Wie schon der Titel zeigt, will diese Arbeit vornehmlich den deutschen Ansatz zur Staatsbildung in Afghanistan untersuchen. Leitthese ist dabei, dass das deutsche Engagement in PRTs und als „key partner nation“ beim Polizeiaufbau bei weitem nicht ausreicht, um den angestrebten nachhaltigen Statebuilding-Prozess Afghanistans zu unterstützen.
Damit soll grundsätzlich nicht die Zielsetzung deutscher Außenpolitik in Frage gestellt werden, sondern lediglich Anhaltspunkte dafür geliefert werden, inwieweit die eingesetzten Mittel (finanziell / personell) ausreichend sind, um den Aufbau in Afghanistan zu fördern. Dabei wird deutsches Handeln immer im Kontext des internationalen Engagements gesehen. Dem ersten Teil der Arbeit liegt die These zugrunde, dass der Statebuilding-Prozess nur fortgesetzt werden kann, wenn das Sicherheitsproblem in Afghanistan gelöst wird. Dabei hat die internationale Staatengemeinschaft die besondere Verantwortung, die
nötige Sicherheit zu gewährleisten, bis eigene afghanische Organe diese
wahrnehmen können. Dazu wird der Statebuilding-Ansatz vorgestellt, geklärt ob Afghanistan tatsächlich ein „failed state“ ist und inwieweit die Sicherheitslage Auswirkungen auf Statebuilding hat.
Daran anschließend werden im zweiten Teil der Arbeit die Ziele deutscher
Afghanistanpolitik vorgestellt. Am Beispiel des Engagements im Rahmen der
Polizeiausbildung wird hierbei untersucht, in wie weit die aufgewendeten Mittel ausreichend sind, um den deutschen Anteil am Statebuilding tatsächlich zu erfüllen. Als Maß dient dabei weniger das theoretische Konzept, sondern viel mehr die Vorgaben aus dem „Afghanistan Compact“.
Im letzten Teil der Arbeit wird dann das deutsche PRT-Konzept daraufhin geprüft, ob es als Instrument zur Verwirklichung deutscher Zielsetzungen geeignet sein kann oder ob es aus der Not des personellen Mangels entstanden ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Statebuilding Konzept
2.1 Die Konzeption von Statebuilding
2.2 „Failed State“ Afghanistan
2.3. Statebuilding ohne Frieden?
3. Deutsche Beiträge zum Statebuilding in Afghanistan
3.1 Zielsetzungen deutscher Afghanistanpolitik
3.2 Deutschlands Rolle als „key partner Nation“ beim Aufbau der Polizei
3.3. Erfolgsaussichten des deutschen Ansatzes
4. Das PRT-Modell – Erfolgsmodell oder „Kind der Not“?
4.1 Entstehung des PRT-Modells
4.2 Das deutsche PRT-Modell – Weiterentwicklung oder Neuheit?
4.3 Statebuilding durch PRT`s ?
5. Deutsche Aktivitäten am Hindukusch – eine Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den deutschen Ansatz zur Staatsbildung in Afghanistan. Dabei wird insbesondere analysiert, inwieweit das deutsche Engagement in den "Provincial Reconstruction Teams" (PRTs) sowie die Rolle als "key partner nation" beim Polizeiaufbau ausreichen, um einen nachhaltigen Statebuilding-Prozess in Afghanistan zu unterstützen und die Sicherheitslage zu stabilisieren.
- Theoretische Grundlagen von Statebuilding und das Konzept des "Failed State" am Beispiel Afghanistans.
- Analyse der Ziele deutscher Außenpolitik im Kontext des internationalen Engagements.
- Untersuchung der Rolle Deutschlands beim Aufbau der afghanischen Polizei und der dafür bereitgestellten Ressourcen.
- Kritische Bewertung des deutschen PRT-Modells als Instrument zur zivil-militärischen Stabilisierung.
Auszug aus dem Buch
3.2 Deutschlands Rolle als „key partner Nation“ beim Aufbau der Polizei
Schon seit 2002 ist Deutschland auf Grundlage des internationalen Stabilitätspaktes für Afghanistan Hauptunterstützungspartner beim Neuaufbau einer funktionsfähigen Polizei. Die deutschen Unterstützungsleistungen umfassen dabei neben Aus- und Fortbildung von Polizisten auch die Beschaffung von Ausrüstung und den Aufbau von polizeilicher Infrastruktur. Damit nimmt Deutschland eine der fünf Aufgabenfelder der Sicherheitssektorreform in Afghanistan wahr. Zielvorgabe für das deutsche Engagement ist es bei der Aufstellung einer Polizei mitzuwirken, die rechtsstaatlichen, demokratischen Grundsätzen verpflichtet ist und damit die Autorität der Zentralregierung in den Provinzen stärken kann. Im „Afghanistan Compact“ verständigten sich die Teilnehmer auf eine bis 2010 zu erreichende Gesamtstärke der Polizei von 62.000 Mann, von denen 12.000 Mann Grenzpolizei sein sollen.
Bis Anfang 2002 befand sich die stark militärische geprägte afghanische Polizei in einem desolaten Zustand. Weder Infrastruktur noch Organisationsstruktur existieren noch in ausreichendem Masse. Eine Bezahlung der Polizisten fand quasi nicht mehr statt. Schon 2002 wurde in Kabul ein „Projektbüro Polizei“ eingerichtet, welches zum Kern der deutschen Polizeimission in Afghanistan wurde. Hauptaufgaben dieses Projektbüros sind die Koordination von Unterstützungsleistungen zum Polizeiaufbau, die Beratung bei der Polizeiausbildung und die Zusammenarbeit mit verschiedenen afghanischen Behörden und internationalen Institutionen. Mit Unterstützung des Technischen Hilfswerkes konnte schon im August 2002 die zerstörte Polizeiakademie wiedereröffnet werden, in der nun zukünftige Offiziere und Unteroffiziere des Polizeidienstes ausgebildet werden. Die USA erklärte sich dazu bereit, die Unterstützung bei der Ausbildung der einfachen Polizisten zu übernehmen. Seither wurden ca. 54.000 einfache Polizisten und 3.300 Offiziere und Unteroffiziere ausgebildet. Weiterhin ist die Fortbildung eine wichtige Zielsetzung der deutschen Unterstützungsleistungen in Afghanistan.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wiederaufbauprozess in Afghanistan seit 2002, die aktuelle Sicherheitslage und die kritische wissenschaftliche Diskussion über die Wirksamkeit internationaler sowie deutscher Ansätze.
2. Das Statebuilding Konzept: Dieses Kapitel definiert den theoretischen Rahmen von Staatsbildung und untersucht Afghanistan als Beispiel eines "Failed State" sowie die Herausforderungen von Statebuilding in einem instabilen Umfeld.
3. Deutsche Beiträge zum Statebuilding in Afghanistan: Hier werden die spezifischen Ziele der deutschen Politik sowie das deutsche Engagement beim Aufbau der Polizei und die allgemeinen Erfolgsaussichten dieses Ansatzes detailliert analysiert.
4. Das PRT-Modell – Erfolgsmodell oder „Kind der Not“?: Das Kapitel behandelt die Entstehung der "Provincial Reconstruction Teams", vergleicht das deutsche Modell mit denen anderer Nationen und hinterfragt deren Effektivität.
5. Deutsche Aktivitäten am Hindukusch – eine Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Bewertung der bisherigen Ergebnisse, der Notwendigkeit einer verstärkten Sicherheitsstrategie und Empfehlungen für das zukünftige deutsche Engagement.
Schlüsselwörter
Afghanistan, Statebuilding, Nationbuilding, Sicherheitssektorreform, Polizei, PRT, Wiederaufbau, ISAF, Failed State, Krisenbewältigung, deutsche Außenpolitik, Stabilität, Zentralregierung, Sicherheit, Auslandseinsatz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch den deutschen Beitrag zum Statebuilding in Afghanistan, insbesondere das militärische und zivile Engagement durch Polizeiaufbauhilfe und die sogenannten Provincial Reconstruction Teams (PRTs).
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das theoretische Konzept der Staatsbildung, die Sicherheitslage in Afghanistan, die Effektivität deutscher Polizeiausbildung sowie die Rolle und Leistungsfähigkeit des PRT-Modells.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, ob die deutschen Mittel und Ansätze ausreichen, um einen nachhaltigen Staatsbildungsprozess in Afghanistan zu fördern, unter besonderer Berücksichtigung der Sicherheitslücke in verschiedenen Provinzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt eine Literatur- und Dokumentenanalyse, indem offizielle Regierungskonzepte, wissenschaftliche Studien und Berichte von Organisationen ausgewertet und in den Kontext der Realität vor Ort gestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Staatsaufbaus, die Analyse der deutschen Ziele und des Polizeiaufbaus sowie eine detaillierte Prüfung des deutschen PRT-Modells im Vergleich zu internationalen Ansätzen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Afghanistan-Konzept, Statebuilding, Polizeiaufbau, "Failed State" und zivil-militärische Zusammenarbeit definieren.
Wie bewertet der Autor die Rolle des "Projektbüros Polizei" in Kabul?
Das Projektbüro wird als Kern der deutschen Polizeimission beschrieben, das durch die Koordination von Ausbildungsleistungen und Infrastrukturmaßnahmen maßgeblich zum Wiederaufbau der polizeilichen Strukturen beiträgt.
Was sind die Hauptkritikpunkte an den deutschen PRTs im Vergleich zu anderen Nationen?
Kritisiert wird vor allem das eingeschränkte Mandat der deutschen Soldaten, das keine umfassende Drogenbekämpfung oder Polizeiarbeit erlaubt, was die Wirksamkeit der PRTs in angespannten Sicherheitslagen limitiert.
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- Martin Neumann (Author), 2008, Afghanistan zwischen Krieg und Wiederaufbau, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134599