Im Folgenden soll "Vielleicht Esther" von Katja Petrowskaja im Kontext der Mehrsprachigkeit, von der das Werk lebt, betrachtet werden: Was veranlasst die Erzählerin, im Deutschen, der Sprache der Täter*innen des Nationalsozialismus, ihre Literatursprache zu suchen (und zu finden)? Welche Rolle spielt die russische Sprache als Ausgangs- und Sozialisationssprache der Erzählerin, warum entscheidet sie sich gegen sie? Im Zeichen soziologischer Ansätze zur Theorie der Mehrsprachigkeit soll auch darauf eingegangen werden, inwiefern Katja Petrowskaja eine Sprache entwirft, die sich als Akt der Desintegration im Sinne Max Czolleks und als Beispiel der Literatur der Deterritorialisierung lesen lässt, sodass sie sich schließlich im "sprachlichen Zwischenraum" befindet.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. VIELLEICHT ESTHER ALS POSTMONOLINGUALES ZEUGNIS
2.1. MEHRSPRACHIGKEIT UND DETERRITORIALISIERUNG
2.2. AUS DEM RUSSISCHEN
2.3. INS DEUTSCHE
3. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Katja Petrowskaja in ihrem Werk Vielleicht Esther die deutsche Sprache als Medium der Erinnerung und Identitätskonstruktion einsetzt, während sie gleichzeitig ihre russische Herkunft sowie den Verlust des Jiddischen reflektiert. Im Zentrum steht die Frage nach der Motivation des Sprachwechsels zum Deutschen als „Sprache der Täter“ und der Entwicklung einer transnationalen, postmonolingualen Erzählweise, die gängige Identitäts- und Integrationsparadigmen subversiv untergräbt.
- Mehrsprachigkeit als literarische Praxis
- Der Prozess der Deterritorialisierung
- Sprachwechsel als Emanzipation und Erinnerungsarbeit
- Das Konzept des „Dazwischen“ und die Überwindung des monolingualen Paradigmas
- Die Rolle des Deutschen als „Sprache der Stummen“
Auszug aus dem Buch
2.3. Ins Deutsche
Die deutsche Sprache ist in Vielleicht Esther eine – obwohl bisher fremde – essentielle Trägerin der Erinnerung, die Petrowskaja festhält. Der Bruder der Erzählerin wählt Hebräisch als die Sprache seiner Zuflucht, während sie selbst sich im Deutschen wiederfindet: „Gemeinsam schufen wir, mein Bruder und ich, durch diese Sprachen ein Gleichgewicht gegenüber unserer Herkunft.“8 Das vorbelastete Russisch und das verlorene Jiddisch sind Abbild des Ungleichgewichtes, das durch diese zwei neuen Sprachen gelindert werden soll. Das Deutsche stellt einen Bruch mit dem Vergangenen und Alten dar, einen Ausbruch aus der Routine, fixiert in der „Spannung der Unerreichbarkeit“9. Deutsch war und bleibt für die Erzählerin immer ein Ausdruck eines ‚Dazwischen‘, eines Nicht-Ankommens: „Ich begehrte Deutsch so sehr, weil ich damit nicht verschmelzen konnte, getrieben von einer unerfüllbaren Sehnsucht, einer Liebe, die weder Gegenstand noch Geschlecht kannte […].“10 Weil sie erst spät in ihrem Leben in die deutsche Sprache eintaucht, hat das Deutsche nicht mehr das Potential, denselben ‚absorbierenden‘ Effekt auf die Erzählerin zu entwickeln wie das Russische. Die Sprache verleiht Petrowskaja und ihrem Ich Distanz zum Erzählten, erlaubt ihr eine Draufsicht auf ihre eigene Familiengeschichte,11 weil die Sprache ganz von selbst auf Distanz bleibt. Bühler-Dietrich schreibt: „In der ‚unerfüllbaren Sehnsucht‘ der deutschen Sprache wird der Schmerz als Sehnsucht nach dem verlorenen Objekt aufrechterhalten.“12 Die Wahl des Deutschen bedeutet für die Erzählerin kein Abschließen mit der Vergangenheit, sondern ist die Konsequenz der Verlusterfahrung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung situiert Katja Petrowskajas Werk Vielleicht Esther im Kontext der Mehrsprachigkeit und skizziert die methodische Untersuchung der Sprachwahl als Akt der Desintegration und Deterritorialisierung.
2. VIELLEICHT ESTHER ALS POSTMONOLINGUALES ZEUGNIS: Dieses Kapitel analysiert die Funktion der Mehrsprachigkeit, die Distanzierung vom imperialen Russisch und die ambivalente Hinwendung zum Deutschen als Medium der Erinnerungsarbeit und Identitätsfindung.
3. ZUSAMMENFASSUNG: Das abschließende Kapitel fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen, insbesondere die Notwendigkeit einer zwischensprachlichen Position, um eine komplexe, von nationalen Grenzen unabhängige Erinnerungskultur zu etablieren.
Schlüsselwörter
Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther, Mehrsprachigkeit, Postmonolingualität, Erinnerungskultur, Identitätskonstruktion, Deterritorialisierung, Erinnerung, Sprachwechsel, Shoah, Desintegration, Transkulturalität, Jiddisch, Russische Sprache, Deutsche Sprache
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die Autorin Katja Petrowskaja in ihrem Prosawerk ihre eigene Familiengeschichte im Kontext von Mehrsprachigkeit und Identitätsverlust unter der Verwendung der deutschen Sprache reflektiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Sprachmigration, die Dekonstruktion nationaler Identitätskonzepte, das Verhältnis zur Muttersprache sowie die Art und Weise, wie Gedenken an die Shoah in einer nicht-monolingualen Form gelingen kann.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Petrowskaja durch die Wahl des Deutschen als „Sprache der Täter“ eine neue, subversive Identität entwirft und eine „postmonolinguale“ Erzählweise nutzt, um sich von festgelegten gesellschaftlichen Rollen zu lösen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die soziologische Ansätze zur Theorie der Mehrsprachigkeit (u.a. von Yasemin Yildiz und Max Czollek) einbindet, um das Werk in den Diskurs zeitgenössischer Migrationsliteratur einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Mehrsprachigkeit, die kritische Betrachtung des Russischen als imperialer Sprache und die Ambivalenz des Deutschen als Distanz wahrendes, neues Medium der Ausdrucksweise.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlagworte wie Postmonolingualität, Deterritorialisierung, Erinnerungskultur, Desintegration und Transkulturalität fassen den theoretischen und inhaltlichen Kern der Arbeit zusammen.
Welchen Stellenwert nimmt das Jiddische im Text ein?
Das Jiddische wird als verlorene Familiensprache identifiziert, deren Tilgung durch das Russische eine traumatische Verlusterfahrung darstellt, die für die Erzählerin eine schmerzhafte Wunde in ihrer Identität bildet.
Was bedeutet der Begriff „Stummheit“ im Kontext der Arbeit?
Der Begriff ist doppeldeutig: Er bezieht sich einerseits auf die Etymologie des Wortes „nemeckij“ (deutsch/stumm), andererseits auf die familiäre Tradition der Taubstummenlehre, die wiederum mit der Unterdrückung jüdischer Identität und Minderheitensprachen in der Sowjetunion verknüpft ist.
- Citar trabajo
- Thies J. Hansberg (Autor), 2022, Zwischen Mehrsprachigkeit und Sprachlosigkeit. Deterritorialisierung in Katja Petrowskajas "Vielleicht Esther", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1337211