Die diese Arbeit leitende Frage nach der Emanzipation der Judithfigur bei Hebbel und Hochhuth und die feministische Analyse der Juditfigur des LXX-Textes basiert auf der Annahme, dass der Urtext und die analysierten Dramen aus einer androzentrischen Perspektive verfasst wurden, sodass die Geschlechtsfrage eine essentiell wichtige für die Subjektwerdung ist.
Es muss zwischen dem biblischen Text und seiner Wirkungsgeschichte unterschieden werden, da letztere für Frauen negativer war „als viele Aussagen der Bibel selbst, die zwar in einer patriarchalischen Kultur entstanden, aber nicht ausdrücklich frauenfeindlich gemeint waren.“ Dies greift jedoch zu kurz, weil es einzig der Rezeptionsgeschichte zugeschrieben wird, dass diese aufgrund ihrer patriarchalen und sexistischen Einstellungen gegenüber Judit Frauen den positiven Zugang zur Figur unterbindet. Es wird kritisch diskutiert, ob die LXX-Version für eine androzentrische Lesart offen ist und zu einer solchen beigetragen haben kann. Die vorliegende Arbeit nimmt die biblische Juditerzählung und den in ihr erkennbaren Androzentrismus zum Anlass, die intertextuellen Bezüge mithilfe der close reading‒Methode unter Verwendung der genettschen Terminologie auf die sozialen Rollen der modernen Judithfiguren zu analysieren. Es soll gezeigt werden, dass Hebbel und Hochhuth ― wie Schriftsteller allgemein ― nicht an eine originalgetreue Übernahme der Hauptfigur in seinen Werken gebunden sind und diese zugunsten ihrer Handlung modifizierten und psychologisierten. Die Wirkungsgeschichte erzeugt somit eine kritische Rückfrage an den biblischen Text aus einer feministischen Perspektive. Zudem kann die Analyse des Urtextes auch zum kritischen Nachvollzug des (Miss-)Verständnisses in der Wirkungsgeschichte dienen. Diese Arbeit hinterfragt die Erzählweise der Juditfigur kritisch, räumt aber ein, dass das Juditbuch nicht ausschließlich misogyne Interessen verfolgt, was alleine daran festgemacht werden kann, dass dieses Buch den Namen einer weiblichen Protagonistin innehat und tradiert wurde. Die Juditerzählung wird als literarischer Text verstanden und es soll mithilfe von textimmanenten Elementen bewiesen werden, dass das Judithbuch ein fiktionaler Text ist. Diese Arbeit basiert auf dem feministischen Dekonstruktivismus, der "erläutern [will], wie Weiblichkeit konstituiert / konstruiert ist, und zwar nicht als selbstidentische Entität, sondern als Effekt kultureller, symbolischer Anordnungen."
Inhaltsverzeichnis
I) Einführung (Quellen, Forschungsstand)
II) Methodologische Überlegungen zur Transtextualität nach Genette
III) Judit in der apokryph-biblischen LXX-Erzählung
III.1) Judit als ökonomisch unabhängige Witwe
III.2) Judit als fromme Jüdin – Mord im Auftrag Gottes
III.3) Judit als prophetische Tricksterin
III.4) Judit als Holophernes’ Hure und ihre Negation der Sexualität
IV) „Weib ist Weib“ – Hebbels Judith als misogynes Weiberschicksal
IV.1) Die Verdinglichung der Frau: Das Weib als ‚Waffe‘
IV.2) Die ‚Waffen‘ der Frau
IV.2.A) List
IV.2.B) Schönheit
IV.3) „mich in Stücke zerreißen“- Hebbels Judith als
IV.3.A) jungfräuliche Witwe
IV.3.B) Jüdin
IV.3.C) lüsterne Hure
IV.3.D) Vergewaltigte
IV.3.E) wahnsinnig-rächende Mörderin
IV.3.F) potenzielle Mutter
IV.4) Zerrissenheit in der Syntax der hebbelschen Judith
V) Hochhuths Vervielfachung der Judithfigur
V.1) Hochhuths Judithfiguren in der gesellschaftlich-patriarchalen Rolle als
V.1.A) Tochter und Schwester
V.1.B) Ehefrau und Witwe
V.1.C) Kriegsbeute und Partisanin (Jelena)
V.1.D) Journalistin
V.1.E) Mörderin (Nora Astorga, Judith Williams u. Jelena)
V.1.F) Verführerin – Instrumentalisierung von Sexualität
V.1.G) potenzielle Mutter (Judith Williams, Nora Astorga)
V.2) Hochhuths Judith als Individuum
V.2.A) Rächerin
V.2.B) politische Aktivistin
V.2.C) Agnostikerin
V.3) Zerrissenheit in der Syntax der hochhuthschen Judith
VI) Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Emanzipation der Judithfigur in ausgewählten literarischen Werken, wobei sie deren Ursprung im biblischen LXX-Text sowie die Transformationen bei Friedrich Hebbel und Rolf Hochhuth analysiert. Im Zentrum steht die kritische Hinterfragung der Androzentrik dieser Texte sowie die feministische Dekonstruktion der traditionellen Frauenrollen.
- Intertextuelle und transtextuelle Analysen des Juditmotivs.
- Untersuchung der Judithfigur als Witwe, Tricksterin und Mörderin.
- Analyse der geschlechtsspezifischen Machtverhältnisse und Gewaltstrukturen.
- Vergleichende Betrachtung der Psychologisierung der Figur bei Hebbel und Hochhuth gegenüber dem biblischen Urtext.
- Dekonstruktion der Konstruktion des sozialen Geschlechts (Gender) in den betrachteten Dramen.
Auszug aus dem Buch
Judit als prophetische Tricksterin
Eine Tricksterin ist eine mythologische Gestalt, die durch ein unberechenbares, betrügerisches, aber auch schelmisches Wesen charakterisiert ist, wobei sie oft männlich ist, weshalb in Lexika das männliche Personalpronomen verwendet wird:
He is immoral, or, at least, amoral, and he is, more often than not, a thief. Yet he often uses his inventiveness to help human beings and is sometimes, in effect, a culture hero. Often his inventiveness interferes with creation, however, and causes such realities as pain and death. The trickster is a shape shifter.
Wie im Folgenden gezeigt wird, stimmen diese Trickster-Merkmale auf Judit zu: „(1) ambiguity, anomaly, or interplay of opposites; (2) deception and trickery; (3) disguise and shape-shifting; (4) inversion of situation or position“. Das vierte Merkmal äußert sich z.B. in der zuerst auf dem Boden liegenden Judit (Jdt 12,15) und dem erhöht auf seinem Bett sitzenden Holophernes. Diese Elevation wird ironischerweise invertiert in Jdt 13,9, wo der leblose Körper des Holophernes vom Bett herabgerollt wird, was diesen entwürdigt.
Zusammenfassung der Kapitel
I) Einführung (Quellen, Forschungsstand): Umreißt Entstehung und Kanonizität des Juditbuches sowie die literarische Rezeption des Stoffes durch Hebbel und Hochhuth.
II) Methodologische Überlegungen zur Transtextualität nach Genette: Führt in die theoretischen Grundlagen der Intertextualität ein, auf die die Analyse der Werke stützt.
III) Judit in der apokryph-biblischen LXX-Erzählung: Analysiert Judit als unabhängige Witwe, fromme Jüdin und prophezeihende Tricksterin im biblischen Kontext.
IV) „Weib ist Weib“ – Hebbels Judith als misogynes Weiberschicksal: Untersucht Hebbels psychologisierte Judith-Darstellung unter dem Aspekt der Verdinglichung und ihrer Zerrissenheit.
V) Hochhuths Vervielfachung der Judithfigur: Beleuchtet die Transformation des Stoffes in die Moderne am Beispiel von Hochhuths Dramenfiguren und deren politischer Kontextualisierung.
VI) Fazit und Ausblick: Resümiert die Ergebnisse der transtextuellen Untersuchung und plädiert für eine Fortführung der Analyse literarischer Judith-Texte von Autorinnen.
Schlüsselwörter
Juditbuch, Judith, Friedrich Hebbel, Rolf Hochhuth, Intertextualität, Transtextualität, Emanzipation, Androzentrismus, Feministische Exegese, Gender, Mordmotiv, Tricksterin, Wirkungsgeschichte, Literaturwissenschaft, Biblische Frauenfiguren.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Bedeutung der Judithfigur vom biblischen Apokryphon bis hin zu ihrer Neuinszenierung in der modernen Literatur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Dazu gehören die Intertextualität, die Rolle der Geschlechter, das Mordmotiv im Namen Gottes sowie die feministische Dekonstruktion patriarchaler Machtmuster.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab, die Emanzipation der Judithfigur bei Hebbel und Hochhuth im Vergleich zum LXX-Urtext sowie dessen androzentrische Perspektive kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Methode des Close Reading unter Verwendung der transtextuellen Terminologie nach Gérard Genette angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Analysiert werden die biblische Erzählung, Hebbels psychologisierendes Trauerspiel und Hochhuths mehrdimensionale Vervielfachung der Figur in modernen politischen Kontexten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Juditbuch, Emanzipation, Intertextualität, Feministische Exegese, Androzentrismus und Transtextualität sind zentrale Begriffe.
Inwiefern ist das Motiv der „jungfräulichen Witwe“ bei Hebbel relevant?
Es dient Hebbel dazu, die psychische Zerrissenheit und die zweifelhafte moralische Motivation seiner Protagonistin zu begründen, die im Gegensatz zum biblischen Vorbild steht.
Wie unterscheidet sich die Judith bei Hochhuth von ihren Vorgängerinnen?
Hochhuth vervielfältigt die Figur in verschiedene zeitgenössische Typen (Jelena, Judith Williams, Nora), um den Stoff für historische Reflexionen zur Tyrannei zu instrumentalisieren.
- Citar trabajo
- Alexandra Priesterath (Autor), 2022, Die Emanzipation der biblischen Judithfigur in den "Judith"-Dramen Christian Friedrich Hebbels (1840) und Rolf Hochhuths (1984), Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1339961