Sind die "Gudrunlieder" des "Codex Regius" eine Quellengrundlage der "Kudrun"?


Hausarbeit, 2008
27 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Quellensituation der „Kudrun“

3. Die „Gudrunlieder“ in der „Lieder-Edda“

4. Analyse der „Gudrun-Lieder“ mit Blick auf Parallelen zur „Kudrun“

5. Analyse und Vergleich von Motiven der „Kudrun“ und der „Gudrunlieder“
5.1 die Schönheit und die Brautwerbung
5.2. Der Brautraub
5.3. Die Leidenszeit

6.Fazit

1. Einleitung

Die folgende Arbeit wird sich mit der Analyse des mittelhochdeutschen Heldenepos „Kudrun“ befassen, genauer mit einer potentiellen Quelle, die der unbekannte Verfasser für seinen Text verwendet haben könnte. Bei dieser handelt es sich um die „Gudrunlieder“ der „Lieder-Edda“, auch „Codex Regius“ genannt, eine Liedersammlung, von welcher der Autor ebenfalls nicht bekannt ist. Durch die vergleichende Analyse verschiedener Motive, die in beiden Texten vorhanden sind, soll herausgearbeitet werden, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Verfasser der „Kudrun“ die mögliche Quelle als Grundlage für sein Heldenepos verwendet hat.

Die „Kudrun“ besteht aus drei genealogisch miteinander verbundenen Teilen, die jeweils eine eigene in sich geschlossene Geschichte im Handlungszusammenhang darstellen. Sie werden „Hagenteil“, „Hildeteil“ und „Kudrunteil“ genannt, von welchen nur letzterer Analysegegenstand dieser Arbeit ist. Auch für die Sagengeschichte der einzelnen Partien gilt eine Gliederung in drei Teile, da jede einzelne ihren eigenen Ursprung hat. Im Falle der Hagen- und Hildesage steht ein selbständiger Ursprung des Stoffes fest, da Quellen existieren, die genau den darin verarbeiteten Stoff belegen.

Für den Stoff des Kudrunteils hingegen existiert keine bezeugte Quelle, die den eigenen Ursprung einer „Kudrunsage“ nachweist. Daher ist sich die Forschung bislang noch nicht sicher, ob überhaupt eine selbstständige Entstehung des im dritten Teil der „Kudrun“ verarbeiteten Stoffes existiert, und dieser nicht erst durch den mittelhochdeutschen Dichter geschaffen wurde. Da jedoch reichlich potentielles Quellenmaterial vorhanden ist, das zumindest in Ansätzen auf den Kudrunstoff hinweist, bislang jedoch nur oberflächlich analysiert wurde, kann ein eigener Ursprung nicht ausgeschlossen werden.[1]

Im Folgenden wird demnach zunächst die allgemeine Quellensituation der „Kudrun“ dargestellt. Danach wird eine knappe Skizzierung der vorhandenen potentiellen Quellen stattfinden. Im Anschluss folgt die genaue Analyse eines speziellen Zeugnisses der vorhandenen Quelle, der „Gudrunlieder“ aus der „Lieder-Edda“. Die Textstellen der Lieder, welche als Quellengrundlage in Frage kommen, werden detailliert untersucht, sodass schließlich die herausgefilterten Motive mit den dazugehörigen in der „Kudrun“ verglichen werden können. Das Hauptaugenmerk wird auf die jeweilige Verwendung der Motive gerichtet: In welchem Figurenkontext werden diese verwendet? Gibt es eine Veränderung hinsichtlich deren Bedeutung? Warum hat der Verfasser mögliche Umgestaltungen vorgenommen?

2. Die Quellensituation der „Kudrun“

Die Forschung ist sich einig, „dass es hinsichtlich der Vor-, Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Kudrun so gut wie keine gesicherten Erkenntnisse gibt.“[2]

Aus diesem Grund soll im folgenden Abschnitt die verwirrende Situation der möglichen Quellen des Kudrunteils dargelegt werden. Bezug wird, wie bereits gesagt, ausschließlich auf den dritten Teil der Kudrun genommen, da für den Hagen-und den Hildeteil die Sagengeschichte sehr viel eindeutiger ist, als für den Kudrunteil, für welchen keine Quelle als hundertprozentiger Ursprungsstoff gehandelt wird.

Bezüglich der Geschichte des Kudrunteils stehen „zwei Grundthesen einander gegenüber. Die einen glauben, daß die Kudrunsage aus der Hildesage abgeleitet worden sei, die anderen, daß sie einen selbständigen Ursprung habe.“[3] Als Hauptargument für den ersten Standpunkt gilt, dass die Handlungselemente der Kudrunfabel, wie sie im mittelalterlichen Heldenepos „Kudrun“ vorliegen in der altgermanischen Zeit nicht möglich gewesen wären, da die Handlung christliche Versöhnungselemente in den Vordergrund stellt, die in der germanischen Zeit nicht vorhanden waren. Das germanische Rechtssystem nämlich stellte Rache als eine gültige Rechtsform dar, das heißt, Rache wurde nicht nur geduldet, sondern galt vielmehr als eine Vorschrift, sodass der Handlungsverlauf und die Motive in der Kudrun viel zu „unheroisch und zu weich“[4] zu sein scheinen, um einen germanischen Ursprung zu haben, denn „Kudrun verkörpert hier geradezu die christlichen Ideale der Vergebung und Feindesliebe. Wie verträgt sich das mit den aus dem germanischen Heldenlied ererbten Vorstellungen von der heroischen Selbstbehauptung und der Rachepflicht?“[5]

Aus diesen Unstimmigkeiten folgt die Vermutung, dass der Kudrunteil aus dem Hildelied abgeleitet wurde, da die Ähnlichkeit im Handlungsverlauf und die Verwendung gleicher Motive, wie zum Beispiel Brautwerbung, Brautraub, Verfolgung und Kampf deutlich zu erkennen sind.[6] Die Vertreter dieser Forschungsmeinung gehen davon aus, dass der Kudrunteil das Grundgerüst des Hildeteils beibehalten hat und lediglich durch Einfluss anderer literarischer Texte erweitert wurde. Eine Vermutung diesbezüglich lautet zum Beispiel:

„ Für diesen dritten Teil standen keine ausführlichen Unterlagen zur Verfügung, er wurde aus dem zweiten Teil, dem Hildeteil entwickelt und vielleicht mit Motiven aus Volksliedern mit ähnlichem Inhalt wie dem Südelitypus ergänzt.“[7]

Diese Forschungsmeinung vermutet demnach lediglich eine weitere Quelle als Zusatz zur Hildesage, nämlich die Südeli-Balladen. Hierbei handelt es sich um gefühlvolle Dichtungen aus dem 13.Jahrhundert, welche die Entführung einer Königstochter, die schließlich im Feindesland Magddienste verrichten muss, zum Inhalt haben. Dies ist allerdings eine bloße Vermutung, denn andererseits heißt es:

„Das Grundgerüst der Kudrunfabel ist […] keineswegs in der Ballade enthalten. Man darf sich bei der Quellenfrage nicht allzu sehr von dem Aschenbrödeldasein der Kudrun anziehen lassen.“[8]

Außerdem ist sich die Forschung im Bezug auf die Südeli-Balladen nicht sicher, ob sie überhaupt vor der Kudrun entstanden sind und als Quelle in Frage kommen oder ob nicht vielleicht die Kudrun eine Quelle der Südeli-Balladen darstellt, da eine sichere Datierung nicht möglich ist.[9] Gleiches gilt für eine Variante der Südeli-Balladen, die zur gleichen Zeit entstanden sein soll: „die Ballade von der schönen Meererin“ oder auch „die Ballade von der Wäscherin am Meer“.[10]

Die zweite Grundthese dagegen schreibt dem Kudrunteil einen eigenen Ursprung zu, da die Forschung in diesem Fall wesentliche Unterschiede zwischen dem Hilde- und dem Kudrunteil bezüglich der Handlung sieht. Man geht davon aus, dass das Verhalten der beiden Frauen im Zuge des Brautraubes eine zu große Differenz aufweist, um denselben Ursprung zu besitzen. Außerdem wird im Kudrunteil das Nebenbuhlermotiv hinzugefügt, was die grundlegende Struktur der Kudrunhandlung deutlich von der des Hildeteils unterscheidet.[11] Man meint sogar, bereits in einer älteren Version eines Kudrunliedes eine eigene Handlungsstruktur entdeckt zu haben. So wird im Verfasserlexikon behauptet, „[…], dass es ein einsträngiges Kudrunlied von der Art des Hildeliedes nie gegeben hat. Schon in dem Kudrunlied, das den Süddeutschen zuging, war eine Nebenbuhlerfabel aufgebaut.“[12]

Die Forschungsmeinungen, die aufgrund dessen einen eigenständigen Ursprung des Kudrunteils vermuten, stützen sich unter anderem auf folgende Quellen: Als erste potentielle Quelle wäre ein wikingisches Lied aus dem elften Jahrhundert zu nennen, da dieses eine Kriegsführungstaktik beinhaltet, die jener in der Kudrun sehr nahe kommt. Des Weiteren belegt dieses Lied die Namen Hartmut und Kudrun, sowie die Motive Überfall und Entführung.[13]

Eine weitere Quelle stammt aus dem 13. Jahrhundert. Es handelt sich um den „Codex Regius“, auch „Liederedda“ genannt, eine altisländische Liedersammlung, die drei „Gudrunlieder“ enthält, welche folgende Motive des Kudrunteils beinhalten: die unrechtmäßige Aneignung der umworbenen Braut, die Vernichtung von Sippenangehörigen sowie das Gefangennehmen und Festhalten einer Frau, die gezwungen wird, Magddienste zu verrichten. Auf der Analyse dieser potentiellen Quelle und deren Zusammenhang mit dem Kudrunteil des Heldenepos wird im Folgenden der Schwerpunkt dieser Arbeit liegen.

Die Gudrunlieder selbst gehen auf wesentlich ältere Quellen zurück, welche die gleichen Motive verarbeiten. Es handelt sich um das „Finnsburglied“ und den „Beowulf“ aus dem 7./8. Jahrhundert.[14] Die „Gudrunlieder“ des „Codex Regius“ scheinen insgesamt die meisten Parallelen mit der „Kudrun“ aufzuweisen und deshalb eine sinnvolle Analysebasis zu bieten.

An den dargelegten und insgesamt eher wagen Formulierungen der Forschungsmeinungen sollte die Unsicherheit hinsichtlich des Kudrunstoffes und dessen Herkunft deutlich geworden sein. Doch trotz allem wird diese Arbeit versuchen, zumindest im Hinblick auf eine mögliche Quelle, mehr Aufschluss über die Herkunft der „Kudrun“ zu geben.

3. Die „Gudrunlieder“ in der „Lieder-Edda“

Die „Lieder-Edda“ ist eine Sammlung von Götter- und Heldenliedern aus dem 13. Jahrhundert. Diese gilt es, zu unterscheiden von der ebenfalls als „Edda“ bezeichneten Prosa-Edda, eine Art Handbuch für Dichter, des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson. Die „Lieder-Edda“ ist eine Handschrift, die von der Wissenschaft als „Codex Regius“ bezeichnet wird.[15] Da der Text der Lieder-Edda um 1275 niedergeschrieben wurde und damit zu einem ähnlichen Zeitpunkt wie die „Kudrun“ entstand, könnte man annehmen, er käme als Quelle nicht in Frage; jedoch hat die Niederschrift offenbar nichts mit dem eigentlichen Alter der Texte zu tun - diese könnten also durchaus deutlich älter sein:

„Niedergeschrieben wurde der Text um oder nach 1270 von einem einzigen isländischen Schreiber. Die Handschrift muss allerdings die Abschrift eines älteren Textes sein, der wiederum das Ergebnis mannigfaltiger Sammelarbeit vieler gewesen sein dürfte und wohl spätestens 1240 fertig vorlag. Die Lieder selbst aber sind älter, teils sogar wesentlich älter, allerdings in der Regel nur schwer zu datieren“[16]

Die Lieder des „Codex Regius“ gliedern sich in zwei Teile. Der erste Teil stellt eine Sammlung mythologischer Lieder dar, im zweiten Teil werden die Heldenlieder aneinandergereiht, unter welchen sich auch die drei „Gudrunlieder“ befinden. Die strenge Einteilung wird lediglich von zwei einzelnen Liedern unterbrochen, die zwischen den beiden Themengruppen angeordnet sind, da sie keiner der beiden zugeordnet werden kann, die „Völundarkvida“, das „Wieland-Lied“ und die „Alvíssmál“. Sowohl der mythologische als auch der heroische Teil der Lieder-Edda folgen in sich ebenfalls einer strikten Gliederung, die sich hauptsächlich nach inhaltlichen Merkmalen richtet, denn es wurde viel Wert auf die chronologische, im zweiten Teil sogar die genealogische Ordnung gelegt.[17]

Die Heldenlieder befassen sich vorwiegend mit dem Sigurd/Siegfried-Stoff. Zunächst wird dessen familiäre Vorgeschichte beschrieben, worauf die Erzählungen seiner Heldentaten folgen. Daran reihen sich die Klagelieder, unter denen sich auch die „Gudrunlieder“ befinden, die den Tod Sigurds/Siegfrieds besingen. Schließlich wird in den letzten Liedern der Untergang der Burgunden thematisiert, dessen Ende mit dem Tod der Söhne Gudruns markiert wird.[18]

[...]


[1] Vgl. Wisniewski, Roswitha. Kudrun. Heldendichtung III. Sammlung Metzler. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1963, S. 20

[2] Höhne, Peter. Kudrun. Eine Wikingerprinzessin von der Eidermündung: zugleich ein Beitrag zur Geschichte Schleswig-Holsteins ; mit Auszügen aus historischen Quellen des 9. Jahrhunderts / Peter Höhne. Nach dem Tod des Verf. hrsg. von Roswitha Wisniewski. -1. Aufl.
Berlin: Weidler, 2005, S. 15

[3] Wisniewski (1963), S. 20

[4] Wisniewski (1963), S. 18

[5] Wisniewski (1963), S. 61

[6] Vgl. Wisniewski (1963), S. 17 ff

[7] Hartsen, Jkvr.Dr.M.J. Das Gudrunepos. Borna-Leipzig: Robert Noske, 1942, S. 12

[8] Verfasserlexikon, S. 977

[9] Vgl. Wisniewski (1963), S. 26

[10] Vgl. Wisniewski (1963), S. 27

[11] Vgl. Wisniewski (1963), S. 18ff

[12] Vgl. Verfasserlexikon, S. 978

[13] Vgl. Wisniewski (1963), S. 18

[14] Vgl. Wisniewski (1963), S. 21f

[15] Vgl. Simek, Rudolf. Die Edda. München: C. H. Beck, 2007, S. 43

[16] Simek, Rudolf (2007), S. 44

[17] Simek, Rudolf (2007), S. 46

[18] Simek, Rudolf (2007), S. 47

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Sind die "Gudrunlieder" des "Codex Regius" eine Quellengrundlage der "Kudrun"?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistik)
Note
2.0
Autor
Jahr
2008
Seiten
27
Katalognummer
V133688
ISBN (eBook)
9783640404698
ISBN (Buch)
9783640404384
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sind, Gudrunlieder, Codex, Regius, Quellengrundlage, Kudrun
Arbeit zitieren
Feli Zaucker (Autor), 2008, Sind die "Gudrunlieder" des "Codex Regius" eine Quellengrundlage der "Kudrun"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133688

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