Arbeitszeitentwicklung und Flexibilisierung

Entwicklung und Gestaltung von Arbeitszeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

27 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsübersicht:

Einleitung

I. Entwicklungslinien der Zeit und ihrer Bestandteile
1. Merkmale der Zeitordnung
2. Merkmale des Zeitverständnisses

II. Die flexibilisierte Arbeitszeit
1. Theoretische Überlegungen zur Arbeitszeitflexibilisierung
2. Gängige Arbeitszeitmodelle
2.1 Schichtarbeitsmodelle
2.2 KAPOVAZ-Arbeitszeitmodell
2.3 Amorphe Arbeitszeitmodelle
2.4 Die Gleitzeitarbeit
2.5 Teilzeitarbeit

Fazit

Literaturverzeichnis

Arbeitszeitentwicklung und -flexibilisierung

Entwicklung und Gestaltung von Arbeitszeit

Einleitung

Die folgende Kurzausarbeitung soll sich mit dem Thema Arbeitszeit und Flexibilisierung beschäftigen. Im Blickfeld soll zum einen die Entwicklung des Zeitverständnisses von der Lebenszeit zum dichotomisierten Verständnis von Arbeitszeit und Freizeit hin zur Normalarbeitszeit skizziert werden.

In einem weiteren Schritt sollen dann die neuen Zeitentwicklungs-linien der flexibilisierten Arbeitszeitmodelle betrachtet und auf ihre Vor- und Nachteile hin untersucht werden.

Leitfragen sind demnach:

- Wie entwickelt sich das Zeitverständnis von der archaischen Gesellschaft hin zur Industriegesellschaft?
- Welche Faktoren bedingen den Wandel im Zeitverständnis?
- Welche Arbeitszeitmodelle gibt es heute und was sind deren Vor- und/oder Nachteile?

I. Entwicklungslinien der Zeit und ihrer Bestandteile

Versucht man in einer Art Selbstevaluation vom jeweils eigenen Standpunkt aus an sich selbst zu erforschen, welches Verständnis von Zeit einem selbst inne wohnt, so wird dieses Vorhaben bei selbstkritischer Evaluation mitunter ein schwieriges Unterfangen sein. Kommt man hingegen nach eigener Einschätzung schnell zu einem Ergebnis, so sollte man aufpassen, ob man nicht bestimmten Fehlannahmen aufliegt, wie z.B. der, das dass heutige Zeitverständnis ein endgültiges, mitunter auch ein konstantes Zeit-verständnis ist bzw. war. Da man selbst historisch und sozial Teil des vorherrschenden Zeitsystems ist, muß man versuchen, sich durch bestimmte Denkprozesse aus diesem System zu lösen.

Ansätze sich aus bestehenden Systemen zu lösen oder zumindest sich dieser Strukturen bewusst zu werden, sind z.B. die historische oder kulturelle Betrachtung des jeweiligen Sachverhalts.

Betrachtet man die Zeit historisch, so wird deutlich, dass die Zeit bzw. das Zeitverständnis der Gesellschaft eben nicht konstant ist, sondern ständigen Veränderungen unterliegt.

Die Zeit weist jedoch eine Eigenschaft auf, die ihr in ihrer gesamten Entwicklung inne wohnt. Die Zeit ist ein Orientierungsmittel, „das den Menschen zur Regulierung ihres Verhaltens im Hinblick auf andere Menschen […] sowie zur Orientierung im Nacheinander von Abläufen dient “[1].

„Die Zeit ist demnach ein von Menschen gestaltetes Orientierungs-system, das die zeitliche Organisation einer Gesellschaft leistet und als Zeitordnung und als Zeitverständnis real und erfahrbar wird.“[2]

Der Wandel in den beiden Ausprägungen Zeitverständnis und Zeitordnung wird deshalb nötig, weil die Aktivitäten der Menschen im geschichtlichen Verlauf zunehmend Genauigkeit, Standardisierung und Synchronisation erfordern.[3]

Im folgenden wollen wir uns kurz die Ausprägungen Zeitordnung und Zeitverständnis in ihren sie charakterisierenden Merkmalen betrachten und damit verbunden die Entwicklung der Zeit von der archaischen Gesellschaft über den Industriekapitalismus hin zur Normalarbeitszeit skizzieren.

1. Merkmale der Zeitordnung

Wie oben erwähnt erfüllt die Zeit die Funktion als von Menschen geschaffenem Orientierungssystem. Der Begriff der Orientierung ist eng mit dem der Ordnung verknüpft.

„Ordnung bezeichnet allgemein einen stabilen, dauerhaften, ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen und Elementen aufgrund bestimmter Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien.“[4]

Es sind also bestimmte Gesetzmäßigkeiten bzw. Regeln, nach denen Prozesse und / oder Verhaltensweisen ablaufen, die man als Ordnungen bezeichnen kann. Von einer „sozialen Ordnung“ wird dann gesprochen, wenn zu dem Element der Regelmäßigkeit des Prozesses bzw. der Verhaltensweise die Kontrolle der Einhaltung eben dieser Regelmäßigkeit durch die Gesellschaft hinzutritt.[5]

Aber wieso sollte sich ein Individuum, gar eine Gesellschaft einer bestimmten Ordnung unterwerfen, sie als allgemeinverbindlich ansehen. Dafür müsste es bestimmte Begründungsmomente geben.

Es lassen sich drei Ebenen der Legitimation/Begründung von Zeitordnungen unterscheiden:[6]

1. Formale Legitimation: Eine formale Legitimation erfährt die Zeitordnung aufgrund von Überlieferung/Tradition, Glauben oder Satzung/Vereinbarung. Der Wirkungsbereich der formalen Legitimation der Zeitordnung erstreckt sich auf den Grad der Verbindlichkeit der Zeitordnung, auf ihren Anwendungsbereich sowie auf die Herrschaftsverhältnisse, die die Zeitordnung generieren, begründen und stabilisieren.
2. Inhaltliche Ausrichtung: Die Zeitordnung erfährt auf dieser Ebene ihre Legitimation durch das Zusammenspiel / die Passung mit anderen sozialen Ordnungssystemen.
3. Ideologische Fundierung: Die Zeitordnung wird als natur-gegeben und damit als objektiv notwendig betrachtet.

Aus dem oben gesagten ergibt sich, dass die Zeitordnung ihre Legitimation zum einen durch Passung mit anderen Ordnungs-systemen und zum anderen durch Überlieferung / Tradierung erfährt.

Im Umkehrschluß bedeutet dies, dass wenn sich andere soziale Ordnungssysteme ändern, sich auch immer die Zeitordnung verändert. Wie wir im späteren Abschnitt der historischen Entwicklung sehen werden, verändert sich die Zeitordnung mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft. Die Zeitordnung orientiert sich also an den gesellschaftlichen Erfordernissen.

Doch wie manifestiert sich die Zeitordnung im alltäglichen Geschehen? Welche Strukturen bilden das Rückgrat der Zeitordnung?

Strukturell bilden die Zeitbestimmung und die sog. Zeitinstitu-tionen die Basis der Zeitordnung.

Die Zeitbestimmung als Basis der Zeitordnung meint die Meß- und Bestimmbarkeit von Zeiteinheiten. Erst die Untergliederung von Zeit in bestimmbare Einheiten macht es möglich im Rahmen eines Transformationsprozesses Handlungen/Arbeitsprozesse in allgemeingültige, sozial verbindliche Einheiten von Zeit umzu-rechnen. Das Zeiteinheitensystem steht somit in Beziehung zum System der sozialen Handlungen. Auf diese Weise erfüllt die Zeitbestimmung ihren Zweck der Orientierung- und Regulierungs-funktion der Zeitordnung.

Kalender, Uhren und andere kollektiv festgesetzte Zeitpunkte, Zeitdauern und Frequenzen stellen die Zeitinstitutionen dar, die die Zeitordnung in ihrer Struktur festigen und so als verbindliches System, das teilweise als überkommene/tradierte Selbstverständ-lichkeit erlebt wird, erscheinen lassen. Maurer zitiert zu diesem Phänomen Elias wie folgt: „Als ein Instrument der Zeitbestimmung, das als Bezugsrahmen für eine Vielfalt menschlicher Tätigkeiten dient, erfüllt der gegenwärtige Kalender seine Funktion so ruhig und glatt, dass man gewöhnlich vergisst, dass es auch anders sein könnte.“[7]

Die Zeitordnung baut somit auch einen sozialen Zwangscharakter auf, der als eine immer wiederkehrende Disziplinierung des Zeit-verhaltens der Menschen gewertet werden kann.

2. Merkmale des Zeitverständnisses

Während die Bestimmung von Zeit und die Zeitinstitutionen die strukturelle Basis der zeitlichen Organisation bilden, umschreibt das Zeitverständnis die Art und Weise wie Gesellschaften und Individuen Zeit wahrnehmen.[8]

Diese Wahrnehmungsformen sind ihrerseits an den jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Erfordernissen ausgerichtet. Das Zeitverständnis entwickelt sich genauso wie die Zeitordnung historisch. Dies soll im folgenden kurz dargestellt werden.

Die Zeitmessung der archaischen Gesellschaft, die Subsistenz-wirtschaft betrieb, orientierte sich in ihrem Zeitverständnis an vertrauten Vorgängen des jeweiligen Arbeitszyklus. Beispiele für derartige an der Natur oder dem Arbeitszyklus orientierte Zeitmessverfahren, wenn man diese überhaupt so bezeichnen kann, da sie eher unbewußt als Verfahren zur„Zeitmessung“ genutzt werden, sind z.B.:[9] Die Dauer des Kochens von Reis, das Tagwerk des Hirten oder Rhythmus des Meeres.

Die Ausrichtung der Handlungen an derartigen naturgegebenen Rythmen erfolgt deshalb, weil zum einen die aufgabenbezogene Zeitorientierung für den Menschen verständlicher ist, als eine abstrakte Orientierung anhand der Uhr und zum anderen weil in den noch wenig entwickelten und technisierten archaischen Gesellschaften die Trennung von Arbeit und Leben nicht derart stark ausgeprägt ist, wie z.B. in heutigen westlichen Gesell-schaften.[10]

Neben der Natur ist es auch die Religion, die das Zeitverständnis der Gesellschaft mitbeeinflußt. „Die christliche Zeittheorie, die stark durch die Gedanken Augustins geprägt war, vermittelte die Sichtweise, dass Zeit ein Geschenk Gottes und somit der Verfügung des Menschen entzogen sei.“[11]

Charakteristisch für das Zeitverständnis archaischer Gesellschaften sind:

- Das Vorhandensein ungenauer Zeitangaben
- Orientierung dieser Zeitangaben an natürlichen Vorgängen
- Orientierung an religiösen Gebräuchen und Festen
- Der Glaube, die Zeit sei der eigenen Verfügung entzogen
- Nur religiöse Würdenträger und Philosophen sind sich der eigentlichen Zeit bewusst[12]

[...]


[1] Elias, Über die Zeit, S. VIII; zitiert aus: Maurer, Alles eine Frage der Zeit?, S. 49

[2] Maurer, Alles eine Frage der Zeit?, S. 53

[3] Vgl. hierzu: E.P.Thompson, Zeit Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus, S. 88 sowie Maurer, Alles eine Frage der Zeit?, S. 49

[4] Hartfiel, Wörterbuch der Soziologie, Begriff: Ordnung

[5] Vgl. Maurer, Alles eine Frage der Zeit?, S. 55

[6] Anhand Maurer, Alles eine Frage der Zeit?, S. 59 ff.

[7] Elias, Über die Zeit, S. 181 f. zitiert aus: Maurer, Alles eine Frage der Zeit? S. 73

[8] Vgl. Maurer, Alles eine Frage der Zeit?, S. 79

[9] Aus E.P. Thompson, Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus, S. 83

[10] Vgl. E.P. Thompson, Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus, S. 84

[11] Maurer, Alles eine Frage der Zeit?, S. 82

[12] Dies liefert u.a einen Hinweis auf das Vorhandensein von Macht religiöser Würdenträger ggü. der übrigen Gesellschaft aufgrund Wissensvorteils und den Faktor Zeit.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Arbeitszeitentwicklung und Flexibilisierung
Untertitel
Entwicklung und Gestaltung von Arbeitszeit
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie)
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V134019
ISBN (eBook)
9783640416486
ISBN (Buch)
9783640409815
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Breiter Korrekturrand
Schlagworte
Arbeitszeitentwicklung, Flexibilisierung, Entwicklung, Gestaltung, Arbeitszeit
Arbeit zitieren
Diplom-Sozialwissenschaftler Carsten-Dennis Lange (Autor), 2007, Arbeitszeitentwicklung und Flexibilisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134019

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