Das deutsche Kaiserreich, also der Zeitraum von 1871 bis 1918 umfasst eine Phase, in der sich die europäische politische und kulturelle Landkarte stark veränderte, und in der in
Deutschland gravierende soziale und wirtschaftliche Veränderungen vonstatten gingen.
Diese Veränderungen haben sich auch in der Bildungspolitik und den Bildungszielen der Gesellschaft niedergeschlagen.
In der vorliegenden Hausarbeit soll zunächst die besondere gesellschaftliche und politische Konstellation dieser Epoche dargestellt werden. Dann soll auf die Gründe und Argumente
eingegangen werden, die ein Umdenken hinsichtlich der politischen, sprich staatsbürgerlichen, Erziehung nötig gemacht haben. Dabei wird darauf eingegangen, was sich die Obrigkeit des Reiches von einer staatlich kontrollierten Bürgerkunde in den Schulen versprach. Und schließlich wird im letzten Kapitel die kaiserliche, monarchische Art der Staatsbürgerkunde kritisch betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Geschichtlicher und gesellschaftlicher Hintergrund
3 Die Bildungssituation vor der Reichsgründung
4 Die Notwendigkeit der staatsbürgerlichen Erziehung im Kaiserreich
4.1 Staatsbürgerliche Erziehung als Mittel zur sozialen Integration
4.2 Staatsbürgerliche Erziehung als Realienbildung
4.3 Staatsbürgerliche Erziehung als Waffe gegen die Sozialdemokratie
4.4 Staatsbürgerliche Erziehung als Untertanenerziehung
5 Zusammenfassung und kritische Betrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und Funktion der politischen bzw. staatsbürgerlichen Erziehung im deutschen Kaiserreich zwischen 1871 und 1918. Dabei liegt der Fokus darauf, wie der Staat durch schulische Indoktrination Herrschaftsstrukturen sicherte, soziale Integration förderte und gegen aufkommende gesellschaftliche Kräfte wie die Sozialdemokratie agierte.
- Historischer Kontext des deutschen Kaiserreichs
- Die Entwicklung staatlicher Bildungsziele und Schulreformen
- Instrumentalisierung der Schule zur Herrschaftssicherung
- Militarisierung der Erziehung und Untertanengeist
- Vergleich der historischen Erziehungsideale mit modernen Bildungsaufträgen
Auszug aus dem Buch
4.3 Staatsbürgerliche Erziehung als Waffe gegen die Sozialdemokratie
Der Furcht, zuviel Wissen würde die Jugend verderben, wurde begegnet, indem das Ministerium sehr genau ausarbeitete, was und wie unterrichtet werden sollte. Die staatliche Schulbildung wurde also gezielt genutzt, um Unzufriedenheiten, der Verbreitung revolutionären Gedankenguts und zentrifugalen Kräften in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Insbesondere die Verbreitung der Sozialdemokratie und die wachsenden Erfolge der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) bzw. der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD, ab 1890) waren dem Kaiser und dem Reichskanzler Bismarck ein Dorn im Auge. Das am 19. Oktober 1878 vom Deutschen Reichstag verabschiedete „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ verbot sozialdemokratische Aktivitäten außerhalb der Landtage und des Reichstags mit der Begründung, diese seien eine Gefahr für die Monarchie, den Kapitalismus und die Ruhe im Land, so dass sich der Staat gezwungen sehe, gegen die Agitatoren vorzugehen.
Dieses Gesetz zeigte Wirkung, indem die Stimmenanteile der SAP bei Reichtagswahlen während der Gültigkeitsdauer der so genannten Sozialistengesetze kurzzeitig zurückgingen bzw. nicht weiterhin anstiegen. Allerdings wurde die SPD 1980 – unmittelbar nach der Aufhebung der Sozialistengesetze – mit 19,7% der Stimmen zur wählerstärksten Partei im Reich. Besonders empfänglich für die „sozialdemokratischen Irrlehren“ waren Bismarcks Meinung nach die Arbeiter bzw. Arbeiterkinder in den Großstädten. Diese Befürchtung war nicht von der Hand zu weisen, verelendeten doch große Bevölkerungsteile insbesondere in den schnell anwachsenden Städten. Die Soziale Frage war somit auch eine Arbeiterfrage; die verarmten, unzufriedenen Arbeiter stellten den größten Teil der SPD-Sympathisanten und -Mitglieder.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der schulischen Bildung als Machtinstrument ein und umreißt die Fragestellung der Arbeit bezüglich der staatsbürgerlichen Erziehung im Kaiserreich.
2 Geschichtlicher und gesellschaftlicher Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die politischen und sozialen Transformationsprozesse des 19. Jahrhunderts, die den Rahmen für die Bildungspolitik bildeten.
3 Die Bildungssituation vor der Reichsgründung: Hier wird der historische Stand des Schulwesens in Preußen und die rechtliche Einbindung der Schule als staatliche Institution beleuchtet.
4 Die Notwendigkeit der staatsbürgerlichen Erziehung im Kaiserreich: Dieses Kapitel diskutiert die Gründe für die Einführung gezielter staatsbürgerlicher Bildung zur Integration der Bevölkerung.
4.1 Staatsbürgerliche Erziehung als Mittel zur sozialen Integration: Es wird analysiert, wie das Kaiserreich durch die Vermittlung nationaler Identität heterogene Bevölkerungsgruppen an den Staat binden wollte.
4.2 Staatsbürgerliche Erziehung als Realienbildung: Der Fokus liegt hier auf dem Bedarf der Industrie nach besser ausgebildeten Arbeitskräften und der entsprechenden Erweiterung der Lehrpläne um Realien.
4.3 Staatsbürgerliche Erziehung als Waffe gegen die Sozialdemokratie: Dieses Kapitel zeigt, wie die staatliche Schule zur Eindämmung sozialistischer und kommunistischer Ideen instrumentalisiert wurde.
4.4 Staatsbürgerliche Erziehung als Untertanenerziehung: Es wird dargelegt, wie Disziplinierung und Militarisierung der Erziehung zur Formung obrigkeitstreuer Untertanen beigetragen haben.
5 Zusammenfassung und kritische Betrachtung: Abschließend werden die historischen Erkenntnisse reflektiert und in einen Vergleich zur modernen politischen Erziehung gesetzt.
Schlüsselwörter
Deutsches Kaiserreich, Politische Erziehung, Staatsbürgerkunde, Schulgeschichte, Sozialdemokratie, Herrschaftssicherung, Indoktrination, Nationalbewusstsein, Untertanenerziehung, Bildungsauftrag, Preußische Reformen, Industrialisierung, Patriotismus, Gesellschaftliche Integration, Wilhelm II.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Zielsetzung der politischen und staatsbürgerlichen Erziehung in den Schulen während des Deutschen Kaiserreichs von 1871 bis 1918.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Instrumentalisierung der Schule zur Herrschaftssicherung, der Reaktion auf die Sozialdemokratie, der nationalen Identitätsbildung und dem pädagogischen Ideal des Untertanen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Kaiserreich Schule und Unterricht nutzte, um gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen und die Jugend ideologisch an den monarchischen Staat zu binden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historisch-analytischen Herangehensweise, bei der zeitgenössische Quellen, Erlasse und fachwissenschaftliche Literatur ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der sozialen Integration, die Bedeutung der Realienbildung für die Wirtschaft, den Kampf gegen die Sozialdemokratie sowie die Erziehung zum unreflektierten Untertanen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Kaiserreich, Staatsbürgerkunde, Indoktrination, Herrschaftssicherung und Untertanenerziehung.
Warum wurde die Sozialdemokratie als Gefahr für das Kaiserreich gesehen?
Die Sozialdemokratie forderte mit ihren revolutionären Zielen und ihrem Erfolg in der Arbeiterschaft die bestehende monarchische Ordnung und den Kapitalismus direkt heraus.
Welche Rolle spielte die Militarisierung in der damaligen Schulerziehung?
Die Militarisierung der Erziehung diente dazu, Disziplin, Gehorsam und eine unreflektierte patriotische Gesinnung zu fördern, um die Jugend emotional und geistig an das Kaiserreich zu binden.
Wie bewertet der Autor den Vergleich zu heutigen Schulgesetzen?
Der Autor stellt fest, dass staatliche Erziehung immer einen zeitbezogenen Bildungsauftrag verfolgt, warnt jedoch im Rückblick auf die Kaiserzeit vor den Gefahren ideologischer Indoktrination.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2008, Politische Erziehung zur Zeit des Kaiserreichs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134114