Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) gründete sich 1890 auf dem Parteitag zu Halle. Zum erstenmal seit zwölf Jahren, konnte sich die deutsche Sozialdemokratie hier wieder legal im Inland versammeln und einen regulären Parteitag abhalten. Das 1878 erlassene „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, kurz Sozialistengesetz genannt, machte eine Zusammenkunft bis dahin unmöglich. Das Sozialistengesetz fiel 1890, begleitet von einem grandiosen Wahlsieg der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) - der Vorgängerpartei der SPD. Die deutsche Sozialdemokratie errang 19,7% (1.427.000 Stimmen) bei den Reichstagswahlen vom Februar 1890 und wurde damit erstmals in ihrer Geschichte die stärkste Partei im Deutschen Reich. Mit großem Selbstbewußtsein trat demnach die Partei im Herbst 1890 in Halle zusammen und gab sich den neuen Namen.
Begleitet wurde der Parteitag jedoch von Kontroversen über den weiteren Weg der Partei. Eine Gruppierung von überwiegend jüngeren Delegierten, den sogenannten „Jungen“ stellte den parlamentarischen Kurs der Partei in Frage. Für sie bedeutete die Fokussierung der Partei auf Wahlen eine Verwässerung der eigentlichen Ziele der Sozialdemokratie. Da unter dem Sozialistengesetz eine parteiinterne Diskussion über Ziele, Strategien und Taktik der Partei nur ungenügend beziehungsweise gar nicht möglich war, rückten diese Fragen nun um so stärker auf die Tagesordnung. Die Beschäftigung mit dieser Thematik nahm einen großen Raum in Halle ein und wurde erst auf dem darauffolgenden Parteitag im Herbst 1891 in Erfurt geklärt – die oppositionelle Gruppierung der „Jungen“ kam ihrem Ausschluß durch Selbstaustritt zuvor.
Die Vorbehalte gegenüber dem legalen, parlamentarischen Weg der Sozialdemokratie traten jedoch nicht erst spontan nach dem Wahlerfolg von 1890 auf, sondern hatten eine tiefere Ursache, die in der Zeit des Sozialistengesetzes und davor zu suchen ist. Sie waren lediglich das Resultat einer schon seit Beginn der Arbeiterbewegung bestehenden Diskussion über die Haltung zum Parlamentarismus. Ziel dieser Arbeit soll sein, die Entwicklung dieser Diskussion aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Geschichtliche Einordnung
a) Entstehung der Sozialistischen Arbeiter Partei (SAP)
b) Das Sozialistengesetz
2. Die Haltung der Sozialdemokratie zum Parlamentarismus
a) Anfängliche Skepsis gegenüber dem Parlamentarismus
b) Die Akzeptanz gegenüber dem Parlamentarismus wächst
c) Die Auswirkungen des Sozialistengesetzes
d) Kritik am parlamentarischen Kurs während des Sozialistengesetzes
III. Ausblick und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung der Haltung der deutschen Sozialdemokratie gegenüber dem Parlamentarismus im Zeitraum von den ersten Parteigründungen bis zum Ende des Sozialistengesetzes im Jahr 1890, wobei insbesondere analysiert wird, wie sich die Partei unter dem Druck politischer Verfolgung hin zu einer parlamentarisch agierenden Organisation entwickelte.
- Tradition und Ursprünge der deutschen Sozialdemokratie
- Einfluss des Sozialistengesetzes auf die Parteistrategie
- Spannungsfeld zwischen revolutionärem Endziel und parlamentarischer Praxis
- Kritik innerhalb der Partei am legalen, parlamentarischen Kurs
- Die Rolle der Reichstagsfraktion als politische Führungskörperschaft
Auszug aus dem Buch
Die Haltung der Sozialdemokratie zum Parlamentarismus
In den Anfangsjahren der deutschen Sozialdemokratie überwog zunächst die Skepsis gegenüber dem Parlamentarismus. Unumstritten jedoch war dabei von Anfang an die Tatsache, daß man an Wahlen zur gesetzgebenden Körperschaft teilnehmen wollte. Obwohl insbesondere das preußische Dreiklassenwahlrecht ungleich und sich höchst benachteiligend für die Sozialdemokratie auswirkte. Die Forderung nach allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht stand daher bis zum Ersten Weltkrieg im Mittelpunkt der sozialdemokratischen Bestrebungen.
Für Lassalle war diese Forderung die Kernforderung der Arbeiterbewegung schlechthin. So erklärte er 1862 in dem Aufruf zur Gründung des ADAV: „Der Arbeiterstand muß sich als selbständige politische Partei konstituieren und das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht zu dem prinzipiellen Losungswort und Banner dieser Partei machen. Die Vertretung des Arbeiterstandes in den gesetzgebenden Körpern Deutschlands – dies ist es allein, was in politischer Hinsicht seine legitimen Interessen befriedigen kann. Eine friedliche und gesetzliche Agitation hierfür mit allen gesetzlichen Mitteln zu eröffnen, das ist und muß in politischer Hinsicht das Programm der Arbeiterpartei sein.“ Im Unterschied zu den Chartisten in England beschränkte sich Lassalle jedoch nicht mit der Forderung nach einem allgemeinen und gleichen Wahlrecht, sondern hielt gleichzeitig an einer revolutionären Perspektive und dem sozialistischen Endziel fest. Wie Heinrich Potthoff bemerkt, war im ADAV Lassalles daher bereits jener „für die Sozialdemokratie des 19. Jahrhunderts so charakteristische Dualismus zwischen radikaler Ideologie und reformerischer Praxis“ angelegt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Ausgangslage der SPD im Jahr 1890 ein und definiert die zentralen Fragestellungen hinsichtlich der parlamentarischen Entwicklung der Partei.
II. Hauptteil: Dieser Abschnitt analysiert die historische Einordnung und die schrittweise Wandlung der parteiinternen Haltung zum Parlamentarismus, geprägt durch die Erfahrungen unter dem Sozialistengesetz.
III. Ausblick und Fazit: Das abschließende Kapitel fasst zusammen, wie die Partei aus der Zeit der Unterdrückung als parlamentarisch orientierte Kraft hervorging und welchen Stellenwert der parlamentarische Weg für die zukünftige Strategie einnahm.
Schlüsselwörter
Sozialdemokratie, Parlamentarismus, Sozialistengesetz, SPD, Arbeiterbewegung, Reichstag, August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Wahlrecht, Parlamentarische Praxis, Klassenkampf, Reformismus, Historische Analyse, SAP, Politische Strategie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Wandel der deutschen Sozialdemokratie von einer skeptischen, eher ablehnenden Haltung gegenüber parlamentarischen Strukturen hin zu einer Partei, die den Parlamentarismus als zentrales Werkzeug ihrer Politik akzeptierte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Parteigeschichte (ADAV, SDAP, SAP/SPD), die repressive Zeit des Sozialistengesetzes und die theoretische sowie praktische Auseinandersetzung mit der parlamentarischen Teilhabe.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die Diskussion über die Haltung zum Parlamentarismus entwickelte und welche internen Konflikte (z.B. der Dualismus zwischen radikaler Theorie und reformerischer Praxis) dabei entstanden.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-deskriptive und analytische Methode unter Auswertung von Primärquellen (z.B. Erinnerungen Bebels, Schriften Lassalles) und wissenschaftlicher Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Entstehung der Partei, die Auswirkungen der staatlichen Repression (Sozialistengesetz), die wachsende Akzeptanz gegenüber der Parlamentsarbeit und die innerparteiliche Kritik an diesem Kurs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Sozialistengesetz, Parlamentarismus, Sozialdemokratie, Arbeiterbewegung und den Konflikt zwischen revolutionärem Ziel und parlamentarischer Praxis geprägt.
Welche Rolle spielte der "Kleine Belagerungszustand" für die Sozialdemokraten?
Dieses Instrument der Repression unter dem Sozialistengesetz führte zu massiven Ausweisungen, schweißte die Sozialdemokraten jedoch innerlich zusammen und zwang die Partei, den legalen parlamentarischen Weg als einzige verbleibende Betätigungsmöglichkeit zu nutzen.
Was war der Kern der "Dampfer-Affäre"?
Die "Dampfer-Affäre" war ein Streit innerhalb der SPD-Fraktion über staatliche Subventionen für Schiffahrtslinien, der symptomatisch für das tiefe Misstrauen zwischen radikalen und gemäßigten Parteiflügeln hinsichtlich einer reformerischen Praxis war.
- Citation du texte
- Dominic Daubenberger (Auteur), 2008, Die Haltung der deutschen Sozialdemokratie zum Parlamentarismus von den Parteigründungen bis zum Ende des Sozialistengesetz (1863-1890), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133598