Während des zweiten Weltkriegs wurden zirka 6 Millionen Juden Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie bei Massenexekutionen umgebracht. Diejenigen, die Nazi- Terror überlebt hatten, trugen oftmals schwerwiegende physische und psychische Folgen davon, waren heimatlos und total niedergeschlagen. Auch nach dem Krieg änderte sich anfangs kaum etwas; die Probleme der europäischen Juden wurden häufig ignoriert. Die Überlebenden der Konzentrationslager wollten nach der Befreiung überallhin emigrieren, viele hatten auch vor, in ihre Heimat zurückkehren, fanden dort aber nichts anderes als Zerstörung und Verwüstung vor. Die Auswanderer mussten in fremden Ländern neue Sprachen lernen und sich in der neuen Kultur zurechtfinden. Sie gründeten Familien, schlossen sich aneinander und lebten sich in eine fremde Umwelt ein. Über die Geschehnisse des Holocaust wurde meist geschwiegen. Das Thema meiner Hausarbeit beschränkt sich auf einen besonderen Teilaspekt dieses Problems, nämlich auf den Einblick in die Entwicklung und Psyche der erwachsenen Juden, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den polnischen Familien großgezogen wurden und erst als Erwachsene erfahren haben, aus welcher Volksgruppe sie stammen, wo ihre wahren Wurzeln liegen. Als literarische Quelle bediene ich mich des Buches von Hanna Krall: „Die Existenzbeweise“. Des Weiteren werde ich mich mit der zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden beschäftigen, deren Eltern direkt nach dem Krieg in die USA oder nach Kanada emigriert haben. Anhand des Buches von Helen Epstein: „Die Kinder des Holocaust“ beschreibe ich, wie diese Kinder sich mit dem Trauma der elterlichen Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Der Schwerpunkt meiner Arbeit beinhaltet die Frage der Identitätssuche. Ich versuche an diesen zwei literarischen Werken die Suche verschiedenen Kinder, bzw. Erwachsenen nach eigener Identität, nach eigenem „Ich“ darzustellen und zu analysieren. Bevor ich mich jedoch mit dem eigentlichen Thema auseinandersetze, fange ich mit Begriffserklärungen an.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffserklärungen
2.1 Holocaust
2.2. Judentum
2.3. Ghetto
2.4. Überlebenden-Syndrom
3. Kinder als Opfer des Holocaust
4. Hanna Krall - ihr Schicksal und Übermittlung für die Nachkommen
5. Helen Epstein „Die Kinder des Holocaust. Gespräche mit Söhnen und Töchtern von Überlebenden“
6. Identität
6.1 Definition
6.2. Verlust der Identität
7. Die zweite Generation von Kinder des Holocaust – auf der Suche nach der eigenen Identität
7.1. Hanna Krall
7.2. Hellen Epstein
8. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht den Einfluss des elterlichen Holocaust-Traumas auf die Identitätsbildung der zweiten und dritten Generation. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie die unbewusste Weitergabe von Vergangenheitsbewältigung, Schweigen und Überlebensstrategien die Suche der Nachkommen nach einem eigenen, unabhängigen „Ich“ erschwert oder prägt.
- Analyse der psychologischen Folgen des Holocaust für nachfolgende Generationen
- Untersuchung der Identitätsfindungsprozesse anhand literarischer Werke von Hanna Krall und Helen Epstein
- Darstellung des Spannungsfeldes zwischen familiärer Loyalität und dem Bedürfnis nach individueller Selbstfindung
- Beleuchtung des Begriffs der Identität aus sozialpsychologischer Perspektive
- Erörterung von Bewältigungsstrategien wie der Suche nach Wurzeln in Israel
Auszug aus dem Buch
7.2. Hellen Epstein
Hellen Epstein´s Buch bildet eine ausführliche Studie über der Suche der jüdischen Kinder nach eigener Identität. An mehreren Lebensgeschichten der zweiten Generation von Holocaust-Überlebenden hebt sie die Auswirkungen der Vergangenheit der Eltern und die Last, die sie unbewusst auf ihre Kinder übertragen haben, hervor. Sie befasst sich mit dem Schicksal der Kinder, die nicht zu einer eigenen Individualität finden konnten und auch nicht finden durften. Sie wurden zu »Symbolen für das, was ihre Eltern verloren hatten«. Sie wurden überhäuft mit Namen, die sie verkörpern sollten.
Die Themen: Nazis, Verbrechen, Folterungen, Hunger u.ä. begleiteten diesen Kindern schon seit der Kindheit. Das Bedürfnis nach Sicherheit rangierte bei den Eltern an erster Stelle, und dieses Bedürfnis veranlasste sie „ihre Kinder auf eine möglichst unjüdische Weise großzuziehen, um ihnen ersparen, was [ihnen] widerfahren war“. Diese Haltung war charakteristisch für diejenigen Eltern, die ohne Schwierigkeiten sich in das neue Land einleben konnten. Zerstreut auf aller Welt „lebten die Kinder von Holocaust-Überlebenden in einem kulturellen Niemandsland“. Diese Eltern waren sehr auf die kleinsten politischen Unruhen, jenen Anzeichen des Antisemitismus sehr sensibel, und „immer zur Flucht bereit“. Das hatte wiederum zur Folge, dass die Kinder außerstande waren, die Gefühle der Bodenständigkeit, Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft zu entwickeln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den Fokus auf die psychischen Auswirkungen des Holocaust auf Überlebende und deren Kinder, wobei die Suche nach einer eigenen Identität als zentrales Forschungsinteresse definiert wird.
2. Begriffserklärungen: In diesem Kapitel werden grundlegende Termini wie Holocaust, Judentum, Ghetto und das Überlebenden-Syndrom definiert, um eine theoretische Basis für die Analyse zu schaffen.
3. Kinder als Opfer des Holocaust: Dieser Abschnitt thematisiert die unmittelbaren traumatischen Erfahrungen der Kinder, die den Holocaust als erste Generation miterlebt haben.
4. Hanna Krall - ihr Schicksal und Übermittlung für die Nachkommen: Das Kapitel führt in das Werk von Hanna Krall ein und beschreibt ihren dokumentarischen Stil, der Schicksale polnischer Juden und die Last der Geschichte beleuchtet.
5. Helen Epstein „Die Kinder des Holocaust. Gespräche mit Söhnen und Töchtern von Überlebenden“: Hier wird der Fokus auf Epsteins Interview-Studie gelegt, die zeigt, wie das Schweigen der Eltern zur traumatischen Hinterlassenschaft der zweiten Generation wurde.
6. Identität: Es erfolgt eine theoretische Einordnung des Identitätsbegriffs, basierend auf soziologischen und psychologischen Definitionen, insbesondere dem Modell von George Herbert Mead.
7. Die zweite Generation von Kinder des Holocaust – auf der Suche nach der eigenen Identität: Das Hauptkapitel analysiert detailliert die Identitätsfindung der zweiten Generation anhand der Werke von Krall und Epstein, wobei Themen wie Schuldgefühle, die Suche nach Wurzeln und das Spannungsfeld zur elterlichen Vergangenheit im Vordergrund stehen.
8. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die Komplexität der Identitätsbildung unter dem Einfluss des Holocaust-Traumas ab.
Schlüsselwörter
Holocaust, Identität, zweite Generation, Überlebenden-Syndrom, Trauma, Identitätsverlust, polnische Juden, Familie, Erinnerung, Biografie, Sozialisation, Wurzeln, psychische Belastung, Hanna Krall, Helen Epstein
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der psychologischen Situation von Kindern von Holocaust-Überlebenden und der Schwierigkeit, eine eigenständige Identität zu entwickeln, wenn die elterliche Vergangenheit von Trauma und Schweigen geprägt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Identitätsbildung nach einem Genozid, die intergenerationale Weitergabe von Traumata, das Leben im kulturellen Exil und die Bedeutung von Familiengeschichten für das eigene Selbstverständnis.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Prozess zu analysieren, durch den Nachkommen der Holocaust-Generation versuchen, ihr eigenes „Ich“ unabhängig von der elterlichen Last der Vergangenheit zu definieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse. Sie untersucht primär die Werke von Hanna Krall („Existenzbeweise“) und Helen Epstein („Die Kinder des Holocaust“), um psychosoziale Muster zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Grundlagen der Identität konkrete Lebensschicksale betrachtet, um die Auswirkungen von verdrängter Herkunft und der Last der elterlichen Vergangenheit auf die psychische Gesundheit und Identität der Kinder aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Holocaust, Identitätssuche, Überlebenden-Syndrom, zweite Generation, Trauma und intergenerationale Traumatisierung.
Wie spielt das Überlebenden-Syndrom in die Identitätsfindung hinein?
Das Überlebenden-Syndrom führt oft dazu, dass sich Kinder verpflichtet fühlen, die „verlorene Zeit“ der Eltern nachzuholen, was zu einem hohen Leistungsdruck und Schwierigkeiten bei der Abgrenzung vom elterlichen Schicksal führt.
Warum suchen viele Nachkommen ihre Wurzeln in Israel?
Die Reise nach Israel wird oft als Versuch unternommen, eine „normale“ jüdische Identität außerhalb des Holocaust-Traumas zu finden, um sich als Teil einer Geschichte zu fühlen, die nicht nur aus Vernichtung, sondern auch aus eigener Kultur und Tradition besteht.
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- Kamila Motz (Author), 2006, Die Kinder des Holocaust auf der Suche nach der eigenen Identität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134379