In dem im Jahre 1962 erschienenem Buch „The structure of Scientific Revolutions“ von T. S. Kuhn wird ein Erklärungsmodell für Wissenschaftsentwicklung entworfen. Darin wird die Meinung vertreten, dass Wissenschaftsentwicklung nicht kontinuierlich verlaufe, sondern in Brüchen, welche jeweils ‚Paradigma-Wechsel’ beziehungsweise‚ wissenschaftliche Revolutionen’ in Form von sprunghaften Gestaltveränderungen des jeweiligen Wirklichkeitsmodells darstellen. Zwischen jenen ‚Brüchen’ findet normale Wissenschaft statt, wobei diese allerdings von dem jeweilig vorherrschenden wissenschaftlichen Denkmuster und Zeitgeist geleitet wird. Diese bestimmen beispielsweise die relevanten Fragestellungen, Methoden, Erklärungs- und Lösungsansätze. Neue Denkmuster sind verbunden mit neuen Formen der Erkenntnisgewinnung, die es überhaupt erst möglich machen, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.
Die systemische Denkweise wird genau als ein solches ‚neues Paradigma’ bezeichnet, eben weil diese Denkweise eine andere Herangehensweise nutzt, um zu Erkenntnissen zu gelangen. So unterscheidet sich die systemische Denkweise von dem westlichen Alltagsdenken in der Weise, dass Erkenntnisse verwendet werden, die sich aus der Systemtheorie verbunden mit der Kybernetik 2. Ordnung und den Gedanken des Radikalen Konstruktivismus ableiten lassen. Für die Praxis - wie beispielsweise für das hier zu behandelnde Thema des systemischen Coachings - bedeutet es, dass an die Stelle geradlinig-kausaler Erklärungen nun zirkuläre Umschreibungen treten. Darüber hinaus werden Objekte nicht länger als isoliert voneinander betrachtet, sondern die Relationen zwischen ihnen treten nun ins Blickfeld.
Die Basis des systemischen Coachings macht die Haltung der systemisch-konstruktivistischen Denkweise aus. Diese geht in ihren Grundlagen auf Piaget und Bertalanffy, Bateson, von Foerster, von Glasersfeld und Watzlawick zurück. Einen weiteren wichtigen Anteil haben die Biologen Maturana und Varela als auch der Soziologe Luhmann geschaffen. Auch wenn diese Personen aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen entstammen, so ist ihnen doch eine ähnliche Weise, die Welt zu betrachten, gemein. Jenes neue Paradigma – die systemisch-konstruktivistische Denkweise - mit seinen Prämissen und Grundhaltungen soll in der vorliegenden Arbeit vorgestellt werden, um schließlich Interventionsmöglichkeiten innerhalb der praktischen Anwendung im systemischen Coaching herauszuarbeiten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Zielsetzung
1.2 Gliederung der Arbeit
2 Theoretische Vorgedanken: Referenztheorien des systemischen Coachings
2.1 Wegbereiter und Strömungen der systemischen Theorie und Praxis
2.2 Kybernetik 1. und 2. Ordnung
2.3 Was ist ein System?
2.3.1 Soziale Systeme
2.3.2 Soziale Systeme in Bezug auf systemisches Coaching
2.4 Wie Leben sich selbst erzeugt: Der Begriff der Autopoiesis
2.4.1 Operationale Geschlossenheit
2.4.2 Strukturelle Kopplung
2.4.3 Kurzer Abriss der Theorie sozialer Systeme nach Luhmann
2.5 Der Radikale Konstruktivismus
2.6 Systemische Beratung als konstruktivistisch orientierte Beratung
2.7 Zusammenfassung
3 Coaching
3.1 Begriffklärung und Herleitung – zur Entstehung des heutigen Coachingverständnisses
3.2 Versuch einer Definition
3.3 Begriffsabgrenzung
3.3.1 Abgrenzung zu Psychotherapie
3.3.2 Abgrenzung zu Training
3.3.3 Abgrenzung zu Mentoring
3.3.4 Abgrenzung zu Supervision
4 Systemisches Coaching
4.1 Was ist systemisches Coaching?
4.1.1 Das Zusammentreffen von Experten
4.1.2 Der ‚blinde Fleck’
4.2 Grundannahmen und Haltungen im systemisch-konstruktivistischen Coachingprozess
4.2.1 Jeder Mensch ist ein einzigartiges und nimmt die Welt individuell wahr
4.2.2 Positive Unterstellung und Lösungsabstinenz
4.2.3 Menschen können sich nur selbst verändern
4.2.4 Ganzheitlichkeit und Zirkularität
4.2.5 Allparteilichkeit und Neutralität
4.2.6 Neugier verbunden mit kreativen Fragen
4.2.7 Aktives Zuhören
4.2.8 Menschen ‚sind’ nicht, sondern ‚verhalten’ sich
4.2.9 Akzeptanz und Wertschätzung
4.3 Zusammenfassung und Stellungnahme
5 Systemische Interventionen
5.1 Systemische Frageformen
5.1.1 Fragen zur Wirklichkeitskonstruktion
5.1.2 Fragen zur Möglichkeitskonstruktion
5.1.2.1 Hypothetische Fragen
5.1.2.2 Fragen nach Ausnahmen
5.1.2.3 Fragen nach Ressourcen
5.1.2.4 Zielvisionen und Wunderfrage
5.1.2.5 Paradoxe Fragen – die Verschlimmerung von Problemen
5.1.3 Zirkuläre Fragen
5.1.3.1 Fragen, die Unterschiede verdeutlichen und Alternativen darstellen
5.1.3.2 Fragen nach verhaltensmäßigen Unterschieden
5.1.3.3 Skalenfragen
5.1.3.4 Übereinstimmungsfragen
5.1.3.5 Personenbezogene Unterschiede
5.1.4 Dissoziierende Fragen
5.2 Umdeutung - Reframing
5.2.1 Bedeutungsreframing
5.2.2 Kontextreframing
5.3 Reflecting Team
5.4 Zusammenfassung der systemischen Fragen und Reflexion
6 Schlussbetrachtung
6.1 Zusammenfassung
6.2 Diskussion
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Hauptziel der Arbeit besteht in einer kritischen und reflektierenden Darstellung des aktuellen Standes des systemischen Coachings. Dabei steht nicht nur die Erläuterung der zugrunde liegenden theoretischen Konstrukte im Fokus, sondern vor allem deren praktische Anwendung durch die Erörterung systemischer Werthaltungen und Interventionsmöglichkeiten.
- Theoretische Fundierung des systemischen Coachings (Systemtheorie, Konstruktivismus)
- Abgrenzung von Coaching zu anderen Beratungsformaten
- Grundannahmen und Haltungen eines systemischen Coachs
- Einsatz systemischer Interventionsformen (Frageformen, Reframing, Reflecting Team)
- Reflexion der Rolle des Coachs als "beobachtender Beobachter"
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Operationale Geschlossenheit
Lebewesen sind als operational geschlossene Systeme zu betrachten, was bedeutet „sie können nur mit ihren eigenen Zuständen operieren und nicht mit systemfremden Komponenten“ (Zit. von Schlippe & Schweitzer 1997, S. 68). Das liegt darin begründet, dass es ihnen nur um sich selbst geht – sie also autonom sind und somit nach eigenen Gesetzen leben. Was auch immer das System tut, es operiert ausschließlich auf Grund seiner eigenen Organisation (vgl. von Schlippe & Schweitzer 1997, S. 68) und nach den systemeigenen Regeln (vgl. Backhausen & Thommen 2003, S. 64; Simon 2006, S. 34). Jegliche Reize der Umwelt werden dahingehend bewertet, ob sie für die Fortsetzung der eigenen Struktur anschlussfähig, funktional sind. Als Beispiel dafür dient das Gehirn: Die Umwelt wird nicht im Gehirn abgebildet – es verarbeitet lediglich die eindringenden Informationen nach eigenen Sinnbezügen. Dabei arbeitet es nach eigenen (neuronalen) Gesetzmäßigkeiten und Voraussetzungen (vgl. Huschke-Rhein 1998, S. 97). Dadurch entstehen meines Erachtens auch die so genannten ‚Blinden Flecke’ (vgl. Kapitel 4.1.2), welche den Menschen lediglich einen Teil der Umwelt wahrnehmen lassen, während andere Ereignisse oder Zusammenhänge unbewusst ausgeblendet werden und somit nicht sinnbezogen verarbeitet werden können. Ein Coaching kann dabei unterstützen, die tradierte Sichtweise des Coachees zu erweitern und dadurch die ‚Blinden Flecke’ kleiner und die operationale Geschlossenheit etwas ‚flexibler’ werden zu lassen. Der Blick wird geschärft für bisher nicht beachtete Umwelteinflüsse, die gegebenenfalls dazu beitragen könnten, der Lösung der vorgetragenen Problematik des Coachees ein wenig näher zu kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die wissenschaftliche Herleitung des systemischen Coachings als neues Paradigma ein und stellt die Zielsetzung der Arbeit sowie deren Gliederung vor.
2 Theoretische Vorgedanken: Referenztheorien des systemischen Coachings: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen wie Systemtheorie, Kybernetik zweiter Ordnung, Autopoiesis und Radikalen Konstruktivismus als Basis für systemisches Coaching.
3 Coaching: Hier erfolgt eine historische Herleitung des Coaching-Begriffs, eine Definition und eine Abgrenzung zu anderen Beratungsfeldern wie Psychotherapie, Mentoring und Supervision.
4 Systemisches Coaching: Dieses Kapitel vertieft das Verständnis von systemischem Coaching, stellt die Rolle des Coachs als Expertenpartner dar und erläutert die systemisch-konstruktivistischen Grundhaltungen im Prozess.
5 Systemische Interventionen: Hier werden konkrete Methoden wie systemische Fragetechniken, Reframing und das Reflecting Team als Mittel zur Ingangsetzung hilfreicher Prozesse beschrieben.
6 Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und bietet eine diskursive Reflexion über die Anwendbarkeit und Herausforderungen des systemisch-konstruktivistischen Modells.
Schlüsselwörter
Systemisches Coaching, Systemtheorie, Radikaler Konstruktivismus, Autopoiesis, Kybernetik 2. Ordnung, Intervention, Zirkuläre Fragen, Reframing, Reflecting Team, Selbstorganisation, Prozessberatung, Wirklichkeitskonstruktion, Viabilität, Systemgrenze, Coachingprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die theoretischen Grundlagen und die praktische Umsetzung des systemischen Coachings, insbesondere die Anwendung der konstruktivistischen Haltung und systemischer Interventionsmethoden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Systemtheorie, die Konzepte der Kybernetik und des Radikalen Konstruktivismus sowie deren Übertragung auf den Beratungsprozess und die Interaktion zwischen Coach und Klient.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den aktuellen Stand des systemischen Coachings kritisch darzustellen und die Umsetzung theoretischer Konzepte in praktische Interventionsmöglichkeiten für Coaches aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der kritischen Reflexion systemischer Modelle und Haltungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Referenztheorien (Systemtheorie, Autopoiesis), das allgemeine Coaching-Verständnis, die Grundannahmen im Coachingprozess sowie spezifische Interventionstechniken wie zirkuläre Fragen und Reframing detailliert erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Systemisches Coaching, Konstruktivismus, Interventionsmethoden, Zirkularität, Beobachtung 2. Ordnung und Selbstorganisation.
Was unterscheidet systemisches Coaching von klassischer Beratung?
Systemisches Coaching versteht den Klienten als Experten für sein Problem und verzichtet auf direkte Ratschläge. Der Fokus liegt auf der Prozessberatung, bei der durch Fragen neue Sichtweisen angeregt werden, statt Expertenlösungen von außen zu diktieren.
Warum spielt die Haltung des Coachs eine so große Rolle?
Da systemisches Arbeiten auf der Grundannahme basiert, dass Menschen autonom sind, ist die Haltung des Coachs (Neutralität, Allparteilichkeit, Nichtwissen) das "wesentliche Arbeitsinstrument", um dem Klienten Raum für eigene neue Wirklichkeitskonstruktionen zu geben.
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- Claudia Michalek (Author), 2009, Systemisches Coaching. Referenztheorien, grundlegende Prinzipien und praktische Formen systemischer Interventionen in Coachingprozessen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133649