Die Aufführung von sogenannten Lebenden Bildern oder tableaux vivants war ein beliebtes Gesellschaftsspiel des Bürgertums im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert.
Der Begriff bezeichnet „plastische Darstellungen von Gemälden durch lebende Personen (...).“ Nach B. Jooss handelt es sich um „szenische Arrangements von Personen, die für kurze Zeit stumm und bewegungslos gehalten werden und sich so für den Betrachter zu einem Bild formieren.“ Ein Lebendes Bild ist ein Phänomen, das zwischen bildender und darstellender Kunst anzusiedeln ist. Es ist eine spezielle Kunst- und Unterhaltungsform, die wie Gemälde oder Plastiken in erster Linie visuell erlebt wird.
Die Schau dieses Vorgangs durch das Publikum ist dabei wesentlicher Bestandteil der Aufführung selbst.
In den Beschreibungen Lebender Bilder sehen wir, dass sie zwei Irritationen beim Kunstbetrachter auslösen. Zum einen werden die zweidimensionalen Figuren aus der Bildenden Kunst durch die Darsteller verkörpert. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Darsteller und dargestellter Figur.
Zum anderen fallen die Kunstwerke aus der Bildenden Kunst aus ihrem Rahmen hinein in die Realität des Betrachters. Das Kunstwerk ist nicht weiter Medium, denn seine plastische Darstellung steht nun ganz unvermittelt Auge in Auge mit dem Zuschauer. So werden die Grenzen zwischen Darstellung und Betrachter unscharf.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
I. DIE MODELS
Lady Emma Hamilton und Mme Henriette Hendel-Schütz
II. DIE ROMAN-MODELLE
Goethes ’Die Wahlverwandtschaften’ und
Hoffmanns ’Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes
Berganza’
II.1 Lebende Bilder
und Goethes Roman ’Die Wahlverwandtschaften’
II.1.1 Charakterisierungen von Luciane und Ottilie
II.1.2 Lucianes „schöner Rücken“
II.1.3 Ottilies Marien-Tableau
II.2 Lebende Bilder und Hoffmanns Erzählung
’Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza’
II.2.1 Die „doppelte Sphinx“
II.2.2 Die heilige Cäzilie
III. DIE MODELS UND DIE ROMAN-MODELLE -
Eine Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der "Lebenden Bilder" (tableaux vivants) sowohl in ihrer realen Ausführung durch zeitgenössische Künstlerinnen als auch ihre literarische Spiegelung und Transformation in den Werken von Johann Wolfgang von Goethe und E.T.A. Hoffmann.
- Analyse der realen Inszenierungspraxis von Lady Emma Hamilton und Mme Henriette Hendel-Schütz.
- Untersuchung des Spannungsverhältnisses zwischen Darstellerin, dargestellter Figur und Betrachterblick.
- Reflexion der literarischen Auseinandersetzung mit dem Genre in Goethes "Die Wahlverwandtschaften".
- Kritische Dekonstruktion der tableaux vivants in Hoffmanns Erzählung "Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza".
Auszug aus dem Buch
II.1.2 Lucianes „schöner Rücken“
Luciane nimmt an drei Nachstellungen von Kupferstichen nach berühmten Gemälden teil. Beim ersten Bild, Belisar nach van Dyk , wird Luciane als „halb bescheiden“ beschrieben. Sie spielt das „junge Weibchen im Hintergrund“, das eifrig Almosen verteilt. Im zweiten Bild höherer Art, Ahasverus und Esther von Poussin, ist sie besser besetzt: Sie spielt die ohnmächtig dahingesunkene Königin.
Das dritte Bild, Terburgs „Väterliche Ermahnung“, zeigt Luciane schließlich auf dem Gipfel ihrer Darstellung. Die Rückenansicht der jungen Frau im Vordergrund machte Eindruck auf die Zuschauer:
„(...) und der ganz natürliche Wunsch, einem so schönen Wesen, das man genugsam von der Rückseite gesehen, auch ins Angesicht zu schauen, nahm dergestalt überhand, dass ein lustiger, ungeduldiger Vogel die Worte, die man manchmal an das Ende einer Seite zu schreiben pflegt: turnez s’il vous plait laut ausrief und eine allgemeine Beystimmung erregte.“ (S. 220)
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Definiert das Genre der Lebenden Bilder als kunsthistorisches Phänomen und legt die Fragestellung der Untersuchung fest.
I. DIE MODELS: Beschreibt die historische Praxis von Lady Emma Hamilton und Mme Henriette Hendel-Schütz und deren Wirkung als Projektionskörper.
II. DIE ROMAN-MODELLE: Führt in die literarische Auseinandersetzung mit dem Thema bei Goethe und Hoffmann ein.
II.1 Lebende Bilder und Goethes Roman ’Die Wahlverwandtschaften’: Analysiert die ambivalente Haltung Goethes und die Inszenierungen seiner Romanfiguren.
II.1.1 Charakterisierungen von Luciane und Ottilie: Kontrastiert die beiden Protagonistinnen als Repräsentantinnen unterschiedlicher Welt- und Kunstauffassungen.
II.1.2 Lucianes „schöner Rücken“: Untersucht die Wirkung von Lucianes Rückenansicht als spezifisches Rätselspiel im Roman.
II.1.3 Ottilies Marien-Tableau: Interpretiert das Marien-Tableau als sakrales Gesamtkunstwerk und seine Rolle für den Betrachterblick.
II.2 Lebende Bilder und Hoffmanns Erzählung ’Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza’: Untersucht Hoffmanns ironische und kritische Distanz zum Genre der Lebenden Bilder.
II.2.1 Die „doppelte Sphinx“: Analysiert die Persiflage auf die Lebenden Bilder durch die Figur des sprechenden Hundes Berganza.
II.2.2 Die heilige Cäzilie: Betrachtet die Darstellung der Heiligen Cäcilie als Kontrast zur satirischen Darstellung der Sphinx.
III. DIE MODELS UND DIE ROMAN-MODELLE - Eine Schlussbetrachtung: Führt die Analyseergebnisse zusammen und arbeitet die Differenz zwischen realem und literarischem Kunstideal heraus.
Schlüsselwörter
Lebende Bilder, Tableaux vivants, Goethe, Die Wahlverwandtschaften, Hoffmann, Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza, Lady Emma Hamilton, Henriette Hendel-Schütz, Projektionskörper, Rezeptionsästhetik, Kunstideal, Mimesis, Darstellende Kunst, Bildende Kunst, Rollenwechsel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der "Lebenden Bilder" (tableaux vivants), eine populäre Unterhaltungsform des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, und deren literarische Spiegelung bei Goethe und Hoffmann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der realen Ausführungspraxis durch berühmte Künstlerinnen, der Dynamik zwischen Darsteller und Zuschauer sowie der literarischen Dekonstruktion dieser "szenischen Arrangements".
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzudecken, wie Literatur auf die Irritationen der Lebenden Bilder reagiert und inwiefern Romanfiguren als "Modelle" für die Reflexion über das Verhältnis von Kunst und Natur dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die kunsthistorische Kontexte miteinbezieht, um die Inszenierungstechniken und deren Wirkung in Texten von Goethe und Hoffmann zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Inszenierungen Lucianes und Ottilies in den "Wahlverwandtschaften" sowie Hoffmanns satirische Auseinandersetzung in der Hund-Erzählung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Tableaux vivants, Projektionskörper, Betrachterblick, Mimesis, Kunstideal und die spezifische mediale Verflechtung von Bild und Text.
Inwiefern unterscheidet sich Hoffmanns Haltung von der Goethes?
Während Goethe das Potenzial der Lebenden Bilder als Mittel zur Charakterzeichnung und zur spirituellen Aufladung nutzt, wählt Hoffmann einen deutlich ironischeren Weg und entlarvt das Genre durch die Perspektive eines Hundes als "Unfug".
Welche Funktion hat die Figur des Hundes Berganza in diesem Kontext?
Berganza fungiert als Spiegel und ironischer Kommentator. Er entlarvt die Künstlichkeit der Lebenden Bilder und wirft durch seine eigene Rolle als "Sphinx" neue Rätsel auf, die über das bloße "Vorzeigen" der Damen hinausgehen.
- Citar trabajo
- Michael Kunth (Autor), 2001, Models und Roman-Modelle, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13422