Ähnlich wie Kant in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, versucht auch Aristoteles in dem ersten Buch der Nikomachischen Ethik das höchste und beste Gut des Menschen zu bestimmen. Anders als bei Kant, der dieses höchste Gut im menschlichen Willen verortet, findet Aristoteles jenes in der eudaimonia (griechisch: Glück, Glückseligkeit).
Ein Vergleich dieser beiden Konzeptionen ist allerdings nicht Ziel dieser Hausarbeit. Stattdessen wird eine Fragestellung hinsichtlich des Abschnitts 1094a - 1097b des ersten Buches der Nikomachischen Ethik (NE) entwickelt und diese dann anhand des Kommentars von Ursula Wolf dargelegt und im Anschluss diskutiert.
Die Fragestellung beruht auf der Suche Aristoteles' nach dem höchsten Gut des Menschen und dessen, was dieses letztendlich sein soll. Innerhalb des ersten Buches der NE stellt sich für den Leser heraus, dass Aristoteles jenes gesuchte Gut in der eudaimonia verortet. Die Vorstellung dessen, wie eudaimonia zu verstehen ist und vor allem, was sie für das Leben des Menschen bedeutet, ist allerdings nicht eindeutig geklärt.
Jene Uneindeutigkeit rührt daher, dass der eudaimonia Begriff, auf zwei verschiedene Arten verstanden werden kann, die sich jedoch stark voneinander unterscheiden. Es ist einerseits die Rede von einer sogenannten „dominanten“ und andererseits von einer sogenannten „inklusiven“ Lesart, welche im Folgenden auch noch näher erläutert werden. Da die Auslegung Aristoteles' bezüglich der eudaimonia innerhalb der NE jedoch diese beiden konträren Lesarten zulässt, entsteht die Frage danach, welche von beiden wohl am ehesten mit dem aristotelischen Verständnis korrespondiert.
Angestoßen wurde diese Debatte von dem Altphilologen und Philosophiehistoriker William Francis Ross Hardie in seinem Aufsatz „The Final Good in Aristotle's Ethics“. Um die Frage nach diesen beiden Lesarten darlegen zu können, wird vorab die Fragestellung innerhalb der NE kontextualisiert. Dabei wird neben der NE von Aristoteles einen Auszug aus dem Kommentar von Ursula Wolf verwendet.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Inhaltsangabe
Nikomachischen Ethik: Das höchste Ziel des Menschen?
Fazit
Nachwort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept des höchsten Gutes, der eudaimonia, im ersten Buch der Nikomachischen Ethik des Aristoteles. Dabei steht die kritische Auseinandersetzung mit der Interpretation durch Ursula Wolf im Mittelpunkt, um zu klären, ob das höchste Gut als „dominantes“ oder „inklusives“ Ziel zu verstehen ist oder ob eine „strukturelle These“ einen tragfähigen Mittelweg bietet.
- Analyse des aristotelischen Begriffs des höchsten Gutes (eudaimonia).
- Gegenüberstellung der „dominanten“ und „inklusiven“ Lesart der eudaimonia.
- Untersuchung der von Ursula Wolf postulierten „strukturellen These“.
- Erarbeitung eines Verständnisses für die Hierarchie menschlicher Ziele.
- Kritische Reflexion über die Interpretationsspielräume in der antiken Philosophie.
Auszug aus dem Buch
Nikomachischen Ethik: Das höchste Ziel des Menschen?
Aristoteles stellt gleich zu Beginn des ersten Buches der NE die These auf, dass sämtliches menschliches Streben ein Ziel verfolgt. Da der Mensch jedoch verschiedene Tätigkeiten ausübt, wirft er die Frage danach auf, ob es nicht auch ein Ziel gebe, dass allen anderen Zielen übergeordnet sei und diese anderen Ziele in sich vereine, indem es eine Art „End-Ziel“ darstelle, welches von allen Menschen angestrebt werden würde „Wenn es nun für das, was wir tun, ein Ziel gibt, das wir um seiner selbst willen wünschen (bouleshtai), während wir die übrigen Dinge um seinetwillen wünschen, und wenn wir nicht alles eines weitergehenden Ziels willen wählen [...] dann wird offensichtlich dieses [Ziel] das Gut, und zwar das beste Gut sein“3. An dieser Stelle zieht Aristoteles eine Verbindung vom höchsten Ziel des Menschen zum höchsten Gut des Menschen, „[w]enn Aristoteles kurz darauf das Wort 'Gut' durch 'Ziel' aufnimmt, dann würde der Ausdruck 'ein Gut' das Ziel einer jeweiligen Handlung oder den Gegenstand eines Strebens bezeichnen. Entsprechend würde der zweite Satz die Definition des Wortes 'Gut' knapp auf den Punkt bringen, wonach das Gut das Ziel allen Strebens ist“4. Dieses übergeordnete Ziel, welches um seiner selbst willen gewünscht wird, müsste jenes Endziel sein, welches Aristoteles das höchste aller Güter darstellt. Infolge weiterer Untersuchungen nimmt er an, dass dieses gesuchte beste Gut die eudaimonia sei.
Das Erstreben anderer (niederer) Ziele ist natürlich deswegen nicht gleich wertlos, sondern hat seinen Zweck ebenfalls im Erstreben des höchsten Gutes. Da es jedoch abgesehen vom höchsten Ziel noch einige andere Ziele gibt, stellt sich die Frage in welchem Verhältnis diese zu dem höchsten Ziel stehen.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einleitung in die Thematik der eudaimonia und Vorstellung der aristotelischen Fragestellung sowie des methodischen Rahmens unter Einbezug von Ursula Wolf.
Inhaltsangabe: Erläuterung der methodischen Vorgehensweise und Begründung der Auswahl der zentralen Quellen zur Analyse des höchsten Gutes.
Nikomachischen Ethik: Das höchste Ziel des Menschen?: Untersuchung der aristotelischen Zieltheorie und Diskussion der verschiedenen Lesarten (dominant vs. inklusiv) im Hinblick auf das Konzept der eudaimonia.
Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der erarbeiteten Ergebnisse und kritische Einordnung der Kompatibilität verschiedener Interpretationsansätze.
Nachwort: Abschließende Reflexion über den Erkenntnisgewinn der Arbeit und die Relevanz der philosophischen Auseinandersetzung für das eigene Verständnis.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, eudaimonia, höchstes Gut, Endziel, dominante Lesart, inklusive Lesart, Ursula Wolf, menschliches Streben, Handlungsbereiche, strukturelle These, Philosophie, Zielhierarchie, Ethik, Antike.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verständnis des „höchsten Gutes“ (eudaimonia) im ersten Buch der Nikomachischen Ethik von Aristoteles.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die aristotelische Lehre vom menschlichen Streben, die Struktur von Zielen sowie der interpretatorische Diskurs zwischen der dominanten und inklusiven Lesart des eudaimonia-Begriffs.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, wie das höchste Gut eudaimonia bei Aristoteles zu verstehen ist und ob die verschiedenen Interpretationsansätze durch eine „strukturelle These“ vereinbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer textkritischen Analyse der Primärquelle der Nikomachischen Ethik unter systematischer Einbeziehung des Kommentars von Ursula Wolf.
Was genau wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie Aristoteles Zielhierarchien begründet und wie sich die „dominante“ sowie die „inklusive“ Interpretation der eudaimonia zu dieser Struktur verhalten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Aristoteles, eudaimonia, höchstes Gut, Zielhierarchie und das Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Lesarten in der Philosophiegeschichte.
Wie bewertet der Autor Ursula Wolfs Beitrag?
Der Autor schätzt Wolfs Beitrag als wertvoll ein, da sie durch ihre „strukturelle These“ einen vermittelnden Ansatz bietet, der die starre Trennung der beiden klassischen Lesarten aufbricht.
Warum ist das Verständnis der eudaimonia für das menschliche Leben so entscheidend?
Das Verständnis der eudaimonia bestimmt, wie der Mensch sein gesamtes Streben strukturiert und was er als letztgültigen Zweck sein Lebensentwurfs definiert.
- Citar trabajo
- Marius Faust (Autor), 2015, Das höchste Ziel des Menschen? Eine kritische Auseinandersetzung mit dem ersten Buch der Nikomachischen Ethik, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1335863