Altes Testament Einleitung


Seminararbeit, 2008

21 Seiten, Note: 1,75


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

11.09. (ca. 4,5 Stunden)

18.09. (ca. 4,5 Stunden)

09.10. (ca. 4,5 Stunden)

23.10. (ca. 3,5 Stunden)

30.10. (ca. 2,5 Stunden)

06.11. (ca. 4,5 Stunden)

13.11. (ca. 5,5 Stunden)
Gen 32; Gen 34; Gen 35,13-21
Gen 37,1-11
Gen 37,12-36
Gen 38
Gen 39
Gen 39,1-20
Gen 39,21-40
Gen 41
Gen 42-46
Gen 47-49
Gen 50

Literaturverzeichnis

11.09. (ca. 4,5 Stunden)

In Genesis 1 wird eher ein Überblick über die Erschaffung der Welt gegeben, in Genesis 2 wird eher die Beziehung zwischen Gott und den Menschen in den Blick genommen.

Die Erschaffung der Welt kann man in folgenden sieben Punkten zusammenfassen:

1. Licht, Tag und Nacht (vgl. Gen 1,3 ff.)
2. Himmel (vgl. Gen 1,6 ff.)
3. Erde (vgl. Gen 1,9 f.) Pflanzen (vgl. Gen 1,11 f.)
4. Sonne, Mond, Sterne (vgl. Gen 1,14-18)
5. Wassertiere, Vögel (vgl. Gen 1,20 f.)
6. Landtiere (vgl. Gen 1,24 f.) Menschen (vgl. Gen 1,27)
7. Ruhetag (vgl. Gen 2,2 f.)

In sprachlicher Hinsicht lässt sich feststellen, dass bestimmte Teilsätze bzw. bestimmte Sätze immer wiederkehren und zwar nach folgendem Schema:

1. Und Gott sprach: Es... (Gen 1,3.9.11.14.20.24.26)
2. Und es geschah so. (Gen 1,7.9.11.15.24.30)
3. Und Gott sah, dass es gut war. (Gen 1,10.12.18.21.25)
4. Da ward aus Abend und Morgen der ... Tag. (Gen 1,5.8.13.19.23.31)

Vielleicht soll diese Strukturierung der Sprache die Strukturierung der Welt unterstreichen bzw. die Strukturierung der Welt wiederspiegeln? Man könnte beides aufeinander beziehen. Die Sprache ist im Zusammenhang mit der Erschaffung der Welt von sehr grol3er Bedeutung: So hat Gott unter anderem durch Sprache aus dem Chaos eine wohlgeordnete und eine wohlstrukturierte Welt geschaffen: „Und Gott sprach: ...“. Gottes Wort ist voll Kraft und voll Macht, er kann durch die Sprache das Chaos strukturieren und die Welt schaffen. Gott ist sowohl ein Gott der Kommunikation als auch der Ord-nung. Ordnung ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Langeweile: Die Artenvielfalt bei Pflanzen und bei Tieren dürfte verdeutlichen, dass Gott sehr kreativ und sehr vielfältig ist.

Ferner ist bei der Betrachtung der Sprache auffällig, dass nach jedem Schöpfungsakt die Worte auf-tauchen „Und Gott sah, dass es gut war.“, aber nicht nach der Erschaffung des Menschen. Stattdessen wird geschrieben: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Hier-durch wird die Schöpfung im Ganzen als sehr gut angesehen (die Schöpfung samt dem Menschen), aber ein explizites positives Urteil über die Erschaffung des Menschen wird nicht gegeben. Vielleicht kann man das Fehlen der Worte „Und Gott sah, dass es gut war.“ schon im Licht des Sündenfalls deu-ten? Dann könnte eine Zusammenfassung folgendermal3en aussehen:

Gott schuf das Licht. Und er sah, dass es gut war.

Er schuf den Himmel. Und er sah, dass es gut war.

Er schuf die Erde und die Pflanzen. Und er sah, dass es gut war.

Er schuf die Sonne, den Mond und die Sterne. Und er sah, dass es gut war.

Er schuf die Wassertiere und die Vögel. Und er sah, dass es gut war.

Er schuf die Landtiere. Und er sah, dass es gut war.

Er schuf die Menschen. Und er sah...? - Und er sah den Sündenfall kommen.

Nicht nur in dieser Hinsicht, sondern auch in anderer Hinsicht lässt sich die Erschaffung des Men-schen von allen anderen Schöpfungsakten abgrenzen. So wird jeder Schöpfungsakt mit Worten be-gonnen wie: Es werde, es sammle, es lasse, es wimmle, die Erde bringe hervor, etc. Im Gegensatz dazu wird die Erschaffung des Menschen mit der Aufforderung begonnen: „Lasset uns Menschen ma-chen...“ (Gen 1,26) Die Wortwahl könnte implizieren, dass die Erschaffung des Menschen mit mehr

Anstrengung und mit mehr Tätigkeit verbunden ist als die Erschaffung alles anderen, denn die Worte „es werde, es sammle, es lasse, es wimmle, die Erde bringe hervor, etc.“ umschreiben einen eher pas-siven Vorgang, die Worte „Lasset uns Menschen machen...“ hingegen einen sehr aktiven Vorgang. Hier ist anzumerken, dass der Imperativ Plural „lasset“ sowie der Plural „uns“ unter Umständen ein Hinweis auf die Trinität ist: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist beteiligen sich gleicherma-ßen an der Erschaffung des Menschen. Diese Hervorhebung des Menschen kann verdeutlichen, dass dem Schöpfer im Besonderen die Menschen am Herzen liegen. Zudem wird die Erschaffung des Men-schen sehr genau beschrieben: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (Gen 2,7) Der Mensch wurde aus Erde vom Acker geschaffen, aber Gott musste ihm Leben einhauchen. Gott ist folglich ein Gott des Lebens. Dieses Einhauchen des Lebens ist ebenso wie das Formen des Körpers mit sehr viel Nähe verbunden, während das Schaffen durch das Wort eher mit Distanz verbunden ist. Vielleicht soll die Erschaffung des Menschen durch die Handlung statt durch das Wort verdeutlichen, dass Gott ein Gott der Nähe und der Beziehung ist?

Gott hat die Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen, wenngleich für mich noch immer unklar ist, was die Worte „ein Bild, das uns gleich sei“ (Gen 1,26) bzw. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“ (Gen 1,27) meinen. Implizieren sie, dass der Mensch ebenso wie Gott ein Beziehungswesen ist? Implizieren sie, dass der Mensch nahezu die gleichen Rechte hat wie Gott, nämlich das Recht, den Tieren einen Namen zu geben etc. (Ausnahme: Baum der Erkenntnis)? Einerseits gibt Gott sowohl den Wassertieren und Vögeln als auch den Menschen seinen Segen und seinen Auftrag, sich fortzupflanzen: „Und Gott segnete sie und sprach: „Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden.“ (Gen 1,22), „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Him­mel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (Gen 1,28) Andererseits ist auf-fällig, dass bei den Menschen neben dem Segen und dem Auftrag zur Fortpflanzung ein weiterer wich-tiger Zusatz zu finden ist, nämlich die Herrschaft über die Tiere. Diese Herrschaft wird in Gen 2 unter anderem auch dadurch deutlich, dass der Mensch allen Landtieren und allen Vögeln ihren Namen gibt. Zu Beginn der Schöpfung gibt Gott dem Tag und der Nacht, dem Himmel und der Erde den Namen (vgl. Gen 1,5.8.10), aber nach der Erschaffung des Menschen wird dem Menschen die Namensgebung der Tiere überlassen. Gottes Beschluss, die Tiere zum Menschen zu bringen, um sie von ihm benennen zu lassen statt sie selber zu benennen, ist für mich ein Ausdruck seiner Liebe und seines Respekts für den Menschen, ein Zeichen für die ganz innige und ganz tiefe Beziehung zu dem Menschen. Aber auch ein Zeichen dafür, dass der Mensch besondere Rechte, aber auch besondere Verantwortung für die Schöpfung hat. Diese Sonderstellung wird unterstrichen dadurch, dass der Mensch für die Bebau-ung und Bewahrung des Gartens Eden verantwortlich ist. Diese Verantwortung basiert auf einem Ver-trauensverhältnis oder einem Vertrauensvorschuss von Gott zum Menschen. Gott gibt dem Menschen jedoch nicht nur Verantwortung für andere, sondern auch für sich selbst, indem er ihn mit dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen konfrontiert: Der Mensch darf nicht vom Baum der Erkenn-tnis essen und Ungehorsam gegenüber diesem Gebot wird zum Tod führen. Die Tatsache, dass Gott dem Menschen gebot, nicht vom Baum zu essen, könnte zeigen, dass Gott und Mensch sich nicht auf einer Ebene befinden: Der Schöpfer wird im Normalfall über seinem Geschöpf stehen. Jedoch ist an-zumerken, dass Gott dem Menschen die Freiheit gibt, sich für oder gegen sein Gebot zu entscheiden. Gott informiert den Menschen über die Konsequenzen, die sein Verhalten hat, aber die Entscheidung und die Verantwortung für sein Verhalten ist beim Menschen, d.h. sie wird ihm nicht abgenommen. Dennoch ist zu fragen, ob Adam und Eva wussten, was Gut und was Böse ist als sie noch nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten. Wussten sie ausreichend bescheid, um sich für den Gehorsam und gegen die Sünde entscheiden zu können?

Der Mensch darf von den Pflanzen und den Bäumen essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis. Hie-ran wird deutlich, dass Gott der Versorger der Menschen ist, der ihnen Nahrung gibt. Er weiß, was die Menschen brauchen und zwar nicht nur körperlich, sondern auch seelisch: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ (Gen 2,18) Der Mensch ist auf ein Gegenüber angewiesen, das ihm gleich ist, das auf einer Ebene mit ihm ist: Die Gehilfin wird aus der Rippe des Menschen geschaffen: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.“ (Gen 2,23) Abgesehen davon ist der Mensch auf eine Gehilfin angewiesen, um wie auch die Tiere den Auftrag zur Fortpflanzung zu realisieren. Im Zusammenhang mit der Erschaffung der Menschen wird geschrieben, dass die Menschen nackt waren und sich nicht schämten. Das könnte verdeutlichen, dass die Menschen gege-nüber Gott offen waren, nichts vor ihm verbargen, nichts vor ihm zudeckten. Die Beziehung war noch in Ordnung, das Vertrauen war noch vorhanden.

Nach der Erschaffung der Welt beschloss Gott, einen Ruhetag einzulegen und den Ruhetag zu heili-gen. Hier ist die Frage, wozu der Ruhetag ist. Wollte Gott einen Ruhetag, weil er unter Umständen vom Arbeiten müde war? Dann hätte er sehr menschliche Bedürfnisse, nämlich das Bedürfnis nach Ruhe und Schlaf. Oder wollte Gott die Erschaffung der Welt durch einen Ruhetag würdigen, d.h. zei-gen mit wieviel Anstrengung und wieviel Zeit die Erschaffung der Welt verbunden ist? Oder wollte er den Ruhetag für den Menschen etablieren? Dann wäre der Ruhetag wie Jesus formuliert für den Men-schen da und nicht der Mensch für den Ruhetag. Ich tendiere momentan eher dazu, den Ruhetag als ein Geschenk für den Menschen zu betrachten.

18.09. (ca. 4,5 Stunden)

Zunächst ist festzustellen, dass Satans Methode die List ist: „die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde.“ So manipuliert Satan durch seine Fragen und seine Bemerkungen nicht nur die Ge-danken der Menschen über Gott, sondern auch das Vertrauen zu Gott. Das ist am Gespräch zwischen der Frau und der Schlange sehr deutlich zu sehen:

SCHLANGE: „Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ (Gen 3,1)

FRAU: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mit­ten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!“ (Gen 3,2 f.)

SCHLANGE: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weil3: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ (Gen 3,4 f.)

Im Grol3en und Ganzen kann man Satans Methode in die folgenden Schritte gliedern:

Satan probiert, das Gebot von Gott in Frage stellen, um den Menschen zu verunsichern. Das wird an der Verbindung aus Konjunktiv („sollte“) und rhetorischer Frage deutlich, die helfen, Unsicherheit zu wecken und Zweifel zu streuen.

Satan hat zuerst keinen Erfolg bei dem Menschen, d.h. die Frau lässt sich nicht beirren. Daher muss er auf die Lüge zurückgreifen, um die Frau umzustimmen: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben.“ (Gen 3,4) Die Lüge wird einerseits sehr vehement vertreten, was an dem Wort „keineswegs“ zu sehen ist und andererseits mit einer Verheil3ung verbunden, die sehr verlockend ist: „Gott weil3: an dem Ta-ge, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ (Gen 3,5) Diese Lüge des Satans impliziert, dass Gott dem Menschen etwas Gutes vor-enthalten will, nämlich zu sein wie Gott und zu wissen, was gut bzw. was böse ist. Hierdurch kann Misstrauen gegenüber Gott entstehen und zusammen mit der Verlockung bewirken, dass der Mensch sich vom Satan verführen lässt: „Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und al3 und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er al3.“ (Gen 3,6) Hier wird deutlich, dass die Sünde einerseits aus der sinnlichen Verlockung und andererseits aus der gedanklichen Verlockung resultiert: Satan muss lediglich die Gedanken der Menschen verändern, um die Menschen zur Sünde zu verführen. Es war Jesus daher sehr wichtig, dass wir nicht nur auf unser Handeln, sondern auch auf unser Denken achten, denn die Taten folgen auf die Gedanken. Die Frau kann der Versuchung nicht widerstehen, die Frucht wird genommen und die Frucht wird gegessen. Hieran lässt sich eine Steige-rung der Sünde beobachten, nämlich vom „sich der Sünde zuwenden“ durch das Nehmen der Frucht zum „sich der Sünde hingeben“ durch das Essen der Frucht. Ferner wird die Frucht weitergegeben, d.h. die Ausbreitung der Sünde ist nicht aufzuhalten. Im Zusammenhang mit der Sünde ist zu beobach-ten, dass die Menschen ihre Schuld nicht zugeben, sondern abstreiten oder auf einen anderen schieben, nämlich die Frau auf die Schlange und der Mann auf die Frau. Dieses Phänomen lässt sich noch immer finden: Es gibt immer wieder Menschen, die ihre Sünde nicht erkennen und zum Beispiel sagen: „Ich kann bei dem Leid in der Welt nicht glauben, dass es Gott gibt.“ Hierdurch machen sie Gott für ihren Unglauben verantwortlich; sie schieben die Schuld für ihren Unglauben auf Gott statt sich die Mühe zu machen und Gott zu suchen.

Aus dem Sündenfall resultieren mehrere schwerwiegende Konsequenzen für die Menschen: Zuerst bemerken sie, dass sie nackt sind und sie versuchen, ihre Nacktheit vor Gott zu verbergen, indem sie Schurze flechten. Vielleicht lässt sich die Nacktheit nicht nur im Sinne von Nacktheit, sondern auch im Sinne von Bedürftigkeit oder von Verletzlichkeit deuten? Vielleicht lässt sich die Nacktheit aber auch im Sinne von Offenlegung deuten? Dann würden die Menschen die Schurze benutzen, um Gott etwas vorzuspielen, genauso wie Schauspieler die Kleider benutzen, um in eine Rolle zu schlüpfen. Im Zusammenhang damit ist wichtig, dass sich die Menschen vor Gott verstecken, d.h. sie können Gott wegen ihrer Sünde nicht mehr gegenübertreten. Letztendlich werden sie aus dem Paradies und dadurch aus der Gegenwart Gottes verstol3en. Zu diesen Konsequenzen kommen die folgenden weiteren Kon-sequenzen, die einerseits die Menschen und andererseits die Schlange betreffen: Die Schlange wird verstol3en, sie muss auf dem Bauch kriechen und Erde fressen. Feindschaft soll ferner bestehen zwi-schen den Schlangen und den Menschen. Die Frau muss unter Mühen Kinder gebären und der Mann muss unter Mühen Äcker bewirtschaften, um sich vom Ertrag zu ernähren. Letztendlich müssen die Menschen auch die Konsequenz tragen, über die sie informiert waren, nämlich den Tod.

Die Steigerung bzw. die Verbreitung der Sünde lassen sich nicht aufhalten. Nachdem die Menschen vom Baum der Erkenntnis gegessen und das Paradies verlassen hatten, verfielen sie immer wieder der Sünde, wobei die bösen Taten häufig aus den bösen Gedanken und den bösen Gefühlen resultieren, zum Beispiel in Gen 4. Hier wird der Brudermord von Kain an Abel beschrieben, wobei in dieser Ge-schichte nicht nur eine, sondern mehrere Facetten von Sünde zur Sprache kommen: In Vers 5 wird deutlich, dass Kain neidisch und zornig ist auf seinen Bruder Abel, dessen Opfer Gott gefallen hat. Trotz Ermahnung und Warnung durch Gott, lässt sich Kain hinreil3en, seinen Bruder zu töten (vgl. Gen 4,8). Im Anschluss hat er keine Skrupel, Gott zu belügen, der wissen will, wo Abel ist (vgl. Gen 4,9).

Die Nachkommen von Kain sündigen, indem sie zwei Frauen statt einer Frau haben, d.h. indem sie Polygamie betreiben (Gen 4,19), aber auch indem sie töten wie Kain: „Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule.“ (Gen 4,23)

Im Gegensatz zu Gen 4 wird die Sünde in Gen 6 nicht spezifiziert. Hier wird lediglich beschrieben, dass „der Menschen Bosheit grol3 war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar“ (Gen 6,5). In Vers 11 lässt sich die Beschreibung finden: „Aber die Erde war verderbt vor Gottes Augen und voller Frevel. Da sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden.“ Diese Beschreibungen in Vers 5 und Vers 11 können verdeutlichen, dass die Menschen voll und ganz von der Sünde durchdrungen sind, nicht nur in einem Bereich, sondern in allen Bereichen von Körper, Seele und Geist. Hier ist anzumerken, dass die Bosheit von Jugend auf existiert (vgl. Gen 8,21).

Nach dieser sehr allgemeinen Beschreibung der Sünde, kann man in Gen 9 einen ganz konkreten Fall finden: Noah ist im Zelt, um seinen Rausch auszuschlafen, ohne zu merken, dass seine Blöl3e sichtbar ist. Sein Sohn Ham registriert die Blöl3e seines Vaters und er informiert seine Brüder, statt seinen Va-ter zu bedecken. Ham hat es unterlassen, die Blöl3e seines Vaters zu bedecken, d.h. seinen Vater zu ehren und zu schützen. Abgesehen davon kann man die Information der Brüder unter Umständen als Lästerei interpretieren. Im Gegensatz dazu ist fraglich, ob die Trunkenheit von Noah als Sünde anzu-sehen ist: Noah war der erste Weinbauer, d.h. er hatte wahrscheinlich keine Ahnung von der Wirkung des Weines.

In Gen 11 erfahren wir schliel3lich von dem Gröl3enwahn der Menschen: Sie wollen eine Stadt und einen Turm bauen und die Spitze des Turms soll bis an den Himmel reichen. Vielleicht soll das bedeu-ten, dass die Menschen nicht nur bis an den Himmel, sondern auch bis an Gott heranreichen wollen? Die Menschen wollen ihm vielleicht seine Position streitig machen.

Im Zusammenhang mit der Verbreitung der Sünde ist sehr interessant, dass immer wieder Ge-schlechtsregister auftreten: In Gen 4 das Geschlechtsregister Kains, in Gen 5 das Geschlechtsregister Adams, in Gen 10 das Geschlechtsregister Noahs und in Gen 11 das Geschlechtsregister Sems. Viel-leicht sollen diese Geschlechtsregister nicht nur die Fortpflanzung der Menschen, sondern auch ein Sinnbild für die Fortpflanzung der Sünde darstellen? Die Menschen zeugen immer wieder Nachkom- men und sie erzeugen immer wieder Sünde. Abgesehen von diesen Geschlechtsregistern ist vor allem auffällig, dass die Erzählungen immer wieder auf dem Prinzip Sünde – Gericht – Gnade basieren. Ich will im Folgenden auf dieses Erzählmuster eingehen.

In Gen 3-11 erfahren wir sehr viel über das Wesen Gottes, vor allem auch über seine Gnade. Es ist immer wieder sehr berührend, dass Gott nach dem Sündenfall noch immer an den Menschen interes-siert ist. Trotz dieser Enttäuschung hat er den Wunsch, dem Sünder nachzugehen und den Sünder zu suchen: „Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?“ (Gen 3,9) Diese Suche kann man nicht nur im Alten Testament, sondern auch im Neuen Testament bis heute entdecken. Wir haben folglich einen liebenden Gott, aber auch einen gerechten Gott. So wird die Sünde nicht übergangen, d.h. jeder wird zur Verantwortung gezogen, sowohl die Schlange als auch die Frau und der Mann, wobei wichtig ist, dass Gott die Menschen über die Konsequenz informiert hatte. Die Menschen wer-den nicht im Unklaren gelassen, sondern sie wissen, woran sie sind. Folglich ist Gott in seinem Han-deln konsequent, aber nicht willkürlich und es ist gut, seinem Wort zu glauben. Nach dem Sündenfall erfahren die Menschen noch immer seine Liebe, aber auch seine Fürsorge und seine Nähe, denn Gott lässt es sich nicht nehmen, Röcke von Fellen zu machen und den Menschen anzuziehen. Ferner kom-muniziert Gott immer noch mit den Menschen, um ihn vor Sünde zu warnen (vgl. Gen 4), um ihn zu retten (vgl. Gen 6), etc. Trotz Warnung lässt sich Kain zum Brudermord hinreil3en, mit der Konse-quenz, ein unstetes und ein flüchtiges Leben auf Erden zu führen. Jedoch reagiert Gott auf den Bru-dermord nicht nur mit Strafe, sondern auch mit Gnade, denn Kain wird mit einem Zeichen versehen, um ihn vor Totschlag zu bewahren. Ferner gibt Gott die Zusage, Kain im Falle eines Totschlags sie-benfältig zu rächen. Im Zusammenhang mit dem Brudermord und mit der Sintflut wird deutlich, dass Gott allwissend ist, d.h. er kann in die Herzen der Menschen sehen und er weil3 sowohl um ihre bösen Gedanken als auch um ihre bösen Taten (vgl. Gen 6,5). Der Kummer und die Wut über die Bosheit der Menschen veranlassen Gott, durch eine Sintflut alle Menschen zu vernichten - alle Menschen aul3er Noah und seiner Familie. Diese Erfahrungen von Kummer und Wut berühren mich sehr stark, denn sie zeigen, dass Gott kein gefühlsarmer, sondern ein gefühlvoller Gott ist, der durch sein Miterleben und sein Mitleiden den Menschen nah ist. Wichtig ist, dass der Zorn Gottes ein Ende hat, aber nicht sein Erbarmen und seine Gnade: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hin-fort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht auf-hören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Gen 8,21 f.) Gott ist treu und er ist immer wieder willig, dem Menschen zu vergeben und einen Neuanfang mit ihm zu wa-gen, trotz aller Frustrationen. Diese Neuanfänge ziehen sich sowohl durch das ganze Alte Testament als auch durch das ganze Neue Testament, der Bund mit Noah ist ein Beispiel unter vielen.

09.10. (ca. 4,5 Stunden)

Ich würde Abram sehr gern ein paar Fragen stellen. Vielleicht würde sich ungefähr dieses Gespräch ergeben:

ICH: Sag mal, Abram, wie war das mit Deiner Berufung?

ABRAM:

Nun ja, ich war zu der Zeit 75 Jahre alt. Meine Frau, Sarai, und ich, wir wohnten glück-lich und zufrieden in Haran. Da sprach Gott zu mir: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum grol3en Volk machen und will dich segnen und dir einen grol3en Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und ver-fluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Er-den.“ Wow, welche Verheil3ungen: Gott will mich zu einem grol3en Volk machen, er will mir einen grol3en Namen machen, er will mich segnen und mich Segen sein lassen. Das hat mich umgehauen. Das war für mich unvorstellbar. Ich war eine Weile nicht ansprech- bar.

Oh, Abram. Du bist zu beneiden. Ich würde zu gern von Gott erfahren, was er mit mei-nem Leben tun will. Warst Du nicht überglücklich?

Nun, Du darfst nicht vergessen, dass Berufungen nicht nur mit grol3em Segen, sondern auch mit grol3en Kosten verbunden sind. Ich habe in dieser Zeit sehr gelitten. Meine Ge-danken und meine Gefühle gingen durcheinander: Angst vor der Zukunft, Freude über die Verheil3ung, Sorgen wegen meiner Familie, usw. Es war ein Kampf zwischen Hoffnung und Unsicherheit, Freude und Trauer, vor allem aber zwischen Glauben und Zweifel. Wie würden meine Frau und meine Familie reagieren? Würden sie mir glauben? Würden sie mich unterstützen? Manchmal kann Gehorsam gegenüber Gott sehr schwer sein. Ich soll-te mein Vaterland, meine Verwandtschaft, meine Eltern und meine Geschwister verlas-sen, um in ein Land zu ziehen, das Gott mir zeigen wollte. Ich sollte alle Sicherheiten aufgeben, damit die Verheil3ungen sich erfüllen: Persönliche Sicherheiten im Sinne von Beziehungen, aber auch materielle Sicherheiten im Sinne von Besitz. Ich hatte keine Ga-rantie für das Gelingen.

Da hast Du recht. Diese Seite der Berufung wird immer wieder vergessen. Ich wäre sehr unsicher und ich würde mich fragen, ob Gott wirklich zu mir gesprochen hat. Warst Du Dir sicher?

Ja, im Grol3en und Ganzen war ich mir sicher, aber es war trotzdem mit einem Opfer ver-bunden, zu gehorchen. Ich glaube man kann eine Weile den Willen Gottes ignorieren, aber man wird häufig keine Ruhe haben, keinen Frieden finden, bis man bereit ist, den Willen Gottes zu tun. Ich wusste in meinem Innern, dass Gott zu mir gesprochen hatte und ich konnte nicht anders als seinem Willen zu gehorchen. Es war wie ein innerer Drang, wie ein inneres Feuer. Natürlich waren viele Auseinandersetzungen und viele Gespräche mit meinen Verwandten notwendig. Sie dachten zum Teil, ich wäre wahnsin-nig, alle Sicherheiten aufzugeben. Sie konnten nicht nachvollziehen, dass weder Men-schen noch Besitztümer meine Sicherheit sind, sondern einzig und allein Gott. Aber ich bin aufgebrochen im Vertrauen auf Gott, im Vertrauen auf sein Versprechen und auf sein Wort. Ich wusste, ich kann mich auf Gott verlassen. Gott wird uns immer wieder heraus-fordern, uns die Frage stellen: „Hast Du mich lieb und vertraust Du mir?“ Deine Antwort auf diese Frage wird Dein Leben verändern, das wirst Du merken.

Ausgehend von diesem Gespräch will ich zwei Punkte hervorheben: Erstens muss man realisieren, dass Berufung immer wieder mit Kosten verbunden ist. Man muss etwas aufgeben, um zu Neuem aufbrechen. Im Falle von Abram könnte das neue unbekannte Land ein Sinnbild für dieses Neue dar-stellen. Zweitens muss man differenzieren zwischen einer Berufung, die einem einzelnen Menschen gilt und einer Berufung, die einem ganzen Volk gilt. So will Gott einerseits Abram segnen und ande-rerseits in Abram alle Geschlechter auf Erden segnen. „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ - diese Andeutung bzw. Verheil3ung soll zeigen, dass Gott ein Ziel im Blick hat, das nicht nur Abrams Leben tangiert: Man kann diese Verheil3ung im Hinblick auf den Messias deuten, denn der Messias wird aus Abrams Nachkommen stammen und sowohl die Juden als auch die Heiden ret-ten. Im Zusammenhang damit ist die Differenzierung zwischen einer speziellen und einer allgemeinen Berufung wichtig: Einerseits ist jeder Christ zu einem bestimmten persönlichen Dienst berufen, ande-rerseits sind alle Christen zum Glauben an Jesus Christus berufen.

In Kapitel 12 ist der Gehorsam von Abram beeindruckend, der auszog, wie Gott geboten hatte. Dieser Glaubensschritt von Abram kann zeigen, wie grol3 Abrams Glauben und Abrams Vertrauen zu Gott ist, denn dieser Glaubensschritt ist unter anderem mit Abhängigkeit verbunden. Abram akzeptiert nicht nur die Abhängigkeit von Gott, sondern er ist willig, sich der Abhängigkeit von Gott noch mehr aus-liefern, d.h. seine Sicherheiten (z.B. seine Beziehungen, seinen Besitz) aufzugeben. Diese Abhängig-keit von Gott ist für mich immer wieder sehr schwer, vor allem im finanziellen Bereich: Ich würde meinen Lebensunterhalt lieber selber verdienen, statt auf die Spenden von Gott durch Eltern, durch Freunde, etc.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Altes Testament Einleitung
Hochschule
Theologisches Seminar Adelshofen
Veranstaltung
Altes Testament Genesis
Note
1,75
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V134209
ISBN (eBook)
9783640425648
ISBN (Buch)
9783640424597
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lesejournal, Altes Testament, Genesis, Bibel
Arbeit zitieren
Christoph Mohr (Autor), 2008, Altes Testament Einleitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134209

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