Die folgende Arbeit wird sich mit der Analyse des mittelhochdeutschen Heldenepos
„Kudrun“ befassen, genauer mit einer potentiellen Quelle, die der unbekannte
Verfasser für seinen Text verwendet haben könnte. Bei dieser handelt es sich um die
„Gudrunlieder“ der „Lieder-Edda“, auch „Codex Regius“ genannt, eine
Liedersammlung, von welcher der Autor ebenfalls nicht bekannt ist. Durch die
vergleichende Analyse verschiedener Motive, die in beiden Texten vorhanden sind,
soll herausgearbeitet werden, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Verfasser
der „Kudrun“ die mögliche Quelle als Grundlage für sein Heldenepos verwendet hat.
Die „Kudrun“ besteht aus drei genealogisch miteinander verbundenen Teilen, die
jeweils eine eigene in sich geschlossene Geschichte im Handlungszusammenhang
darstellen. Sie werden „Hagenteil“, „Hildeteil“ und „Kudrunteil“ genannt, von welchen
nur letzterer Analysegegenstand dieser Arbeit ist. Auch für die Sagengeschichte der
einzelnen Partien gilt eine Gliederung in drei Teile, da jede einzelne ihren eigenen
Ursprung hat. Im Falle der Hagen- und Hildesage steht ein selbständiger Ursprung
des Stoffes fest, da Quellen existieren, die genau den darin verarbeiteten Stoff
belegen.
Für den Stoff des Kudrunteils hingegen existiert keine bezeugte Quelle, die den
eigenen Ursprung einer „Kudrunsage“ nachweist. Daher ist sich die Forschung
bislang noch nicht sicher, ob überhaupt eine selbstständige Entstehung des im
dritten Teil der „Kudrun“ verarbeiteten Stoffes existiert, und dieser nicht erst durch
den mittelhochdeutschen Dichter geschaffen wurde. Da jedoch reichlich potentielles
Quellenmaterial vorhanden ist, das zumindest in Ansätzen auf den Kudrunstoff
hinweist, bislang jedoch nur oberflächlich analysiert wurde, kann ein eigener
Ursprung nicht ausgeschlossen werden.1
Im Folgenden wird demnach zunächst die allgemeine Quellensituation der „Kudrun“
dargestellt. Danach wird eine knappe Skizzierung der vorhandenen potentiellen
Quellen stattfinden. Im Anschluss folgt die genaue Analyse eines speziellen
Zeugnisses der vorhandenen Quelle, der „Gudrunlieder“ aus der „Lieder-Edda“. Die
Textstellen der Lieder, welche als Quellengrundlage in Frage kommen, werden detailliert untersucht, sodass schließlich die herausgefilterten Motive mit den
dazugehörigen in der „Kudrun“ verglichen werden können. Das Hauptaugenmerk
wird auf die jeweilige Verwendung der Motive gerichtet: In welchem Figurenkontext
werden diese verwendet? [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Quellensituation der „Kudrun“
3. Die „Gudrunlieder“ in der „Lieder-Edda“
4. Analyse der „Gudrun-Lieder“ mit Blick auf Parallelen zur „Kudrun“
5. Analyse und Vergleich von Motiven der „Kudrun“ und der „Gudrunlieder“
5.1 die Schönheit und die Brautwerbung
5.2. Der Brautraub
5.3. Die Leidenszeit
6.Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das mittelhochdeutsche Heldenepos „Kudrun“ im Hinblick auf seine potenziellen Quellen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf den „Gudrunliedern“ der „Lieder-Edda“ (Codex Regius) liegt. Durch eine vergleichende Motiv- und Handlungsanalyse soll geklärt werden, inwieweit diese Lieder als Grundlage für das Epos gedient haben könnten und wie der Verfasser der „Kudrun“ mit dem überlieferten Stoff umgegangen ist.
- Analyse der allgemeinen Quellensituation des „Kudrunteils“
- Untersuchung zentraler Motive wie Brautwerbung, Brautraub und Leidenszeit
- Vergleich der Darstellung von Familienverhältnissen und Sippenvernichtung
- Gegenüberstellung von Rache- und Versöhnungsmotiven in beiden Texten
- Diskussion über die christliche Umdeutung germanischer Sagenmotive
Auszug aus dem Buch
4. Analyse der „Gudrun-Lieder“ mit Blick auf Parallelen zur „Kudrun“
Bei näherer Betrachtung des ersten Gudrun-Liedes „Gudruns Totenklage“, fallen zwei Strophen ins Auge, die einen Zusammenhang mit der mittelhochdeutschen „Kudrun“ vermuten lassen, und deshalb genauer analysiert werden müssen. Die übrigen Strophen können als mögliche Quellen ausgeschlossen werden.
Hub Herborg jetzt an, die hunnische Fürstin: „Ich habe weit härteren Harm zu beklagen, Denn sieben der Söhne mein sind mir im Südland, Als achter mein Mann in der Mordschlacht gefallen. Selbst tät ich sie säubern und selbst sie bestatten, und legt an die Lieben die letzte Hand; Das alles erlitt ich in einem Sommer Und fand keinen Menschen, der freundlich mir war, Ja, ward noch gefangen im folgenden Winter. Allabendlich musst ich dem Weibe des Edlings Den Goldschmuck ablegen, die Schuhriemen lösen. Auch setzte mit Eifersucht sie mich in Furcht Und trieb mich mit harten Hieben zur Arbeit; So freundlichen Herren ich damals gefunden, Wohl nirgends doch gab es ein niederes Weib.“
Hier ist es zwar nicht Gudrun, die spricht, sondern Herborg, die versucht Gudrun zu trösten, doch erinnert der Inhalt sehr stark an Kudruns Leidenszeit am Hofe Hartmuts. Zunächst wird von einer Schlacht berichtet, die offensichtlich Ursache für die Gefangenschaft Herborgs war. Auch in der „Kudrun“ ist eine Schlacht zwar nicht der Auslöser für Kudruns Entführung, doch aber der Grund, der es den Entführern möglich macht, den Brautraub durchzuführen. Eine deutliche Parallele ist an derjenigen Stelle zu erkennen, an der es um die Erniedrigung der Fürstin zu einer Dienstmagd geht, die durch die Frau des Herrschers der Entführungspartei gequält wird und dieser als Untergebene dienen muss. Hier scheinen keine Zweifel zu bestehen, dass der Textausschnitt dem Verfasser der „Kudrun“ als stoffliche Quelle gedient hat, da die inhaltliche Ähnlichkeit nicht zu leugnen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Analysevorhaben, den „Kudrunteil“ des Epos mit den „Gudrunliedern“ der „Lieder-Edda“ zu vergleichen.
2. Die Quellensituation der „Kudrun“: Darlegung der forschungsgeschichtlichen Unsicherheiten bezüglich des Ursprungs des Kudrunstoffes und der konkurrierenden Grundthesen.
3. Die „Gudrunlieder“ in der „Lieder-Edda“: Vorstellung des „Codex Regius“ als Sammlung von Heldenliedern und Einordnung der darin enthaltenen „Gudrunlieder“.
4. Analyse der „Gudrun-Lieder“ mit Blick auf Parallelen zur „Kudrun“: Untersuchung spezifischer Textstellen, die inhaltliche Überschneidungen mit der Leidenszeit und Brautwerbung in der „Kudrun“ aufweisen.
5. Analyse und Vergleich von Motiven der „Kudrun“ und der „Gudrunlieder“: Detaillierte motivgeschichtliche Analyse der Handlungsstränge sowie der Rollen der Protagonistinnen und ihrer Familien.
6.Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Indizien für eine Verwandtschaft der beiden Texte unter Berücksichtigung der unterschiedlichen moralischen Zielsetzungen.
Schlüsselwörter
Kudrun, Gudrunlieder, Lieder-Edda, Codex Regius, Motivvergleich, Quellenanalyse, Heldenepos, Brautraub, Leidenszeit, Sippenvernichtung, Rache, Versöhnung, Mittelalterliche Literatur, germanische Heldenepik, christliche Ethik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Frage, ob die „Gudrunlieder“ der „Lieder-Edda“ als direkte Quellengrundlage für den dritten Teil des mittelhochdeutschen Epos „Kudrun“ gedient haben könnten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die vergleichende Motivik beider Texte, die Analyse der Quellensituation, die Rolle der Frauenfiguren sowie die Darstellung von Familienstrukturen und Rachemotiven.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Ziel ist es, die Wahrscheinlichkeit eines stoffgeschichtlichen Zusammenhangs zwischen dem „Codex Regius“ und der „Kudrun“ anhand von Parallelen und Gegensätzen zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Die Verfasserin nutzt eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, bei der Textstellen und Handlungsverläufe beider Werke einander gegenübergestellt und in ihrem jeweiligen Kontext interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Quellensituation, eine detaillierte Analyse der „Gudrunlieder“ und einen motivgeschichtlichen Vergleich der Themen Brautwerbung, Brautraub, Leidenszeit und Rache.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit zeichnet sich durch die Begriffe Kudrun, Liederedda, Motivvergleich, Quellenanalyse, Rache und Versöhnung aus.
Wie unterscheidet sich die Leidensdarstellung in den „Gudrunliedern“ von der „Kudrun“?
Während die Gudrun der „Lieder-Edda“ an ihrem Leid zerbricht und auf blutige Rache sinnt, erträgt die Kudrun des Heldenepos ihr Schicksal mit Geduld und Hoffnung, was auf eine christliche Umdeutung des Stoffes hindeutet.
Welche Rolle spielt die Mutterfigur in den verglichenen Texten?
In den „Gudrunliedern“ agiert die Mutter oft skrupellos und drängt die Tochter in eine unwillkommene Ehe, während die Mutterfigur in der „Kudrun“ als Teil eines starken, sich sorgenden Familienverbandes gezeichnet wird.
- Quote paper
- Feli Zaucker (Author), 2008, Sind die "Gudrunlieder" des "Codex Regius" eine Quellengrundlage der "Kudrun"?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133688