Spätestens seit dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler in der Pisa-Vergleichsstudie ist Bildungspolitik wieder in aller Munde. Wie kaum eine Studie zuvor hat Pisa den Blick darauf gelenkt, wie stark der Bildungserfolg hierzulande von der sozialen Herkunft abhängt. Parallel dazu wird Bildungspolitik in jüngster Zeit auffällig häufig im Zusammenhang mit Reformen des Sozialstaates diskutiert: Seit den 90ern Jahren avancierte Bildung europaweit zu einem Schlüsselbegriff in sozialdemokratischen Parteiprogrammen (Busemeyer 2008). Die SPD formuliert es in ihrem aktuellen Grundsatzprogramm so: „Der vorsorgende Sozialstaat begreift Bildung als zentrales Element der Sozialpolitik.“ (SPD 2007: 56)
Bildung gehört offenbar irgendwie in den Wohlfahrtsstaat – bloß wie? Warum hängt der Bildungserfolg in einigen Ländern wie etwa in Deutschland besonders stark von der sozialen Herkunft eines Schülers ab, in anderen dagegen kaum? Haben vielleicht bestimmte, typische Merkmale des Wohlfahrtsstaates einen Einfluss darauf, wie durchlässig Bildungssysteme sind?
Im Zentrum dieser Arbeit soll die Frage stehen, ob so genannte familialistische Wohlfahrtsstaaten durch ungleichere Bildungschancen nach sozialer Herkunft charakterisiert sind. In Wohlfahrtsstaaten dieser Art liegen viele Fürsorgeaufgaben typischerweise in den Händen der Familie. Defamilialistische Wohlfahrtsstaaten dagegen – so die Vermutung – sollten vor allem deswegen gleichere Bildungschancen produzieren, weil Angebote öffentlicher Kinderbetreuung weit ausgebaut sind und herkunftsbedingte Startnachteile früh ausgleichen können.
Zunächst gebe ich einen kurzen Überblick über die inzwischen klassische Wohlfahrtstypologie von Esping-Andersen. Der zweite Block geht auf das Konzept des Familialismus ein, das an Esping-Andersens Typologie ansetzt. Ein Literaturüberblick und das Beispiel Deutschlands sollen deutlich machen, warum familialistische Wohlfahrtsstaaten mit weniger durchlässigen Bildungssystemen verbunden sind. Im dritten Teil möchte ich diese Vermutung empirisch mit Daten der OECD-Länder testen: Sind Mütter mit Kindern in Staaten, die viel in Kinderbetreuung investieren, wirtschaftlich unabhängiger von ihrer Familie – und vor allem: Hängen die Bildungschancen der Kinder dort weniger von der sozialen Herkunft ab? Ein Fazit fasst die Ergebnisse zusammen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat
2. Familialistische Wohlfahrtsstaaten und ungleiche Bildungschancen
2.1 Familialismus als Unterscheidungsmerkmal von Wohlfahrtsstaaten
2.2 Familialismus als Ursache ungleicher Bildungschancen
2.2.1 Bildung im familialistischen Wohlfahrtsstaat: Das Beispiel Deutschland
3. Hypothesen
3. Empirische Analyse
3.1 Datengrundlage
3.2 Erwerbstätigkeit von Müttern, Lesekompetenz und Chancengleichheit
3.3 Einflüsse auf die Erwerbstätigkeit von Müttern
3.4 Einflüsse auf die soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der wohlfahrtsstaatlichen Ausgestaltung von Familienpolitik und der Chancengleichheit im Bildungssystem. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob sogenannte familialistische Wohlfahrtsstaaten, in denen die Familie eine zentrale Versorgungsrolle einnimmt, stärker durch eine soziale Reproduktion von Bildungsungleichheit charakterisiert sind als defamilialistische Systeme.
- Wohlfahrtsstaatliche Typologien nach Esping-Andersen
- Konzept des Familialismus und dessen Varianten
- Einfluss der Erwerbstätigkeit von Müttern auf den Bildungserfolg der Kinder
- Empirische Analyse der OECD-Länder anhand von Pisa-Daten
- Bedeutung der Schulstruktur und frühkindlicher Betreuung
Auszug aus dem Buch
2.1 Familialismus als Unterscheidungsmerkmal von Wohlfahrtsstaaten
Esping-Andersens Typologie der Wohlfahrtsregime orientiert sich vorrangig am Arbeitsmarkt. Dieser Ansatz ist nicht ohne Kritik geblieben. Insbesondere von feministischer Seite wurde die Typologie der drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus als geschlechtsblind kritisiert, was Esping-Andersen zu einer Revision seines Ansatzes veranlasst hat.
In „Social Foundations of Postindustrial Societies“ (1999) erweitert er die Wohlfahrtsdyade aus Staat und Markt um die Familie als Wohlfahrtsproduzenten. Wohlfahrtsregime unterscheiden sich dadurch, wie die Produktion von Wohlfahrt innerhalb dieser Triade verteilt und organisiert ist. Zentral für die Bestimmung eines Wohlfahrtstypus ist damit nicht mehr allein das Ausmaß der Dekommodifizierung, sondern das Management sozialer Risiken im Allgemeinen. Arbeitsmarktrisiken sind nur ein Teil davon – daneben unterscheidet Esping-Andersen nun Risiken, die an Klassenzugehörigkeit geknüpft sind, Lebenslaufrisiken wie Armut im Alter oder in der Kindheit und schließlich intergenerationale Risiken wie etwa die Verknüpfung des Bildungserfolgs mit der sozialen Herkunft. Das Risikomanagement der einzelnen Bereiche der Wohlfahrtstriade folgt unterschiedlichen Logiken: Das Risikomanagement der Familie orientiert sich am Reziprozitätsprinzip, Risikomanagement am Markt gehorcht ökonomischen Imperativen und staatlich organisiertes Risikomanagement folgt den Regeln autoritativer Umverteilung.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Autor führt in die Problematik der Bildungsungleichheit ein und stellt die Hypothese auf, dass der Grad der wohlfahrtsstaatlichen Unterstützung von Familien maßgeblich für die Durchlässigkeit von Bildungssystemen ist.
1. Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat: Dieses Kapitel verortet Bildung im wohlfahrtsstaatlichen Aufgabenspektrum und diskutiert die Anwendbarkeit klassischer Typologien von Esping-Andersen auf das Politikfeld der Bildung.
2. Familialistische Wohlfahrtsstaaten und ungleiche Bildungschancen: Hier wird das Konzept des Familialismus als theoretischer Rahmen entwickelt und dargelegt, wie die primäre Verantwortung der Familie für Fürsorgeaufgaben mit herkunftsbedingten Bildungsnachteilen korrelieren könnte.
3. Hypothesen: Basierend auf den theoretischen Vorüberlegungen werden spezifische Vermutungen über den Zusammenhang von Erwerbsbeteiligung von Müttern, Transferzahlungen und der Chancengleichheit in Bildungssystemen abgeleitet.
3. Empirische Analyse: Anhand von OECD-Pisa-Daten aus dem Jahr 2000 prüft der Autor statistisch, inwiefern die aufgestellten Hypothesen über den Zusammenhang von Familienpolitik und Bildungsdurchlässigkeit empirische Stützung erfahren.
Fazit: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei die Komplexität und die eingeschränkte Aussagekraft der aggregierten Daten betont werden, während gleichzeitig die zentrale Bedeutung der Schulstruktur für die Chancengleichheit hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsstaat, Familialismus, Defamilialisierung, Bildungsungleichheit, soziale Herkunft, Pisa-Studie, Kinderbetreuung, Erwerbstätigkeit von Müttern, soziale Reproduktion, Bildungspolitik, Dekommodifizierung, Chancengleichheit, Familienpolitik, Bildungsdurchlässigkeit, OECD.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit die Wohlfahrtsstruktur eines Staates – speziell das Ausmaß, in dem Familien für soziale Fürsorge zuständig sind – den Bildungserfolg von Kindern und deren soziale Herkunft beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die vergleichende Wohlfahrtsstaatsanalyse, die Soziologie der Bildung sowie die familienpolitische Untersuchung von Erwerbsanreizen und institutioneller Kinderbetreuung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, empirisch zu prüfen, ob Staaten mit einer starken familialistischen Tradition (wenig staatliche Kinderbetreuung, hohe Eigenverantwortung der Familie) tatsächlich eine geringere soziale Durchlässigkeit in ihrem Bildungssystem aufweisen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine quantitative Analyse mittels OLS-Regressionen, basierend auf aggregierten Daten der Pisa-Studie 2000 sowie OECD-Datenbanken zu Sozialausgaben.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Wohlfahrtstypologien, die Herleitung von Hypothesen zu Familienpolitik und Bildung sowie die empirische Testung dieser Hypothesen mittels Datenvergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Familialismus, Defamilialisierung, soziale Reproduktion, soziale Gradienten und der Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit von Müttern und Bildungserfolg.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Herkunftseffekten eine Rolle?
Sie erklärt, ob Bildungsungleichheit durch unterschiedliche Leistungsvoraussetzungen (primär) oder durch schichtspezifische Bildungsentscheidungen (sekundär) zustande kommt.
Wie bewertet der Autor das deutsche Beispiel in diesem Kontext?
Deutschland wird als klassisches Beispiel für einen expliziten Familialismus identifiziert, der durch eine frühe Trennung von Bildung und Erziehung sowie ein unterausgebautes Betreuungssystem geprägt ist, was zu geringer Durchlässigkeit führt.
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- Bernd Kramer (Author), 2009, Bildungspolitik im Wohlfahrtsstaat , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133966