Derrida bearbeitet zwei Schriften von Freud, die 30 Jahre auseinander liegen. Abgesehen davon, dass er damit seine Kritik am Phonozentrismus und sein Programm einer immer schon existierenden, lautlosen Urschrift unterstreichen will – was in weiterer Folge weniger interessieren wird – zeigt er auch Folgendes:
1. Die Entwicklung des Freudschen Denkens weg von einer neurologischen, topischen Erklärung des Wahrnehmungsapparates hin zu einer psychologischen, ja meta-psychologischen Theorie, die ja bekanntermaßen in der Entdeckung oder Erfindung der Psychoanalyse als Psychotherapie sowie als Weltsicht mündet.
2. Die Wichtigkeit und Schwierigkeit einer einigermaßen vernünftigen Theorie des Gedächtnisses.
3. Die Unmöglichkeit in einem endlichen Wesen Unendliches auszumachen.
Was mit nun bei Derrida interessanter erscheint als der Textkörper selbst, ist die Textauswahl. Beide Texte Freuds haben die gleichen Grundideen, zumindest wenn man Derridas Blick folgt. Dies ist ja auch das interessante Moment: zwingt die Auswahl uns eine Denkrichtung auf, oder schafft sie tatsächlich Raum für eine neuartige Lesart der Freudschen Metapsychologie?
Diese Frage kann ich nicht beantworten, klar ist aber: Derridas Text funktioniert ohne diese beiden Texte nicht.
Inhaltsverzeichnis
0. Warum?
1. Zur Einleitung
2. Entwurf einer Psychologie, I. Teil, [1] – [10]
0. Einleitung
1. Erster Hauptsatz – Die Quantitative Auffassung
2. Zweiter Hauptsatz – Die Neuronentheorie
3. Die Kontaktschranken
4. Der biologische Standpunkt
5. Quantitätsproblem
6. Der Schmerz
7. Qualitätsproblem
8. Das Bewusstsein
9. Das Funktionieren des Apparates
10. Die ψ Leitungen
3. Notiz über den «Wunderblock»
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die psychoanalytischen Theorien Sigmund Freuds, insbesondere seine Schriften "Entwurf einer Psychologie" und "Notiz über den Wunderblock", durch eine dekonstruktive Lesart im Sinne von Jacques Derrida zu erschließen und deren Bedeutung für das Verständnis von Wahrnehmung, Gedächtnis und Bewusstsein zu erörtern.
- Die Entwicklung des Freudschen Denkens von der Neurologie zur Metapsychologie.
- Die Rolle von Quantität und Qualität bei der Speicherung psychischer Eindrücke.
- Die Bedeutung des "Wunderblocks" als Modell für das menschliche Wahrnehmungsbewusstsein.
- Die Funktion des Unbewussten und die Entstehung der Zeitvorstellung.
- Die Verknüpfung von Bahnung, Widerstand und dem psychischen Apparat.
Auszug aus dem Buch
3. Notiz über den «Wunderblock»
Der Wunderblock ist eine in einen Papierrand gefaßte Tafel aus dunkelbräunlicher Harz- oder Wachsmasse, über welche ein dünnes, durchscheinendes Blatt gelegt ist, am oberen Ende an der Wachstafel fest haftend, am unteren ihr frei anliegend. Dieses Blatt ist der interessantere Anteil des kleinen Apparats. Es besteht selbst aus zwei Schichten, die außer an den beiden queren Rändern voneinander abgehoben werden können. Die oberen Schicht ist eine durchsichtige Zelluloidplatte, die untere ein dünnes, also durchscheinendes Wachspapier. Wenn der Apparat nicht gebraucht wird, klebt die untere Fläche des Wachspapiers der oberen Fläche der Wachstafel leicht an.46
Mit einem Stil ritzt man gleichsam die Zeichen in den Untergrund. Sollen die Aufzeichnungen zerstört werden, muss nur das Doppelblatt abgehoben werden, schon ist der Block wieder wie neu. Das Blatt besteht deshalb aus zwei Schichten, weil man beim direkten Schreiben auf dem Wachspapier dieses leicht zerstören kann – das Zelluloidblatt ist „eine schützende Hülle.“47 Nach Freud ist unser Wahrnehmungsapparat auch so aufgebaut: aus einem äußeren Schutz, der die Erregungsgröße mindert, und dem System W-Bw, das den Reiz aufnimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Warum?: Der Autor führt in die philosophischen und psychologischen Fragestellungen zur zeitlichen Kontinuität und zum Unbewussten ein, die den Übergang zur Lektüre von Derrida und Freud bilden.
1. Zur Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die Auswahl der beiden Freudschen Texte und deren Bedeutung für die Entwicklung einer Theorie des Gedächtnisses und des Wahrnehmungsapparates.
2. Entwurf einer Psychologie, I. Teil, [1] – [10]: Das Kapitel analysiert die neurophysiologischen Grundlagen bei Freud, insbesondere die Konzepte der Quantität, der Neuronen, der Bahnung und der Schmerzverarbeitung.
3. Notiz über den «Wunderblock»: Hier wird die Analogie zwischen dem mechanischen Wunderblock und dem seelischen Apparat diskutiert, um die Funktionsweise des Wahrnehmungsbewusstseins und die Speicherung von Erinnerungsspuren zu veranschaulichen.
Schlüsselwörter
Sigmund Freud, Jacques Derrida, Psychoanalyse, Entwurf einer Psychologie, Wunderblock, Metapsychologie, Wahrnehmungsapparat, Gedächtnis, Bahnung, Bewusstsein, Unbewusstes, Quantität, Qualität, Dekonstruktion, Psychische Apparate
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht zentrale psychoanalytische Texte Sigmund Freuds unter einer dekonstruktiven Perspektive, um die Konzepte von Wahrnehmung und Gedächtnis neu zu beleuchten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Entwicklung des psychischen Apparates, die Umwandlung von Quantität in Qualität sowie die Speichermechanismen des menschlichen Geistes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine verständliche Aufarbeitung der komplexen Freudschen Metapsychologie, indem diese durch die theoretische Linse von Jacques Derrida interpretiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die philosophische Dekonstruktion mit einer textnahen Exegese psychologischer Grundlagenschriften verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der neurophysiologischen Thesen aus dem "Entwurf einer Psychologie" sowie die funktionale Modellbildung anhand der "Notiz über den Wunderblock".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Psychoanalyse, Metapsychologie, Wahrnehmungsapparat, Gedächtnis, Bahnung und den "Wunderblock" charakterisiert.
Wie unterscheidet Freud zwischen den Systemen φ, ψ und ω?
Freud differenziert zwischen den Systemen basierend auf ihrer Durchlässigkeit für Reize (Quantitäten) und ihrer Funktion bei der Speicherung oder bewussten Wahrnehmung.
Welche Rolle spielt die Analogie des Wunderblocks?
Die Analogie dient dazu, den komplexen Prozess der Wahrnehmung zu verdeutlichen, bei dem das System W-Bw Reize aufnimmt, ohne dabei dauerhafte Spuren zu hinterlassen, während dies anderen Systemen vorbehalten bleibt.
- Citation du texte
- mag. Markus Luef (Auteur), 2009, Zitatserklärungen zu Derrida "Freud und der Schauplatz der Schrift", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134519