Anhand von Theophrasts "Charakteren" und Aristoteles´ "Rhetorik" wird die Frage untersucht, ob es eine Historiographie gibt bzw. geben sollte, die sich an gesellschaftlichen Charaktertypen orientiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Kann und sollte sich Historiographie an gesellschaftlichen Charaktertypen orientieren?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Möglichkeit und Sinnhaftigkeit einer geschichtswissenschaftlichen Methode, die auf der Konstruktion und Analyse gesellschaftlicher Charaktertypen basiert. Dabei wird hinterfragt, inwieweit solche Typologisierungen historische Erkenntnisse ermöglichen oder durch ihre theoretische Vereinfachung eher den wissenschaftlichen Anspruch gefährden.
- Historische Entwicklung charakterbasierter Historiographieansätze
- Analyse antiker Quellen (Aristoteles, Theophrast) zur Charakterbildung
- Kritische Reflexion der anthropologischen Konstanten
- Problematik des modernen Charakterbegriffs in der Geschichtsforschung
- Vergleich von Mentalitätsgeschichte und charakterbasierter Deutung
Auszug aus dem Buch
Essay: Kann und sollte sich Historiographie an gesellschaftlichen Charaktertypen orientieren?
Der vorliegende Essay beschäftigt sich mit der Frage, ob es überhaupt eine Historiographie geben kann, die auf Charakteren basiert und welcher Art die Erkenntnisse sind, die eine solche aus vergangenen Versuchen, sich mittels der Definition oder Konstruktion gesellschaftlicher Charaktertypen ein Bild von Geschichte zu machen, gewinnen könnte.
Einen derartigen Versuch finden wir z.B. bei dem Würzburger Archäologen Heinrich Bulle Anfang 1896, der sich in seinem Buch „Der schöne Mensch im Altertum. Eine Geschichte des Körperideals bei Ägyptern, Orientalen, Griechen“ auf der Grundlage der Analyse antiker Schönheitsvorstellungen ein Bild der Altertums zeichnet, das vermutlich mehr über Ideale der europäischen Aufklärung aussagt als über diejenigen von Ägyptern, Orientalen und Griechen.
Bei Jacob Burckhardt erscheint der ideale Charakter des griechischen Menschen durch die harmonische Ganzheit seiner Anlagen definiert, deren Vervollkommnung er stets anzustreben bemüht ist. Wichtige Attribute dieses Menschen sind demzufolge Schönheit, Gesundheit, Begabung, Sprache usw. Ein vergleichbares Denken finden wir in den Völkerkunden des ausgehenden 19. Jh.: Hier wird ebenfalls durch die Untersuchung von Lebensumständen, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen versucht, Rückschlüsse auf den Menschen zu ziehen, allerdings ausgehend von den gegenwärtigen Verhältnissen in unterschiedlichen Regionen und erst in zweiter Linie von deren vorangegangener historischer Entwicklung, wobei am Ende die Postulierung von nationalen Identitäten steht.
Zusammenfassung der Kapitel
Kann und sollte sich Historiographie an gesellschaftlichen Charaktertypen orientieren?: Der Essay analysiert verschiedene historische Versuche der Charakterisierung des Menschen – von der antiken Rhetorik bis zur modernen Annales-Schule – und kommt zu dem Schluss, dass der Charakterbegriff für die moderne Geschichtswissenschaft aufgrund seiner Vereinfachung und subjektiven Konstruktion problematisch bleibt.
Schlüsselwörter
Historiographie, Charaktertypen, Aristoteles, Rhetorik, Mentalitätsgeschichte, Annales-Schule, Theophrast, Historische Anthropologie, Sozialisation, Identität, Geschichtsschreibung, Affektlehre, Kulturgeschichte, Selbstkontrolle, Konstruktivismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die wissenschaftliche Zulässigkeit und den Nutzen einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive, die Geschichte über die Definition und Analyse spezifischer Charaktertypen zu erklären versucht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die theoretischen Grundlagen des Charakterbegriffs, die Anwendung dieses Konzepts in der antiken Rhetorik und Literatur sowie die methodenkritische Auseinandersetzung mit historischer Forschung, die versucht, durch Typologien gesellschaftliche Zustände zu rekonstruieren.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob eine Historiographie, die sich an gesellschaftlichen Charaktertypen orientiert, wissenschaftlich haltbar ist und welche Erkenntnisse sie im Vergleich zu anderen methodischen Ansätzen liefern kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor wendet eine kritische Analyse- und Vergleichsmethode an, indem er historische Versuche (z.B. bei Burckhardt oder der Annales-Schule) sowie antike Quellen (Aristoteles, Theophrast) auf ihre methodische Stichhaltigkeit und ihren Aussagewert hin untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Aristotelische Affekt- und Charakterlehre, die literarischen Typenporträts bei Theophrast und die theoretischen Schwierigkeiten bei der Definition des Charakterbegriffs im Kontext der Geschichtswissenschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Historiographie, Charaktertypen, Mentalitätsgeschichte, Aristoteles, Annales-Schule und historische Anthropologie.
Warum hält der Autor den Begriff "Charakter" für problematisch in der Geschichtsforschung?
Der Autor argumentiert, dass der Charakterbegriff komplexe soziale Zusammenhänge zu stark vereinfacht und oft auf einer subjektiven, kulturell geprägten Konstruktion beruht, die den Ansprüchen moderner historischer Objektivität kaum genügt.
Welche Rolle spielt die Annales-Schule in der Untersuchung?
Die Annales-Schule wird als Beispiel für den Versuch angeführt, durch eine Mentalitätsgeschichte den "Menschen" in den Fokus zu rücken, wobei der Autor dieses Vorgehen als teilweise anachronistisch kritisiert, da es letztlich wieder bei der Erstellung von Charaktertypen landet.
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- Malte Sachsse (Author), 2008, Kann und sollte sich Historiographie an gesellschaftlichen Charaktertypen orientieren?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133849