Erinnern und Vergessen in "El Sur"


Hausarbeit, 2008

25 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Theorie des Erinnerns und des Vergessens
2.1 Was ist Erinnerung?
2.2 Was ist das Vergessen?

3. Erinnern und Vergessen in „El Sur”
3.1 Erinnerungen
3.1.1 Adrianas Erinnerungen
3.1.2 Erinnerungen des Vaters
3.1.3 Erinnerungen der anderen an den Vater
3.1.4 Erinnerungen an Erinnerungen
3.2 Das Vergessen
3.2.1 Erinnerungen an das Vergessene
3.2.2 Der Vater und das Vergessen
3.2.3 Adriana und das Vergessen

4. Schluss

5. Bibliographie:

1. Einleitung

Die Novelle „El Sur“ erschien 1983, zusammen mit einer anderen Novelle namens „Bene“ in einem Buch mit dem gleichnamigen Titel „El Sur“.

Die Ich-Erzählerin, die gleichzeitig die Protagonistin ist, beginnt einen imaginären Dialog mit ihrem Vater und versucht auf diese Weise, den Grund seiner unendlichen Traurigkeit und Verschlossenheit zu entdecken und zu verstehen.

Die Struktur dieses Werkes basiert grundlegend auf einer Reihe von Gegensätzen: Nord - Süd, Realität - Phantasie, Religion - Atheismus, Vergangenheit - Gegenwart, Nähe - Ferne, Einsamkeit – Gesellschaft, Dorf – Stadt und viele andere. Alle diese Gegensätze sind miteinander verbunden, so dass zwei gegensätzliche Polen entstehen.[1] Dies wird schon mit dem Titel angedeutet.

Auch das Erinnern und das Vergessen bilden beinahe ein Gegensatzpaar, das, obwohl es nicht in die Reihe der anderen Gegensätze passt (genau aus dem Grund, weil sie nicht richtige Gegensätze sind), eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Novelle, aber auch im Leben der Protagonistin spielt.

Diese zwei Begriffe vermischen sich in der Novelle und lassen den Leser, anhand wichtiger Hinweise, die Schicksale der Protagonisten selber entdecken und rekonstruieren.

Die Novelle scheint als Tagebuch geschrieben zu sein, in dem die Erinnerungen eines jungen Mädchens festgehalten werden, die dem Leser in einem sehr nostalgischen Ton mitgeteilt werden.

Das Vergessen wirkt, wie bereits erwähnt, als Gegenpol zum Erinnern und mischt sich zwischen die Erinnerungen. Hin und wieder wird es auch explizit erwähnt, aber der Leser selber spürt die Lücken auf und versucht, sie mit eigenen Vermutungen auszufühlen.

Die Erinnerungen der Protagonistin, Adriana, vermischen sich oft mit den Erinnerungen anderer Figuren und vor allem mit den Erinnerungen ihres Vaters.

Das Vergessen bildet insofern eine Konstante in dieser Reihe der Erinnerungen; als es als Lücken in zwischen den Erinnerungen erscheint, die den Leser auffordern, sich am wiederaufbau eines Schicksals zu beteiligen.

Diese Arbeit konzentriert sich auf diese besonderen Eigenschaften, die in einer gewissen Weise unsere Leben bestimmen, und hat als Ziel, die Erinnerungen und die vergessenen Momente zu analysieren und zu zeigen, welche Rolle sie im Leben der Protagonistin spielen.

2. Theorie des Erinnerns und des Vergessens

Erinnern und Vergessen haben etwas gemeinsam: die Rolle der Vergangenheit. Erinnerungen sind evozierte Fragmente aus der Vergangenheit. Die Rolle der Erinnerungen und des Vergessens kann auch in „El Sur” beobachtet und analysiert werden.

Der imaginäre Vater-Tochter-Dialog findet in der Gegenwart statt, der Gegenwart der Protagonistin, im Mittelpunkt steht aber die Vergangenheit, die sie in ihren fiktiven Gesprächen mit ihrem Vater evoziert:

Erinnern und Vergessen sind zwei Endpole unseres Verhältnisses zur Vergangenheit: was wir vergessen haben, daran können wir uns nicht mehr erinnern. Und umgekehrt: woran wir uns erinnern, das haben wir nicht vergessen. Das Erinnern bildet die positive, das Vergessen, die negative Beziehung zur Vergangenheit.[2]

Erinnern und Vergessen sind zwei Begriffe, die eng miteinander verbunden sind und doch kontrastieren. Diese zwei Begriffe müssen zusammen analysiert werden, obwohl sie miteinander divergieren, denn nur wenn man sich erinnert, kann man auch etwas vergessen. Das Vergessen gehört also zu Erinnerung, ist Teil dieses Prozesses.

Die Form des Gedächtnisses besteht nicht in der Identität der Erinnerung, sondern in der Differenz Erinnern/Vergessen. Gerade weil das Gedächtnis das kondensiert, was stabil bleiben soll (und deshalb erinnert wird), gestattet es, alles andere zu vergessen; und gerade die Fähigkeit zu vergessen, ermöglicht es einem System, die Fähigkeit zu entwickeln, Neues zu erkennen(...).[3]

Durch die Erinnerung wird die Vergangenheit in die Gegenwart gebracht, analysiert, rekonstruiert. Durch die Erinnerung werden auch Konflikte aus der Vergangenheit bearbeitet und neu interpretiert:

Denn die Neuinterpretation der Vergangenheit, die durch die Auflösung der Tabuschranken ermöglicht wird, bewirkt die Befreiung von negativen Erfahrungen und schafft so die Möglichkeit, undogmatisch zu reagieren und andere Wege zu gehen.[4]

Man reflektiert über die eigene Vergangeinheit mit Hilfe der Erinnerungen, man kann aber auch unerträgliche Ereignisse verdrängen. Auf diese Weise geraten solche Erlebnisse in Vergessenheit.

Freud endeckte schon vor fast 150 Jahren, dass der Mensch die unangenehmen Erlebnisse wie Angst, Erniedrigung und Scham, verdrängt und schliesslich vergisst.[5] Man verdrängt genau solche Erinnerungen, die mit persönlichen Erfahrungen zu tun haben: „Was die Psychoanalyse <<Verdrängung>> nennt, gehört zunächst zum Bereich des Individuellen, zu einer individuellen Analyse”[6]. Die eigenen Traumata versucht man zu vergessen, indem man sie tief in sich selbst und in sein Gedächtnis verschiebt, und mit niemandem, nicht mal mit sich selber spricht.

Das Vergessen ist also ein Mittel, die Vergangenheit oder nur bestimmte Ereignisse zu bearbeiten. Eine bessere Definition ist folgende:

Das Vergessen ist nicht nur ein negatives Verhältniss zur Vergangenheit, sondern gleichzeitig ein Bestandteil des Erinnerns bzw. des Gedächtnisses und zwar eine Nullquantität, eine Kehrseite und Negation des Erinnerns. Das Vergessen entsteht im Laufe des Erinnerns, es gehört dazu, es ist in ein Geschehenis, Erlebniss, Gedanke oder Gefühl aus der Vergangenheit, woran wir uns nicht erinnern..[7]

2.1 Was ist Erinnerung?

Die Erinnerung wurde im Laufe der Zeit immer wieder nach unterschiedlichen Kriterien im Zusammenhang mit persönlichen, sozialen oder historischen Ereignisse neu definiert und analysiert.

Aleida Assmann ist der Meinung, dass die biografische Erinnerung Teil verschiedener Gedächtnishorizonte ist, die man in vier Stufen unterteilen kann: das individuelle Gedächtnis, das Generationen- Gedächtnis, das kollektive Gedächtnis und das kulturelle Gedächtnis.

Für die individuellen Erinnerungen gelten bestimmte Merkmale, die sich verallgemeinernd festhalten lassen. Erstens sind sie grundsätzlich perspektivisch und darin nicht austauschbar und unübertragbar. Jedes Individuum besetzt mit seiner Lebensgeschichte einen eigenen Platz mit einer je spezifischen Wahrnehmungsposition, weshalb sich Erinnerungen bei allen Überschneidungen notwendig voneinander unterscheiden.[8]

Auch in unserem Kurzroman sind diese vier Stufen gut repräsentiert. Die Protagonistin geht von ihren persönlichen Erinnerungen aus, um die Geheimnisse ihres Vaters zu entschlüsseln, und entdeckt mithilfe ihres eigenen Gedächtnisses, aber auch des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses, nicht nur das Schicksal und die Vergangenheit ihres Vaters, sondern sie rekonstruiert das Schicksal einer Generation, eine individuelle und auch eine historische Epoche .

Die Erinnerungen existieren also nicht isoliert, sondern sie sind mit anderen Erinnerungen verbunden. Sie können keine selbständige Existenz haben, denn jede Erinnerung ist eine Sequenz, ein einziger Moment[9]. Die Vernetzung dieser Erinnerungen bilden dann das Generationen- Gedächtnis, aber auch das kollektive und das kulturelle Gedächtnis.

Mit Hilfe der Erinnerungen kann man daher die persönliche Geschichte, aber auch die Geschichte eines Volks rekonstruieren. Durch die Summierung aller Erinnerungen entsteht die Vergangenheit:

Vergangenheit entsteht (..), indem man über sie spricht. In Gesprächen, im mündlichen Austausch von Erfahrungen, in Rückbezügen auf Ereignissen die jeder auf seine Weise erlebt hat, bildet sich jener gemeinsamer Bezugshorizont, den wir Vergangenheit nennen[10].

Alles was eine Erinnerung in sich trägt, oder eine Erinnerung erweckt, könnte man als Erinnerungsort bezeichnen. Der Theoretiker dieses Terminus, Pierre Nora, definiert in seinem Buch „Erinnerungsorte” diesen Begriff und betont die Beziehung zwischen Erinnerung und Geschichte:

La mémoire est la vie, toujours portée par des groupes vivants et a ce titre, elle est en évolution permanente, ouverte a la dialectique du souvenir et de l’amnésie, inconsciente de ses déformations succesives, vulérable a toutes les utilisations et manipulations, susceptible de longues latences et de soudaines revitalisations. L’histoire est la reconstruction toujours problématique et incomplete de ce qui n’est plus. La mémoire est un phénomene toujours actuel, un lien vécu au présent éternel, l’histoire une représentation du passé.(...) La mémoire est un absolu et l’histoire ne connait que le relatif.[11]

In „El Sur” wird die Geschichte nur indirekt erwähnt und nur anhand der Erinnerung. Durch die individuellen Erinnerungen werden auch historische Ereignisse evoziert. Die Erinnerung ist dementsprechend das wichtigste Element der Rekonstruktion der Vergangenheit.

Nora definiert die Erinnerungorte auf folgende Weise:

Les lieux du mémoire, ce sont d’abord des restes. La forme extreme ou subsiste une conscience commemorative dans une histoire qui l’apelle, parce qu’elle ignore. C’est la déritualisation de notre monde qui fait apparaitre la notion.[12]

Mihilfe der Erinnerungsorte wird in unserem Roman die Vergangenheit in die Gegenwart gebracht , analysiert und strukturiert.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Erinnerung sowohl Teil des individuellen Gedächtnisses als auch ein wichtiges Element bei der Rekonstruktion der Geschichte ist.

[...]


[1] Vgl. Poppenberg, Gerhard in Nicht Muse nicht Heldin (Hg. Christine Bierbach, Andrea Rössler): 116

[2] Lichtmann, Tamás in Arlt, Herbert (Hg.): 71-72

[3] Esposito, Elena: 27-28

[4] Klier, Carola: 8

[5] Vgl.Klier, Carola: 8

[6] Lenger, Hans-Joachim in Arlt, Herbert (Hg.):156

[7] Lichtmann, Tamás in Arlt, Herbert (Hg.):72

[8] Assmann, Aleida: 183

[9] Vgl. Assmann, Aleida:183-184

[10] Keppler Angela, in Welzer: 142

[11] Nora, Pierre: 24-25

[12] Nora, Pierre: 28

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Erinnern und Vergessen in "El Sur"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Romanistik)
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V134458
ISBN (eBook)
9783640426379
ISBN (Buch)
9783640424351
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Novelle "El Sur" von Adelaida García Morales behandelt die Beziehung Vater - Tochter zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Erinnerungen und vergessene Momenten.
Schlagworte
Erinnern, Vergessen
Arbeit zitieren
Alina Prade (Autor), 2008, Erinnern und Vergessen in "El Sur", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134458

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