Die Ansicht Sabine Kyoras, „dass Popliteratur nicht verwechselt werden sollte mit Literatur, die einfach nur gut lesbar und deswegen erfolgreich ist“ (Kyora 2004, 111f.), ist gleichermaßen weit verbreitet wie unstrittig. Ebenso unstrittig sollte eigentlich auch die Ablehnung der dazugehörigen Antithese sein, die entsprechend lauten müsste: Eine Literatur die sich gut liest und gut verkauft, ist nicht zwangsläufig Popliteratur. Dennoch
scheint es von Seiten der Literaturwissenschaft zumindest im Fall das Schriftstellers Sven Regener eine gewisse Skepsis gegenüber seiner kommerziell äußerst erfolgreichen Herr Lehmann – Reihe zu geben. Anders ist es kaum zu erklären, dass bisher weder zu seinem
seit 2001 veröffentlichten Roman Herr Lehmann, noch zu dessen seit 2004 erhältlicher Vorgeschichte Neue Vahr Süd Publikationen erschienen sind. Diese Arbeit widmet sich dem im Herbst 2008 erschienenen Roman Der kleine Bruder1, der als Mittelteil zwischen
Neue Vahr Süd und Herr Lehmann die Trilogie vollendet.
„Es sollte nicht mit der Fahrt durch einen langen, dunklen Tunnel beginnen. Oder vielleicht doch“ (DKB 9) heißt es im ersten Kapitel des Buches. Die Symbolik dieses Bildes, das im Roman die Suche der Hauptfigur nach einem neuen Platz im Leben
widerspiegelt, trifft auch auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Werk zu. Am Anfang herrscht erkenntnistheoretische Dunkelheit, denn außer einigen im
Internet verfügbaren Buchbesprechungen der renommierten Wochen- und Tageszeitungen gibt es keine Quellen, die sich bisher mit Der kleine Bruder auseinandergesetzt haben.
Deshalb wendet diese Arbeit einige der gängigen Theorien zur Popliteratur als Zugriffsschlüssel auf den hier untersuchten Roman an, auch wenn bisher noch niemand
nachgewiesen hat, dass Regeners Erzählung tatsächlich zu dieser literarischen Strömung zählt. Dabei wird allerdings nicht explizit das Ziel verfolgt, letztlich eine eindeutige
Antwort auf die Frage zu finden, ob sich der Roman der Popliteratur zurechnen lässt oder nicht. Es gilt vielmehr herauszuarbeiten, welche Merkmale popliterarischer Werke der
Roman beinhaltet, wie er diese umsetzt und welche Funktion sie für den Text erfüllen.
Auf der anderen Seite wird ebenfalls darauf zu achten sein, welche literarischen
Merkmale, die für gewöhnlich dem Pop zugerechnet werden, dieser Roman nicht enthält und in wie fern dies für die Beschaffenheit des Textes relevant ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pop oder nicht Pop?
2.1 Ein Einblick in den Diskurs
2.2 Marken- und Medienverweigerung
2.3 Die Rückkehr zum Erzählen
2.4 Narration
3. Archivierung
3.1 Die Handlung
3.2 Die Dialogstruktur
3.2.1 Implikaturtheorie nach Grice
3.2.2 Verstöße gegen die Konversationsmaximen
3.2.3 Tubaspielen und Sprach-Kung-Fu
3.3 Der Kunstdiskurs
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Sven Regeners Roman „Der kleine Bruder“ im Hinblick auf seine literarischen Merkmale und die Frage, ob das Werk der Popliteratur zuzurechnen ist. Dabei steht insbesondere im Fokus, wie Regener durch das Fehlen klassischer Pop-Elemente und die Nutzung spezifischer Erzähl- und Dialogstrategien ein Milieu der 1980er Jahre archiviert.
- Analyse der Popliteratur-Theorien (insb. nach Moritz Baßler)
- Untersuchung der Marken- und Medienverweigerung im Roman
- Analyse der narrativen Struktur und des Kriminalroman-Elements
- Anwendung der Grice’schen Konversationsmaximen auf die Dialoge
- Diskussion des künstlerischen Milieus und des Kunstdiskurses
Auszug aus dem Buch
3.2.3 Tubaspielen und Sprach-Kung-Fu
Den entscheidenden Hinweis auf das, was die Hauptperson des Romans in Berlin zu erwarten hat, liefert der Text schon im zweiten Kapitel. Auf Franks Frage, ob es etwas gebe, dass er in Berlin beachten müsse, antwortet sein Kumpel Wolli: „Hier kann man nichts falsch machen. Hier ist alles scheißegal! [...] In Berlin wohnen ist wie Tubaspielen: Hauptsache du pupst ordentlich rum!“ (DKB 18). Interessanterweise wird diese Textpassage dann auch gleich von drei Rezensionen herausgehoben, allerdings ohne dass auch nur einer der Rezensenten ihre Bedeutung als Stilprinzip für einen großen Teil der Dialoge erkennt. Das, was mit Wollis Worten „rumpupsen“ heißt, beschreibt allerdings genau den Sachverhalt, der auf den vorangegangenen Seiten geschildert wurde. In Der kleine Bruder gilt es, sich in den Gesprächen zu profilieren, sich nicht Verlauf und Thema einer Konversation diktieren zu lassen, sondern selbst die Konversation zu dominieren Praktisch alle Figuren der Erzählung handeln danach und von Beginn seines Berlinaufenthalts an beobachtet Frank Lehmann, ob seine Mitmenschen dieses Prinzip beherrschen.
In der Mitte des Romans, nachdem die erste Nacht in Berlin überstanden ist, sitzt Frank in der Küche seiner WG und reflektiert über die Taktiken bei dieser Art der Gesprächsführung. Dabei kommt ihm als Vergleich für die sprachliche Auseinandersetzung in seiner neuen Umgebung ein Kung-Fu-Kampf in den Sinn:
Mal sehen, wer als erster was sagt, dachte er, wer als erster was sagt, hat verloren, das ist fast schon fernöstlich, dachte er und entsann sich eines Films, den er einmal gesehen hatte, eines Kung-Fu-Films [...] und der Kung-Fu-Meister hatte dem Helden erklärt, dass der, der zuerst angreift, automatisch im Nachteil sei. (DKB 158)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert den Forschungsgegenstand und hinterfragt die skeptische Haltung der Literaturwissenschaft gegenüber Sven Regeners „Herr Lehmann“-Trilogie.
2. Pop oder nicht Pop?: Dieses Kapitel beleuchtet den Diskurs um Popliteratur und untersucht, ob und wie der Roman trotz mangelnder Marken- und Medienpräsenz popliterarische Merkmale aufweist.
3. Archivierung: Hier wird analysiert, wie der Roman durch die Darstellung einer spezifischen Künstlerszene, der Handlung und komplexer Dialogstrukturen (basierend auf Grice) ein historisches Milieu archiviert.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass der Roman zwar nicht den typischen Pop-Parametern der 90er entspricht, aber durch seine spezifische Archivierung eines Diskurses dennoch als Werk der Popliteratur gelesen werden kann.
Schlüsselwörter
Sven Regener, Der kleine Bruder, Popliteratur, Moritz Baßler, Archivierung, Alltagskultur, Konversationsmaximen, Paul Grice, Dialogstruktur, Berlin, Kreuzberg, 1980er Jahre, Kunstdiskurs, Narration, Literarische Analyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, ob Sven Regeners Roman „Der kleine Bruder“ als Popliteratur klassifiziert werden kann, obwohl er sich durch den Verzicht auf typische Pop-Merkmale auszeichnet.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf den Theorien zur Popliteratur, der Archivierung von Alltagskultur, den narrativen Strukturen des Romans sowie der Analyse von Dialogen im Kontext von Machtkämpfen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die spezifischen Merkmale des Romans herauszuarbeiten, die ihn trotz seiner Distanz zu klassischen Pop-Klischees in den popliterarischen Kontext einordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Theorien, insbesondere die Ansätze von Moritz Baßler zur Archivierung, sowie linguistische Modelle wie die Implikaturtheorie nach Grice.
Was steht im Hauptteil der Untersuchung?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der Handlung, der Dialogstruktur – unter anderem durch die Missachtung von Konversationsmaximen – und der Bedeutung des Kunstdiskurses im Berliner Umfeld der 1980er Jahre.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind Popliteratur, Archivierung, Konversationsmaximen, Berliner Künstlermilieu, Dialogführung und literarische Strategien.
Welche Rolle spielt die „Kung-Fu-Logik“ in den Dialogen des Romans?
Sie dient dem Protagonisten Frank Lehmann als Metapher für seine Kommunikation: Wer als Erstes redet, bietet Angriffsfläche und verliert an Gesprächsdominanz.
Wie erklärt die Arbeit das „Verschwinden“ von Freddies Bruder?
Das Verschwinden wird als Handlungsrahmen genutzt, der weit über die bloße Suche hinausgeht und als Synonym für die Suche der Hauptfigur nach einem Platz im neuen Leben fungiert.
- Citar trabajo
- Hendrik Fieber (Autor), 2009, Pop oder nicht Pop? - Sven Regeners Roman "Der kleine Bruder" , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133730