Alle Tiere – und auch der Mensch – müssen essen und trinken, um zu überleben, und einen großen Teil ihres Verhaltens darauf richten, Nahrung und Flüssigkeit zu beschaffen und zu sich zu nehmen. Daher sind Essen und Trinken die mit Abstand häufigsten Verhaltensweisen des Menschen, aber zugleich auch die selbstverständlichsten, so dass über Ursachen und Hintergründe in der Regel kaum nachgedacht wird. Dennoch hat sich ihr Sinn nie darin erschöpft, den kreatürlichen Hunger zu stillen. Neben dem Lustgewinn, den Speis und Trank dem Menschen schon immer bereitet haben, stellen sie zugleich eine Quelle der Kommunikation dar, vermitteln ein Gefühl von Heimat, dienen der Machtdemonstration oder der Versöhnung etc.
Weil die Ernährung solch fundamentale Bedeutung hat, spielt sie seit jeher eine leiblich-geistige Doppelrolle im Leben des Menschen. Sein Nahrungsverhalten kann nur im Schnittpunkt zwischen 'Natur' und 'Kultur' bzw. 'Ernährung' und 'Essen' gedacht werden, und seine Essgewohnheiten sind als Elemente der Primärsozialisation und Enkulturation eng mit unserem angestammten Kommunikationssystem verbunden. Wer vom Essen spricht, spricht in der Tat zugleich von Aspekten der Kultur.
Im Rahmen dieser Arbeit wird die soziale Funktion des Essens herausgegriffen und eine Möglichkeit ihrer literarischen Konzeptualisierung und Inszenierung an einem ausgewählten Einzelwerk analysiert, namentlich dem "Revizor" von Nikolaj Gogol'. Dem Thema 'Essen' begegnet man darüber hinaus in mehreren Einzelwerken des Autors. Der Revizor bietet sich allerdings für eine solche Arbeit besonders an, da in diesem Stück so häufig und kontinuierlich Referenzen auf das Essen vorkommen wie in keinem anderen Stück Gogol's.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. DER SOZIALE ASPEKT DES ESSENS
III. ČIN – HIERARCHISCHE STRUKTUREN BEI GOGOL'
III.1. allgemeine Voraussetzungen
III.2. Rang in Russland
III.3. Rang bei Gogol'
IV. ESSVERHALTEN UND THEMATISIERUNG VON ESSEN IM REVIZOR - EIN SOZIALER PARAMETER
IV.1. Ein vorbereitendes Moment
IV.2. Ein lokaler Dreh- und Angelpunkt
IV.3. Ein hierarchisches System des Essens
IV.3.1. Pejorativ-Bereich
IV.3.2. Neutraler Bereich
IV.3.3. Ameliorativ-Bereich
IV.3.4. Hyperbolischer Ameliorativ-Bereich
IV.4. Resümee
V. CONCLUSIO
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die soziale Funktion des Essens in Nikolaj Gogols Theaterstück "Revizor". Dabei wird analysiert, wie Essverhalten und kulinarische Referenzen im literarischen Kontext genutzt werden, um hierarchische Strukturen und soziale Distinktion abzubilden, und inwiefern Essen als ein "sozialer Parameter" fungiert, der das Bewusstsein der Charaktere und die Machtgefüge der Epoche widerspiegelt.
- Die Verknüpfung von Ernährungsweisen mit soziokulturellen Hierarchien.
- Die Bedeutung von Rangdenken im Russland der Ära Nikolaus I.
- Die Inszenierung von Essen als Mittel zur sozialen Manipulation und Selbstdarstellung im "Revizor".
- Die Analyse der verschiedenen "Essensbereiche" (Pejorativ, Neutral, Ameliorativ).
- Die Untersuchung der Ambivalenz des Hauptcharakters Chlestakov durch sein Essverhalten.
Auszug aus dem Buch
IV.3.1. Pejorativ-Bereich
Der unterste Bereich ist der Pejorativ-Bereich. Ihm werden Figuren geringen sozialen Standes und niederer Charakterzüge bzw. umgekehrt diese den Figuren zugewiesen. Auf der untersten Stufe steht hier Essen als Drohung oder sogar Bestrafung, „[...] a vot ty u menja [...] poeš' seledki!“108, womit der gorodniij die Kaufleute einschüchtert und ihre Machtlosigkeit ihm gegenüber demonstriert. Denn wenn er bestimmen kann, was sie essen, heißt dies, dass sie ihm (beinah) hilflos ausgeliefert sind. Haben sie es vermutlich auch zu mehr Wohlstand gebracht (s.u.) als der gorodniij selbst, so steht dieser aufgrund seines Dienstrangs hierarchisch doch über ihnen und kann sie gegebenenfalls mittels einfachen, billigen oder schlechten Essens auf ihre eigentliche Größe bzw. Position im Hierarchiegefüge zurechtstutzen, nach dem Motto: Auch wenn sie es sich finanziell leisten könn(t)en Zwergmaräne, kleine Stinte oder frische Lachs zu verzehren, sozial gesehen sind sie für ihn nur Heringe.
Stellt sich der gorodniij auf diese Weise über die Kaufleute, so diskreditiert er sich selbst gleichermaßen im Verhalten ihnen gegenüber, da er offenbart, wie schamlos und über alle Maßen er sein Amt für egoistische Belange missbraucht, und was für ein niederer Charakter er in Wirklichkeit ist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Führt in die Bedeutung des Essens als kulturelles und soziales Totalphänomen ein und begründet die Wahl des "Revizor" als Untersuchungsobjekt.
II. DER SOZIALE ASPEKT DES ESSENS: Erläutert die Rolle des Essens in der Menschheitsgeschichte und dessen Funktion bei der Ausbildung sozialer Hierarchien und Schichtungsmodelle.
III. ČIN – HIERARCHISCHE STRUKTUREN BEI GOGOL': Analysiert das Rangwesen im imperialen Russland und dessen zentrale Bedeutung für das Verständnis von Gogols Werken und Beamtendarstellungen.
IV. ESSVERHALTEN UND THEMATISIERUNG VON ESSEN IM REVIZOR - EIN SOZIALER PARAMETER: Untersucht systematisch die Verknüpfung von Speisen und Esssituationen mit sozialem Status, Machtausübung und Charakterisierung im Stück.
V. CONCLUSIO: Fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über das komplexe Zusammenspiel von Humor, Satire und sozialer Kritik in Gogols Werk durch das Prisma der Ernährung.
Schlüsselwörter
Nikolaj Gogol, Revizor, Esskultur, soziale Hierarchie, Rangdenken, soziale Funktion des Essens, Literaturwissenschaft, russische Beamtenliteratur, Kulinarik als Distinktionsmerkmal, Soziologie des Essens, Machtstrukturen, Status und Prestige, Pošlost', Inszenierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziale Bedeutung des Essens und der Ernährungsweisen in Gogols Komödie "Revizor" als Ausdruck gesellschaftlicher Machtstrukturen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind soziale Hierarchien, das bürokratische Rangwesen (Čin), Machtausübung durch Speisen und die Repräsentation von gesellschaftlichem Status.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gogol durch die detaillierte Darstellung von Essen soziale Ab- und Aufwertungen inszeniert und so ein Gesellschaftsbild der Epoche zeichnet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein kulturwissenschaftlicher und literaturwissenschaftlicher Ansatz gewählt, der Elemente der Soziologie des Essens mit der Analyse literarischer Motive verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert das "System des Essens" bei Gogol in vier hierarchische Bereiche (Pejorativ, Neutral, Ameliorativ, Hyperbolischer Ameliorativ) und analysiert diese anhand der Charaktere.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Hierarchie, Rangdenken, soziales Totalphänomen, Distinktion, Machtmissbrauch und symbolische Kommunikation durch Nahrung.
Wie nutzt der gorodniij Essen als Instrument seiner Macht?
Er nutzt Essen und Bewirtung zur Manipulation, Bestechung oder Einschüchterung, um seine eigene prekäre berufliche Position zu sichern und Informationen zu gewinnen.
Welche Bedeutung hat der Gasthof als Handlungsort?
Der Gasthof fungiert als zentraler Dreh- und Angelpunkt für die soziale Interaktion und die Verwechslungsintrige, da er den Ort darstellt, an dem der Status der Gäste kulinarisch "verhandelt" wird.
Warum ist Chlestakovs Einstellung zum Essen widersprüchlich?
Sein Essverhalten schwankt zwischen Hunger aus existenzieller Not und dem Wunsch, durch die Inszenierung "hoher" Speisen einen nicht vorhandenen gesellschaftlichen Status vorzutäuschen.
Was bedeutet der Begriff "Pejorativ-Bereich" in der Analyse?
Dieser Bereich umfasst Speisen oder Essweisen, die soziale Niedrigkeit, Bestrafung oder einen Mangel an menschlicher Achtung durch die Mächtigen gegenüber den Untergebenen signalisieren.
- Citation du texte
- Jens Jahnke (Auteur), 2005, Essen als sozialer Parameter in Nikolaj Gogol's 'Revizor', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133460