Die Tagesschau führte seit dem russischen Überfall auf die Ukraine auf ihrer Internetseite einen Liveblog über die Geschehnisse. Die vorliegende Arbeit führt mittels Korpuslinguistik eine Diskursanalyse durch, um die russische Identität zu dekonstruieren und herauszuarbeiten, wie die Konfliktparteien dargestellt werden. Die Arbeit basiert auf der poststrukturalistischen Diskurstheorie von Ernesto Laclau und konzeptualisiert "Russland" als leeren Signifikanten.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. LITERATURÜBERBLICK
3. DIE POLITISCHE DISKURSTHEORIE
3.1 Diskurs
3.2 Identität
3.3 Agency
4. DISKURSTHEORETISCHE KORPUSLINGUISTIK
5. RUSSLAND IN DER DARSTELLUNG DER TAGESSCHAU
6. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Artikulation der russischen Identität innerhalb des Ukraine-Liveblogs der Tagesschau zu dekonstruieren. Dabei steht die forschungsleitende Frage im Zentrum, wie der Signifikant „Russland“ im Diskurs dieses speziellen Nachrichtenmediums konstruiert und mit Bedeutung aufgeladen wird.
- Poststrukturalistische Diskursanalyse
- Konstruktion nationaler Identität in digitalen Medien
- Methodik der korpuslinguistischen Analyse nach Wolfgang Teubert
- Analyse antagonistischer Repräsentationen des „Russischen“
- Rolle des Diskursbegriffs bei Ernesto Laclau und Chantal Mouffe
Auszug aus dem Buch
3.1 Diskurs
Um Verwirrung zu vermeiden, es ist nützlich, zuerst die Beziehung zwischen Artikulationen, Diskursen und verwandten Konzepten zu klären. In Anlehnung an Laclau und Mouffe wird hier der Begriff der Artikulation verwendet, um sowohl die Praxis der Verknüpfung diskursiver Elemente als auch das zeitweilige Ergebnis dieser Praxis zu bezeichnen. Mit dem Begriff diskursive Formation wird im weitesten Sinne eine zusammenhängende Menge von Artikulationen bezeichnet, während der Begriff Diskurs für jene größeren diskursiven Formationen reserviert ist, die relativ klar identifizierbar sind, indem sie sich thematisch oder in Bezug auf ihre zeitliche und räumliche Ausdehnung von anderen diskursiven Formationen abgrenzen lassen (vgl. Laclau/Mouffe 2001: 105). Der Begriff Diskurs bezieht sich sowohl auf spezifische Diskurse als auch auf das Diskursive, also die Gesamtheit der sinnstiftenden Praktiken (vgl. Stengel 2020: 34).
In der PDT werden die Begriffe Diskurs und diskursive Struktur außerdem auf der ontologischen als auch auf der ontischen Ebene verstanden. Wie im Folgenden unter den zentralen Merkmalen ausgeführt wird, bedeutet das, der Diskurs ist sowohl eine konstitutive Bedeutungsstruktur im Sinne eines ontologischen Horizonts als auch die konkrete Praxis der Kommunikation im Sinne von sprachlichen und nicht-sprachlichen Elementen (vgl. Laclau 2005: 106; Laclau/Mouffe 2001: 108). Das gesamte Konzept des Diskurses in der PDT lässt sich über vier zentrale Merkmale zusammenfassen: 1. Diskurs als sinnstiftende Praxis, die die soziale Welt durch die Zuschreibung von Bedeutung konstruiert und verständlich macht, 2. Diskurs als ontologischer Horizont, der das Verständnis jeglicher Objektivität und sozialer Beziehungen als Verbindung von Elementen impliziert. Subjekte, Worte oder Handlungen werden daher im Kontext einer bestimmten Praxis verständlich gemacht, und jedes Element erlangt nur in Beziehung und Abgrenzung zu anderen Elementen seine Bedeutung, 3. der Fokus auf Bedeutung und Sprache und das Verständnis des Diskurses als System von Differenzen reduziert nicht alles auf Sprache oder Text, sondern impliziert, dass der differenzielle und relationale Charakter der Sprache für alle Sinn- und Bedeutungssysteme gilt: „the linguistic and non-linguistic elements are not merely juxtaposed, but constitute a differential and structured system of positions – that is a discourse“ (Laclau/Mouffe 2001: 108) und 4. in Bezug auf die PDT als ontologischen Horizont werden alle Bedeutungssysteme als strukturell unvollständig oder unentscheidbar im Sinne eines fundamentalen Mangels oder einer radikalen Kontingenz verstanden (vgl. Glynos et al. 2009: 8f).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Hinführung zur poststrukturalistischen Identitätsanalyse und Vorstellung der leitenden Forschungsfrage zur Darstellung Russlands im Tagesschau-Liveblog.
2. LITERATURÜBERBLICK: Darstellung zentraler poststrukturalistischer Debatten und bestehender Forschungsarbeiten zu Identitätskonstruktionen im Kontext des Ukraine-Konflikts.
3. DIE POLITISCHE DISKURSTHEORIE: Erläuterung der theoretischen Grundlagen nach Laclau und Mouffe sowie Definition der Kernkonzepte Diskurs, Identität und Agency.
4. DISKURSTHEORETISCHE KORPUSLINGUISTIK: Vorstellung der methodischen Vorgehensweise nach Wolfgang Teubert und der Nutzbarmachung korpuslinguistischer Werkzeuge für die Diskursanalyse.
5. RUSSLAND IN DER DARSTELLUNG DER TAGESSCHAU: Präsentation der empirischen Analyse der extrahierten Korpusdaten und Untersuchung der Identitätskonstruktionen mittels Kollokationen.
6. FAZIT: Zusammenfassung der Forschungsergebnisse bezüglich der Verknüpfung von Russland mit spezifischen Attributen und der Inszenierung politischer Machtstrukturen.
Schlüsselwörter
Politische Diskurstheorie, Russische Identität, Tagesschau, Liveblog, Ukraine-Krieg, Poststrukturalismus, Diskursanalyse, Korpuslinguistik, Identitätsbildung, Signifikant, Diskursive Formation, Antagonismus, Machtstrukturen, Repräsentation, Kollokationen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Bild „Russland“ und die dazugehörige nationale Identität durch sprachliche Artikulationen in den Liveblogs der Tagesschau während des Ukraine-Krieges konstruiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Thematisiert werden poststrukturalistische Diskurstheorien, die Rolle von Identität in politischen Auseinandersetzungen sowie die methodische Auswertung großer Textmengen im digitalen Journalismus.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist die Dekonstruktion der russischen Identitätskonstruktion im spezifischen Kontext der Tagesschau, geleitet von der Frage: Wie wird der Signifikant „Russland“ im Diskurs des Liveblogs artikuliert?
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine poststrukturalistische Diskursanalyse nach Ernesto Laclau und Chantal Mouffe mit der korpuslinguistischen Methode nach Wolfgang Teubert kombiniert, um die sprachliche Konstruktion von Bedeutungsmustern zu erfassen.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die theoretischen Grundlagen des Diskursbegriffs dargelegt als auch die empirische Analyse durchgeführt, bei der softwaregestützte Kollokationsanalysen die diskursive Verankerung Russlands freilegen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff der „russischen Identität“ prägen Fachtermini wie „Signifikant“, „Kontingenz“, „Diskursive Formation“ und „Antagonistische Artikulation“ die terminologische Basis.
Welche Rolle spielt der russisch-orthodoxe Kontext in der Darstellung?
Die Analyse zeigt, dass die russisch-orthodoxe Kirche und ihr Oberhaupt oft als inhaltlich starke Ankerpunkte fungieren, um Russland als Nation mit spezifischer Ausrichtung zu dekontextualisieren.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von „Russland“ zu „Ukraine“ im Blog?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Begriffe in Abgrenzung zueinander stehen, wobei Russland häufig militärisch und machtzentriert konstruiert wird, während bei der Ukraine andere Identitätsmerkmale dominieren.
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- André Will (Autor), 2022, Die Konstruktion der russischen Identität im Liveblog der Tagesschau zum Ukraine-Krieg, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1331055