Der Schock wirkt nachhaltig: Ein Land wie die Bundesrepublik schafft im PISA-Test gerade mittelmäßige bis befriedigende Leistungen. Die Schlussfolgerung für die Bildungspolitiker liegt nahe. Eine Schulreform muss her, die allen Schülern eine intensive Förderung zuteil werden lässt, um nicht beim nächsten Test erneut hinten anzuste-hen. Zunächst muss es gelingen, die inneren und dann auch die äußeren Rahmenbedingungen zu verbessern. Die „Organisation“ Schule soll zunehmend die Verantwortung für ihr System übernehmen, um vor Ort konkret zu handeln und das Lernen für die Kinder so zu optimieren, dass alle nach ihren Möglichkeiten gefordert und gefördert werden. Schulen müssen eigenverantwortlich werden. Das bedeutet nicht, dass sie völlig autonom handeln sollen. Es bedeutet eine Form der Organisation, die durch Schulträger und Schulämter gestützt und beraten wird.
Der Prozess zur eigenverantwortlichen Schule setzt sich Anfang der 1990er Jahre in Gang. Seit Ende dieser Zeit wurden sieben Modellprojekte zur eigenverantwortlichen Schule abgeschlossen. Momentan werden in zwölf Bundesländern insgesamt 16 Projekte durchgeführt. Lediglich Niedersachsen hat ein schulformübergreifendes Konzept entwickelt, dass bis 2012 flächendeckend verwirklicht sein soll. In Hessen existiert zurzeit der Modellversuch „Selbstverantwortung Plus“ in den berufsbezogenen Schulformen. In meiner Hausarbeit möchte ich mich mit folgenden Fragenstellungen auseinandersetzen: Wird sich eine Eigenverantwortung von Schule nach dem Modellversuch „Selbstverantwortung Plus“ flächendeckend für alle Schulformen durchsetzen können?
Unter welchen Bedingungen kann eine Eigenverantwortung von Schule gelingen?
Wie sieht dabei die Rolle der Schulleitung aus?
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 SCHULENTWICKLUNG
2.1 ORGANISATIONSENTWICKLUNG ALS BASIS
2.2 ENTWICKLUNG IM SYSTEM SCHULE
2.3 INNERSCHULISCHE BEDINGUNGEN
2.3.1 Dezentralisierung und Teilautonomie
2.3.2 Ende der Behaltenschulung
2.3.3 Was ist eine „gute“ Schule?
2.4 LEITBILD UND SCHULPROGRAMM
2.5 Interne und externe Evaluation
3 VON ALLGEMEINER SCHULENTWICKLUNG ZUR SYSTEMISCHEN UMGESTALTUNG IN HESSEN
3.1 HESSISCHER REFERENZRAHMEN SCHULQUALITÄT
3.2 ZENTRALE VORHABEN
3.2.1 Neues Lehrerbild
3.2.2 Leitungen verändern sich
3.2.3 Eine neue Verfassung muss her
3.2.4 Schulämter als Dienstleiter
3.2.5 Sinnvolle Steuerungselemente
3.2.6 Masterplan
4 ROLLE DER SCHULLEITUNG IM PROZESS
4.1 LEHRERBILDUNG HESSEN IM WANDEL
4.2 VERÄNDERTES ROLLENBILD UND FUNKTIONEN VON SCHULLEITUNG
5 NEUE PERSPEKTIVEN
5.1 PILOTPROJEKT „SELBSTVERANTWORTUNG PLUS“
5.1.1 HANDLUNGSFELD „QUALITÄTSENTWICKLUNG“
5.1.2 Handlungsfeld „Qualitätssicherung“
5.1.3 Handlungsfeld „Organisationsstruktur“
5.1.4 Handlungsfeld „Personalgewinnung und Personalentwicklung“
5.1.5 Handlungsfeld „Finanzen“
5.1.6 Handlungsfeld „Bildungsangebot und regionales Bildungsnetzwerk“
5.2 ZEITLICHER ABLAUF DES PROJEKTES „SELBSTVERANTWORTUNG PLUS“
6 EIN BLICK ÜBER DEN TELLERRAND – WIE MACHEN ES ANDERE BUNDESLÄNDER, WIE ANDERE EUROPÄISCHEN LÄNDER?
6.1 BEISPIEL NIEDERSACHSEN
6.2 BEISPIEL SCHWEDEN
7 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedingungen für das Gelingen eigenverantwortlicher Schulen in Hessen und analysiert, inwieweit das Modellprojekt „Selbstverantwortung Plus“ als Vorbild für eine flächendeckende Implementierung dienen kann. Dabei wird insbesondere die veränderte Rolle der Schulleitung und die notwendige systemische Unterstützung durch Schulbehörden in den Fokus gerückt.
- Schulentwicklung und Organisationsmodelle
- Hessischer Referenzrahmen für Schulqualität
- Pädagogisches Leadership durch Schulleitung
- Struktur des Pilotprojekts „Selbstverantwortung Plus“
- Internationaler Vergleich (Niedersachsen und Schweden)
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Dezentralisierung und Teilautonomie
Schulen bilden untereinander zunehmend lokale und regionale Netzwerke, aber auch das macht sie nicht zu einem System. Ein Schulsystem entsteht durch die Verteilung von Ressourcen. Es ist eine Organisationsform, die nicht beliebig unterlaufen werden kann. Kommunikation von Erwartungen und die Übernahme gemeinsamer Aufgaben, die über die einzelne Einheit hinausweisen sowie eine gemeinsame traditionelle Geschichte sind charakteristisch für ein Schulsystem. Bei aller Verschiedenheit sind Schulen als Schulen erkennbar, und keine einzige Schule kann die Geschichte des Systems ignorieren.“17
Das Konzept einer eigenverantwortlichen Schule benötigt einige schulgesetzlichen Regelungen, die sich in fünf Handlungsbereiche einteilen lassen:
• Schulorganisation, also die Gestaltungsspielräume und Arbeitsabläufe innerhalb der Schule
• Organisation von Unterricht, zu finden in Schulcurricula, Stundentafeln und Inhalten
• Personalentwicklung und Befugnisse der Schulleitung (Budget, Ausschreibungen, nichtpädagogische Mitarbeiter)
• Selbstbewirtschaftung durch Mittelzuweisung
• Qualitätsentwicklung und Rechenschaftslegung durch interne Evaluation
„Eine Erweiterung der Verantwortung der einzelnen Schulen ist das wesentliche Element des grundlegenden Wandels, der im Schulsystem eingesetzt hat, um die Qualität von Schule nachhaltig zu sichern und zu entwickeln. Die bisherige Regelung oder Inputsteuerung wird zugunsten eines Steuerungsverfahrens umgestellt, das einerseits die einzelnen Schule fordert, indem es die Ergebnisse schulischer Arbeit kontrolliert, andererseits die Wege so weit wie möglich frei gibt und die Schulen auf ihren stärker selbstbestimmten Wegen unterstützt.“.18
Dieser Erweiterung von Kompetenzen für die Schule stehen im Gegenzug neue Formen von internen und externen Überprüfungsverfahren an (Selbstevaluation, Schulinspektion, Orientierungsarbeiten, zentrale Abschlussprüfungen).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Darstellung der Problematik im hessischen Schulwesen nach PISA und Vorstellung der zentralen Forschungsfrage bezüglich der flächendeckenden Einführung von Eigenverantwortung.
2 SCHULENTWICKLUNG: Theoretische Auseinandersetzung mit Organisationsentwicklung, Systemzusammenhängen in der Schule sowie der Bedeutung von Leitbildern und Evaluation.
3 VON ALLGEMEINER SCHULENTWICKLUNG ZUR SYSTEMISCHEN UMGESTALTUNG IN HESSEN: Erläuterung der Umsetzung der Qualitätsentwicklung in Hessen durch den Referenzrahmen und spezifische Reformvorhaben wie das neue Lehrerbild und die Rolle der Schulämter.
4 ROLLE DER SCHULLEITUNG IM PROZESS: Analyse der veränderten Anforderungen an die Schulleitung unter Berücksichtigung der hessischen Lehrerausbildung und des pädagogischen Leadership-Konzepts.
5 NEUE PERSPEKTIVEN: Detaillierte Vorstellung des Pilotprojekts „Selbstverantwortung Plus“ und seiner sechs zentralen Handlungsfelder zur Erprobung erweiterter Autonomie.
6 EIN BLICK ÜBER DEN TELLERRAND – WIE MACHEN ES ANDERE BUNDESLÄNDER, WIE ANDERE EUROPÄISCHEN LÄNDER?: Vergleich der hessischen Entwicklungen mit den gesetzlichen Neuerungen in Niedersachsen und den dezentralen Strukturen in Schweden.
7 FAZIT: Synthese der Ergebnisse mit der Empfehlung, das hessische Schulgesetz für eine stabilere Grundlage der Eigenverantwortung zu reformieren und das Vertrauen in die Schulen zu stärken.
Schlüsselwörter
Schulmanagement, Eigenverantwortliche Schule, Schulentwicklung, Organisationsentwicklung, Pädagogisches Leadership, Hessen, Qualitätsentwicklung, Qualitätssicherung, Selbstverantwortung Plus, Schulinspektion, Schulprogramm, Lehrerausbildung, Schulsystem, Bildungsnetzwerk, Dezentralisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den Reformprozess hin zu einer eigenverantwortlichen Schule in Hessen unter besonderer Berücksichtigung der Gelingensbedingungen und der Rolle der Schulleitung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Organisationsentwicklung, Qualitätsmanagement, die Reform der Lehrerausbildung sowie die Implementierung neuer Steuerungsstrukturen in Schulen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist zu analysieren, ob das Modell „Selbstverantwortung Plus“ flächendeckend auf alle hessischen Schulformen übertragbar ist und welche strukturellen Anpassungen hierfür nötig sind.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine Literatur- und Konzeptanalyse, die aktuelle Forschung zur Schulentwicklung mit den spezifischen Vorgaben und Modellprojekten des hessischen Kultusministeriums verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den theoretischen Grundlagen der Schulentwicklung, den spezifischen hessischen Umsetzungen, der veränderten Funktion der Schulleitung sowie einem Vergleich mit internationalen und anderen nationalen Bildungsmodellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe wie Eigenverantwortung, Pädagogisches Leadership, Organisationsentwicklung, Qualitätsmanagement und Systemsteuerung definieren den inhaltlichen Kern.
Warum spielt die Lehrerausbildung in Hessen eine so zentrale Rolle bei der Reform?
Die Autorin stellt fest, dass die unzureichende Qualität im Unterricht oft auf Mängel in der ersten und zweiten Phase der Lehrerausbildung zurückzuführen ist, was eine Modularisierung und Kompetenzorientierung notwendig macht.
Was unterscheidet das schwedische System vom hessischen Modellansatz?
Schweden setzt konsequent auf eine Dezentralisierung mit einem hohen Grad an Vertrauen in die Kommunen und einer klaren Finanzautonomie, während Hessen bisher kleinschrittiger über Modellversuche agiert.
Welche Bedeutung kommt der Schulleitung in diesem Transformationsprozess zu?
Die Schulleitung wandelt sich vom reinen Verwalter zum „Change-Agent“ und pädagogischen Leader, der die strategische Ausrichtung und Qualitätsentwicklung der Schule maßgeblich gestaltet.
- Citation du texte
- Tanja Schäfer (Auteur), 2009, Hessische Schulen auf dem Weg zur Eigenverantwortung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134382