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Arbeitsteilung, Privateigentum und Staat in der literarischen Inselutopie des 18. Jahrhunderts

Title: Arbeitsteilung, Privateigentum und Staat in der literarischen Inselutopie des 18. Jahrhunderts

Term Paper , 2008 , 29 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Lutz Getzschmann (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Der utopische Inselroman ist bis heute von beträchtlichem Reiz für Autoren, denen daran gelegen ist, in pädagogischer oder kritischer Absicht ihren Lesern eine Gesellschaft im Modell vorzuführen, bzw. die Entstehung arbeitsteiliger Gesellschaften literarisch zu illustrieren. Und so hat dieses Genre eine Fülle von Werken hervorgebracht, allein Erhard Reckwitz listet im Anhang seiner diesbezüglichen gattungsgeschichtlichen Arbeit 63 Primärquellen auf und beschränkt sich dabei nur auf eine kleine Auswahl. Dies war insbesondere zur Zeit der europäischen Aufklärung und der von ihr inspirierten literarischen Werke der Fall.

Waren utopische Schriften – nicht selten in literarischem Gewand – auch seit Thomas Morus` „Utopia“ bekannt, so war es dennoch vor allem Daniel Defoe, der mit seinem 1719 erschienenen Roman „The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner“ dem Genre einen Namen gab und zahlreiche Bearbeitungen, Adaptionen und Gegenentwürfe anregte. Jürgen Fohrmann verweist allein für das 18. Jahrhundert außerhalb Englands auf 38 verschiedene Ausgaben des Defoeschen Originals, 5 niederländische, 20 französische und 17 deutsche sowie 2 französische und zwei deutsche Bearbeitungen, was also insgesamt für einen durchschlagenden Erfolg spricht.

In der vorliegenden Arbeit versuche ich, die historisch-sozialen Beweggründe für die Popularität der Robinsonaden zu untersuchen. „Robinsons Geschichte ist die Geschichte des Menschen und seiner fortschreitenden Kultur im Kleinen“7, schrieb etwa Rousseau und umriss dabei den Kern des Interesses sowohl der zeitgenössischen pädagogischen Literatur wie auch der politischen Ökonomie an dem Stoff. Dass es hierbei vor allem um die Schaffung der materiellen Kultur und die Erörterung von Grundannahmen der politischen Ökonomie geht, wird deutlich, wenn man versucht, das Robinson-Motiv mit Defoe als idealisierte Wirtschaftsgeschichte zu lesen. Aber auch als Raum für eine radikale und mit gesellschaftsverändernder Absicht formulierte literarische Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse eignet sich die Inselutopie, etwa bei Morelly, aber auch bei Wezel, der mit seiner Adaption des Stoffes gewissermaßen einen Anti-Defoe verfasste.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Die Robinsonade als literarisches Genre und politische Streitschrift

2. Defoes Robinson: Apologie der bürgerlichen Existenz

3. Die kapitalistische Entwicklung in England

3.1. Exkurs: Die englische Seefahrt und die kapitalistische Modernisierung

4. Die französische Inselutopie zwischen Antifeudalismus, Kapitalismuskritik und Versöhnung

5. Frankreich zwischen Merkantilismus, Refeudalisierung und bürgerlicher Revolution

6. Deutschland in den Fesseln von Feudalismus, despotischer Kleinstaaterei und ökonomischer Rückständigkeit

7. Die deutsche Robinson-Rezeption: Campe und Wezel

8. Abgrenzungen und Definitionen: Robinsonade, Utopie und Staatsroman

9. Resümee

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Inselutopie des 18. Jahrhunderts als Reflex der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer spezifischen ökonomischen Entwicklungsphasen. Dabei wird analysiert, wie sich das Motiv des Robinson Crusoe von einer Apologetik bürgerlicher Existenz hin zu Instrumenten politischer Gesellschaftskritik und pädagogischer Disziplinierung wandelte.

  • Die Funktion der Robinsonade als Ausdruck bürgerlicher Klasseninteressen.
  • Der Kontrast zwischen englischer, französischer und deutscher Robinson-Rezeption.
  • Die Darstellung von Arbeitsteilung, Privateigentum und Herrschaft in der utopischen Literatur.
  • Die historische Rolle der Seefahrt und maritimen Expansion im Kontext des Kapitalismus.
  • Die pädagogische und politische Disziplinierung durch literarische Robinson-Bearbeitungen.

Auszug aus dem Buch

Die kapitalistische Entwicklung in England

Das englische Kernland hatte bereits seit dem 15. Jahrhundert eine kapitalistische Entwicklung durchlaufen, die auf Einhegung früheren Gemeindelands und der kapitalistischen Umwälzung der Eigentums- und Produktionsverhältnisse in der Landwirtschaft, der Schaffung einer für den Weltmarkt produzierenden Textilindustrie und auf der – durch Sklavenarbeit in den Kolonien ermöglichten - Durchsetzung des doppelt freien (und weitgehend rechtlosen) Lohnarbeiters als zentrale Figur des Ausbeutungsprozesses basiert. Bourgeoisie und Adel waren im Laufe mehrerer Jahrhunderte partiell in der Gentry verschmolzen, wobei der Adel sich im Wesentlichen verbürgerlicht hatte, feudale Besitztitel in bürgerliche Eigentumsrechte, Leibeigenschaft in Pachtverhältnisse eingetauscht hatte und den Zustrom geadelter Bürger und Yeomanry in seine Reihen weitgehend akzeptiert hatte.

Das Parlament war eine gemeinschaftliche Versammlung von ländlichen Grundbesitzern und neuadligen städtischen Kapitalisten, die spätestens seit den revolutionären Wirren des 17. Jahrhunderts tatsächliche Macht ausübte. Der Staat war ein zentral organisierter bürgerlicher Machtapparat, der sich vor allem im Zusammenhang mit der Bewältigung der Folgen der ursprünglichen Akkumulation, nämlich der gewaltsamen Zurichtung der von Land und Höfen vertriebenen und durchs Land vagabundierenden Bauernschaft zu Arbeitszwang und Fabrikdisziplin herausgebildet hatte (exzessive Gewalt inklusive, wie etwa die Massenhinrichtungen von Bettlern und Vagabunden während der Regierungszeit Elizabeths I. zeigen).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Die Robinsonade als literarisches Genre und politische Streitschrift: Dieses Kapitel verortet die Robinsonade als Kerngestalt der literarischen Utopie des 18. Jahrhunderts und untersucht ihre Bedeutung als Reflex bürgerlicher Entwicklungsphasen.

2. Defoes Robinson: Apologie der bürgerlichen Existenz: Hier wird Defoes Werk als Rechtfertigung von Besitzakkumulation und bürgerlichem Individualismus analysiert, wobei Robinson als Idealbild des besitzenden Bürgers dargestellt wird.

3. Die kapitalistische Entwicklung in England: Dieses Kapitel erläutert die ökonomischen Grundlagen Englands, insbesondere die Rolle der Enteignung und der Entstehung des Lohnarbeiters, die als Basis für den Kapitalismus dienen.

4. Die französische Inselutopie zwischen Antifeudalismus, Kapitalismuskritik und Versöhnung: Der Fokus liegt auf der französischen Rezeption, die den Stoff für eine radikale Kritik am Feudalismus und am Privateigentum nutzte.

5. Frankreich zwischen Merkantilismus, Refeudalisierung und bürgerlicher Revolution: Dieses Kapitel beleuchtet die schwierige Modernisierung Frankreichs und die Verschränkung von Bürgertum und Adel.

6. Deutschland in den Fesseln von Feudalismus, despotischer Kleinstaaterei und ökonomischer Rückständigkeit: Analysiert wird die deutsche Situation, in der politische Zersplitterung eine ökonomische Konsolidierung des Bürgertums lange verhinderte.

7. Die deutsche Robinson-Rezeption: Campe und Wezel: Dieses Kapitel kontrastiert die pädagogische und arbeitsorientierte Anpassung Campes mit der zivilisationskritischen Sicht Wezels.

8. Abgrenzungen und Definitionen: Robinsonade, Utopie und Staatsroman: Hier erfolgt eine theoretische Abgrenzung der Robinsonade von anderen literarischen Gattungen wie der Inselutopie.

9. Resümee: Die abschließende Zusammenfassung reflektiert die historische Begrenzung der Gattung und ihre Bedeutung für das Verständnis bürgerlicher Interessen im 18. Jahrhundert.

Schlüsselwörter

Robinsonade, Inselutopie, bürgerliche Gesellschaft, Kapitalismus, Arbeitsteilung, Privateigentum, England, Frankreich, Deutschland, Aufklärung, Defoe, Campe, Wezel, Klassenkonstellation, ursprüngliche Akkumulation

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?

Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und politische Bedeutung der literarischen Robinsonade im 18. Jahrhundert als Spiegelbild bürgerlicher Interessen und Gesellschaftskritik.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Im Zentrum stehen die Konzepte von Arbeit, Eigentum, Herrschaftsstrukturen sowie der Wandel des Bildes des Individuums im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, die ideologischen Funktionen der Robinsonade in verschiedenen nationalen Kontexten (England, Frankreich, Deutschland) aufzuzeigen und deren Zusammenhang mit der ökonomischen Entwicklung der Bourgeoisie darzulegen.

Welche methodische Herangehensweise wird verfolgt?

Die Arbeit nutzt eine sozialgeschichtliche und ideologiekritische Analyse, indem sie literarische Texte in den Kontext ihrer jeweiligen ökonomischen und politischen Zeitumstände einbettet.

Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?

Der Hauptteil behandelt die Entstehung der Robinsonade bei Defoe, die sozioökonomischen Bedingungen in England und Frankreich sowie die spezifisch deutsche Rezeption bei Campe und Wezel.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?

Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Inselutopie, Klassengesellschaft, Arbeitsteilung, Kapitalismus und bürgerliches Bewusstsein charakterisieren.

Wie unterscheidet sich Wezels Bearbeitung von der Campes?

Während Campe Robinson primär zur pädagogischen Disziplinierung und Vermittlung bürgerlicher Tugenden nutzt, betreibt Wezel eine radikale zivilisationskritische Analyse, die die Ausbeutungsverhältnisse thematisiert.

Welche Rolle spielt die englische Seefahrt in dieser Untersuchung?

Die Seefahrt wird nicht nur als abenteuerliche Kulisse, sondern als Ort harter Arbeitsdisziplin und kapitalistischer Ausbeutung analysiert, was Defoes idealisierende Darstellung entlarvt.

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Details

Title
Arbeitsteilung, Privateigentum und Staat in der literarischen Inselutopie des 18. Jahrhunderts
College
Johannes Gutenberg University Mainz  (Deutsches Institut)
Course
Hauptseminar: Johann Carl Wezels Romane
Grade
1,0
Author
Lutz Getzschmann (Author)
Publication Year
2008
Pages
29
Catalog Number
V133077
ISBN (eBook)
9783640397518
ISBN (Book)
9783640397945
Language
German
Tags
Arbeitsteilung Privateigentum Staat Inselutopie Jahrhunderts
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Lutz Getzschmann (Author), 2008, Arbeitsteilung, Privateigentum und Staat in der literarischen Inselutopie des 18. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133077
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