Zur Wirkungsweise der traditionellen chinesischen Medizin in der ambulanten Betreuung


Diplomarbeit, 2001

111 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Akupunktur : Naturheilverfahren und Erfahrungsmedizin
1.1 Geschichtliche Grundlagen
1.1.1 Eine 2000jährige Philosophie mit rationalen, wissenschaftlichen Grundzügen
1.1.2 Die Charakteristik der Entwicklung von Wissenschaft in China und Europa
1.1.3 Erkenntnisse der TCM im Vergleich mit der Entwicklung der westlichen Medizin
1.1.4 Integrative Kontakte in Europa & weiterentwickelte Formen chinesischer Medizin
1.2 Die Untersuchung der Stellung von Akupunktur und Schulmedizin innerhalb kybernetischer Betrachtungsweisen
1.2.1 Regulationsmedizinische Grundbegriffe
1.2.1.1 Kybernetik
1.2.1.2 Information
1.2.1.3 Regulation
1.2.2 Regulative Systeme
1.2.2.1 Das Meridiansystem
1.2.2.2 Die Grundsubstanz
1.2.2.3 Biophotonen
1.2.3 Regulationsmedizin

2. Akupunkturwissenschaft : Bisherige Forschungsergebnisse
2.1 Anatomische und physiologische Besonderheiten von Akupunkturpunkten
2.1.1 Histologischer Aufbau
2.1.2 Elektrophysiologische Veränderungen
2.1.3 Thermische Besonderheiten
2.2 Regulationsmechanismen von Akupunktur
2.2.1 Nervale Regulationswege
2.2.2 Humorale Regulationswege
2.2.3 Experimentelle Phänomene
2.2.3.1 Das Meridiangefühl
2.2.3.2 Meridiane sind Lichtleitungen
2.3 Ausgewählte randomisierte Studien
2.3.1 Rehabilitatives Krafttraining
2.3.2 Psychische Belastungssituation
2.3.3 Anästhesiologie
2.4 Das „Münchner Modell“
2.4.1 Entstehung und Hintergründe
2.4.2 Ergebnisse der Beobachtungsstudien
2.4.2.1 Übersichtsergebnisse der beteiligten Kliniken
2.4.2.2 Ergebnisse der Klinik für TCM Kötzting
2.4.2.3 Verzerrungs- und Selektionseffekte

3. Wissenschaftliches Projekt im „Centrum für Traditionelle Chinesische Medizin“
3.1 Projektbedingungen
3.2 Zielstellung
3.3 Methodik
3.3.1 Probandenpool
3.3.2 Datenerfassung
3.3.2.1 Datenquellen
3.3.2.2 Erhebungsinstrumente
3.3.2.3 Datenauswahl
3.3.3 Statistische Auswertung
3.3.4 Qualitätssicherung
3.4 Ergebnisse
3.4.1 Demographische Indikationsverteilung
3.4.2 Therapeutische Leistungen
3.4.3 Allgemeiner Therapieerfolg
3.4.4 Ergebnisse Subgruppen
3.4.5 Therapiemotivation
3.4.6 Qualitätssicherung
3.4.6.1 Reliabilität
3.4.6.2 Positivselektionseffekte
3.5 Diskussion
3.5.1 Zielstellung
3.5.2 Methodenkritik
3.5.3 Ergebnisdiskussion

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang
Bildquellennachweis
Screenshots
Fragebogen
Checkliste
Danksagung
Eidesstattliche Erklärung

1. Akupunktur : Naturheilverfahren und Erfahrungsmedizin

1.1 Geschichtliche Vorbetrachtungen

1.1.1 Eine 2.000jährige Philosophie mit rationalen, wissenschaftlichen Grundzügen

Im alten China umfasste nach KÖNIG das System der TCM alle zu jener Zeit bekannten therapeutischen Verfahren. Dabei unterscheidet die altchinesische Medizin zwei Behandlungsmethoden:

Äußere Behandlungen Innere Behandlungen

Akupunktur & Moxabustion Pharmaka

Massage Diät

Bädertherapie meditative Verfahren

Gymnastik & Atemtherapie suggestiv magische Behandlungen

Die Akupunktur ist also nur ein Teil eines komplexen medizinischen Systems [15]. Gesicherte Quellen gehen von einer vor mindestens 2000 Jahre bereits angewandten und seitdem durch scharfe Beobachtung und gewonnene therapeutische Erfahrungen immer wieder korrigierten und differenzierten Behandlung aus [26;31;15]. Das Standardwerk und die erste dokumentierte Quelle ist das „huangdi neijing suwen“, das zur Zeit älteste bekannte Werk zur TCM. Übersetzt nach NEEDHAM bedeutet es „Handbuch der physischen Medizin des gelben Kaisers“ [26] und wurde erstmalig von SCHMIDT ins Deutsche übersetzt ( Titel „Klassiker des gelben Kaisers zur Inneren Medizin“). Es beinhaltet die Dialoge zwischen dem legendären gelben Kaiser Huang und seinen biologisch-medizinischen Beratern über das normale und abnormale Funktionieren des menschlichen Körpers sowie Diagnose, Prognose, Therapie und Diät. Genaue Entstehungsdaten dieses Werkes sind nicht bekannt. NEEDHAM geht davon aus, dass es sich beim neijing ähnlich verhält wie bei den Schriften des Hippokrates, welche zwar der Person Hippokrates zugeschrieben werden, jedoch zum größten Teil von vielen seiner Ärzte verfasst und noch einige Jahrhunderte später ergänzt und überliefert wurden. SCHMIDT legt sich ebenfalls nicht genau fest, aus welcher Zeit der huangdi neijing stammt. Geht man von den überlieferten Lebensdaten des Kaisers Huang (ebenfalls nicht gesichert ca.2.700–2.600 v.u.Z.) aus, wären das Werk und damit die Lehren der TCM 5.000 Jahre alt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1:

Die drei legendären Herrscher Fuxi, Shennong und Huangdi. Es handelt sich hier ursprünglich um lokale Gottheiten, denen später der Kaiserstatus zugesprochen wurde und die somit zu quasihistorischen Gestalten erhoben wurden. Huangdi wird u.a. die Einführung der Akupunktur und Shennong die Einführung der Kräutermedizin zugeschrieben.

Bild und Bildtext © by Herder-Verlag[1]

Die Trennung in äußere und innere Behandlungen nach KÖNIG sind in dieser Form bei NEEDHAM nicht erwähnt. Die chinesische Sprache ins Deutsche zu übersetzen verlangt oft eine Kompromisslösung. Vor allem bei der Übersetzung von Fachliteratur entstehen sehr viele „Schnittstellenverluste“ auf Grund der Besonderheiten der chinesischen Sprache. Chinesisch ist eine sehr alte Sprache, deren Schriftzeichen in unserem Sprachraum sofort ganze Wörter bedeuten. Die Piktogramme (chinesische Schriftzeichen) können zwar miteinander kombiniert und permutiert werden, weiterhin können gleiche Schreibweisen auf Grund unterschiedlicher Phonetik mehrere Bedeutung haben; insgesamt erlaubt die aus 214 Zeichen (ursprünglich waren es einmal 541 Zeichen) bestehende Sprache jedoch nur einen begrenzten Wortschatz. Es entstehen theoretisch bis zu 30 Bedeutungen für einen Laut. In Westeuropa hatte die Weiterentwicklung der Sprache vor allem bei wissenschaftlichen Termini durch die Kombination von arabisch, griechisch und Latein mehr Spielraum. Solche Möglichkeiten standen den Chinesen bei der Kreation neuer Worte nicht zur Verfügung [25]. Manchmal ist es daher nicht möglich, für chinesische Formulierungen „das Wort“ oder „eine“ Umschreibung im indogermanischen Sprachraum zu finden, und so entstehen sehr schnell Fehlinterpretationen.

In einigen Fällen (deutsche Fachliteratur) existiert sogar nur die Übersetzung einer Übersetzung. Dadurch werden die sprachlichen Verluste noch addiert [1].

Nach NEEDHAM existierte neben den neijing auch ein Handbuch der „äußeren Medizin“huangdi waijing. Nei und Wai bedeutet grob übersetzt innen und außen. Hier ist jedoch nach NEEDHAM nicht eine Lokalität gemeint. Nei steht hier für alles Innerweltliche, Rationale, Praktische, Konkrete, Wiederholbare, Verifizierbare in einem Wort Wissenschaftliche. Wai (außen) bedeutet alles Außerweltliche, alles, was mit Göttern und Geistern, mit Weisen und Unsterblichen zu tun hatte, alles Außergewöhnliche, Wunderbare, Fremde, Ungewohnte, Nicht-Irdische, Außerkörperliche oder Unkörperliche, für westliches Verständnis mit einem Begriff Übernatürliche (in den chinesischen Philosophien gibt es nichts außerhalb der Natur, auch wenn es noch so fremd erscheint). Das alles steckt in den kleinen Worten nei und wai. Diese Worte lassen sich nicht unkommentiert mit „innen“ und „außen“ übersetzten. Dies bewog NEEDHAM, von physischer und nicht-physischer Medizin zu sprechen. Die Manuskripte der nicht-physischen Medizin (huangdi waijing) verschwanden während der frühen Jahrhunderte unserer Zeitrechnung. Die Übersetzung des Titels von SCHMIDT „Klassiker des gelben Kaisers zur Inneren Medizin“ ist nach NEEDHAM falsch bzw. irreführend.

NEEDHAM interpretiert bereits aus der Tatsache des frühen Verschwindens des waijing und somit der Verbreitung der Lehren des neijing die Erkenntnis der damaligen Gelehrten, dass der magisch-religiöse Aspekt der chinesischen Medizin nebensächlichen Charakter hat.

In anderen Interpretationen tauchen für nei und wai erstmalig die Begriffe esoterisch und exoterisch auf. Esoterik steht dabei für inneres Wissen, der geheimen Lehre, die dem gemeinen Volk nicht zuteil werden darf.

Im neijing spricht an einer Stelle der Kaiser zu seinem Leibarzt: "Ich möchte nicht, dass die Menschen in China bloß mit Kräutermedizin oder mit groben Steinnadeln behandelt werden. Man soll sie mit kleinen, dünnen Nadeln stechen, die man in die Muskeln einführt, um Blutzirkulation und Energiekreislauf anzuregen. Ich wünsche, dass diese Art der Therapie über das ganze chinesische Reich verbreitet und an spätere Generationen überliefert wird. Dazu ist Voraussetzung, dass man eine klare Methodik der Nadelbehandlung herausarbeitet."(Krämer, 1996, S.17) [16]

Hier wird erstens deutlich, dass die Erkenntnissammlungen der TCM bereits im vorchristlichen China wissenschaftlichen Charakter hatten. Zweitens liegt die Übersetzung von nei im Sinne der Esoterik einer falschen Interpretation zu Grunde und kann verworfen werden.

1.1.2. Die Charakteristik der Entwicklung von Wissenschaft in China und Europa

Die heutige moderne Wissenschaft setzt sich aus Beiträgen aller Völker der alten Welt zusammen. Eine chinesische Redewendung spricht von „den Flüssen, die dem Meer ihre Aufwartung machen“ [26]. Jeder Beitrag steht für einen Fluss, der ins Meer der Wissenschaft mündet. Es ist heute allgemein bekannt, dass viele naturwissenschaftliche Entdeckungen chinesischen Ursprungs sind, oft wurden sie, Jahrhunderte bevor die Europäer sich damit auseinander setzten, bereits angewandt. Genannt seien die Erfindungen des Schießpulvers, des Papiers, der Druckkunst und des magnetischen Kompasses.

NEEDHAM begründet den Vorsprung chinesischen Wissens vom 1. Jh. v.u.Z. bis zum 15. Jh. u.Z. gegenüber Europa primär mit den sozialen, intellektuellen und ökonomischen Strukturen beider Zivilisationen. Die selben Strukturen verhinderten bzw. verzögerten später in China eine Entwicklung der modernen Wissenschaft, d.h. die Überprüfung mathematischer Hypothesen über natürliche Phänomene durch systematische Experimente [26].

Ein Beispiel hiefür ist die Seefahrt, ein zentraler Punkt in NEEDHAMs Erklärungsmodell. Aufgrund des kontinentalen Charakters Chinas spielte die Seefahrt für die ökonomische Entwicklung eine untergeordnete Rolle. In Europa hingegen brachte Seetüchtigkeit entscheidende ökonomische Vorteile: Expansionsmöglichkeiten, militärische Überlegenheit (und zwar bis zur Entwicklung einer modernen Luftwaffe), die Sklaverei und einen verbesserten Handel mit anderen Zivilisationen. Aufgrund der Sklaverei hatten frühe europäische Zivilisationen wenig Motivation zur Erfindung ökonomischer Techniken, da keine Probleme mit Arbeitskraftbeschaffung bestanden. Die Entwicklung des Handels brachte kaufmännische Gilden in eine im Laufe der Zeit immer bessere Position. Der ständig wachsende politische Einfluss der Kaufmannsklasse (auch nachzulesen in Marx: Das Kapital) war eng verflochten mit der Entwicklung einer modernen Technologie in Europa. Das Geld für wissenschaftliche Entdeckungen und Forschungen kam von den Kaufleuten, die nach besseren Handels- und Produktionsmöglichkeiten strebten.

Die chinesische Wirtschaft war auf Grund der kaum entwickelten Seefahrt und des dadurch fehlenden Menschenhandels nicht auf Sklavenarbeit aufgebaut, so gab es zwingende ökonomische Gründe für Erfindungen, die z.B. ein gigantisches Bewässerungssystem für das gesamte Land hervorbrachten. Die Chinesen entwickelten viel früher als die Länder des Mittelmeerraumes ein Zuggeschirr für Tiere, welches diese für schwere Arbeiten einsatzfähig machte. (Ein zwar nicht europäisches, jedoch passendes Beispiel: In Ägypten existierte Sklaverei, somit auch genug „Menschenmaterial“ für den Pyramidenbau. Es gab keinen Grund, Tiere einzusetzen, also entwickelten die Ägypter nicht das Zuggeschirr.) Das riesige Land mit den aufgrund seiner territorialen Ausdehnung infrastrukturellen Besonderheiten verlangte eine Regierungsform, die diesen Schwierigkeiten gerecht werden konnte. Der Staatsapparat stellte eine Art „ökonomisches Oberkommando“ dar; ein Netz von Städten, die jeweils von einem Gouverneur für den Kaiser regiert wurden [26]. Durch ein solches, an Unflexibilität leidendes Beamtentum wurde der exponentiell wachsender Einfluss der Kaufleute verhindert, welcher Europa nach der Renaissance einen wissenschaftlichen Vorsprung bescherte.

Die Entwicklung der von NEEDHAM angesprochenen ökonomischen, sozialen und intellektuellen Strukturen beeinflusste gleichermaßen die Medizin wie andere Naturwissenschaften. Auch in der Medizin kann man viele chinesische Pioniertaten auffinden, z.B. die Beschreibung des Blutkreislaufes, die Erkennung von Diabetes mellitus im 7. Jh., die Pockenimpfung im 10. Jh., die Zusammenstellung einer großen klassifikatorischen Beschreibung von Krankheiten von Cháo Yuan-Fang aus dem Jahre 610 (erstes zusammenfassendes Buch im europäischen Raum: Thomas Sydenham, “Fortschritte des Heilens“, 1692), das erste Handbuch der forensischen Medizin von SungTzú aus dem Jahre 1247 Hsi Yuan Lu (Reinigung von falschen Anschuldigungen) [26;28].

Ein expliziter Grund für das Auseinanderklaffen heutiger asiatischer und westlicher Denkweisen über Medizin ist nach NEEDHAM wie bereits beschrieben das Fehlen von Äquivalenten im westlichen Sprachraum für zum Teil ganz gewöhnliche Wörter wie han (kalt), das in einem sehr technischen Verständnis benutzt wird. SCHMIDT ist sogar der Meinung, dass z.B. der huangdi neijing für einen heutigen Chinesen kaum verständlich ist. Innerlinguistische Entwicklungen zweier Sprachen (klassische Literatursprache und Umgangssprache) in China sind die Gründe dafür. Die Eleganz des Ausdrucks und Ästhetik der Literatursprache bestanden für die alten Literaten Chinas darin, was sie schriftlich mitteilen wollten, so kurz wie möglich zu formulieren [31]. Das Ergebnis war eine Art Telegrammstil, der heute schwer decodierbar ist.

In allen anderen naturwissenschaftlichen Gebieten sind diese Übersetzungsprobleme nicht so präsent, daher hat sich die Fusion beider Denkweisen hier bereits vollzogen.

1.1.3 Erkenntnisse der TCM im Vergleich mit der Entwicklung der westlichen Medizin

Die altchinesische Medizin entwickelte - wie jede wissenschaftliche Darstellung - aus dem Weltbild ihrer Zeit zunächst Ideen oder theoretische Vorstellungen, um die praktische diagnostische und therapeutische Erfahrung, die empirisch belegt werden konnten, begründen und erklären zu können. Diese chinesischen Erklärungsansätze sind für Mediziner des 20. Jahrhunderts, deren Denken naturwissenschaftlich-kausal orientiert ist, kaum verständlich und daher schwer zugänglich. Ein Vergleich mit anderen medizinischen Entwicklungen der Geschichte zeigt jedoch ähnliche Erklärungsmodelle, aus denen sich z.B. auch die moderne westliche Schulmedizin in Europa entwickelte.

So wie in China die Idee von fünf natürlichen Erscheinungen (Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser), gekoppelt mit den Theorien des Yin und Yang bzw. der Lebenskraft Qi, zur Klärung aller Veränderungen und Prozesse im Körper herangezogen wird, benutzten andere Zivilisationen ähnliche Ansätze.

In Indien entstand die Ayurwedische Medizin - vermutlich früher als westliche Heilmethoden - bei der die fünf ayurwedischen Elemente Erde, Feuer, Luft, Wasser und Äther im Mittelpunkt standen. Es gab eine Lebenskraft ähnlich des Qi, welche Prana genannt wurde.

Im alten Griechenland begann im 5. Jh. v.u.Z. Empedokles von Akragas zu lehren, alles Leben würde auf vier Elementen (Feuer, Wasser, Luft und Erde) beruhen und diese wiederum würden mit den vier Körpersäften Schleim, Blut, schwarzer und gelber Galle korrespondieren [17]. Die griechische Ärzte gingen davon aus, dass Gesundheit ein Zustand war, der vom richtigen Gleichgewicht zwischen den Körpersäften abhing. Diese Theorie war die erste in Europa, die Krankheiten nicht übernatürlichen Ursachen zuschrieb. Sie beherrschte die Medizin des Westens für mehr als 2000 Jahre [28].

Insgesamt sind in über 106 Kulturen Vorstellungen einer universellen "Lebenskraft" zu finden, die als Grundlage des Lebens und der Lebensprozesse betrachtet werden [35].

Aus den Texten des huangdi neijing geht hervor, dass grundlegende Erkenntnisse über Aufbau und Funktion der Organe, über Ursachen und Entstehung von Krankheiten sowie deren Behandlung den Chinesen bereits damals vorlagen, richtungsweisend für die theoretischen und praktischen Grundlagen der TCM waren und mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft kompatibel sind. SCHMIDT sieht die Grundlage einer Erfahrungswissenschaft wie der TCM in der Beobachtung von Phänomenen, der Antizipation von darauf aufgebauten Schlussfolgerungen und der Zusammenfügung einzelner Teile in ein in sich geschlossenes und kohärentes System. Das entstandene Erklärungsmodell kann wie oben bereits erwähnt mit denen anderer damaliger Kulturen verglichen werden (Indien, Griechenland...). Im Ansatz sind damit grundlegende methodologische Ansprüche an die Wissenschaftlichkeit und Rationalität auch der TCM aus einer zeitgenössischen Perspektive erfüllt [31].

SCHMIDT bringt einige Beispiele für das westliche medizinische Verständnis traditioneller chinesischer Theorien. Die Konzeption des Qi als Lebensenergie, die alle Teile des Körpers versorgt, weist auf ein grundlegendes Verständnis der mit dem Stoffwechsel des Körpers zusammenhängenden Vorgänge aus biochemischer Perspektive hin. Bezogen auf den Organismus lässt sich die Yin - Yang - Theorie, betrachtet als ein harmonisches Gleich-gewicht im Sinne einer angemessenen Körperfunktion unter Einbindung einzelner Körperteile und -organe in ein funktionelles System, z.B. auf die schulmedizinischen Begriffe Sympathikus, Parasympathikus und Homöostase sehr gut anwenden und mit anatomischen Fakten belegen. Als dritten Punkt erwähnt SCHMIDT die in der TCM angewandte Pulsdiagnostik, die ein sehr frühes Verständnis für den funktionellen Zusammenhang zwischen Herztätigkeit, Blutkreislauf und Blutdruck im Hinblick auf Quantität und Qualität deutlich macht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammenfassend wurden nach SCHMIDT, KÖNIG und NEEDHAM grundlegende anatomische, physiologische und pathophysiologische Wahrheiten mit Hilfe der TCM zeitgeschichtlich viel früher erkannt als in der westlichen Medizin. Dabei hatte die westliche Medizin einen vergleichsweise höheren theoretischen und materiellen Aufwand, der aufgrund der unter Punkt 1.1.2 angesprochenen sozialen, ökonomischen und intellektuellen Strukturen für diese grundlegenden Erkenntnisgewinnungen notwendig war.

1.1.4. Integrative Kontakte in Europa & weiterentwickelte Formen chines. Medizin

Die ersten Kontakte Europas mit chinesischer Medizin traten nachweislich im 18. Jh. auf (ein 5200 Jahre alter archäologischer Fund aus dem Hauslabjoch, der Spuren von Nadelungen aufweist, deutet auf ein Bestehen der Akupunkturbehandlung auf hohem Niveau in Europa zu einem sehr frühen Zeitpunkt hin). Durch die Kolonialbesitzungen in Indochina kamen zunächst die Franzosen sehr frühzeitig mit der Akupunktur in Berührung [20]. Gegen Ende des 18. Jh. erschienen die ersten, von DE LA FUYE in französischer Sprache geschriebenen Lehrbücher über Akupunktur. Die TCM war zu diesem Zeitpunkt (und ist zum Teil auch bis heute) in Europa mit dem Ruf des Mystischen und Unwissenschaftlichen behaftet, da die damalige Schulmedizin mit den altchinesischen Vorstellungen von vielfältigen Umweltbeziehungen und wechselseitigen inneren Verbindungen nichts anfangen konnte, so KÖNIG [15]. Trotzdem oder gerade deshalb strebten zu dieser Zeit (vor allem zu Beginn bzw. Mitte des 20. Jh.) „Akupunktur-Pioniere“ in Frankreich und Deutschland, aber auch in Russland und Österreich nach Weiterentwicklungen und wissenschaftlichen Beweisen für deren Wirkungsmechanismen.

In Frankreich ist neben DE LA FUYE in erster Linie der Arzt NOGIER zu nennen. Sein Verdienst liegt vor allem in der Systematisierung einer von ihm entwickelten Ohr-Akupunktur. Er entdeckte durch Zufall und erarbeitete dann eine komplette Somatotopie im Bereich der Ohrmuschel [1;33]. 1957 wurden dann die ebenfalls von ihm erarbeiteten Zusammenhänge zwischen Ohrpunkten und korrespondierenden Körperteilen veröffentlicht. Weiterhin entdeckte er den RAC (reflexe auriculo-cardiaque), ein kutivaskuläres Phänomen, mit dessen Hilfe man diagnostisch in der Lage ist, eine gestörte bzw. behandlungsbedürftige Zone aufzufinden.

Neben NOGIER ist der deutsche Arzt BAHR zu nennen. Er vertiefte die Erkenntnisse von NOGIER auf dem Gebiet der Ohrakupunktur und trug entscheidend zur Weiterentwicklung der Auriculomedizin bei.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 3

Ohr-Somatotopie des Menschen.

Das Bild zeigt die Lage aller Körperteile projiziert auf die Oberfläche des Ohres. Mit Hilfe der Stimulation der sich dadurch ergebenen Punkte ( z.B. ein Punkt für das Auge) nehmen Ohrakupunkteure Einfluss auf das dazugehörige Körperteil.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Elektroakupunktur ist die Verbindung von traditioneller Nadelung mit reiz-physiologischen Erkenntnissen. Hierbei wird die Stimulation des mit einer Nadel gestochenen Areals (traditionell wird durch drehen der Nadel in der Haut stimuliert ) durch elektrischen Strom unterschiedlicher Frequenzen erreicht. Früheste Erkenntnisse hierzu sind ebenfalls auf die Verdienste von DE LA FUYE zurückzuführen, der die ersten Experimente Mitte des 18. Jh. mit elektrischen Stimulationen von Akupunkturpunkten durchführte [20]. Als Pionier auf diesem Gebiet ist zweifellos an erster Stelle der deutsche Arzt VOLL zu nennen. In den 50er Jahren entwickelte er basierend auf den bis dahin gewonnenen Erkenntnissen um die Elektroakupunktur ein Diagnose- und Therapieverfahren (Elektro-Akupunktur nach Voll – EAV), mit dessen Hilfe man ähnlich anderen bioenergetischen Messverfahren in der Lage ist, den Organismus belastende Irritationen anhand aktiver Akupunktur-Punkte zu erkennen und durch gezielt ermittelte Medikamente zu behandeln [20;37].

Der deutsche Arzt und Akupunkteur GLEDITSCH entdeckte und begründete nach vieljähriger Beobachtungszeit eine Somatotopie im Bereich der Mundhöhle. Seine Beobachtungen bezogen sich auf die im Gefolge verschiedener Funktionsstörungen auftretenden Druckempfindlichkeiten bestimmter Areale im Lippen- und Wangenbereich. Darauf basierend entstand im Laufe einiger Jahre das Konzept der Mundakupunktur [10].

1.2 Die Untersuchung der Stellung von Akupunktur und Schulmedizin innerhalb kybernetischer Betrachtungsweisen

Die nachfolgend kurz angeführten begrifflichen Definitionen sind ausführlich dokumentiert in BAHR (1992), WÜHR (1996), FISCHER (1998), BISCHOF (1995).[2]

1.2.1 Regulationsmedizinische Grundbegriffe

1.2.1.1 Kybernetik

Kybernetik ist die interdisziplinäre Wissenschaft, die sich mit Kommunikations- und Steuerungssystemen in lebenden Organismen, Maschinen und Organisationen beschäftigt. Der Ausdruck ist vom griechischen Wort kybernetes („Rudergänger“ oder „Kommandant“) abgeleitet und wurde zum ersten Mal 1948 vom Mathematiker Norbert Wiener auf die Theorie von Steuermechanismen angewendet [24]. FISCHER definiert die Kybernetik als die Wissenschaft von Kontrolle und Information [9]. Ein „CYBORG“, ein CYBernetischer ORGanismus ( -begrifflich eine Tautologie !), ist ein künstlich geschaffenes System, das sich selbst steuert, im Gegensatz zu einem Roboter, der von einem Programm gesteuert wird. Der Unterschied liegt vor allem im Informationsaustausch zwischen Steuerung und Gesteuertem. Eine interaktive Kommunikation zweier Systeme erfüllt begrifflich die Bedingungen für Kybernetik. Ein einfaches Beispiel aus der Technik, mit dem jeder bereits konfrontiert wurde, ist das ABS im Auto. Die Bremskraft und die Traktion stellen zwei sich gegenseitig regelnde physikalische Größen dar, welche mit Hilfe von Sensoren und Informationsübertragungs-mechanismen in direkte Abhängigkeit zueinander gebracht werden. Viele dieser einfachen, aber auch viel komplexere Kreisläufe funktionieren in dieser interaktiven Form in unserem Organismus. Ein einfaches Beispiel ist die Interaktion zwischen Muskelspindel und Muskel, ein etwas komplexerer Kreislauf ist die hormonelle Steuerung des gesamten Kalziumhaushaltes. Die Schwierigkeit eines Organismus aus kybernetischer Sicht besteht in der Einbeziehung seiner Umwelt. Der Organismus ist ein halboffenes System, das sich an alle nur erdenklichen Veränderungen der Parameter seiner Umwelt anpassen muss.

Ein kybernetisch arbeitendes System ist bestrebt, so ökonomisch wie möglich eine Homöostase aufrecht zu erhalten. Dabei bedient es sich einer Vielzahl von interagierenden Regelkreisen. Jede Veränderung eines Parameters (Sollwert) zieht bei einem intakten System eine Korrektur des Istwertes eines dieser Regelkreise nach sich. Dabei muss der Sollwert eines Regelkreises nicht immer konstant sein, er ist möglicherweise die zu regelnde Größe eines anderen Regelkreises (z.B. wird der Blutdruck des menschlichen Organismus von verschiedenen Reglern einem Sollwert angepasst. Dieser Sollwert verändert sich je nach momentaner Stoffwechsellage nach oben bzw. nach unten). Regelkreise, die nach diesem Prinzip der Stabilisierung eines Sollwertes arbeiten, bezeichnet man als Regler mit negativer Rückkopplung. Sie dienen der Aufrechterhaltung einer Homöostase und somit der Stabilisierung des Systems, verringern jedoch durch ihr starres Verhalten die Anpassungsfähigkeit eines Systems. Demgegenüber stehen Regler mit positiver Rückkopplung. Sie sind in der Lage, mitunter explosionsartig alte Ordnungszustände eines Systems aufzuheben und neue Ordnungen zu entwickeln, die einer großen Dynamik unterliegen und somit dem System eine große Flexibilität verleihen (Ein Beispiel wäre die Regelung einer Muskelkontraktion quergestreifter Muskulatur nach dem „Alles oder Nichts-Gesetz“. Erst bei überschreiten einer bestimmten Reizschwelle von ca. 20mV Potentialdifferenz gibt das System die alte Ordnung - das Ruhepotential von ca. -70 mV - auf, um explosionsartig in einen Zustand neuer „Ordnung“ – das Aktionspotential von ca. +40mV - zu gelangen.). Bei der Wiederherstellung der verstellten Parameter (bzw. Herstellung einer neuen Ordnung) ist das Einschwingverhalten der Regelkreise in die angestrebten Sollwerte ein Gütekriterium für die Effizienz des Systems. Ähnlich eines Stoßfängers am Fahrgestell eines Autos ist die schnell sinkende Amplitude während des Einschwingens Ausdruck für ein ökonomisch arbeitendes kybernetisches System [9].

In der modernen Naturwissenschaft wird auf allen Ebenen der Natur eine solche Systemtheorie herangezogen, um entdeckte Phänomene exakt erklären zu können [6]. Danach besteht das gesamte Universum vom Mikrokosmos bis hin zum Makrokosmos aus sich selbst organisierenden, offenen, vernetzten und interagierenden Systemen [12]. Nach WÜHR setzt sich diese Systemtheorie auch nach und nach in der Medizin durch. Demnach ist der menschliche Organismus ein biologisches System, das aus vielen Teilsystemen besteht, die wiederum durch Vernetzungssysteme (nachfolgend vom Verfasser als Medien interpretiert) miteinander verbunden sind. Sie kommunizieren miteinander und beeinflussen sich gegenseitig durch lineare und nichtlineare Wechselwirkung [38].

1.2.1.2 Information

Eines der Grundprinzipien und Voraussetzung für Kybernetik ist der Informationsaustausch in bzw. zwischen den kommunizierenden Systeme, für den der Organismus die verschiedensten Medien benutzt. Dabei bezieht sich nach WÜHR die Kommunikation sowohl auf die internen Teilsysteme als auch auf die externe hochkomplexe Vernetzung mit der Umwelt (z.B. andere biologische Systeme: Pflanzen, Tiere, Pilze, Viren). Nachfolgend werden einige Medien aufzählt, die als Vernetzungssysteme (Regelkreise) fungierend sich wiederum untereinander durch Informationsaustausch beeinflussen: das Nervensystem, das Hormonsystem, das Blut, die Lymphe und das Immunsystem. Alle genannten Medien sind schulmedizinisch etabliert und funktionieren auf einer biochemischen Ebene. Es gib jedoch auch Informationsüberträger, die z.B. auf einer physikalischen Ebene funktionieren. Wir nutzen sie bereits sehr intensiv in der Technik. Als Medien im Organismus sind sie ebenfalls durch verschiedene Experimente bereits nachgewiesen: elektrische Felder, magnetische Felder, Wärmestrahlung, Wärmeströmung, Wärmeleitung, Schwingungen, Wellen usw.. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein weiterer Informationsaustausch über Medien funktioniert, bzw. dass Medien vom Organismus benutzt werden, die wir weder kennen noch erforscht haben. Im Prinzip ist es denkbar, dass jede Art von Teilchenbewegung (die Wissenschaft ist erst vor kurzer Zeit experimentell überzeugt worden, dass die Lichtgeschwindigkeit zu durchbrechen ist; nur weil man bisher nicht in der Lage ist, den dreidimensionalen Raum zu verlassen, kann man nicht davon ausgehen, dass die Möglichkeit dazu nicht besteht) als Informationsübertragung vom Organismus genutzt wird. Ein Beispiel stellen telepathische Phänomene dar, welche nur mit physikalischen bzw. chemischen Gesetzen wissenschaftlich nicht erklärt werden können. Auch hier muss ein Informationsaustausch mit Hilfe von bisher noch nicht erforschten Medien stattfinden. Hypothesen bzw. erste gesicherte Erkenntnisse aus den Bereichen der Quantenphysik bilden gegenwärtig die Grundlage für neue Denkansätze.

[...]


[1] Bildquellennachweis siehe Anhang

[2] BISCHOF vermittelt einen hervorragenden Gesamteindruck zum Thema Biophotonik und ist sehr empfehlenswert.

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Zur Wirkungsweise der traditionellen chinesischen Medizin in der ambulanten Betreuung
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Sportmedizin und Prävention)
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
111
Katalognummer
V13382
ISBN (eBook)
9783638190541
Dateigröße
2213 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sammlung bisheriger Forschungsergebnisse eigene ambulante Evaluation Geschichtliche Ursachen und Zusammenhänge Regulationsmedizinischer Kontext
Schlagworte
TCM Regulationsmedizin
Arbeit zitieren
Matthias Arnold (Autor), 2001, Zur Wirkungsweise der traditionellen chinesischen Medizin in der ambulanten Betreuung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13382

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