Seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es neue Einflüsse auf die Rezeption der holländischen Malerei. Man wies darauf hin, dass nicht einfach die damalige Wirklichkeit abgebildet werde, sondern dass „geheime Sinnschichten“ verborgen wären, die mit emblematischer Literatur entschlüsselt werden könnten. Somit bringt die holländische Genremalerei dem Publikum moralisch belehrende Inhalte näher, eingebettet in eine schöne und realistische Form.
So lohnt es sich, auch vermeintlich einfache Gebrauchsgegenstände in den holländischen Gemälden genauer zu betrachten. Im Rahmen dieser Seminararbeit soll der Fayencekrug in den Gemälden Jan Vermeers genauere Betrachtung finden. Es wird aufgezeigt, dass Vermeer den Krug nicht nur aus ästhetischen Gründen oder der Vollständigkeit des Tischbildes wegen ins Bild gesetzt hat, sondern damit eine Belehrung des Betrachters anstrebte. Dazu werden zeitgenössische Vorstellungen über die Gesellschaft und ein Werk eines weiteren holländischen Malers - Jan Steen - zitiert und sie werden aufzeigen, dass der übermäßige Weingenuss in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts negativ konnotiert war.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Rolle des Krugmotivs:
I. Bei der Kupplerin
II. Schlafendes Mädchen
a. Jan Steen: Verkehrte Welt
III. Das Mädchen mit dem Weinglas
IV. Herr und Dame beim Wein
2. Abschließender Gedankengang
3. Abbildungen
4. Literaturverzeichnis
5. Abbildungsnachweis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die symbolische Bedeutung des Fayencekrugs in ausgewählten Werken Jan Vermeers. Ziel ist es aufzuzeigen, dass der Krug nicht bloß als ästhetisches Element dient, sondern als mahnendes Motiv fungiert, welches vor den moralischen Gefahren von übermäßigem Weinkonsum und dem Verlust tugendhafter Lebensführung im 17. Jahrhundert warnt.
- Die moralische Ikonographie holländischer Genremalerei.
- Die symbolische Konnotation des Krugmotivs als Warnung vor Maßlosigkeit.
- Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Frauenbildern und häuslicher Moral.
- Vergleichende Analyse mit zeitgenössischen Werken, insbesondere Jan Steens „Verkehrte Welt“.
- Bedeutung von Details für die Datierung und Interpretation der Gemälde.
Auszug aus dem Buch
Die Rolle des Krugmotivs
Vermeers früheste bekannte Werke sind der Gattung der Historienbilder zuzuordnen. Erst mit dem Werk Bei der Kupplerin (Abb. 1) von 1656 kündigt sich ein stilistischer und thematischer Wendepunkt in Vermeers Œuvre an: Der Wechsel in die Gattung der Genremalerei. Der eigentlich provisorisch gegebene Gattungsbegriff des Genrebildes umfasst den gesamten Themenkreis des Alltagslebens. In den dargestellten Situationen soll sich jedermann wiedererkennen, die Werke sollen Kennzeichen nationaler Identität sein und Moralvorstellungen und Bürgerpflichten und –tugenden anschaulich vermitteln. Nimmt man als Betrachter diese Zielsetzung als Grundlage der holländischen Kunst des 17. Jahrhunderts wahr, so kann man Vermeers Werke erst richtig verstehen.
Mit seinem Gemälde Bei der Kupplerin wendet sich Vermeer auf den ersten Blick dem Bordellbild zu, welches als Unterkategorie der holländischen Malerei sehr geschätzt wurde. Der schwere orientalische Teppich bedeckt einen Tisch, der fast die halbe Bildfläche ausfüllt und an dem vier Personen zu sehen sind. Wie eine Schranke trennt er den Betrachter von der Bildszenerie. Ein Mann in zinnoberrotem Wams mit einem großen Hut, der ihm einen ausgedehnten Schatten ins Gesicht wirft, tritt von hinten an eine junge Frau heran und lehnt sich leicht über ihre rechte Seite. Dabei greift er ihr mit der linken Hand leicht an die Brust und reicht ihr mit der anderen eine Münze. Ein Lächeln umschmeichelt die vom Wein geröteten Wangen der jungen Frau, die mit einem zitronengelben Gewand und einer weißen, mit Spitzen besetzten Haube bekleidet ist. Noch immer hält sie das halbgefüllte Weinglas, welches gleich neben einem edlen Weinkrug aus blau-weißem Porzellan steht, mit der linken Hand umschlossen, die rechte Hand streckt sie geöffnet nach vorn, um die Bezahlung für ihre Liebesdienste in Empfang zu nehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Rolle des Krugmotivs: Dieses Kapitel analysiert das Auftreten des Fayencekrugs in verschiedenen Gemälden Vermeers und setzt es in den Kontext moralischer Warnungen vor übermäßigem Weingenuss.
2. Abschließender Gedankengang: Der Autor resümiert, dass der Krug ein signifikantes Leitmotiv darstellt, das Vermeers tieferes Verständnis für die Welt der Frauen und die moralischen Spannungsfelder seiner Zeit verdeutlicht.
3. Abbildungen: In diesem Teil werden die im Text besprochenen Werke und Details visuell dokumentiert.
4. Literaturverzeichnis: Hier werden die verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Monografien aufgeführt.
5. Abbildungsnachweis: Dieser Abschnitt ordnet die gezeigten Bildtafeln ihren jeweiligen Standorten und Quellen zu.
Schlüsselwörter
Jan Vermeer, Fayencekrug, holländische Genremalerei, 17. Jahrhundert, Weingenuss, moralische Belehrung, Hausväterliteratur, Symbolik, Bei der Kupplerin, Schlafendes Mädchen, Das Mädchen mit dem Weinglas, Herr und Dame beim Wein, Acedia, Temperantia, Erotik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, welche symbolische Rolle der Fayencekrug als wiederkehrendes Motiv in den Genrebildern von Jan Vermeer spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die moralische Symbolik in der holländischen Barockmalerei, die gesellschaftlichen Anforderungen an die häusliche Tugend der Frau und die Interpretation von Gebrauchsgegenständen als Warnsignale.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist der Nachweis, dass der Krug in Vermeers Werken nicht nur als dekoratives Element, sondern als gezielte moralische Warnung vor Trunksucht und dem Verlust der Selbstbeherrschung eingesetzt wird.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt die kunsthistorische Bildanalyse, den ikonographischen Vergleich mit zeitgenössischer Literatur (Hausväterliteratur, Emblemata) und den Vergleich mit Werken anderer zeitgenössischer Maler.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zentrale Gemälde wie „Bei der Kupplerin“, „Schlafendes Mädchen“ und „Das Mädchen mit dem Weinglas“ detailliert hinsichtlich ihrer kompositorischen und symbolischen Elemente analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jan Vermeer, Krugmotiv, moralische Belehrung, Genremalerei und barocke Symbolik.
Wie trägt das Gemälde „Verkehrte Welt“ von Jan Steen zum Verständnis von Vermeers Werken bei?
Jan Steens Werk dient als kontrastierendes Beispiel einer expliziteren, chaotischen Bildsprache, die hilft, die subtileren, moralisch-mahnenden Untertöne in Vermeers Darstellungen besser zu entschlüsseln.
Welche Bedeutung hat das „Temperantia“-Fenster in Vermeers Kompositionen?
Das Temperantia-Motiv symbolisiert Mäßigung und dient als direkter moralischer Kommentar, der die Protagonisten der Bilder warnt, auch wenn diese die Warnung oft ignorieren.
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- Sabrina Rücker (Autor), 2007, Versuchungen des Alltags: Das Krugmotiv in den Werken Jan Vermeers, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134168