Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges zählt mit Franz Kafka im 20. Jahrhundert zu den Autoren, die entscheidend zur Prägung der Vorstellungswelt ihrer Leser beitrugen. Außerdem gilt Borges als Begründer der lateinamerikanischen, fantastischen Literatur. Im Mittelpunkt von Borges‘ Dichtung stehen die Gedanken, nicht aber die Gefühle.
Im Folgenden soll die als Anschauungsmaterial vorliegende Erzählung "El Sur" aus dem Jahr 1953 auf histoire- und discours-Ebene, im Hinblick auf den narrativen Diskurs und auf die verschiedenen Interpretationsarten analysiert werden. Hierbei stütze ich mich auf die Terminologie Genettes.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Präzisierung der Handlungsstruktur
3. Analyse auf histoire- und discours-Ebene
4. Reisemotiv
5. Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit
6. Deutungsansätze
7. Fazit
8. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erzählung "El Sur" von Jorge Luis Borges unter narratologischen Gesichtspunkten. Das zentrale Ziel ist es, die komplexe Struktur der Handlung mittels der Terminologie von Gérard Genette auf ihre histoire- und discours-Ebene hin zu analysieren, um das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität sowie die Rolle des unzuverlässigen Erzählers zu ergründen.
- Narratologische Analyse nach Genette
- Untersuchung von Fokalisierung und Erzählweise
- Bedeutung des Reisemotivs in der Erzählung
- Interdependenz von Traum und Wirklichkeit
- Interpretation im Kontext der literarischen Biografie des Autors
Auszug aus dem Buch
3. Analyse auf histoire- und discours-Ebene
Die Geschichte lässt sich in zwei Abschnitte aufteilen. Der erste Teil endet mit dem Erwachen im Krankenhaus, als Dahlmann bewusst wird, dass er fast gestorben wäre. Der Romananfang gilt als traditionell, da der Leser Informationen über die Figuren erhält: „[...] Juan Dahlmann, era secretario de una biblioteca [...] en la calle Córdoba [...]“.3 Ebenfalls wird den Chronotopos eingeführt: „En los últimos días de febrero de 1939 [...]“.4 Die Erzählung ist in der dritten Person verfasst: „El hombre que desembarcó en Buenos Aires se llamaba [...]“.5 Der Erzähler ist nicht am Geschehen beteiligt und besitzt zunächst eine Übersicht über die Handlung. Somit liegen ein heterodiegetischer Erzähler und eine Nullfokalisierung vor. Durch die Nullfokalisierung erhält der Leser einige Informationen über den Protagonisten und seine Gedankenwelt und erfährt somit ein Gefühl der Allwissenheit. Die Fokalisierung ändert sich jedoch im Laufe der Erzählung; es liegt zu einem späteren Zeitpunkt eine interne Fokalisierung vor: „Se sintió feliz y conversador [...]“.6 Ein weiteres Beispiel hierfür wäre folgende Textstelle: „Se despertó con náuseas, vendado, en una celda [...]“.7 Der Leser erhält einen Einblick in die Psyche der Figur und es herrscht eine Illusion von Unmittelbarkeit. Der Erzähler springt zwischen den Fokalisierungen hin und her, löst somit Verwirren beim Leser aus und wirkt unzuverlässig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung von Borges für die fantastische Literatur ein und stellt die methodische Herangehensweise an die Erzählung "El Sur" vor.
2. Präzisierung der Handlungsstruktur: Hier wird der inhaltliche Handlungsverlauf des Werkes, angefangen bei der familiären Herkunft des Protagonisten Juan Dahlmann bis hin zu seinem schicksalhaften Aufenthalt in der Schänke, nachgezeichnet.
3. Analyse auf histoire- und discours-Ebene: In diesem Kapitel erfolgt die narratologische Untersuchung der Erzählweise und Fokalisierung, um die Unzuverlässigkeit des Erzählers und die Struktur der Handlung freizulegen.
4. Reisemotiv: Das Kapitel analysiert die Funktion der Reise als ein elementares Motiv, das bei Dahlmann sowohl als physische Bewegung als auch als Reise in die Vergangenheit verstanden wird.
5. Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit: Hier wird die Ununterscheidbarkeit von realen und traumartigen Ereignissen thematisiert, wobei die Fragwürdigkeit des Krankenhausabschlusses zentral steht.
6. Deutungsansätze: Dieses Kapitel präsentiert verschiedene Interpretationsmöglichkeiten, etwa die Halluzinationstheorie oder die Interpretation des Todes im Duell als romantische Wunschvorstellung des Protagonisten.
7. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, wobei betont wird, dass das erzähltechnische Spiel mit der Fokalisierung Borges' typische Arbeitsweise widerspiegelt.
8. Bibliographie: Ein Verzeichnis der verwendeten Primärquelle sowie der herangezogenen sekundärliterarischen Werke.
Schlüsselwörter
Jorge Luis Borges, El Sur, Narratologie, Gérard Genette, Fokalisierung, unzuverlässiger Erzähler, histoire, discours, Reisemotiv, fantastische Literatur, Traum, Wirklichkeit, Identitätskonstruktion, argentinische Literatur, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit bietet eine literaturwissenschaftliche Analyse von Jorge Luis Borges' Erzählung „El Sur“ mit dem Fokus auf narratologischen Aspekten.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die zentralen Themen sind die Erzählstruktur, die Rolle der Fokalisierung, das Reisemotiv und die Verschränkung von Traum sowie Fiktion mit der Wirklichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Untersuchung der Geschichte auf ihre narrative Ebene (histoire) und erzählerische Vermittlung (discours), um die Intention des Autors und die Funktion des unzuverlässigen Erzählers zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine strukturalistische Literaturauswertung angewandt, primär basierend auf der Terminologie von Gérard Genette.
Was behandelt der Hauptteil der Publikation?
Der Hauptteil gliedert sich in eine strukturierte Analyse der Handlung, eine Untersuchung der Erzählperspektive, eine Deutung der Reisemotive und eine kritische Auseinandersetzung mit der Wahrnehmungsebene des Protagonisten.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Schlüsselwörtern gehören: Borges, Narratologie, Unzuverlässigkeit, Fokalisierung, Fantastik und die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität.
Welchen Stellenwert nimmt die "Nullfokalisierung" in der Analyse ein?
Die Nullfokalisierung zu Beginn des Werkes ermöglicht dem Leser den Eindruck einer allwissenden Erzählung, der später durch interne Fokalisierungen systematisch gestört wird, was das Werk für den Leser komplexer macht.
Wie deutet der Autor das Ende der Erzählung?
Der Autor führt verschiedene Deutungen an, unter anderem das Konzept eines „doppelten Todes“ oder die Annahme, dass der Protagonist das gesamte Geschehen im Traum während seines Krankenhausaufenthalts halluziniert haben könnte.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2020, "El Sur" von Jorge Luis Borges. Analyse auf histoire- und discours-Ebene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1344573