In jedem neuen ersten Schuljahr treffen Schüler und Schülerinnen mit unterschiedlichsten Leistungsvoraussetzungen aufeinander. So können einige Kinder bereits lesen, während andere kaum ihren eigenen Namen wieder erkennen können. Ein Unterschied von bis zu drei Jahren in der Entwicklung der kindlichen Vorstellungen vom Aufbau und Nutzen der Schrift, lässt ein für alle SchülerInnen identisches Lehrwerk in Form einer Fibel als denkbar ungünstig für erfolgreiche Lernprozesse erscheinen.
Sind jedoch „Alternative Formen des Schriftspracherwerbs – das Ende der Fibel“ wie Marion Bergk in ihrem gleichnamigen Artikel fragt? Die Arbeit ohne Fibel gilt heutzutage als „modern“ und viele Vertreter des Spracherfahrungsansatzes sind der Ansicht, dass dieser sich nicht mit einer Fibel verwirklichen ließe. Hierbei wird jedoch völlig ausgeblendet, dass nicht die Fibeln als solche kritisiert werden sollten, sondern lediglich die konzeptionell und methodisch veralteten. Denn ein beliebiges Angebot aller möglichen, besonders motivierend erscheinenden Übungen im Sinne des Spracherfahrungsansatzes, ohne Wissen über deren Funktion im Schriftspracherwerbsprozess, ist ebenso ineffektiv, wie ein akribisches Abarbeiten vorgegebener Lehrgangsschritte einer Fibel. Die möglichen Probleme im Unterricht werden nämlich nur sekundär von der Fibel verursacht, primär jedoch vom Unterricht und somit letztlich von der Lehrperson.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Methoden des Schriftspracherwerbs - ein Überblick
2.1 Die Fibel
2.1.1 Die Buchstabiermethode
2.1.2 Die Lautiermethode
2.1.3 Die Ganzwort- oder Ganzsatzmethode
2.1.4 Der Methodenstreit zwischen Analytikern und Synthetikern
2.1.5 Die Integration der Methoden
2.2 Aktuelle Formen des Schriftspracherwerbs
2.2.1 Der Spracherfahrungsansatz (SPE)
2.2.2 Lesen durch Schreiben
2.2.3 Die Fibel heute
2.3 Annäherung: Fibel - Spracherfahrungsansatz
3 Analyse
3.1 Kriterienkatalog zur Analyse von Lehrwerken
3.2 Analyse DUDEN-Fibel
3.2.1 Grobanalyse
3.2.2 Strukturanalyse
3.3 Analyse ABC-Lernlandschaft
3.3.1 Grobanalyse
3.3.2 Strukturanalyse
4 Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die didaktische Qualität von Lehrwerken für den Schriftspracherwerb in der Grundschule, insbesondere den Vergleich zwischen traditionellen Fibeln und offenen Konzepten wie dem Spracherfahrungsansatz, um Lehrkräften fundierte Kriterien für eine bewusste Auswahl an die Hand zu geben.
- Historische Entwicklung der Leselernmethoden und deren methodische Grundlagen.
- Detaillierte Analyse und Evaluation der DUDEN-Fibel als Vertreter des fibelbasierten Unterrichts.
- Detaillierte Analyse und Evaluation der ABC-Lernlandschaft als Vertreter des offenen Unterrichts.
- Erstellung und Anwendung eines Kriterienkatalogs zur Qualitätsbeurteilung von Lehrmaterialien.
- Reflexion der Bedeutung individueller Lernvoraussetzungen für einen effektiven Schriftspracherwerb.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Die Buchstabiermethode
„Nachdem Gutenberg im 15.Jahrhundert die Erfindung der beweglichen Lettern machte, die sich zu einem Druckstock zusammenfügen ließen, glaubte man, im Lesen eine diesem technischen Vorgang analoge Weise im Zusammenfügen der einzelnen Buchstaben zu Wörtern sehen zu müssen.“
Zunächst mussten die SchülerInnen die Buchstaben des Alphabets mit ihrem Namen lernen, in der Folge fügten sie diese additiv zunächst zu Silben und schließlich zu Wörtern zusammen. Der Lehrer zeigte hierbei die Buchstaben auf so genannten Buchstabentafeln, sprach den Kindern vor und diese sprachen nach. Aus „Vau“ + „a“ + „te“ + „e“ + „er“ wurde so das Wort „Vater“ gebildet. Dass diese Leselernmethode mitnichten zum Erfolg führt, zeigt das Erlebnis der Schülerin Helene Lange. Diese berichtet, dass es in der Schule nicht genügte, gedruckte Silben lesen zu können, sondern man diese erst buchstabieren und dann zusammenziehen musste. Auf ihre Anmerkung hin, dass sie immer schon Wörter gelesen habe, fragt sie der Lehrer, was „be-u-ze-ha“ bedeute. Sie antwortet mit „buzeha“. Die Verfänglichkeit seiner Folgefrage danach, was „de-u-em-em“ heiße, versteht die Schülerin nicht und muss sich von ihren Klassenkammeraden auslachen lassen. Nach der Erklärung einer Mitschülerin, dass dies „dumm“ bedeute, nimmt Helene an, dass dies auf ihre Person zutreffen müsse.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verdeutlicht die zentrale Bedeutung des Schriftspracherwerbs und stellt die Notwendigkeit dar, die Qualität von Lehrmaterialien kritisch anhand didaktischer Kriterien zu bewerten.
2 Methoden des Schriftspracherwerbs - ein Überblick: Dieses Kapitel erläutert die historische Entwicklung der Leselernmethoden, von der traditionellen Buchstabiermethode bis hin zu aktuellen Ansätzen wie dem Spracherfahrungsansatz und "Lesen durch Schreiben".
3 Analyse: Hier wird ein systematischer Kriterienkatalog entwickelt und zur detaillierten Untersuchung der DUDEN-Fibel sowie der ABC-Lernlandschaft angewendet.
4 Fazit und Ausblick: Das Fazit betont, dass nicht eine einzelne Methode über den Lernerfolg entscheidet, sondern die Kompetenz der Lehrperson, Materialien situativ und passend für die individuellen Lernvoraussetzungen einzusetzen.
Schlüsselwörter
Schriftspracherwerb, Fibel, Spracherfahrungsansatz, Lesenlernen, Buchstabiermethode, Lautiermethode, DUDEN-Fibel, ABC-Lernlandschaft, Anlauttabelle, Erstleseunterricht, Didaktik, Analytisch-synthetisches Verfahren, Lesekompetenz, Rechtschreibung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der didaktischen Analyse und dem Vergleich von Lehrwerken für den Erstlese- und Schreibunterricht in der Grundschule.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die historische und methodische Einordnung von Schriftspracherwerbskonzepten, die Bewertung von Lehrwerken und die Rolle der Lehrperson bei der Auswahl und Nutzung dieser Materialien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Lehrkräften einen fundierten Kriterienkatalog an die Hand zu geben, um die Qualität von Lehrmaterialien unabhängig von Marketingstrategien der Verlage kritisch beurteilen zu können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autoren nutzen eine analytische Literaturrecherche und einen detaillierten Kriterienkatalog zur strukturellen und inhaltlichen Prüfung der ausgewählten Lehrwerke.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen methodischen Überblick, die Entwicklung von Kriterien für die Analyse und die praktische Anwendung dieser Kriterien auf die DUDEN-Fibel und die ABC-Lernlandschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schriftspracherwerb, Fibel, Spracherfahrungsansatz, Anlauttabelle, Erstleseunterricht, Didaktik und Lesekompetenz sind die zentralen Begriffe.
Wie bewerten die Autoren die Rolle der Anlauttabelle?
Die Anlauttabelle wird als wichtiges Arbeitsmittel anerkannt, jedoch weisen die Autoren auf essentielle Mängel hin, da nicht alle Laute der deutschen Sprache eindeutig oder als Anlaute darstellbar sind.
Warum ist die Silbe laut Analyse ein vernachlässigtes Thema?
Die Autoren kritisieren, dass viele Lehrwerke die Silbe zu wenig als Identifikationshilfe für die korrekte Lautung nutzen und zu stark an einer 1:1-Beziehung zwischen Laut und Buchstabe festhalten, die der komplexen deutschen Orthografie nicht gerecht wird.
- Citar trabajo
- Nicola Hengels (Autor), Marta Kulaszewska (Autor), 2009, Kontrastive fachdidaktische Analyse zweier Unterrichtswerke für den Schriftspracherwerb im 1. Schuljahr, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134052