Es mag kontrovers klingen, aber Rassismus ist auch in der Sozialen Arbeit zu finden. Auch sie ist in rassistische Machtverhältnisse eingebunden und reproduziert diese. Das professionelle Handeln findet meist in Institutionen statt, die von dominanzgesellschaftlichen Logiken geprägt sind und damit von strukturellem Rassismus. Aus vereinzelten, nicht-thematisierten und unreflektierten Denk- und Handlungsmustern zum Thema Rassismus werden strukturelle und automatische rassistische Handlungen in der täglichen Praxis der Sozialarbeiter*innen angewandt. Meist ist es nicht beabsichtigt und regelrecht unbewusst, und genau das macht den Alltagsrassismus aus. Es ist essenziell, dass sich die Soziale Arbeit, egal in welchem Handlungsfeld, mit dem Thema Alltagsrassismus auseinandersetzt, um ein professionelles Handeln anzustreben. Aufgrund dieser Problematik und Relevanz der Thematik wird in der vorliegenden Arbeit folgender Fragestellung nachgegangen: Inwiefern zeigt sich institutioneller und struktureller Alltagsrassismus in Bereichen der Sozialen Arbeit?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Alltagsrassismus
2.1 Institutioneller Alltagsrassismus
2.2 Struktureller Alltagsrassismus
3. Im Kontext der Sozialen Arbeit
3.1 Institution - Jugendhilfe
3.2 Struktureller - Othering und Integration
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Präsenz von institutionellem und strukturellem Alltagsrassismus innerhalb der Sozialen Arbeit, um ein tieferes Verständnis für dessen Normalisierung in der täglichen Praxis zu entwickeln.
- Theoretische Fundierung des Begriffs Alltagsrassismus nach Melter und Essed
- Analyse institutioneller Ausgrenzungsformen in der Jugendhilfe
- Untersuchung von Othering-Prozessen und Integrationsdiskursen
- Reflexion der Rolle professioneller Sozialarbeiter*innen
Auszug aus dem Buch
3.1 Institution - Jugendhilfe
In der Arbeit mit Klient*innen zeigen sich die alltäglichen Geschehnisse von Rassismus. Das wurde in einer Studie zu Rassismuserfahrungen in der ambulanten Jugendhilfe gezeigt. Claus Melter hat 2006 eine Analyse der Handlungspraxen im Sinne der Kommunikation zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Pädagog*innen gemacht. (vgl. Melter 2009, S.107 f.) Aus den Ergebnissen lassen sich viele Erkenntnisse aus dem Verhältnis von Sozialarbeiter*innen und institutionellem Rassismus ziehen. Zum einen wird selten über Rassismuserfahrungen gesprochen, wodurch die Jugendlichen nicht ernst genommen werden. Dadurch, dass Sozialarbeiter*innen Rassismus oft mit physischer Gewalt und rechtsradikalen Übergriffen gleichsetzen, fällt es ihnen umso schwerer ihn im Alltag zu erkennen. Die Jugendlichen gehen aber nicht gerne von sich aus auf den Themenbereich ein, wenn sie nicht ausdrücklich danach gefragt werden, jedoch stellen die Pädagog*innen durch ihr mangelndes Verständnis von Rassismus wenige Fragen dazu.
In den Interviews wurde allerdings deutlich, dass die Jugendlichen ständige Rassismuserfahrungen haben, die den Alltag massiv prägen. Trotzdem sprechen sie ungern mit den Pädagog*innen darüber, aufgrund von Scham, Hilfslosigkeit und schlechten Erfahrungen, in denen die erzählten Erlebnisse von Pädagog*innen abgewehrt und verharmlost wurden. Wichtig zu bemerken ist, dass die Fachkräfte, wenn nur in Ausnahmefällen, aktiv diskriminieren. Der Punkt ist aber, dass sie Berichte der Klient*innen abwehren, diese Form von Alltagsrassismus nicht ernst nehmen und sich nicht damit auseinandersetzen. (vgl. Melter 2009, S.122 f.) Durch das Leugnen und Verharmlosen von Rassismus tragen auch Sozialarbeiter*innen dazu bei, dass die Lebensqualität von Betroffenen sinkt und diese weniger über das Problem reden. Somit bleibt es ein alltägliches Phänomen der Gesellschaft. Vor allem für Jugendliche ist das Sprechen über Rassismus essenziell, denn sonst kann sich für sie eine Realität entwickeln, in der Diskriminierung und psychische Gewalt als normal gilt. Als Institution der Sozialen Arbeit wird die Jugendhilfe der Unterstützung der jungen Menschen bei der Bewältigung dieser schwierigen Lebenssituation definitiv nicht gerecht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, dass rassistische Machtverhältnisse auch die Soziale Arbeit durchziehen, und definiert die zentrale Forschungsfrage zur Ausprägung von institutionellem und strukturellem Alltagsrassismus.
2. Alltagsrassismus: Dieses Kapitel erläutert den Begriff des Alltagsrassismus anhand bekannter Rassismustheorien und stellt ein Modell vor, das die verschiedenen Dimensionen und Ebenen der Diskriminierung aufzeigt.
2.1 Institutioneller Alltagsrassismus: Es wird die spezifische Form der institutionellen Diskriminierung definiert, die sich in Gesetzen, Regelungen und routinierten, unbewussten Handlungspraxen manifestiert.
2.2 Struktureller Alltagsrassismus: Hier liegt der Fokus auf den tief verwurzelten gesellschaftlichen Strukturen, die zu einer automatischen Benachteiligung bestimmter Gruppen im Bildungs- und Arbeitsmarkt führen.
3. Im Kontext der Sozialen Arbeit: Dieses Kapitel verknüpft die theoretischen Grundlagen mit der praktischen Anwendung innerhalb der sozialen Arbeit und beleuchtet die Mitverantwortung professioneller Akteure.
3.1 Institution - Jugendhilfe: Anhand von Studien wird aufgezeigt, wie fehlende rassismuskritische Kompetenz und die Verharmlosung von Rassismuserfahrungen die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen belasten.
3.2 Struktureller - Othering und Integration: Das Kapitel analysiert, wie durch Mechanismen des „Othering“ und ein problematisches Integrationsverständnis Ausgrenzung innerhalb der sozialen Praxis reproduziert wird.
4. Fazit: Die Arbeit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit für eine rassismuskritische Weiterentwicklung und Auseinandersetzung in allen Feldern der Sozialen Arbeit.
Schlüsselwörter
Alltagsrassismus, Soziale Arbeit, Institutioneller Rassismus, Struktureller Rassismus, Andere, Othering, Jugendhilfe, Diskriminierung, Migrationsgesellschaft, Rassismuskritik, Sozialpädagogik, Machtverhältnisse, Integration, pädagogische Praxis, Klient*innen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der verdeckten, alltäglichen Form von Rassismus, die innerhalb der Strukturen und Institutionen der Sozialen Arbeit existiert und oft unbewusst reproduziert wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die wesentlichen Schwerpunkte sind die Definition von institutionellem und strukturellem Alltagsrassismus, deren Wirken in der Jugendhilfe sowie die Konzepte von „Othering“ und „Integration“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie Alltagsrassismus in der Sozialen Arbeit funktioniert, diesen als solchen zu erkennen und die Notwendigkeit eines rassismuskritischen Handelns aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse vorliegender Literatur, die Einbeziehung rassismuskritischer Modelle (insbesondere von Claus Melter und Philomena Essed) sowie die Auswertung von Studien aus der Praxis.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Konzepte von institutionellem und strukturellem Rassismus theoretisch differenziert und anschließend auf konkrete Arbeitsfelder, wie die Jugendhilfe, angewendet.
Welche Schlagworte charakterisieren das Dokument?
Zentrale Begriffe sind Alltagsrassismus, Institutionelle Diskriminierung, Othering, Soziale Arbeit und Migrationsgesellschaft.
Welche Rolle spielt die Jugendhilfe in dieser Untersuchung?
Die Jugendhilfe dient als spezifisches Fallbeispiel, um zu demonstrieren, wie Fachkräfte durch das Leugnen von Rassismuserfahrungen der Klient*innen ungewollt zur Aufrechterhaltung diskriminierender Strukturen beitragen.
Warum wird der Begriff „Integration” kritisch hinterfragt?
Der Autor argumentiert, dass der Integrationsbegriff oft eine „Nicht-Zugehörigkeit“ impliziert, eine homogene Gruppe von „Anderen“ konstruiert und damit ausgrenzend wirkt.
- Arbeit zitieren
- Kristin Bohla (Autor:in), 2021, Institutioneller und Struktureller Alltagsrassismus in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1334948