Das in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstandene „Herbstlied“ gehört zum Reizvollsten, was die Lyrik unseres Zeitraums hervorgebracht hat und bildet ein Bruch mit dem konventionellen Charakter des Minnesangs des 13. Jahrhunderts. Dieses Werk ist Steinmar, dem wohl originellsten der Schweizer Minnesänger zuzuschreiben und eröffnet, gefolgt von 13 weiteren Liedern, das Steinmar-Korpus im Codex Manesse.
Im Vergleich zu den restlichen Werken, die die Minnetradition fortführen, hebt sich das „Herbstlied“ hervor durch Parodierung und Revolutionierung des Minnesangs. Es lassen sich mehrere Fremdeinflüsse erkennen. Bereits die erste Strophe des Liedes entpuppt sich als Parodie der konventionellen Minne, denn das lyrische Ich wendet sich von der Liebe und der umworbenen Dame ab und widmet sich der Völlerei in all ihren Fassetten zu. Es folgt eine Personifizierung des Herbstes, mit dem der Sänger einen Pakt eingeht, der ihm eine regelrechte Fress- und Sauforgie, als Linderung seiner Sorgen verspricht, im Gegenzug zu seiner Unterstützung in dem Kampf gegen den Mai.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Aufbau der Hausarbeit
1.2 Werk
1.3 Forschungsabriss
2 Hauptteil
2.1 Innere Kommunikationsebene
2.1.1 Das minnesangtypische Publikum
2.1.2 Die Personifikation des Herbstes als Motiv der Jahreszeiten
2.1.3 Der Wirt als Diener der Völlerei
2.1.4 Natur- und Essenzmotive
2.2 Forschungsgeschichte und literarische Traditionen
2.2.1 Parodie
2.2.2 Minnesangstradition
2.2.3 Mittellateinische Literatur und Vagantendichtung
2.2.4 Volkstümliche Dichtung
3 Schlussteil
4 Bibliografie
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das „Herbstlied“ von Steinmar und analysiert, inwiefern der Autor durch die Darstellung von Völlerei und der Parodie des klassischen Minnesangs mit den traditionellen Gattungskonventionen des 13. Jahrhunderts bricht.
- Analyse der parodistischen Elemente in Steinmars „Herbstlied“.
- Untersuchung der Kommunikationsebenen zwischen Lyrischem Ich, Herbst, Wirt und Publikum.
- Einordnung des Werkes in den literarhistorischen Kontext des 13. Jahrhunderts.
- Betrachtung von Natur- und Essenzmotiven als Gegenentwürfe zur höfischen Minne.
- Erforschung fremdsprachiger und volkstümlicher Einflüsse, wie der Vagantendichtung.
Auszug aus dem Buch
2.1.3 Der Wirt als Diener der Völlerei
Als dritter Adressat des Lyrischen Ichs fungiert der wirt, welcher ab der dritten bis zur letzten Strophe des Liedes in der direkten Rede angesprochen wird. Dabei zu beachten ist, dass die direkte Rede als „Lied im Lied [...] konzipiert [ist] [...] und damit einen Typus auf[greift], wie er in den Trink- und Spielerliedern [...] häufig Verwendung findet“. Die erwähnten Strophen widmet der Sänger dem Gastgeber und fordert ihn dazu auf, ihm und seinen Mitstreitern mit vil und kostbaren Speisen und Wein im Überfluss zu versorgen.
Es folgt eine Aufzählung von exotischen Speisen, wie mê danne zehen hande [vische], pfawen und wîn von welschem lande und eine Katalogisierung der enormen Fülle der Essenssorten: Gense, hüener, vogel, swîn, dermel. Am Ende der dritten Strophe überträgt das Lyrische Ich dem wirt sogar die Rolle des Heilers, denn das von ihm servierte Wein lindert Seelenleid und kann das herze trœsten. Daraufhin folgt eine Intensität grotesker Bilder, die an Obszönität und Exzess grenzt, denn das Lyrische Ich verlangt in der vierten Strophe immer mehr von seinem Gastgeber mit den Worten: erstumme ich von des wînes kraft, [...] so giuz in mich, wirt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Themas und Erläuterung der Fragestellung zur Bruchhaftigkeit Steinmars „Herbstlied“ gegenüber den Gattungskonventionen des Minnesangs.
2 Hauptteil: Detaillierte Untersuchung der Kommunikationsebenen sowie der Einflüsse der Forschungsgeschichte und literarischer Traditionen wie der Parodie.
3 Schlussteil: Synthese der Forschungsergebnisse, die Steinmars „Herbstlied“ als komplexes Gefüge unterschiedlicher Traditionen und als innovative Erweiterung der Minnesang-Tradition verortet.
4 Bibliografie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur wissenschaftlichen Fundierung der Arbeit.
Schlüsselwörter
Steinmar, Herbstlied, Minnesang, Parodie, Völlerei, Gattungskonventionen, Codex Manesse, Gegensang, Vagantendichtung, Taverne, Literaturgeschichte, 13. Jahrhundert, Rollenlyrik, Naturmotive, Essenzmotive.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt Steinmars „Herbstlied“ und dessen Rolle als parodistisches Werk innerhalb der mittelhochdeutschen Lyrik des 13. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Parodie des klassischen Minnesangs, die Darstellung exzessiver Völlerei und die Personifikation des Herbstes als neue Bezugsinstanz.
Welches Ziel verfolgt die Untersuchung?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu klären, wie Steinmar mit traditionellen Gattungsregeln bricht und welche Motive ihn dazu bewegen, vom klassischen Minnekonzept abzuwenden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung der Forschungsliteratur sowie eine vergleichende Untersuchung literarhistorischer Traditionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung innerer Kommunikationsebenen (Publikum, Herbst, Wirt) und eine detaillierte Analyse forschungsgeschichtlicher Einflüsse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Steinmar und seinem „Herbstlied“ vor allem Parodie, Gegensang, Minnesang, Völlerei sowie die Einflüsse der Vagantendichtung.
Wie unterscheidet sich Steinmars „Herbstlied“ vom klassischen Minnesang?
Während der Minnesang Leid durch unerwiderte Liebe thematisiert, ersetzt Steinmar das Streben nach der Minne durch das Bedürfnis nach leiblichem Genuss und Trunkenheit.
Welche Bedeutung kommt dem Herbst in Steinmars Werk zu?
Der Herbst fungiert hier nicht als jahreszeitliche Kulisse des Leids, sondern als eine Art neuer „Herr“ oder Paktpartner, der dem Lyrischen Ich die Linderung von Seelenschmerz durch Speis und Trank verspricht.
- Arbeit zitieren
- Mirela Damyanova (Autor:in), 2021, Inwiefern bricht Steinmars "Herbstlied" mit den traditionellen Gattungskonventionen des 13. Jahrhunderts und parodiert den klassischen Minnesang?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1334191