Die Qualität beruflicher Ausbildung ist für die Wirtschaft wie für den Einzelnen von hoher Bedeutung. Für die Betriebe sind gut ausgebildete Fachkräfte ein wichtiger Faktor der Stand-ortsicherung und Wettbewerbsfähigkeit. Für den Einzelnen beeinflusst die Qualität der Ausbildung entscheidend die Möglichkeiten der persönlichen Lebensführung sowie die Chancen der beruflichen Integration und Entwicklung. In dem Maße, in dem sich die gesellschaftlichen, demografischen und wirtschaftlichen Bedingungen wandeln, verändern sich auch die Anforderungen der einzelnen Anspruchsgruppen an die duale Berufsausbildung. Entspre-chend muss die Ausbildung kontinuierlich im Hinblick auf sich neu herausbildende Anforderungen weiterentwickelt werden.
Wenn es bei der Berufsausbildung in erster Linie um die Frage geht, wie vorhandenes Wissen und Können an die nächste Generation von Fachleuten weitergegeben wird, dann ist die Unterweisung eine angemessene Methode der Vermittlung. Sobald es in der Berufsausbildung aber auch darum geht, berufliche Handlungsfähigkeit zu vermitteln und die junge Generation zu befähigen, neuartige, unvorhersehbare Probleme zu lösen sowie den ständigen Wandel zu bewältigen, reicht die Unterweisung nicht mehr aus.
Der Expertenkulturansatz, ein didaktisches Rahmenkonzept für die betriebliche Ausbildung, versucht diesen Anforderungen gerecht zu werden. Er fordert, dass die Auszubildenden in die jeweilige Expertenkultur eingebunden werden. Diese Enkulturation zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die Lernenden aktiv an der Bearbeitung authentischer Problemstellungen beteiligt werden, wobei die Ausbilder ihre Vorgehensweise explizieren und begründen sowie den Lernenden effiziente Hilfestellungen geben. Ziel dieser handlungsorientierten Ausbildung ist es, Auszubildende allmählich zu domänenspezifischen Experten zu entwickeln und sie in die Arbeitswelt und in den betrieblichen Sozialisationsprozess zu integrieren. Für die Umsetzung dieser Forderungen ist ein adäquat qualifiziertes Ausbildungspersonal unerlässlich.
Insbesondere für betriebliche Ausbildungssituationen gibt es bisher nur wenige empirische Befunde über die Anwendung des Expertenkulturansatzes aus durch das ausbildende Personal. In dieser Arbeit wurde daher untersucht, inwieweit der Ansatz in der betrieblichen Ausbildungspraxis realisiert wird und inwiefern das Ausbildungspersonal für die Umsetzung der im Expertenkulturansatz geforderten Methoden qualifiziert ist.
Inhaltsverzeichnis
1 PROBLEMSTELLUNG UND AUFBAU DER ARBEIT
2 DER LERNORT BETRIEB IM RAHMEN DER DUALEN BERUFSAUSBILDUNG
2.1 Betrieblicher Nutzen der Berufsausbildung
2.2 Der Beitrag des Lernorts Betrieb zu den Ausbildungszielen
2.3 Die Ausbildungssituation im kaufmännischen Bereich
3 AUSBILDERINNEN UND AUSBILDER IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN BETRIEBLICHER REALITÄT UND PÄDAGOGISCHER NOTWENDIGKEIT
3.1 Die Situation und die Rolle der Ausbilderinnen und Ausbilder
3.2 Qualifizierung des betrieblichen Ausbildungspersonals
3.2.1 Der Rahmenstoffplan für die Ausbildung der Ausbilderinnen und Ausbilder
3.2.2 Die Aussetzung der AEVO und ihre Folgen
3.3 Qualifizierung und Professionalisierung des Bildungspersonals als Ansatz der Qualitätssicherung
4 DER EXPERTENKULTURANSATZ IM RAHMEN DER BETRIEBLICHEN AUSBILDUNG
4.1 Konzeptionelle Einordnung des Ansatzes
4.2 Komponenten des Expertenkulturansatzes
4.2.1 Experten vs. Novizen
4.2.2 Lernen als Enkulturation in eine Expertenkultur
4.2.3 Ethische Legitimierung: Die Verantwortungsbereitschaft als Ziel der Berufsausbildung
4.2.4 Zur Gestaltung betrieblicher Ausbildungssituationen im Sinne des Expertenkulturansatzes: Der Cognitive Apprenticeship-Ansatz
4.2.4.1 Die Dimension Inhalt
4.2.4.2 Die Dimension Methode
4.2.4.3 Die Dimension Sequenzierung
4.2.4.4 Die Dimension soziales Umfeld
4.3 Empirische Befunde
4.3.1 Empirische Befunde zur Einbindung von Auszubildenden in die betriebliche Expertenkultur
4.3.2 Studien zu möglichen Einflussfaktoren bezüglich der Einbindung von kaufmännischen Auszubildenden in die betriebliche Expertenkultur
4.3.3 Studie zum Zusammenhang zwischen der Einbindung von kaufmännischen Auszubildenden in die betriebliche Expertenkultur und ihrem Interesse
4.3.4 Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse
5 STUDIE ZUR RELEVANZ DES EXPERTENKULTURANSATZES IN DER BETRIEBLICHEN AUSBILDUNG
5.1 Untersuchungsdesign
5.1.1 Rekrutierung und Beschreibung der Stichprobe
5.1.2 Inhalt und Aufbau des Erhebungsinstruments
5.2 Aufbereitung und Auswertung des Materials
5.3 Ergebnisse der Studie
5.3.1 Kategorie 1: Zugewiesene Ausbildungsaufgaben und ihre Merkmale
5.3.2 Kategorie 2: Vorgehensweise bei der Unterweisung
5.3.3 Kategorie 3: Einbindung in die Expertenkultur
5.3.4 Kategorie 4: Rahmenbedingungen der Ausbildertätigkeit
5.4 Gütekriterien der Untersuchung
6 FAZIT UND FORSCHUNGSPERSPEKTIVEN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Diplomarbeit untersucht die Relevanz des Expertenkulturansatzes in der dualen betrieblichen Ausbildung im kaufmännischen Bereich. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, in welchem Ausmaß dieser Ansatz durch das betriebliche Ausbildungspersonal in der Praxis tatsächlich angewendet wird und welche Qualifikationsbedarfe sowie Rahmenbedingungen die Umsetzung beeinflussen.
- Analyse der Rolle des betrieblichen Ausbildungspersonals in der dualen Berufsausbildung.
- Theoretische Fundierung des Expertenkulturansatzes und des Cognitive-Apprenticeship-Konzepts.
- Empirische Untersuchung der Ausbildungspraxis anhand von Experteninterviews mit haupt- und nebenberuflichen Ausbildern.
- Identifikation von förderlichen und hemmenden Rahmenbedingungen für eine handlungsorientierte Ausbildung.
- Ableitung von Handlungsempfehlungen zur Professionalisierung des Ausbildungspersonals.
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Lernen als Enkulturation in eine Expertenkultur
Unter Enkulturation versteht man im pädagogischen Sinn die Gesamtheit bewusster und unbewusster Lern- und Anpassungsprozesse, durch die der Lernende im Zuge des Hineinwachsens in eine Gesellschaft die wesentlichen Elemente der zugehörigen Kultur übernimmt und folglich zu einer sozialen Persönlichkeit heranreift (Brockhaus 1988: 409). Durch Enkulturations- und Sozialisationsprozesse entwickeln sich zudem Überzeugungs- und Wertesysteme (Reimann/Krapp 2008: 195).
In der betrieblichen Ausbildung ist neben dem Ziel, die Auszubildenden mit den erforderlichen Kompetenzen zur Bewältigung beruflicher Anforderungen auszustatten, auch die Enkulturation als berufspädagogisches Ziel verankert. Das bedeutet, dass die Persönlichkeitsentfaltung der Auszubildenden und ihre Integration in Arbeits- und Sozialstrukturen zu fördern sind.
Für die Auszubildenden stellt die betriebliche Ausbildungswirklichkeit einen wesentlichen Bezugspunkt der berufs- und ausbildungsbezogenen Erwartungen dar. Sie treten in einen neuen Erfahrungsbereich ein, in dem sie sich auf Tätigkeitsanforderungen, Organisationsstrukturen und Interaktionsformen einstellen müssen, mit denen sie im Laufe ihrer bisherigen Sozialisation nur wenig zu tun hatten. Diesem Sachverhalt kommt aus pädagogischer Sicht besondere Aufmerksamkeit zu. Die Möglichkeit der persönlichen „Sinnerfüllung und sozialen Kommunikation“ muss in den Betrieben daher gewährleistet sein (Senatskommission 1990: 63).
Dazu soll der Auszubildende in eine Expertenkultur eingebunden bzw. in einer „community of practice“ situiert werden (Reinmann-Rothmeier/Mandl 1993: 4) und so zu einem Mitglied dieser Expertenkultur heranreifen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 PROBLEMSTELLUNG UND AUFBAU DER ARBEIT: Einführung in die Bedeutung beruflicher Ausbildungsqualität sowie Definition der zentralen Forschungsfrage und Aufbau der Untersuchung.
2 DER LERNORT BETRIEB IM RAHMEN DER DUALEN BERUFSAUSBILDUNG: Erörterung der betrieblichen Lernbedingungen und der Ausbildungssituation im kaufmännischen Bereich.
3 AUSBILDERINNEN UND AUSBILDER IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN BETRIEBLICHER REALITÄT UND PÄDAGOGISCHER NOTWENDIGKEIT: Darstellung der Rolle und Qualifizierung des betrieblichen Ausbildungspersonals sowie des Bedarfs an professioneller Weiterbildung.
4 DER EXPERTENKULTURANSATZ IM RAHMEN DER BETRIEBLICHEN AUSBILDUNG: Theoretische Herleitung des Expertenkulturansatzes, des Lernens als Enkulturation und des Cognitive-Apprenticeship-Modells.
5 STUDIE ZUR RELEVANZ DES EXPERTENKULTURANSATZES IN DER BETRIEBLICHEN AUSBILDUNG: Beschreibung des empirischen Untersuchungsdesigns, der Datenerhebung mittels Experteninterviews und Analyse der Ergebnisse.
6 FAZIT UND FORSCHUNGSPERSPEKTIVEN: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfragen, kritische Diskussion der Ergebnisse und Aufzeigen von weiterem Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Expertenkulturansatz, Duale Berufsausbildung, Ausbildungspersonal, Cognitive Apprenticeship, Enkulturation, betriebliches Lernen, Berufspädagogik, Ausbilder, Handlungsfähigkeit, Wissensvermittlung, Qualitative Forschung, Lernumgebung, Beruflicher Kompetenzerwerb, Professionalisierung, betriebliche Sozialisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie betriebliche Ausbildungsprozesse im kaufmännischen Bereich gestaltet sind und inwiefern dabei der wissenschaftlich fundierte „Expertenkulturansatz“ Anwendung findet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Rolle des betrieblichen Ausbildungspersonals, die Anwendung konstruktivistischer Lehrmethoden (wie Cognitive Apprenticeship) sowie die Rahmenbedingungen, unter denen betriebliche Ausbildung in Deutschland stattfindet.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, zu ermitteln, welche Relevanz der Expertenkulturansatz in der betrieblichen Praxis hat und in welchem Ausmaß dieser Ansatz durch das Ausbilderpersonal aktiv praktiziert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen qualitativen Forschungsansatz, namentlich die problemzentrierte Interviewmethode, um durch explorative Erhebungen bei verschiedenen Ausbildern Einblicke in deren praktische Lehrtätigkeit zu gewinnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Einordnung des Expertenkulturansatzes und eine empirische Studie, in der 13 Ausbilder aus unterschiedlichen Branchen zu ihrem Vorgehen bei der Unterweisung befragt wurden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Expertenkulturansatz, betriebliche Berufsausbildung, handlungsorientiertes Lernen, Ausbilderprofessionalisierung und qualitative Inhaltsanalyse charakterisiert.
Wie wirkt sich die Aussetzung der AEVO auf die Ausbildung aus?
Die befragten Experten berichten teilweise von einer Minderung der Ausbildungsqualität und kritisieren den Mangel an formaler pädagogischer Vorbereitung, was die Bedeutung qualifizierter Ausbildungspersonals unterstreicht.
Welchen Einfluss haben Unternehmensgröße und Branche auf die Anwendung neuer Lehrmethoden?
Die Studie zeigt, dass sich trotz unterschiedlicher Unternehmensgrößen keine signifikanten Korrelationen zwischen der Betriebsstruktur und der Umsetzung des Expertenkulturansatzes feststellen lassen; die Ausbildungspraxis orientiert sich häufiger an traditionellen Routinen.
- Quote paper
- Margret Jonas (Author), 2009, Die betriebliche Ausbildung auf der Grundlage des Expertenkulturansatzes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133995