Die Verwendung der loci communes in Ciceros Topica und De Inventione


Seminararbeit, 2009

10 Seiten, Note: 3

Stephanie Krauss (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. These

3. Behandlung der loci in „De Inventione“

4. Behandlung der loci in den „Topica“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schon seit der frühen Antike gebraucht der Mensch Rhetorik. Aus unterschiedlichsten Gründen werden Reden gehalten. Sei es anlässlich eines Festes, einer Hervorhebung einer guten Tat, oder innerhalb eines Prozesses zur Feststellung der Schuld. Daher ist und war es wichtig – vor allem im alten Rom und Griechenland, wo Anklage und Verteidigung meist den beteiligten Personen selbst oblag – zu wissen, auf welche Weise eine Gerichtsrede möglichst effektiv gestaltet werden kann. Deshalb wurden zahlreiche Lehrbücher zum Auffinden der Argumente verfasst, was nach damaliger Tradition durch Gebrauch der loci communes geschah. Auch in Ciceros Werken lassen sich viele rhetorische Schriften, die die loci behandeln, finden. Zwei davon – sein Erstwerk „De Inventione“ und die „Topica“, eine seiner letzten Arbeiten – sollen im Rahmen dieser Hausarbeit hinsichtlich der Verwendung eben dieser Allgemeinplätze verglichen werden.

2. These

Zu Beginn meiner Arbeit möchte ich die These aufstellen, dass die Verwendung der loci communes in den erwähnten Werken „De Inventione“ und „Topica“ von Marcus Tullius Cicero nur bedingt vergleichbar ist, da sie trotz gleichem Nenner verschiedene Zielvorstellungen, Herangehensweise und Verfassungshintergründe haben. Mit dem folgenden Text werde ich nun diese These belegen.

3. Behandlung der loci in „De Inventione“

Marcus Tullius Cicero schrieb „De Inventione“ während seiner Ausbildung zum Redner in Rom ca. im Jahre 84. v. Chr als eine der ersten lateinischen Rhetorik-Schriften überhaupt[1]. Er orientierte sich dabei vermutlich am Skript der Vorlesungen seines Lehrers, eines namentlich nicht bekannten rhetor Latinus[2]. Hauptsächlich geht es in diesen 2 Büchern um die Erläuterung der Status-Lehre, einer damals verwendeten Methode, die „dem Redner als universal einsetzbares Argumentationsmuster beim Auffinden der zur Rede passenden loci und Argumente [dient]“[3]. Er vollzieht in jedem Buch eine Abhandlung der vier constitutiones[4], mit deren Hilfe ein Streitpunkt definiert und dem richtigen Gericht zugewiesen werden kann: constitutio coniecturalis, constitutio definitiva, constitutio generalis, constitutio translativa. Während Cicero sich dabei im ersten Buch auf eine kurze Einführung und Begriffsbestimmung beschränkt, stellt er die constitutiones im zweiten Buch ausführlich dar und belegt ihre Funktion mit Beispielen. Im Allgemeinen sieht deren Aufbau so aus: „Ein exemplum schildert einen Sachverhalt; intentio (criminis) – Beschuldigung, depulsio (criminis) – Zurückweisen, ratio – Begründung, infirmatio rationis – Entkräftung der Begründung führen zur iudicatio – dem strittigen Punkt. Der jeweiligen constitutio entsprechend werden nun mögliche Argumente für den Ankläger und Verteidiger genannt; loci communes – Gemeinplätze schließen sich an.“[5]

In dieser, seiner ersten philosophischen Schrift definiert der junge Cicero die loci mit den Worten haec ergo argumenta quae transferri in multas causas possunt[6]. Es handelt sich hierbei um allgemeine Aussagen, die pauschal auf verschiedene Fälle angewendet werden können, um den Aussagen des Redners mehr Nachdruck zu verleihen. Sie werden verwendet als Steigerung der res certae und der res dubiae. Dies geschieht durch Hervorrufen von indignatio und conquestio beim Auditorium[7]. Zudem sind sie die einzigen Passagen in einer Rede, in denen stilistische Mittel eingesetzt werden sollen, die dort ihre volle Wirkung entfalten und mit denen Redner so seine Qualität unter Beweis stellen kann.[8] Sinnvoll eingesetzt wird […] auditoris animus aut renovatur ad ea quae restant aut omnibus iam dictis exsuscitatur.[9]

Im Verlauf des Werkes folgen gegliedert nach den verschiedenen constitutiones jeweils passende loci communes, jedoch ohne Nennung eines Fachbegriffs. Zuerst

beschreibt Cicero die zur constitutio coniecturalis gehörenden Gemeinplätze: Demnach soll sich der accusator des locus bedienen, per quem auget facti atrocitatem, et alter per quem negat malorum misereri oportere[10]. Der Verteidiger hingegen soll durch Gemeinplätze misericordia erwirken und die Falschheit der Anklage beweisen[11]. Bei zu definierenden Fällen soll auf Seiten des Anklägers durch den locus communis ebenfalls entweder die atrocitas facti, die indignitas oder die culpa verstärkt werden[12]. Dem defensor legt Cicero hingegen nahe, in seinen Gemeinplätzen den Vorteil und die Ehre, die durch die Tat entstehen, zu mehren[13] oder Entrüstung darüber auszudrücken, dass der Ankläger wissentlich Fakten verfälsche und die Bedeutung der Worte umdrehe. Ebenso soll er versuchen, Mitleid für den Angeklagten zu erregen, indem er die calumnia accusatoris aufzeigt[14]. Als der constitutio translationis angemessen erachtet Cicero, als Gegenargument gegen die Übertragung an ein anderes Gericht, folgenden Gemeinplatz: fugere iudicium ac poenam, quia causae diffidat.[15] Als Bekräftigung des Pro-Arguments aber: omnium fore perturbationem, si non ita res agantur et in iudicium veniant, quo pacto oporteat; hoc est, si aut cum eo agatur, quocum non oporteat, aut alia poena, alio crimine, alio tempore; atque hanc rationem ad perturbationem iudiciorum omnium pertinere.[16] Die Behandlung des letzten Teils der Status-Lehre, der constitutio generalis, wird nun in zwei Teile eingeteilt: den pars negotialis und den pars iuridicialis[17]. Wie gewohnt folgt nach der Erläuterung eines Beispieles und den möglichen Argumenten für beide Parteien die Anführung der loci communes, zuerst für den Teil, der einen Streitfall des ius civile behandelt: Den pars negotialis[18] . Hierbei gibt er kein eigenes Beispiel, sondern verweist wieder auf die vorher genannten sedes argumenti[19]. Ausführlicher legt Cicero dagegen den pars iuridicialis dar, der speziell die aequi et iniqui natura et praemi aut poenae ratio beinhaltet[20]: ganz übergeordnet sagt der Autor, dass es in diesem Falle wichtig ist, die loci aus der Sache oder dem Gesetz selbst zu ziehen, bevor er eine weitere Unterteilung des pars iuridicialis in comparatio, relatio criminis, remotio criminis und concessio vornimmt[21]. Als erstes schreibt Cicero über die loci communes für den Vergleich: so soll der Ankläger, den Angeklagten, der trotz Geständnis nach Vergebung sucht, schmähen und Entrüstung über die Tat erregen. Der Verteidiger hingegen soll aufzeigen, dass keine Tat für inutile neque turpe neque item utile neque honestum gehalten werden darf, wenn sie nicht quo animo, quo tempore, qua de causa begangen wurde, wie eine vergleichbare Tat. Zudem soll der Anwalt der Verteidigung den Nutzen und die Ehrenhaftigkeit der Tat aufzeigen und das Publikum gedanklich an die Stelle des Täters versetzen und mit diesem identifizieren[22]. Hierauf erörtert er die Gemeinplätze für die relatio criminis. Auch hier soll der Kläger indignatio erregen – durch die Anprangerung der Grausamkeit und Kühnheit des Täters, während der Verteidiger ebenfall audacia und crudelitas anführt – jedoch von Seiten des Opfers, das durch sein Verhalten einen Auslöser für die Tat geschaffen hat[23]. Dies ist eher untypisch für die Behandlung der Gemeinplätze, da Cicero hier direkt Bezug auf das vorher genannte Beispiel nimmt und den locus communis somit weniger allgemein macht. Anschließend gibt Cicero Vorschläge für die remotio criminis, bei der entweder das Motiv oder die Tat selbst auf einen anderen übertragen werden soll. Die loci communes sind für beide Fälle annähernd gleich. So soll der accusator hier wiederum die Entrüstung über die Tat mehren, während der defensor dem Publikum darlegen soll, dass es nicht rechtens ist, den Angeklagten zu bestrafen, wenn er keine Schuld hat[24]. Abschließend legt Cicero noch die Gemeinplätze für die concessio dar, der Bitte des Angeklagten nach Begnadigung trotz Eingeständnis seiner Schuld: In diesem Fall soll der Kläger zeigen, dass es genug Beispiele anderer ähnlicher Verbrecher gibt, die nicht begnadigt wurden, und dass es besser gewesen wäre, zu sterben anstatt die Tat zu begehen[25]. Der Verteidiger aber hat die Möglichkeit diese Argumente zu seinem Nutzen umzudrehen und zudem noch die guten Absichten des Angeklagten und die Umstände, die zur Tat führten, darzulegen[26].

[...]


[1] Vgl. Cicero, Marcus Tullius: De Inventione. Über die Auffindung des Stoffes; lateinisch – deutsch. Hrsg. und übers. von Theodor Nüßlein. Düsseldorf, Zürich 1998. (Sammlung Tusculum). S. 365-366.

[2] Vgl. De Inv. S.364-365.

[3] Walde, Christine: Status. In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Cancik, Hubert; Schneider, Helmut (Hg.). Stuttgart, Weimar 2001. Bd. 11.

[4] Vgl. De Inv. I, 10-16; II, 14-154.

[5] De Inv. S.375.

[6] De Inv. II, 48.

[7] Vgl. De Inv. II, 48.

[8] Vgl. De Inv. II, 49.

[9] De Inv. II, 49.

[10] De Inv. II, 51.

[11] De Inv. II, 51.

[12] Vgl. De Inv. II, 53.

[13] Vgl. De Inv. II, 55.

[14] Vgl. De Inv. II, 56.

[15] De Inv. II, 61.

[16] De Inv. II, 61.

[17] De Inv. II, 62.

[18] Vgl. De Inv. II, 62.

[19] Vgl. De Inv. II, 68.

[20] De Inv. II, 69.

[21] Vgl. De Inv. II, 71.

[22] Vgl. De Inv. II, 77-78.

[23] Vgl. De Inv. II, 85-86.

[24] Vgl. De Inv. II, 91.

[25] Vgl. De Inv. II, 100.

[26] Vgl. De Inv. II, 101.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die Verwendung der loci communes in Ciceros Topica und De Inventione
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Klassische Philologie)
Note
3
Autor
Jahr
2009
Seiten
10
Katalognummer
V133120
ISBN (eBook)
9783640392544
ISBN (Buch)
9783640392681
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verwendung, Ciceros, Topica, Inventione
Arbeit zitieren
Stephanie Krauss (Autor), 2009, Die Verwendung der loci communes in Ciceros Topica und De Inventione, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133120

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