Die Theorie der violence symbolique bei Pierre Bourdieu

La domination masculine


Seminararbeit, 2006

14 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Symbolische Gewalt
2.1. Theorie der violence symbolique
2.2. Klassifizierung männlich/weiblich

3. Das Kapitel Violence symbolique in La domination masculine

4. Konklusion

5. Resumé en francais

6. Literaturverzeichnis
a.) Primärliteratur
b.) Sekundärliteratur

1. Einleitung

Das Thema dieser Arbeit ist la violence symbolique, ein von Bourdieu entwickelter Begriff um die funktionierende Mechanik hinter dem Glauben bzw. der Befolgung bestimmter Regeln, einer bestimmten Ordnung der sozialen Welt zu ergründen.

Im Vorwort zum Essay La domination masculine äußert Bourdieu das Erstaunen über den Mangel an transgressions ou de subversions, de délits et de ‚folies’[1], die den Disrespekt, das Nichtverstehen, das Nichtlegitimieren dieser Ordnung zeigen würde.

Tatsache ist, dass der Mensch Grenzen und Strukturen braucht um in einem funktionierenden sozialen System leben zu können. Ohne diese wäre der Mensch von der individuellen Sicht in einer Grenzenlosigkeit des Lebens, der Sinnlosigkeit und somit der Lebensunfähigkeit, von der gemeinschaftlichen Sicht dem Zustand der Anarchie erlegen.

Die Frage stellt sich, wie es dazu kam und kommt, dass genau die besonderen Strukturen, die besondere Ordnung, die die soziale Welt funktionierend machen bzw. bestehen lassen, als absolut legitim gelten.

Tatsächlich üben Worte eine typisch magische Macht aus: sie machen sehen, sie machen glauben, sie machen handeln. Aber wie im Falle der Magie muss man sich fragen, worin das Prinzip dieses Vorgangs besteht; oder genauer welche die sozialen Bedingungen sind, die die magische Wirksamkeit der Worte möglich machen.[2]

Worte sind nach Saussure die willkürliche Beziehung zwischen dem Bezeichnetem und dem Bezeichneten, mit der Betonung auf willkürlich. Durch Worte werden Strukturen erschaffen, die derselben Willkürlichkeit aufweisen. Wie ist es möglich, dass eine soziale Welt bestimmte willkürliche Ordnung legitimiert und erhält?

Diese strukturierenden Strukturen sind historisch konstituierte, willkürliche Formen im Sinne von Saussure oder Mauss, Formen, deren historische Genese aufweisbar ist[3], Formen, die

den Anschein haben als naturgegeben, unantastbar, als ein Konsens über den Sinn der Welt, der die Erfahrung der Welt als einer ‚Welt des gesunden Menschenverstandes’ zugrunde liegt auf der Basis des Einverständnisses[4] vom Nutzen, zu sein.

Die Frage stellt sich, was denn ein gesunder Menschenverstand sei, wie seine Grenzen bestimmt wurden, und auf welche Weise es dazu kommt, dass jener gesunde Menschenverstand, wie auch die Idee des Nutzen, als eine absolute legitime Wahrheit geltend fort an bestehen kann.

Mit der Theorie der violence symbolique, die die treibende Mechanik dieses Phänomens zu erklären versucht, wird sich der erste Teil dieser Arbeit beschäftigen.

Der zweite Teil dieser Arbeit widmet sich der Analyse des Kapitels Violence symbolique aus Bourdieus Essay La domination masculine.

2. Symbolische Gewalt

2.1. Theorie der violence symbolique

1970 entwickeln Pierre Bourdieu und Jean- Claude Passeron basierend auf einer Studie über Schule die Theorie der symbolischen Gewalt.[5]

Symbolische Gewalt heißt tout pouvoir qui parvient à imposer des signification et à les imposer comme légitimes en dissimulant les rapports de force qui sont au fondement de sa force[6].

Es ist eine Gewalt (Bourideu verwendet synonym den Begriff pouvoir, in der Übersetzung wird synonym Kraft, Macht verwendet), also eine aufgezwungene Macht über die Empfänger; diese ist symbolisch, weil das Aufgezwungene Bedeutungen und Sinnesinhate sind; und diese ist willkürlich, da sie einerseits auf keinerlei biologischem oder philosophischem Prinzip, welches die Interessen des Individuums oder der sozialen Klassen wiederspiegelt, basiert und da sie anderseits zum Bekräftigen sozialer und kultureller Ungerrechtigkeiten zwischen den Klassen, indem sie Unter- und Überklassen schafft, beiträgt.[7]

La violence symbolique est, pour parler aussi simplement que possible, cette forme de violence qui s’exerce sur un agant social avec sa complicité. Cela dit, cette formulation est dangereuse parce que elle peut ouvrir la porte à des discussions scholastiques sur la question de savoir si le pouvoir vient d’en bas et si le dominé désire la condition qui lui est imposée, etc. (...) J’appelle méconaissance le fait de reconnaître une violence qui s’exerce précisément dans la mésure où on la méconnait comme violence; c’est le fait d’accepter cet ensemble de présupposés fondamentaux, pré-réflexifs, que les agents sociaux engagent par le simple fait de prendre le monde comme allant de soi, c’est à dire comme il est, et de le

trouver naturel parce qu’ils lui appliquent des structures cognitives qui sont issues des structures mêmes de ce monde. Du fait que nous sommes nés dans un monde social, nous acceptoms un certain nombre de postulats, d’axiomes, qui vont sans dire et qui ne requièrent pas d’inculcation.[8]

Es ist somit ein Kreis, der das Verschleiern und Bestehen dieser Gewalt sichert. Der Mensch wird in eine soziale Welt hinein geboren, und ist zu erst ein unbeschriebenes Blatt, ein Bündel Lebensenergie, das die Welt aufsaugt. Sobald dieser beginnt die Welt aufzunehmen und zu differenzieren, kommt es nicht zu einem offensichtlichen Gewaltakt des Aufzwingens von Strukturen der Herrschaft. Die Strukturen der sozialen Welt werden so, wie sie funktionieren, aufgenommen, akzeptiert und nachgemacht. Das Aufnehmen, Einfügen, Gehorchen passiert nicht auf einer bewussten Entscheidungsebene.

Es ist keine bewusste Anerkennung der Legitimität. Stattdessen ist die Bereitschaft zur Anerkennung der Überlegenen im Körper bereits eingeschrieben.[9]

Der Mensch wird nicht überredet, dazugebracht, gezwungen sich der Struktur zu fügen, er fügt sich der sozialen Welt und deren Ordnung, weil er ein Teil von ihr ist, und gar keine anderen Dispositionen hat, als sich dieser zu fügen, da er in diese Ordnung hinein geworfen wird und da sie funktioniert, und natürlich scheint, fügt er sich dieser automatisch, damit er in ihr leben kann, damit er sich über sie wahrnehmen kann.

Die Unterwerfung unter die bestehende Ordnung ist das Produkt der Übereinstimmung zwischen den von der kollektiven Geschichte (Phylogenese) und der individuellen Geschichte (Ontogenese) den Körpern eingeschriebene Strukturen und den objektiven Strukturen der Welt, auf die sie appliziert werden:

Die Annordnungen des Staates zwingen sich nur deswegen mit solcher Evidenz auf, weil dieser die kognitiven Strukturen, denen gemäß er wahrgenommen wird, selbst aufgezwungen hat.[10]

Somit ist die symbolische Gewalt gar nicht als Gewalt erkennbar, da sie ein Zwang ist, die der Beherrschte dem Herrschenden (und also der Herrschaft) nicht verweigern kann, wenn er zur Reflexion über ihn und über sich bzw. zur Reflexion seiner Beziehung zu ihm, nur über Erkenntnisinstrumente verfügt, die er mit ihm gemein hat und die, da sie nichts anderes als die einverleibte Form der Struktur der Herrschaftsbeziehung sind, diese Beziehung als gegeben, natürlich erscheinen lassen; oder anders gesagt, weil die Schemata mit welchen er sich selber wahrnimmt und bewertet oder mit welchen er die Herrschenden wahrnimmt und bewertet (hoch/niedrig, männlich/weiblich, schwarz/weiß usw.) das Produkt der Einverleibung von somit zur eigenen Natur werdenden Klassifizierungen ist, deren Produkt sein soziales sein ist.[11]

[...]


[1] Bourdieu 1998, S. 7

[2] Bourdieu 1992, S. 83

[3] Bourdieu 2001, S. 219

[4] Bourdieu 2001, S. 221

[5] Bourdieu P., Passeron J.C., La reproduction. Eléments pour une théorie du système d’enseignement, Paris, Les éditions de Minuit, 1970

[6] Bourdieu 1972, S. 18

[7] http://www.barbier-rd.nom.fr/violencesymbolique.html

[8] Bourdieu 1992, S. 142 f

[9] Heinritz/König 2005, S. 209

[10] Bourdieu 2001, S. 225f

[11] Bourdieu 2001, S. 217

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Theorie der violence symbolique bei Pierre Bourdieu
Untertitel
La domination masculine
Hochschule
Universität Wien  (Romanistik)
Veranstaltung
SE Literaturwissenschaft: Maskulinität und Herrschaft
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V134618
ISBN (eBook)
9783640426713
ISBN (Buch)
9783640423682
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pierre Bourdieu voilence symbolique domination masculine gender studies soziologie
Arbeit zitieren
Vivian Gjurin (Autor), 2006, Die Theorie der violence symbolique bei Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134618

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