Schon seit der frühen Antike gebraucht der Mensch Rhetorik. Aus unterschied-lichsten Gründen werden Reden gehalten. Sei es anlässlich eines Festes, einer Hervorhebung einer guten Tat, oder innerhalb eines Prozesses zur Feststellung der Schuld. Daher ist und war es wichtig – vor allem im alten Rom und Griechenland, wo Anklage und Verteidigung meist den beteiligten Personen selbst oblag – zu wissen, auf welche Weise eine Gerichtsrede möglichst effektiv gestaltet werden kann. Deshalb wurden zahlreiche Lehrbücher zum Auffinden der Argumente verfasst, was nach damaliger Tradition durch Gebrauch der loci communes geschah. Auch in Ciceros Werken lassen sich viele rhetorische Schriften, die die loci behandeln, finden. Zwei davon – sein Erstwerk „De Inventione“ und die „Topica“, eine seiner letzten Arbeiten – sollen im Rahmen dieser Hausarbeit hinsichtlich der Verwendung eben dieser Allgemeinplätze verglichen werden. [...] Zu Beginn meiner Arbeit möchte ich die These aufstellen, dass die Verwendung der loci communes in den erwähnten Werken „De Inventione“ und „Topica“ von Marcus Tullius Cicero nur bedingt vergleichbar ist, da sie trotz gleichem Nenner verschiedene Zielvorstellungen, Herangehensweise und Verfassungshintergründe haben. Mit dem folgenden Text werde ich nun diese These belegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. These
3. Behandlung der loci in „De Inventione“
4. Behandlung der loci in den „Topica“
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Verwendung der sogenannten loci communes (Allgemeinplätze) in zwei rhetorischen Hauptwerken von Marcus Tullius Cicero: seinem Frühwerk „De Inventione“ und dem Spätwerk „Topica“. Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Konzepte trotz gleicher terminologischer Basis aufgrund unterschiedlicher Zielsetzungen, Herangehensweisen und der rhetorischen Erfahrung des Autors nur bedingt miteinander vergleichbar sind.
- Vergleich der rhetorischen Theoriebildung in Ciceros Früh- und Spätwerk
- Analyse der loci communes als Instrumente der Argumentauffindung
- Die Bedeutung der Status-Lehre für die Strukturierung von Argumenten
- Der Einfluss der theoretischen Reifung und praktischen Erfahrung des Autors
- Unterschiede zwischen praxisorientierter Anwendungslehre und systematischer Theorie
Auszug aus dem Buch
Behandlung der loci in „De Inventione“
Marcus Tullius Cicero schrieb „De Inventione“ während seiner Ausbildung zum Redner in Rom ca. im Jahre 84. v. Chr als eine der ersten lateinischen Rhetorik-Schriften überhaupt. Er orientierte sich dabei vermutlich am Skript der Vorlesungen seines Lehrers, eines namentlich nicht bekannten rhetor Latinus. Hauptsächlich geht es in diesen 2 Büchern um die Erläuterung der Status-Lehre, einer damals verwendeten Methode, die „dem Redner als universal einsetzbares Argumentationsmuster beim Auffinden der zur Rede passenden loci und Argumente [dient]“. Er vollzieht in jedem Buch eine Abhandlung der vier constitutiones, mit deren Hilfe ein Streitpunkt definiert und dem richtigen Gericht zugewiesen werden kann: constitutio coniecturalis, constitutio definitiva, constitutio generalis, constitutio translativa.
Während Cicero sich dabei im ersten Buch auf eine kurze Einführung und Begriffsbestimmung beschränkt, stellt er die constitutiones im zweiten Buch ausführlich dar und belegt ihre Funktion mit Beispielen. Im Allgemeinen sieht deren Aufbau so aus: „Ein exemplum schildert einen Sachverhalt; intentio (criminis) – Beschuldigung, depulsio (criminis) – Zurückweisen, ratio – Begründung, infirmatio rationis – Entkräftung der Begründung führen zur iudicatio – dem strittigen Punkt. Der jeweiligen constitutio entsprechend werden nun mögliche Argumente für den Ankläger und Verteidiger genannt; loci communes – Gemeinplätze schließen sich an.“
In dieser, seiner ersten philosophischen Schrift definiert der junge Cicero die loci mit den Worten haec ergo argumenta quae transferri in multas causas possunt. Es handelt sich hierbei um allgemeine Aussagen, die pauschal auf verschiedene Fälle angewendet werden können, um den Aussagen des Redners mehr Nachdruck zu verleihen. Sie werden verwendet als Steigerung der res certae und der res dubiae. Dies geschieht durch Hervorrufen von indignatio und conquestio beim Auditorium. Zudem sind sie die einzigen Passagen in einer Rede, in denen stilistische Mittel eingesetzt werden sollen, die dort ihre volle Wirkung entfalten und mit denen Redner so seine Qualität unter Beweis stellen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung der antiken Rhetorik dar und führt in den Vergleich der loci communes in Ciceros „De Inventione“ und „Topica“ ein.
2. These: Es wird die zentrale Arbeitsthese aufgestellt, dass die Anwendung der loci communes in den beiden Werken aufgrund unterschiedlicher Intentionen nur bedingt vergleichbar ist.
3. Behandlung der loci in „De Inventione“: Dieses Kapitel erläutert die Einbindung der Allgemeinplätze in die Status-Lehre und deren praktische Verwendung zur emotionalen Verstärkung in Gerichtsreden.
4. Behandlung der loci in den „Topica“: Hier wird die theoretisch-systematische Darstellung der loci als Methode zur Auffindung von Argumenten analysiert, die als eine Art Handbuch für den Adressaten dient.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Unterschiede in Stil, Systematik und Zielsetzung zusammen und begründet die mangelnde direkte Vergleichbarkeit der beiden Werke.
Schlüsselwörter
Cicero, Rhetorik, loci communes, Topica, De Inventione, Status-Lehre, Argumentation, Redekunst, Argumentauffindung, Gerichtsrede, Antike, lateinische Literatur, constitutio, Theorie, Praxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Marcus Tullius Cicero in seinen rhetorischen Schriften „De Inventione“ und „Topica“ das Konzept der loci communes (Allgemeinplätze) einsetzt und lehrt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die antike Rhetorik, die juristische Argumentation im alten Rom, die theoretische Systematik der Argumentfindung und die Entwicklung von Ciceros eigenem Schreibstil.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit die Verwendung und Darstellung der loci communes in Ciceros Frühwerk und Spätwerk vergleichbar sind oder wo ihre konzeptionellen Unterschiede liegen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer vergleichenden Textanalyse, bei der beide Werke hinsichtlich ihrer Struktur, ihrer terminologischen Tiefe und ihrer praktischen Anwendung untersucht werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Einbettung der loci in die Status-Lehre in „De Inventione“ und anschließend die theoretisch-abstraktive Herangehensweise in den „Topica“ detailliert analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselbegriffen zählen loci communes, constitutio, Status-Lehre, Argumentation, Cicero, Rhetorik und die fachsprachliche Differenzierung der antiken Redetheorie.
Warum ist das Werk „De Inventione“ stärker auf die Praxis ausgerichtet?
Da Cicero das Werk während seiner Ausbildung verfasste, war es stark an der praktischen Anwendung in Gerichtsprozessen orientiert, wobei die loci eher als Beispiele zur emotionalen Beeinflussung dienten.
Inwiefern unterscheiden sich die „Topica“ in ihrer Zielsetzung von „De Inventione“?
Die „Topica“ sind systematischer und abstrakter verfasst; sie dienen als Handbuch, um dem Adressaten Trebatius das eigenständige Auffinden von Argumenten durch klare Kategorisierung zu vermitteln.
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- Stephanie Krauss (Autor), 2009, Die Verwendung der loci communes in Ciceros Topica und De Inventione, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133120