Über einen langen Zeitraum der Menschheit galt eine strikte Trennung von Himmel und Erde. Es war dem Menschen verboten, nach den Sternen zu trachten. Der Himmel und die Sterne standen für Dinge, welche sich dem menschlichen Verständnis entziehen. Sie waren lange Zeit Sinnbild für das Übernatürliche, für Götter. Ob Ikarus, der zur Sonne fliegen wollte und auf dem Weg verbrannte oder Luzifer, der als Zeichen seiner Verbannung als brennender Stern zur Erde stürzte: Beide Figuren stehen mit dem übermenschlichen Reich der Sterne und des Himmels in Verbindung.
In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse am Weltall und besonders an Weltraumreisen erneut gewachsen. Unternehmer und Visionäre wie Jeff Besos und Elon Musk haben Millionen Dollar in private Raumfahrtunternehmen investiert.
Nach der doch eher beachtlichen Pause zwischen der ersten Mondlandung und den Gründungen von „Blue Origin“ und „SpaceX“ stellt sich die Frage, was den Menschen immer wieder dazu führt, zu den Sternen zu reisen. Hat die moderne Weltraumfahrt in Form von Infrastruktur Auswirkungen auf die Anthropologie des Menschen?
Um dieser Frage nachgehen zu können, bedarf es zunächst einer Klärung der Begrifflichkeiten Anthropologie sowie Infrastruktur. Darüber hinaus muss aufgezeigt werden, welchen Stellenwert diese Begriffe in der Moderne haben und in welcher Beziehung sie zueinanderstehen. Um dem nachzugehen, steht die Anthropologie Plessners im Vordergrund, welcher den Menschen klar von anderen belebten Organismen abgrenzt und erklärt, warum er dafür prädestiniert ist, das Weltall zu bereisen.
Dafür wird erörtert, warum der Mensch ein künstliches Lebewesen ist und wie sich diese Eigenheit auf seine Natur auswirkt. Darüber hinaus werden zwei Zukunftsvisionen der Raumfahrt erläutert, um Alternativen zur klassischen Raumfahrt aufzuzeigen und die Verknüpfung zur Infrastruktur darzustellen. Hierfür wird zum einen das Konzept des Weltraumlifts, zum anderen das des Space Tethers dargestellt. Abschließend wird aufgezeigt, welche neuen Möglichkeiten die weiterentwickelte Raumfahrt bietet und was das für den Menschen bedeutet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Anthropologie
2.1. Geschichte der Anthropologie
2.2. Anthropologie in der Moderne
3. Infrastruktur und Anthropologie
3.1. Infrastruktur
3.2. Infrastruktur und der Mensch
3.3. Weltraumfahrt und Infrastruktur
3.3.1. Ursprung der Weltraumfahrt
3.3.2. Infrastrukturen im Weltall
4. Zukunftsmusik
4.1. Weltraumlift
4.2. Space Tether
5. Weltraumfahrt und Anthropologie
6. Zusammenfassung mit Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern die moderne Weltraumfahrt, insbesondere durch infrastrukturelle Entwicklungen, die menschliche Anthropologie beeinflusst und verändert. Dabei wird analysiert, wie der Mensch als „künstliches Wesen“ durch die Schaffung infrastruktureller Systeme seine eigene Natur erweitert und damit in lebensfeindliche Sphären vordringt.
- Anthropologische Begriffsbestimmung (Wandel von der Natur zur Kultur)
- Wechselwirkung zwischen technologischer Infrastruktur und menschlicher Existenz
- Bedeutung der Weltraumfahrt als Fortsetzung menschlicher Domestizierungsbestrebungen
- Technologische Zukunftsvisionen (Weltraumlift und Space Tether)
- Transformation des menschlichen Weltbildes durch die Expansion in den Weltraum
Auszug aus dem Buch
3.2. Infrastruktur und der Mensch
Würde man den Menschen in seine Natur setzen wollen, so würde dies die Frage aufwerfen, wo seine Natur zu verorten ist. Wo liegt die menschliche Natur? Würde man den Menschen in einen Urwald setzen, so befände er sich zwar in der Natur, keinesfalls aber in seiner Natur. Der Mensch ist in einer „zweiten Natur“ verorten, welche neben der eigentlichen Natur existiert und vom Menschen selbst geschaffen wurde. Die erste Natur lässt sich nur noch in Naturschutzgebieten und Naturparks wiederfinden (vgl. van Laak, 2001, S. 371). Das Mangelwesen Mensch hat seine ehemalige Umwelt abstrahiert und sie den eigenen Bedürfnissen angepasst, um so mehr Handlungsspielraum zu gewinnen. Infrastrukturen sind die Verkörperung dieser Anpassung, in denen sich der Mensch nicht nur von der Natur entfremdet, sondern sich zusätzlich von seinen eigenen konstruierten Systemen abhängig gemacht hat (vgl. ebd.).
Wolfgang Eßbach bezeichnet dies als „bioartifizielle Symbiose“ und kritisiert damit die zunehmende Abhängigkeit des modernen Menschen von der zweiten Natur, wobei die Artefakte der zweiten Natur immer mehr Grund, als Mittel des menschlichen Lebens werden (vgl. Eßbach, 2011, S.73). Nach Eßbach werden Infrastrukturen also immer mehr lebensnotwendig als lebenserleichternd. Der Mensch benutze die Infrastrukturen nicht, um seinen Wirkbereich zu erweitern, sondern müsse die Infrastrukturen nutzen, da ein Leben ohne nicht möglich wäre. Betrachtet man aber den Begriff der Symbiose, so steckt in diesem Terminus noch mehr, als Eßbach selbst erläutert. Bei einer Symbiose handelt es sich um eine gegenseitige Abhängigkeit, von denen beide Parteien profitieren (vgl. Brechner et.al, 2001). Somit müsste der Mensch gleichermaßen von seiner konstruierten Natur abhängig sein, wie diese Natur vom Menschen: Der Mensch ist gezwungen seine eigene Natur am Leben zu erhalten, um seinen eigenen Fortbestand zu sichern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur Problematik des menschlichen Drangs zum Weltraum und Darstellung der Forschungsfrage zur anthropologischen Auswirkung von raumfahrtbezogener Infrastruktur.
2. Anthropologie: Historische Entwicklung und moderne Definitionen der Anthropologie, insbesondere unter Einbezug von Plessner und Scheler als Grundlage für das Verständnis des Menschen als „künstliches Wesen“.
3. Infrastruktur und Anthropologie: Analyse des Infrastrukturbegriffs sowie dessen Verknüpfung mit menschlicher Existenz und der Domestizierung der Natur, ergänzt durch spezifische Aspekte der Weltraumfahrt.
4. Zukunftsmusik: Vorstellung technologischer Konzepte wie Weltraumlift und Space Tether als notwendige infrastrukturelle Innovationen für die zukünftige Exploration des Alls.
5. Weltraumfahrt und Anthropologie: Diskussion der Auswirkungen der Weltraumexpansion auf das menschliche Selbstverständnis und die mögliche Neudefinition des Lebensraums „Erde“ im Lichte der interplanetaren Perspektive.
6. Zusammenfassung mit Ausblick: Fazit der gewonnenen Erkenntnisse und Ausblick auf zukünftige anthropologische Fragestellungen, die durch die Entwicklung zur interplanetaren Spezies entstehen.
Schlüsselwörter
Weltraumfahrt, Anthropologie, Infrastruktur, Plessner, zweite Natur, bioartifizielle Symbiose, Weltraumlift, Space Tether, Domestizierung, Weltraumpolitik, interplanetare Spezies, Menschsein, Technikphilosophie, Fortschritt, Mondbesiedlung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen dem menschlichen Bedürfnis nach Expansion in den Weltraum und der Rolle, die technologische Infrastrukturen dabei spielen, insbesondere unter anthropologischen Gesichtspunkten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind Anthropologie, moderne Infrastrukturtheorie, die Raumfahrtgeschichte sowie technologische Zukunftsvisionen zur Mars- und Mondbesiedlung.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist herauszufinden, ob die moderne Raumfahrtinfrastruktur tatsächlich Auswirkungen auf die Anthropologie des Menschen hat und wie der Mensch durch seine „zweite Natur“ in lebensfeindliche Zonen expandiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse, bei der soziologische und anthropologische Konzepte auf die Raumfahrt angewendet werden.
Was ist der Kerninhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil erörtert die Definition des Menschen nach Plessner, die bioartifizielle Abhängigkeit von Infrastrukturen sowie die Konzepte von Weltraumlift und Space Tether als Instrumente der menschlichen Weltraumerweiterung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Text am besten charakterisieren?
Die Arbeit charakterisiert sich durch Begriffe wie Anthropologie, Weltraumfahrt, Infrastruktur, zweite Natur und interplanetare Expansion.
Warum wird Infrastruktur im Weltraum als „nicht existent“ diskutiert?
Nach der Definition von van Laak fehlt es im Weltraum (außerhalb der ISS) noch an einer im Alltag breit genutzten Einrichtung, die für eine Mehrzahl von Menschen eine Infrastruktur im klassischen Sinne darstellt.
Wie unterscheidet sich der Space Tether vom klassischen Weltraumlift?
Während ein Weltraumlift fest mit der Erde verbunden sein muss, ist ein Space Tether ein mobiles bzw. rotierendes System, das nicht zwingend eine Bodenverankerung benötigt, sondern als Ankerpunkt für Weltraumflüge fungiert.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2020, Auswirkungen der infrastrukturellen Weltraumfahrt auf die Anthropologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1334293