasst; der epische Teil wird in den Hintergrund gedrängt.
Im zweiten Teil des „Frauendienst“ hat sich Ulrich von Lichtenstein von seiner Dame losgesagt, da ihm eine Gegenleistung für seine vielen Strapazen verwehrt blieb und seine Dame eine unverzeihliche Tat begangen hat, die aber nicht näher von Ulrich von Lichtenstein beschrieben wird. Nach dem großen Schmerz und der Trauer über den Verlust seiner ersten Herrin, findet er nun in diesem Teil des Werkes eine neue Dame, der er seine Dienste anbietet. Da die Dame auf sein Angebot eingeht ist Ulrich von Lichtenstein überglücklich. Dieses Gefühl der überschwänglichen Freude spiegelt sich in den Liedern 32 bis 37 wieder und vermittelt dem Leser seine Erwartungen an den neuen Minnedienst.
Bei dem Lied 36 handelt es sich um das erste Tagelied in Ulrichs von Lichtenstein „Frauendienst“, welches er im Zeitraum zwischen 1233 und 1240 verfasste.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Werk „Frauendienst“ von Ulrich von Lichtenstein ein und benennt das Forschungsinteresse an der Abweichung seiner Tagelieder von der gängigen Gattungsnorm.
2. Das ‚allgemeine‘ Tagelied und die Tagelieder des „Frauendienst“: In diesem Kapitel wird der Aufbau des klassischen Tagelieds mit seinen typischen Konstituenten beschrieben und der signifikante Tausch der Wächterfigur durch eine Magd bei Ulrich von Lichtenstein begründet.
3. Das erste Tagelied: Es wird analysiert, wie Ulrich von Lichtenstein im ersten Tagelied das Minnespiel integriert und durch den Verzicht auf den klassischen Weckruf die Norm bricht, um die Einheit der Liebenden zu betonen.
4. Das zweite Tagelied: Dieses Kapitel behandelt das zweite Tagelied, das trotz teilweiser Normkonformität durch die Verdopplung der gemeinsamen Zeit und die Versteckthematik eine parodistische Wirkung entfaltet.
5. Schlussfolgerung: Die Schlussfolgerung resümiert, dass die Abweichungen des Autors einer bewussten ästhetischen Entscheidung folgen, um soziale Realität und die Intensität der Minne gegenüber dem Ehestand herauszuarbeiten.
Schlüsselwörter
Ulrich von Lichtenstein, Frauendienst, Tagelied, Minnesang, Gattungsnorm, Ständeklausel, Liebeserfüllung, Wächter, Magd, Mittelalter, Ich-Roman, Authentizität, Minne, Literaturwissenschaft, Lyrik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit setzt sich mit den zwei im Werk „Frauendienst“ enthaltenen Tageliedern von Ulrich von Lichtenstein auseinander und analysiert deren inhaltliche Besonderheiten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Gattung des Tagelieds, das Verhältnis von Literatur und sozialer Realität, die Ständeklausel sowie die Darstellung der Minne.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie und warum Ulrich von Lichtenstein in seinen Tageliedern von den etablierten Normen der Gattung abweicht und wie dies in den epischen Rahmen des „Frauendienstes“ integriert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des „Frauendienstes“ unter Berücksichtigung der Gattungsgeschichte und der historischen Kontexte (Mittelalter) untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Gattung, gefolgt von einer detaillierten Einzelbetrachtung des ersten und des zweiten Tagelieds hinsichtlich ihrer Abweichungen von der Norm.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Tagelied, Frauendienst, Minnesang, Ständeklausel und Gattungsbruch charakterisieren.
Warum ersetzt der Autor den Wächter durch eine Magd?
Ulrich von Lichtenstein begründet dies mit der mangelnden Klugheit und der niederen Herkunft eines Wächters, der ein Geheimnis nicht bewahren könnte, während die Magd als vertrauenswürdiger eingestuft wird.
Inwiefern weist das zweite Tagelied parodistische Züge auf?
Das zweite Tagelied wirkt parodistisch, da der als tapfer und hochgemut bezeichnete Ritter sich in der Kemenate versteckt, statt sich mutig seiner Lage zu stellen, und zudem der zeitliche Ablauf in eine unkonventionelle Struktur erweitert wird.
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- Falk Hesse (Autor), 2009, Die Tagelieder in Ulrichs von Lichtenstein 'Frauendienst', Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132980