Die Position der Sprache in der Sozialisation


Seminararbeit, 2005

8 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Die Position der Sprache in der Sozialisation

Menschen eigenen sich im Laufe ihrer Sozialisation Sprache an, die aus den gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen nicht mehr weg zu denken ist. Mich interessiert im Folgenden, welche Rolle die Sprache bei der Sozialisation eines Individuums einnimmt. Es soll diskutiert werden, in wieweit sich ein Individuum über seine Sprache identifizieren lässt und in welchen Zeitraum sich diese Prägung ereignet. Dies ist vor allem interessant unter dem Aspekt der Schnelllebigkeit der modernen Gesellschaft, die in ihren Möglichkeiten und Grenzen dem Menschen Flexibilität abverlangt, sowohl in Beruf, wie auch im Privaten, da oft traditionelle Lebensformen immer weniger Geltung haben. Alles scheint ständig im Wandel, angetrieben durch immer neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die alte Gewissheiten umzukrempeln scheinen und althergebrachte Sichtweisen in Frage stellen. Doch welchen Stellenwert erhält die Sprache, die Kommunikation unter den einzelnen Menschen in einer Zeit, von der behauptet wird, dass sie die Individuen einander entfremde?

Peter L. Berger und Thomas Luckmann, die phänomenologische Soziologie vertretend, bezeichnen in ihrer wissenschaftlichen Arbeit „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie“ die Sprache als den wichtigsten Gegenstand der Sozialisation.[1] Kinder würden in einer Sprachkultur aufwachsen und ihre Muttersprache zunächst als „Natur der Dinge“ betrachten. Sie erlernten eine Sprache, mit der sie durch Erklärungen anderer Erfahrungswerte vermittelt bekämen und die es ihnen ermögliche sich in der Welt auszudrücken. Durch die Kommunikation fänden sie sich in ihre Rolle in der Gesellschaft ein, die auf einen gemeinsamen Wertekonsens aufgebaut sei, den es zu erlernen gelte und von dem die eigene Handlung abgeleitet werden müsse.

Dabei ist vor allem die Kommunikation wichtig, die von den direkten Bezugspersonen ausgeht. Dem Wertekonsens dieser wird zudem automatisch mehr Gewicht beigemessen, als dem flüchtiger Bekanntschaften, da das Kind sich bemüht der Gruppe gerecht zu werden, in der es sich bewegt. Begriffe, die in die Sprache Eingang finden, treffen oft Aussage über bestimmte tradierte Ereignisse, die nun zu einem Kollektiv erlebten werden. So wirkt die Sprache mit ihren Begriffen in dem Sinne erzieherisch, dass sie die Mitglieder der Gruppe, die Möglichkeit und die Bewältigungstaktik des Ereignisses vermittelt, auch wenn nicht jeder in diese Situation gerät.[2]

Kommunikation wird als wichtiges Instrument und Spiegel der Sozialisation gesehen. Anhand der verbalen und nonverbalen Sprache zeichnet sich eine Rollenzugehörigkeit ab, die sich gegen andere Gruppen in ihrem Ausdruck und ihren Verhaltensmustern absetzt und wie ein Code die eigenen Mitglieder verbindet und untereinander zu erkennen gibt. Oberflächlich betrachtet, zeigt sich dies in Deutschland beispielsweise allein schon an den einzelnen Dialekten der verschiedenen Regionen. Ein Bayer in Berlin fällt unvermeidlich auf, sobald er zu sprechen beginnt. Doch nicht nur die äußeren Merkmale der Ausdrucksweise geben ihn als Bayer zu erkennen. Vielmehr wird er auch über den Inhalt seiner Worte entlarvt, falls er katholisch konservativ gegen die Ansichten eines Atheisten in der Streitfrage um das Kreuz im Klassenzimmer argumentiert. Doch nicht nur im deutlichen Konflikt tritt seine bayrisch geprägte Identität zu Tage, sondern sie scheint auch in ganz alltäglichen Handlungen durch, zum Beispiel in seinem Verhaltensmuster im Straßenverkehr gegenüber dem eher hektischen Berliner. Jedoch hört seine Rolle mit der des Bayern bei weitem nicht auf, wie Berger in „Einladung zur Soziologie: eine humanistische Perspektive“ zeigt. Er vereint viele Rollen auf sich, nach denen er sich in verschiedenen Situationen bezüglich eines bestimmten Umfeldes verhält: So die Rolle des Familienvaters beispielsweise, der in seinen Worten Strenge walten lässt, die Rolle des ergebenen Sohnes, der seiner Mutter in allem nachgibt, oder er ist von Beruf Ingenieur, der eine gewisse Fachsprache gebrauchen muss, um von seinen Kollegen verstanden und anerkannt zu werden, die ihm aber im häuslichen Leben nicht nützlich sein kann. Über das verwandte Vokabular und die Ausdrucksweise gibt er seine jeweilige Rolle zu erkennen. Das spezifische Vokabular[3] hilft ihm große Sachverhalte gegenüber seinen Kollegen in Kürze zu erklären. Als Ingenieur zum Beispiel, musste er sich zunächst im Studium die entsprechenden Vokabeln aneignen, um sein Fach zu verstehen und verstanden zu werden. Nach Heinz- Günter Vester macht hier das Wissen die Identität aus.[4] Die Identität ist somit nichts anderes als die erworbene Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die über den gleichen Konsens verfügt. So muss der Ingenieur eine gewisse Technik des Zeichnens benutzen, um in seinem Beruf produktiv werden zu können, wie auch eine Fachsprache verwenden. Vester nennt dies die „Kulturelle Kompetenz“, die aber auch über den Fortschritt und die Zeit veränderlich ist und immer wieder neu für die Erhaltung der Identität ausgelotet werden muss.[5] Nur über den Austausch mit anderen gelingt es ihm, sein eigenes Rollenwissen mit dem der anderen zu vergleichen und eventuell seine Rolle, sprich einen Teil seiner Identität, zu erweitern. Er muss, um in seiner Rolle, also um in seiner Berufsgruppe, bestehen zu können, ständig überprüfen, ob seine Art der Kommunikation noch aktuell ist und er über das notwendige Vokabular und Wissen verfügt, um dazugehörig zu sein. In der Sprache wird so die ständige Veränderung der Sozialisation deutlich. Auch als Familienvater ist das Verhalten unseres Bayern ständigen Veränderungen unterworfen, allein durch das Heranwachsen seiner Kinder. Um mit ihnen befriedigend kommunizieren zu können, muss er sich zumindest ein wenig auf ihre erlebten Veränderungen einstellen, damit sein Wort Geltung behält. Durch dieses Anpassen verändert sich auch sein Verhalten, also seine Handlung gegenüber den Kindern und damit seine Identität. Wo er dem Kleinkind einen Klaps auf die Finger gegeben hat, muss er dem Teenager erklären, warum er nicht mit dem Feuer spielen darf. Das Individuum steht demnach im ständigen Behauptungskampf seiner Identität. Nur über Anpassung der Sprache und Handlung zu seinem Umfeld, ist es ihm möglich Akzeptanz zu finden. Damit ist die Kommunikation der wichtigste Bestandteil der Sozialisation, weil diese nur über sie gelingen kann.

[...]


[1] Berger, Peter L./ Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, S.63.

[2] Z.B. über Redewendungen und Sprichworte („Wer einmal lügt, dam glaubt man nicht, auch wenn er mal die Wahrheit spricht.“)

[3] Dazu zählen auch Metaphern und Anspielungen, die nur ein Gruppenmitglied richtig deuten kann.

[4] Vgl. Vester, Heinz- Günter: Kollektive Identitäten und Mentalitäten. Von der Völkerpsychologie zur kulturvergleichenden Soziologie und interkulturellen Kommunikation, Frankfurt/ M. 1996, S.99.

[5] Vgl. Vester, Heinz- Günter: Kollektive Identitäten und Mentalitäten. Von der Völkerpsychologie zur kulturvergleichenden Soziologie und interkulturellen Kommunikation, Frankfurt/ M. 1996, S.99: „Im Falle der personalen Identität geschieht dies in Situationen interpersoneller Kommunikation, im Falle der kulturellen Identität in der interkulturellen Kommunikation.“

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die Position der Sprache in der Sozialisation
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Lebensgestaltung- Ethik- Religionskunde)
Veranstaltung
Gesellschaftlicher Wandel & Wandel in der Jugendphase
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
8
Katalognummer
V133115
ISBN (eBook)
9783640455614
ISBN (Buch)
9783640456178
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Sprache, Redewendungen, Entwicklung, Regionen, Einfluss, Verständnis
Arbeit zitieren
Kati Neubauer (Autor:in), 2005, Die Position der Sprache in der Sozialisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133115

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