Idealisierende Elemente in Gewanddeskriptionen der mittelalterlichen Artusepik


Hausarbeit, 2003
13 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konstrukthaft idealisierte Darstellungen höfischer Kultur und Ethik durch Gewanddeskriptionen bei Hartmann von Aues ‚Erec’ und ‚Iwein’
2.1 Inkongruenzen von Kleid, Körper und Charakter
2.2 Kongruenzen von Kleid, Körper und Charakter
2.3 Iweins Krise und sein Erwachen

3. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1.Einleitung:

„Und als die Leute an diesem Ort ihn erkannten, schickten sie Botschaft ringsrum in das ganze Land und brachten alle Kranken zu ihm und baten ihn, daß sie nur den Saum seines Gewandes berühren dürften. Und alle, die ihn berührten wurden gesund.“[1] (Mt 14.35f.)

Schon seit jeher wurden Gewandbeschreibungen, nicht nur in der epischen Dichtung, sondern auch in christlichen Texten stark konstruiert und idealisiert, wie dieser Bibelauszug aus dem Matthäus-Evangelium beweist. Entsprechende Idealisierungen, Kongruenz bzw. Inkongruenz von Kleid-Körper-Charakter, positive bzw. negative Konnotationen hinsichtlich Kleider-beschreibungen sind ein wesentlicher Teil besonders der mittelalterlicher Kleidersymbolik.

Die Ursprünge für die idealisierenden Elemente in der mittelalterlichen Dichtung und explizit den Artusromanen ‚Iwein’ und ‚Erec’ Hartmann von Aues, die in dieser Arbeit untersucht werden, sind in der Bibel zu finden. Raudszus merkt hierzu an: „.. läßt sich konstatieren, daß die mittelalterliche Kleidersymbolik auf der Bibelexegese basiert, ja ohne sie überhaupt nicht denkbar wäre.“[2]

Selbst in der heutigen Gesellschaft ist noch ein hoher vestimentärer Symbolcharakter virulent. Die moderne Mode- und Werbewelt trägt ebenso wie im Mittelalter die epische Dichtung ihren Teil zur Idealisierung der Kleidung bei, indem sie in ihr mehr sieht, als Schutz vor Nässe, Kälte und Witterung. Kleidung stellte und stellt einen Prestigewert dar, der von den Anfängen der Gewandbeschreibungen in der griechischen Antike, bis in die Zeitgenössische Medienlandschaft als präsent postuliert. König fasst passend zusammen: „Die Mode ist in der Tat eine verkannte Weltmacht.“[3]

Es gibt ein rigides Muster, das von mittelalterlichen Autoren angewandt wurde, um dem Leser die Zeichenfunktionen von Gewandbeschreibungen näher zu bringen. Der Rezipient kann durch diese festgelegten Eigenschaften, die im Abschnitt 2 eingehender erläutert werden z.B. von äußeren Merkmalen der Kleidung auf die seelische Situation des/der Kleidungsträgers/-in schließen. Bei diesen Betrachtungen spielt unter anderem der Zeichencharakter der Farben eine wichtige Rolle. Farben verweisen, ebenso wie Schnitt und Material des Gewandes stark auf die emotionale und soziale Befindlichkeit des/der Kleidungsträgers/-in. Diese/dieser identifiziert sich in der mittelalterlichen Epik mit dem von ihr/ihm getragenen Kleidungsstückes völlig und projiziert durch dieses das Gefühlsleben des Helden offensichtlich für den Leser nach außen. Diese drei angesprochenen Komponenten, Farben, Schnitt und Material liefern neben der allgemeinen Schönheit und Kostbarkeit die stärkste spezifische Evidenz für den sozialen Status und den Seelenzustand der/des Protagonistin/Protagonisten.

Auf all diese, von der Forschung leider viel zu wenig beachteten Aspekte hinsichtlich der idealisierenden Symbolfunktion von Kleidung in den Artusromanen Hartmann von Aues soll in dieser Arbeit eingegangen werden und anhand von Textstellen aus den beiden Romanen exemplarisch untersucht werden.

2. Konstrukthaft idealisierte Darstellungen höfischer Kultur und Ethik durch Gewand- deskriptionen bei Hartmann von Aues ‚Erec’ und ‚Iwein’

Allgemein ist zu sagen, dass im ‚Erec’ sehr viel mehr und ausführlichere Textpassagen zu Gewandschilderungen der fiktiven Akteure zu finden sind, als im ‚Iwein’, wo Kleiderdeskriptionen nur noch rudimentär vorhanden sind und meist in wenigen Versen abgehandelt werden. Nicht eingegangen wird im Folgenden auf die extensiven Pferdeschilderungen im früheren Werk.

Wie bereits in der Einleitung angedeutet, gab es in der höfischen Dichtung des Mittelalters bestimmte literarische Mittel, wie die Idealisierung und Utopisierung der höfischen Kultur und Ethik, die die Autoren in ihren Werken anwandten, um beim Leser bestimmte, von ihnen gewünschte Assoziationen hervorzurufen. Besonders augenscheinlich zu beobachten ist dies bei Textstellen, die auf die Garderobe referieren. Wie andere mittelalterliche Autoren griff auch Hartmann von Aue, zu Mitteln der kongruenten bzw. inkongruenten Verknüpfung von Kleid, Körper, Charakter und sozialem Stand, wobei in diesem Zusammenhang die Begriffe des positiven und negativen Kleides eine Rolle spielen. Und auch die Bedeutung der typischen Farbsymboliken der Kleidung, die im ‚Erec’ und im ‚Iwein’ vorhanden sind werden im Folgenden untersucht.

2.1 Inkongruenzen von Kleid Körper und Charakter

Im ‚Erec’ und ‚Iwein’ werden die weiblichen Protagonisten Enite und Laudine dem Helden sowie dem Leser jeweils im zerrissenen, negativ konnotierten Kleid vorgestellt. Enite aufgrund ihrer Armut und Laudine da sie sich im Klagestatus das Gewand zerfetzt hat.[4] In beiden Textpassagen herrscht eine Inkongruenz von Kleid, Körper und Charakter.

In den Versen 325-328 von Hartmanns ‚Erec’ wird Enites Kleid als schmutzig, stark verschlissen und schäbig beschrieben:

gezerret begarwe,

abhære über al

dar under was ich hemde sal

und ouch zebrochen eteswâ:[5]

Konträr hierzu werden aber in derselben Textpassage der Körper und die Gestalt, die durch die Kleidung zu sehen sind des Mädchens als anmutig, schön, ja sogar vollkommen dargestellt:

der megede lip was lobelich,

man saget daz nie kint gewan

einen lip sô gar dem wunsche gelich:

ich wæne got sînen vlîz

an si hâte geleit

von schœne und von sækeleit.[6]

„Die Beschreibung überrascht insofern, als sich darin geistiger Adel, körperliche Schönheit und die Qualität der Kleidung nicht decken.“[7] Im Mittelalter zeugte weiße Haut von innerer Reinheit, adliger Herkunft bzw. Rang und seelischen Tugenden. Solch eine, vom Autor absolut idealisierte allegorisch beschriebene weiße Haut (wiz alsam ein swan; Vers 330[8] ) scheint durch das abgetragene Kleid hindurch und betört den Ritter. Eine Übereinstimmung der äußerlichen Erscheinung der Kleidträgerin mit ihrem derzeitigen sozialen Status ist zwar gegeben, nicht jedoch eine Konkordanz von Gewandung und Charakterschilderung.

Etwas anders verhält sich die erste Kleiderdeskription der weiblichen Heldin im ‚Iwein’. Zwar sieht Iwein seine zukünftige Braut, ebenso wie Erec, zu Beginn in einem zerrissenen Gewand und kann sich durch dieses ihren Körper abzeichnen sehen: (Vers 1331f.)

swâ ir der lîp blôzer schein,

da ersach sî der her îwein:[9]

Anders verhält es sich jedoch mit dem momentanen Lebensstandart und auf welche Weise die Frauen in den Besitz jener zerrissenen Kleidung gelangt sind. Bei Enite sind wie schon gesagt die Armut und die sozial minderwertige Stellung begründend, Laudine hingegen hat ihr Kleid in der Trauer um ihren erschlagenen Ehemann selbst zerfetzt. Das zerrissene Kleidungsstück versinnbildlicht ihren Kummer.[10] Laudine tritt atypisch bekleidet zu ihrer sozialen Stellung auf. Ihre Garderobe geht einher mit ihrem derzeitigen emotionalen Seelenzustand, jedoch nicht mit ihrem gehobenen gesellschaftlichen Status. Eine Parallele zu ziehen gilt es hinsichtlich des erotischen Moments beider Textstellen. Der literarische Topos des reizvoll werbenden Aspekts einer glorifiziert reine weiße Haut und eines wohlgestalteten Körpers, die durch das Gewand hindurchschimmern, ist hier beides Mal von Hartmann einbezogen worden.[11] In beiden Textstellen sind inkongruente Verhältnisse von Kleid, Körper und Charakter zu finden, die jedoch unterschiedlich begründet werden. Als jeweils die beiden Helden ihren zukünftigen Frauen zum ersten Mal begegnen, ist festzustellen, dass beide Male ein idealisierter Körper durch das zerfetzte Gewand hindurch scheint, der die vollendete Frau darstellt. Diese ist rein, edel, gut und tugendhaft, was ja sowohl auf Enite als auch auf Laudine zutrifft. Beide Protagonisten geben dem Leser zu verstehen, dass eine Dame wegen ihres Körpers und ihrer Sittsamkeiten und nicht wegen ihrer Kleidung zu achten, loben und schätzen ist.[12]

[...]


[1] Die Bibel; Lutherbibel Standardausgabe, Deutsche Bibelgesellschaft. Stuttgart 1985.

[2] Raudszus, Gabriele.: Die Zeichensprache der Kleidung. Untersuchungen zur Symbolik des Gewandes in der

deutschen Epik des Mittelalters (Ordo. Studien zur Literatur und Gesellschaft des Mittelalters und der frühen

Neuzeit, Bd.1). Hildesheim/Zürich/New York 1985, S.231.

[3] König, Rene: Macht und Reiz der Mode, Verständnisvolle Betrachtungen eines Soziologen. Düsseldorf 1971,

S.39.

[4] vgl. Raudszus, S.89.

[5] zitiert nach folgender Ausgabe: Hartmann von Aue: Erec. Hrsg. von Albert Leitzmann, fortgeführt von Ludwig

Wolff, 6.Auflage besorgt von Christoph Cormeau und Kurt Gärtner (ATB 39) Tübingen 1985.

[6] Hartmann von Aue: Erec.

[7] Raudszus, S.81.

[8] Hartmann von Aue: Erec.

[9] zitiert nach folgender Ausgabe: Iwein. Hrsg. von G.F. Beneke und K.Lachmann. Neu bearbeitet von Ludwig

Wolff, Berlin 1968. 3. Auflage. Walter de Gruyter Berlin; 1981

[10] vgl. Raudszus, S.90.

[11] vgl. Raudszus, S. 196f.

[12] vgl. ebd. S.82

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Idealisierende Elemente in Gewanddeskriptionen der mittelalterlichen Artusepik
Hochschule
Universität Konstanz  (Germanistik)
Veranstaltung
Die Narratologie des Artusromans
Note
2,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V13349
ISBN (eBook)
9783638190299
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Explizit untersucht in Hartmann von Aues Artusromanen 'Erec' und 'Iwein'.
Schlagworte
Idealisierende, Elemente, Gewanddeskriptionen, Artusepik, Narratologie, Artusromans
Arbeit zitieren
Marco Kerlein (Autor), 2003, Idealisierende Elemente in Gewanddeskriptionen der mittelalterlichen Artusepik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13349

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