[...] Angesichts der Schwierigkeit bei der Annäherung an das Thema „Katholisches Milieu“, dessen roter Faden wegen seiner zahlreichen sozialen Berührungsmomente mit vielen subtilen Themen schwer zu finden war, bin ich in Hinsicht auf das Thema Kirche und Welt und für den Aufbau der Arbeit einfach vom „Katholizismus von oben“ ausgegangen und habe daran anschließend das Thema weitergeführt. Für die vielen möglichen Themen dieser „werdenden Zeit“ zum modernen Katholizismus, wie Laienapostolat, Ökumene, Reformkatholizismus usw., habe ich mich darum bemüht, jedes Thema möglichst in den passenden Stellen einzuschieben und ergänzend zu erläutern. Ferner, angesichts der Schwierigkeit, dass die Autoren in den bestimmten empfindlichen Bereichen oft kaum übereinstimmend waren und keiner so eine deutliche Meinung geäußert hat, habe ich vorsichtig meine eigene Meinung gebildet und diese an den passenden Stellen hinzugefügt. Die vorliegende Arbeit ist daher so aufgebaut: Der erste Teil widmet sich dem „Katholizismus von oben“ als Rahmenbedingung des innerkirchlichen Lebens sowie der politischen und kirchengeschichtlichen Situation der Neuzeit, wobei der „Kulturkampf“ in Deutschland insbesondere beispielhaft gezeigt wurde, zumal wenn die schon formierten katholischen Milieus in Deutschland mit und durch den Kulturkampf noch verstärkt und katalysatorisch verdichtet worden sind. Im zweiten Teil der Arbeit wird die Nachkampfzeit behandelt, wobei der „Katholizismus von unten“ als „Sozialform“ zum Hauptthema wird, eine Form des Katholizismus, die bis zu seiner Auflösung Mitte des vorigen Jahrhunderts den deutschen Katholizismus in Tiefe und Breite prägte. Im letzten Teil der Arbeit wird dann dieses Phänomen des Katholizismus der Neuzeit aus soziologischen Aspekten systematisch analysiert.
Zuerst möchte ich aber einen kurzen geschichtlichen und theologischen Überblick für das Thema „Kirche und Welt“ geben, was für das Verständnis der neuzeitlichen Ereignisse, die um die Kirche herum passiert sind, eine Voraussetzung darstellt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Kirche und die Welt
I-1. Ecclesica Catholica
I-2 Staatsideologie in der Neuzeit
I-3. Kirchenrecht
II. Kulturkampf (1871-1887)
III. Katholisches Milieu im 19. und frühen 20. Jahrhundert
III-1 Katholische Soziallehre
III-2 Integration der deutschen Katholiken im Kaiserreich
III-3 Antimodernismus im katholischen Milieu
III-4. Verkirchlichung
IV. Soziologische Reflexion über den Katholizismus im 19. u. frühen 20. Jahrhundert
V. Epilog
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Milieubildung des deutschen Katholizismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert, um das Spannungsfeld zwischen Kirche, moderner Staatsideologie und den gesellschaftlichen Umbrüchen der Zeit zu reflektieren.
- Historische Einordnung des Katholizismus in der säkularisierenden Moderne.
- Analyse des Kulturkampfes als Katalysator für die katholische Vereinsbildung.
- Untersuchung der katholischen Soziallehre als Antwort auf die soziale Frage und den Sozialismus.
- Soziologische Reflexion über das katholische Milieu als abgeschlossene Subkultur.
- Die Rolle der Zentrumspartei und der katholischen Laienorganisationen in der Wilhelminischen Ära.
Auszug aus dem Buch
I-1. Ecclesica Catholica
Das mittelalterliche Unum Corpus Christianum mit dem Kennzeichen des päpstlichen Machtanspruchs, geistliche Gewalt stehe über der weltlichen, brach nun im 16. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Nationalstaaten und der wachsenden Emanzipierung der Laien auseinander. Und es führte zur Aufspaltung der westlichen Kirche in verschiedene Konfessionen der verschiedenen Nationen.
In der kontroverstheologischen Zuspitzung stellte sich nun eine neue ekklesiologische Aufgabe heraus, »die konfessionellen Unterschiede scharf herauszuarbeiten und durch die Negation der Anderen die eigene Glaubensgemeinschaft als die wahre Kirche Jesu Christi zu legitimieren«. Dem gegenüber stand das Grundprinzip der reformatorischen Theologie „sola scriptura“ und „sola fidei“, die »jene mittelalterliche institutionell- hierarchische Gestalt der Kirche radikal ablehnte«. Die katholische Ekklesiologie verschärfte genau jenes »von Reformierten abgelehnte mittelalterliche Kirchenverständnis, indem sie, vor allem durch Robert Bellarmins „Disputationes de controversiis christianae fidei“ (1586-93) inspiriert, die objektiv - sichtbaren Strukturelemente des Glaubensbekenntnisses, der sieben Sakramente und der Leitung durch die rechtmäßigen, in apostolischer Sukzession und unter dem Primat des römischen Papstes stehenden Hirten als die Wesensbestimmungen der wahren Kirche hervorhob«.
Der Grundgedanke von bellarminscher „De Ekklesiologie“ ist aber vom tridentinischen strengen Kirchenverständnis etwas zu unterscheiden, denn nach Bellarmin ist mit Kirche nicht nur die „sichtbare Kirche“ gemeint, sondern sie umfasst die universale und unsichtbare Kirche : Gott wirkt in der Welt, und zwar durch seinen Sohn und durch die Kirche als inkarnierte Gnade Gottes. Für das Wirken Gottes in der Welt sind aber drei Repräsentationen nötig (Dreibänderlehre), der Papst, die Hirten und die Könige als Potestas indirekta effectiva. Die päpstliche Macht versteht sich dabei nicht als zeitliche, sondern vielmehr als göttliche, und die Kirche ergreift auch keine direkte Herrschaft mehr über die Welt, sondern sie ist hauptsächlich im anthropologischen Sinne für die Menschen „seelsorgisch“ zuständig.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Reflektiert das Verhältnis zwischen Kirche und Welt im 19. Jahrhundert unter dem Aspekt der Abgrenzung zur Moderne.
I. Kirche und die Welt: Erläutert das ekklesiologische Selbstverständnis der Kirche sowie den Konflikt mit neuzeitlichen Staatsideologien und dem Kirchenrecht.
II. Kulturkampf (1871-1887): Analysiert den staatlichen Versuch Bismarcks zur Unterordnung der katholischen Kirche und die daraus resultierende Solidarisierung des Katholizismus.
III. Katholisches Milieu im 19. und frühen 20. Jahrhundert: Beschreibt die Entstehung der katholischen Subkultur und die Rolle der Laienvereine sowie der Soziallehre.
IV. Soziologische Reflexion über den Katholizismus im 19. u. frühen 20. Jahrhundert: Systematisiert das Phänomen des Katholizismus aus soziologischer Sicht unter Einbeziehung von Max Webers Bürokratiekritik.
V. Epilog: Schließt mit persönlichen Gedanken zur Bedeutung von Verlustangst und dem notwendigen Mut zur Inkulturation der Kirche.
Schlüsselwörter
Katholizismus, Moderne, Kulturkampf, Zentrumspartei, Soziale Frage, Soziallehre, Solidarismus, Milieubildung, Ultramontanismus, Verkirchlichung, Säkularisierung, Kirche, Staat, Laienbewegung, Volksverein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und der modernen Welt im 19. und frühen 20. Jahrhundert, mit Fokus auf die deutsche Situation und die Entstehung eines spezifisch katholischen Milieus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind der Kulturkampf, die Entwicklung der katholischen Soziallehre, die Rolle der katholischen Vereine und Parteien sowie die soziologische Einordnung des Katholizismus als Subkultur.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es zu verstehen, wie der Katholizismus auf die Herausforderungen der Moderne und der säkularen Staatsmacht reagierte und wie sich daraus eine eigenständige, vieldimensionale Subkultur entwickelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen historisch-theologischen Überblick, ergänzt um die soziologische Analyse von Organisationsstrukturen, unter Einbeziehung zeitgenössischer und kirchenhistorischer Literatur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Katholizismus „von oben“ (Rahmenbedingungen und Kulturkampf) und „von unten“ (Sozialformen, Vereine und die Integrationskraft des Milieus).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Katholizismus, Milieubildung, Antimodernismus, Soziallehre und Solidarismus charakterisiert.
Warum war der Kulturkampf für den deutschen Katholizismus prägend?
Der Kulturkampf zwang die Katholiken zur Solidarität und beschleunigte die Formierung eines einheitlichen Milieus, da die Repressionen die Bindung an die Zentrumspartei und die Laienorganisationen stärkten.
Wie positionierte sich die katholische Soziallehre gegenüber dem Sozialismus?
Die katholische Soziallehre, insbesondere durch Ketteler und Pesch, lehnte den Sozialismus aufgrund seines Menschen- und Gesellschaftsbildes ab und setzte stattdessen auf das Prinzip des Solidarismus.
Welche Bedeutung hatte das Konzept der „Verkirchlichung“?
Die Verkirchlichung bezeichnet die verstärkte Unterstellung der weltlichen Laienarbeit unter die hierarchische Führung der Amtskirche, um die katholische Aktivität stärker zu institutionalisieren.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Zentrums?
Die Autorin betrachtet das Zentrum als ein Übergangsphänomen, das eine essenzielle Rolle als parlamentarische Vertretung der Katholiken im demokratisierenden Staat spielte, bevor es sich auflöste.
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- M.A. Yong-Mie Shin (Author), 2003, Der deutsche Katholizismus im 19. Jahrhundert: Seine Milieubildung im Zeichen des Antimodernismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134698