Die Arbeit versucht, den Begriff Disruption anhand inhaltlicher und narrativer Gesichtspunkte in "Das Erdbeben in Chili" zu dekonstruieren und zu veranschaulichen. Die Untersuchung soll herausstellen, ob die Protagonisten, die Gesellschaft und das soziale System eine durch das Erdbeben ausgelöste Disruption im Verlauf der Novelle durchlebt haben. Im Vordergrund soll dabei der Zusammenhang zwischen der Eruption und den danach folgenden Entwicklungen innerhalb der Handlung stehen, um am Ende die These zu bestätigen, dass das Erdbeben als naturwissenschaftlich-katastrophaler Auslöser in Kleists Erzählung die Disruption der sozialen und politischen Ordnung eingeleitet hat. Zusätzlich soll auch eine mögliche Intention des Autors hinterfragt werden, inwiefern die Darstellung einer Katastrophe und deren Einfluss auf die Gesellschaft für Kleist vielleicht bewusst als literarische Umsetzung seiner Meinung über die sozialen Transformationsprozesse seiner Zeit verstanden werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition einer „Disruption“
2.1. Ökonomische Definition einer „Disruption“
2.2. Entstehung von „Disruptionen“ aus sozialer und evolutionsbiologischer Perspektive
2.3. Wesen und Folgen von „Disruptionen“ anhand geistes- und kulturwissenschaftlicher Betrachtungen
2.4. Zusammenfassende Einordnung einer „Disruption“
3. Inhaltliche Analyse von „Das Erdbeben in Chili“
3.1. Die gesellschaftliche Ordnung und ihr Zusammenbruch
3.2. Die gesellschaftliche Reorganisation in der Idylle des Tals
3.3. „Disruption“ und Glaube – Theodizee-Gedanken in „Das Erdbeben in Chili“
3.4. Doppelstruktur und Sinnverschiebung – narrative Elemente als poetologisches Werkzeug
4. Fazit
5. Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der „Disruption“ aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive mit dem Ziel, dessen Wesen und Funktion zu erhellen. Im Zentrum steht die Untersuchung, ob und wie die Novelle „Das Erdbeben in Chili“ von Heinrich von Kleist als literarischer Experimentalraum für disruptive Prozesse fungiert, wobei der Fokus auf dem gesellschaftlichen Umbruch durch eine Naturkatastrophe liegt.
- Theoretische Definition und interdisziplinäre Einordnung des Begriffs „Disruption“
- Dekonstruktion und Analyse gesellschaftlicher Ordnungen in Kleists Erzählung
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Eruption und sozialen Transformationsprozessen
- Analyse der Theodizee-Debatte im Kontext von Kleists literarischem Werk
- Narrative Untersuchung der Doppelstruktur als poetologisches Werkzeug
Auszug aus dem Buch
3.1. Die gesellschaftliche Ordnung und ihr Zusammenbruch
Nachdem im ersten Teil dieser Arbeit das Phänomen „Disruption“ analysiert wurde und Merkmale hierzu aufgestellt wurden, sollen diese nun im Folgenden auf die Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ angewendet werden, um die „Disruption“ innerhalb der Novelle herauszuarbeiten. Bevor diese Analyse den Moment der Katastrophe und deren vielschichtige Auswirkungen auf die Bevölkerung in den Fokus nimmt, soll jedoch zunächst ein Blick auf das soziale Gefüge vor der Eruption geworfen werden, damit diese anschließend mit der Situation nach dem Erdbeben verglichen werden kann.
Paradoxerweise gibt Kleist erzähltechnisch einen groben Überblick über die soziale Ordnung der Stadtgesellschaft St. Jagos genau in dem Kontext, in dem sie sich optisch schon im Zerfall befindet. Zunächst wird jedoch bei der Einführung des Protagonisten Jeronimo Rugera deutlich, dass das Sozialgefüge innerhalb der Erzählung auf einem noch feudal anmutenden Ständesystem basiert. So separieren sich die „reichsten Edelleute“ (vgl. EIC. 49) als Angehörige einer Oberschicht deutlich von den übrigen Gesellschaftsschichten und dulden eine Grenzüberschreitung wie im Falle von Jeronimo und der Adelstochter Donna Josephe nicht, welches schließlich den Hintergrund für die Trennung beider bildet (vgl. EIC. 49). Ihre letztendliche Verurteilung basiert dabei jedoch nicht auf weltlichem Recht, wie man anhand des in der Stadt vorhandenem Gerichtshof (vgl. EIC. 54) vermuten könnte, sondern nach „klösterlichem Gesetz“ (vgl. EIC. 50) und auf „Befehl des Erzbischofs“ (vgl. EIC 49). Dies liegt zum Einen daran, weil die Vereinigung der beiden auf dem Klostergelände und somit auf kirchlichem Grund und Boden geschieht. Zum Anderen, weil die Vorstellung von Recht und Unrecht in der Gesellschaft St. Jagos sehr deutlich von christlichen Moralvorstellungen dominiert und auch polarisiert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Phänomen Disruption und Zielsetzung der geisteswissenschaftlichen Perspektive auf Kleists Erzählung.
2. Definition einer „Disruption“: Theoretische Bestimmung des Begriffs aus ökonomischer, evolutionsbiologischer und kulturwissenschaftlicher Sicht.
3. Inhaltliche Analyse von „Das Erdbeben in Chili“: Anwendung des theoretischen Disruptions-Konzepts auf die Novelle unter Betrachtung sozialer, religiöser und narrativer Ebenen.
4. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Bestätigung des Erdbebens als disruptives Moment im Sinne einer Naturkatastrophe.
5. Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Disruption, Das Erdbeben in Chili, Heinrich von Kleist, soziale Ordnung, Naturkatastrophe, Theodizee, Gesellschaftsstruktur, Krisensituation, Transformation, narrative Elemente, Störung, Ideologie, Literaturwissenschaft, Evolutionsbiologie, Umbruch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Disruption und dessen theoretische Einordnung, um anschließend Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ als Fallbeispiel für einen gesellschaftlichen Umbruch durch eine Katastrophe zu dekonstruieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Definition von Disruption, gesellschaftliche Normen und Standesstrukturen, die Theodizee-Frage sowie narrative Strategien in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Begriff der Disruption geisteswissenschaftlich zu erfassen und mittels dieser theoretischen Basis die Auswirkungen des Erdbebens in Kleists Erzählung auf die soziale Ordnung St. Jagos zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die verschiedene Thesen und Diskurse aus Ökonomie, Biologie und Medienwissenschaft als theoretischen Rahmen nutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung und eine inhaltliche Analyse der Novelle, wobei Zusammenbruch der Ordnung, Reorganisation im Tal und theologische Fragen diskutiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Disruption, gesellschaftlicher Zusammenbruch, Naturkatastrophe, Theodizee und narrative Struktur geprägt.
Wie wirken sich die gesellschaftlichen Normen auf die Protagonisten Jeronimo und Josephe aus?
Die starre, christlich-fundamentalistische Ordnung führt zur sozialen Ausgrenzung der Protagonisten und schließlich zu deren Verurteilung durch eine religiös dominierte Instanz.
Zu welchem Schluss kommt die Untersuchung bezüglich der „Idylle im Tal“?
Die Untersuchung zeigt, dass die utopische Hoffnung auf eine neue Ordnung in der Idylle durch erneute Radikalisierung und die Rückkehr tradierter Machtstrukturen scheitert.
- Arbeit zitieren
- Christopher Trinks (Autor:in), 2021, Disruption der Gesellschaftsordnung in Heinrich von Kleists "Das Erdbeben in Chili", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1342441