Der Fall Oscar Pistorius. Prothesen im Sport


Hausarbeit, 2009

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Fall Oscar Pistorius

2. Positionen der beteiligten Parteien
2.1 Position des Internationalen Leichtathletikverbandes
2.1.1 Kritik am Urteil des Internationalen Leichtathletikverbandes
2.2 Position von Oscar Pistorius und seinem Team
2.2.1 Kritik am Houston Report
2.3 Position des Internationalen Sportgerichtshof
2.3.1 Kritik am Urteil des CAS

3. Bewertung relevanter Fakten zur Entscheidungsfindung
3.1 Design der Prothesen
3.2 Technische Entwicklung der Prothesen
3.3 Gewichtsreduktion
3.4 Kinetik
3.5 Energiebedarf
3.6 Ausdauer während eines 400m Rennens
3.7 Energieumsatz
3.8 Sonstiges

4. Fazit

1. Der Fall Oscar Pistorius

Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking sorgten nicht Stars wie Liu Xi­ang oder Usain Bolt für Aufmerksamkeit, sondern der Fall des 23-jährigen südafri-kanischen Sprinters Oscar Pistorius (O.P.)1 beherrschte die weltweiten Schlagzei-len. Schon seine Spitznamen „Blade Runner" oder „the fastest man on no legs" lassen vermuten, dass es sich bei O.P. um keinen „normalen" Athleten handelt. Aufgrund eines Gendefektes fehlten ihm vom Geburt an beide Wadenbeine sowie die äufleren Seite der Füfle. Im Alter von 11 Monaten wurden ihm beide Beine un-terhalb der Knie amputiert. Seitdem läuft er auf Prothesen. 2004 entschied sich O.P. nach einer schweren Verletzung für die Leichtathletik. Dies war der Beginn ei-ner beispiellosen Karriere mit zahlreichen Medaillen und Weltrekorden2, deren vor-läufigen Höhepunkt er mit seinen Goldmedaillen über 100m, 200m und 400m bei den Paralympics 2008 in Peking erreichte. Damit war er der erste Paralympics-Teilnehmer, der Gold in allen 3 Disziplinen gewann.

Sein nächstes grofles Ziel ist die Teilnahme an den den Olympischen Spielen, um sich mit Nicht-Behinderten messen zu können. Auch wenn er nicht der Erste mit diesem Vorhaben ist3, bildet sein Fall die Grundlage zahlreicher Diskussionen.

Mit seinem futuristisch anmutenden Aussehen weckt O.P. bei den Sportfunktio-nären düstere Vorahnungen — das böse Wort vom „Techno-Doping" macht die Runde. Die vorliegende Hausarbeit beleuchtet O.P. und die Frage, ob er durch sei­ne Prothesen einen unfairen Vorteil gegenüber nicht behinderten Sportlern hat. Das ist die Frage, auf die sich die Diskussion an der Oberfläche reduzieren lässt und die seinen Fall von anderen wie dem seiner Teamkollegin Natalie du Toit4 un-terscheidet. Denn im Gegensatz zu ihnen nutzt O.P. Hilfsmittel, die den Leistungs-kern seiner Disziplin betreffen und somit die Antwort auf die Frage nach seiner Starterlaubnis bei Olympia erschweren.

Diese Antwort soll durch Betrachtung der Positionen der beteiligten Parteien erfol-gen. Anschlieflend werden die in der Diskussion aufgekommenen Schlüsselargu-mente kurz dargestellt, um dann am Ende die Frage nach einem Vorteil beantwor-ten zu können.

2. Positionen der beteiligten Parteien

2.1 Position der IAAF

Anfänglich war man sich uneins in den Reihen der IAAF: Entwicklungsdirektor Elio Locatelli ging von einem unfairen Vorteil für O.P. aus5, der Vorsitzende der medizinischen Kommission, Juan Manuel Alonso, vertrat die Meinung, dass ein Verbot ungerechtfertigt wäre6.

„Wir hätten es uns einfach machen können", sagte IAAF-Sprecher Nick Davies, „wenn wir ihn einfach bei Olympia starten hätten lassen. Jeder hätte uns dafür geliebt."7 Stattdessen beauftragen der IAAF den Kölner Biomechanik-Professor Gert-Peter Brüggemann mit einer Studie8 zur Untersuchung des Energie-verbrauch von O.P. während eines 400m-Rennen sowie der mechanischen Effekte, die die Prothesen auf seinen Laufstil haben.

Im Ergebnis hatte O.P. durch die Nutzung der Prothesen signifikante biomechanische und metabolische Vorteile gegenüber den normalen Läufern. Auf Grundlage dieser Ergebnisse entschied der IAAF am 14. Januar 2008, dass O.P. nicht bei den Olympischen Spielen in Peking starten darf, da seine Prothesen als technische Hilfsmittel einzustufen sind, die ihm einen klaren Wettbewerbsvorteil geben. Damit verstollen sie gegen Regel 144.2, die die Benutzung technischer Hilfsmittel wie Federn oder Räder während Wettkämpfen untersagt, sofern sie dem Träger einen Vorteil gegenüber Sportlern geben, die keine Hilfsmittel benutzen9.

2.1.1 Kritik am Urteil des IAAF

Schon der Abstimmungsprozess, der zum Startverbot von O.P. führte, lief in den Augen des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS)10 fehlerhaft ab. So wurde die im Prozess vorgelegte Zusammenfassung der Studienergebnisse nicht von Prof. Brüggemann abgesegnet. Im Nachhinein bewertetet er diese als „nicht ganz akku-rat und teilweise sogar inkorrekt". Des Weiteren hatten die Mitglieder nur ein Wo- chenende Zeit um abstimmen, ob O.P. starten darf oder nicht — ein Grund, dass nur 13 der 27 Mitglieder abstimmten?

Ein weiterer Punkt betrifft Prof. Robert Gailey11. Seine E-Mail mit Fragen und Vor-schlägen wurde vom IAAF nicht nur ignoriert, sondern auch Prof. Brüggemann vorenthalten, sodass er es am Ende ablehnte, die Tests als Zuschauer zu verfol-gen12.

2.2 Position von Oscar Pistorius und seinem Team

Das Urteil des IAAF wurde von O.P. und seinem Team abgelehnt, da ihrer Mei-nung nach nicht genug Variablen bei der Studie berücksichtigt worden sind13.

Durch das Urteil der IAAF ersuchte O.P. wissenschaftliche Hilfe bei Prof. Hugh Herr14. Zusammen mit Experten sechs anderer Universitäten stellte er seinerseits Untersuchungen („Houston Report") an, die den Beweis erbringen sollten, dass O.P. keinen Vorteil hat und somit bei Olympia starten darf. Nach Aussage von An-walt Jeffrey Kessler lieflen die Ergebnisse keinen Vorteil von O.P. gegenüber an-deren Läufern erkennen15.

2.2.1 Kritik am Houston Report

Hauptkritikpunkte sind die Glaubwürdigkeit und Transparenz des Houston Re­ports. Durchgeführt wurde die Studie, die beweisen soll, dass O.P. keinen Vorteil hat, von Wissenschaftlern, deren Ziel es ist, Laufprothesen zu entwickeln, die dem Träger in Zukunft einen Vorteil, in dem Fall schnellere Zeiten, gegenüber Nichtbe-hinderten geben wird16. Die enge Beziehung zu Ossür17, die bei einem Start von O.P. viel Geld verdienen können, lässt dies auf ein gewisses Eigeninteresse an ei-ner Starterlaubnis für O.P. schlieflen.

Im Gegensatz zur Kölner Studie, die von Peet van Zyl und Knut Lechler (Vertreter von O.P.) bezeugt wurde und mittlerweile veröffentlicht ist, durften beim Houston Report weder Personen zugegen sein noch ist die Studie bis heute veröffentlicht worden.

2.3 Position des Internationalen Sportgerichtshofs

Um doch noch die Starterlaubnis für Olympia 2008 zu erhalten, ging O.P. vor den Internationalen Sportgerichtshof, mit dem Ergebnis, dass das IAAF- Urteil vom 14.01.2008 mit sofortiger Wirkung aufgehoben wurde. Der CAS begründet sein Urteil zusammenfassend damit, dass der IAAF nicht beweisen konnte, dass O.P. bzw. seine Prothesen gegen Regel 144.2 verstollen. Dies wäre nur der Fall, wenn sich für O.P. ein Gesamtvorteil über die gesamte Distanz ergeben würde. Das aber konnte nicht bewiesen werden und somit hätte O.P. bei Olympia starten können.18 Der CAS weist jedoch darauf hin, dass sich das Urteil nur auf die ihm vorgelegten Prothesen und auf O.P. bezieht. Andere Fälle müssen neu verhandelt werden19.

2.3.1 Kritik am Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs

Hauptkritikpunkt am Urteil des CAS ist der Weg, wie dieses zustande kam. Das Gremium, bestehend aus Juristen und Völkerrechtlern, musste ein Urteil auf Grundlage wissenschaftlicher Argumente fällen. Da beide Parteien aber eigene In-teressen verfolgen, müsste der CAS, um objektiv urteilen zu können, unabhängige Wissenschaftler um Rat fragen. Ob dies geschehen ist, ist in Frage zu stellen. Es liegt auf der Hand, dass der CAS unter diesen Umständen nicht in der Lage ist, die wissenschaftlichen Fakten zu evaluieren und darauf basierend zu einem Urteil zu kommen.

[...]


1 Siehe http://www.ossur.de/Pages/7178

2 Siehe Fuflnote 1

3 Siehe http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,druck-483194,00.html

4 Beinamputierte Schwimmerin, ging ohne Prothese bei Olympia und Paralympics an den Start

5 Siehe http://www.nytimes.com/2007/05/15/sports/othersports/15runner.html

6 Siehe Fullnote 5

7 Siehe http://www.welt.de/welt_print/article1475643

8 Siehe Brüggemann; Arampatzis; Emrich und Potthast; Sports Technology 2008; Volume 1; Issue 4-5; Seite 220-223

9 Siehe http://www.iaaf.org/news/Kind=512/newsId=42896.html

10 die oberste Sportgerichtsbarkeit und damit letzte Entscheidungsinstanz für Sportverbände und nationalen Olympischen Kommitees in Streitfragen zum internationalen Sportrecht

11 Professor der physiologischen Therapie an der Universität von Miami; führte Untersuchungen mit amputierten Läufern durch

12 Siehe http://www.tas-cas.org/recent-decision, Seite 7, Punkt 14 und 15

13 Siehe http://www.wired.com/wiredscience/2008/01/amputee-sprinte/

14 Professor und Direktor der Biomechnik-Gruppe am MIT Media Lab in Cambridge, vertraglicher Mit-Entwickler, Experte und Sprecher bei Ossur

15 Siehe www.usatoday.com/sports/olympics/2008-04-28-olympics-notes_N.htm

16 Siehe http://articles.latimes.com/2007/iul/23/health/he-amputee23?pg=2

17 Siehe http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26128/1.html

18 Siehe Fullnote 12, Seite 12-14

19 Siehe Fullnote 12, Seite 14

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Fall Oscar Pistorius. Prothesen im Sport
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Sportwissenschaft)
Veranstaltung
Grundlagen der Sportpädagogik und Sportphilosophie
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V134008
ISBN (eBook)
9783640416431
ISBN (Buch)
9783640411986
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hausarbeit ist ohne Benotung. Folgendes Kommentar der Dozentin: Ihre Arbeit ist in vielen Hinsichten ausgezeichnet: Klare Fragestellung, gute Darstellung und gute Gliederung, ausführliche Literaturliste
Schlagworte
Oscar Pistorius, Technodoping, Prothesen, Paralympics
Arbeit zitieren
Stefan Moors (Autor), 2009, Der Fall Oscar Pistorius. Prothesen im Sport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134008

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