Diese Bachelorarbeit geht der Frage nach, ob sich die Werke "Rom, Blicke" von Rolf Dieter Brinkmann und "Mythen des Alltags" von Roland Barthes anhand der Funktion des Mythologen miteinander vergleichen lassen.
Um das zu klären, diskutiert der Autor zuerst die Frage, ob die beiden ähnliche Standpunkte zur kulturellen Sinnproduktion, das heißt im engeren Sinne zur Sprache, vertreten. Dafür behandelt er im nachfolgenden Kapitel kurz ihr gemeinsames Interessensthema der Sprachkritik, das anschließend im Unterkapitel anhand von Barthes’ Lektion erläutert wird. In diesem Zuge entfalten sich einerseits grundlegende Ambitionen, die seinen Hang zur Ideologiekritik erklären, und andererseits seine Utopien der Literatur und lustvollen Semiologie darlegen.
Während Ersteres bereits entscheidende Implikationen zu Barthes’ Gesellschaftsskepsis bereithält, die mit jenen von Brinkmann verglichen werden können, gestalten sich die Utopien, die er auch 1977 als Programm seines Lehrfachs verkündet, schwierig. Auf den ersten Blick weisen sie Reibungspunkte zu seinem 1957 formulierten mythologischen Programm auf. Das zweite Unterkapitel ist daher einer kurzen methodengeschichtlichen Skizze gewidmet, der Erläuterung des Mythosbegriffs sowie einer eingehenderen werkübergreifenden Perspektive. Damit ergeben sich wichtige Vergleichskriterien hinsichtlich der Außenseiterposition und auch dem Entlarvungsgestus, die im nachfolgenden Unterkapitel nochmals zusammengefasst und für die Analyse brauchbar gemacht werden. Im dritten Kapitel folgt die Analyse von "Rom, Blicke", in der der Autor seine Thesen zur Ähnlichkeit überprüft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Brinkmanns Rom, Blicke
1.2 Brinkmann als (Anti-)Mythologe?
2. Sprachkritik und Sprachutopie
2.1 Roland Barthes Lektion
2.1.1 Die Kritik (in) der Lektion
2.1.2 Die Utopie in der Lektion
2.1.3 Die Disziplin der lustvollen Semiologie
2.2 Die Mythen des Alltags zwischen Kritik und Utopie
2.2.1 Das strukturalistische Faible
2.2.2. Der Mythos und seine Gegenmittel
2.2.3 Der lustvolle Außenseiter
2.2.4 Das (utopische) diverse Leben
2.3 Die Vergleichskriterien zum (Anti-)Mythologen
3. Rolf Dieter Brinkmann als (Anti-)Mythologe
3.1 Inmitten einer falschen Natur – Demontage und Kritik
3.1.1 Agonie zwischen Objektsprache und Gegenmythen
3.1.2 Brinkmann und Barthes im Kritikvergleich
3.2 Inmitten der Gesellschaft – Kritik und Utopie
3.2.1 Brinkmann und Barthes als Außenseiter
3.2.2 Utopie des Lebens und Kritik des Todes
4. Rolf Dieter Brinkmann – Mythologe oder nicht?
4.1 Ein Nachwort zur unausgesprochenen Utopie
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spiegelverhältnis zwischen Rolf Dieter Brinkmanns Werk Rom, Blicke und Roland Barthes’ Mythen des Alltags. Ziel ist es, die Gemeinsamkeiten und methodischen Unterschiede beider Autoren hinsichtlich ihrer Kulturkritik und ihres Verständnisses des Mythologen zu analysieren, um zu klären, inwieweit Brinkmann als „Antimythologe“ bezeichnet werden kann.
- Vergleich der Sprachkritik und utopischer Denkansätze bei Barthes und Brinkmann.
- Analyse der Beobachtungsmethodik und der „Außenseiterposition“ beider Akteure.
- Untersuchung des Umgangs mit dem „Lebensthema“ als gesellschaftlicher und individueller Gegenentwurf.
- Dechiffrierung der medialen und gesellschaftlichen Zeichen in Rom, Blicke durch den Barthes’schen Theorieapparat.
Auszug aus dem Buch
1.1 Brinkmanns Rom, Blicke
„Wörtern sind wir aufgesessen statt Leben, Begriffen statt Lebendigkeit“ (RB, 139), klagt Brinkmann 1972 in Rom und artikuliert damit seine Not, die ihn seit seinen ersten Schriften peinigt: die durch Sprache verstellte Wirklichkeit. In Rom, Blicke widmet sich Brinkmann diesem Thema in einer experimentellen Form, die er zu diesem Zeitpunkt noch nicht lange kennt: der Collage. Dabei erzählt er in einer Serie von Briefen, diaristischen Aufzeichnungen und beschriebenen Postkarten von seinem Stipendienaufenthalt in Italien, hauptsächlich Rom. Ergänzt mit Zeitungsausschnitten, literarischen Auszügen (wie etwa von Hans Henny Jahnn und Arno Schmidt), eigens gemachten Snapshots, aber auch „materielle[n] Lebensspuren“ wie bekritzelten Stadtplänen, Restaurantbelegen, Fahr- und Eintrittskarten ist es eine multimediale Ansammlung aus – wie Brinkmann es nennt – „Materialalben“ (RB, 274). Doch obwohl es mit diesem Begriff so anmutet – Rom, Blicke ist weder das Fotoalbum, das einen Italienurlaub in schönen Erinnerungen festhält noch der mit Fotos verzierte Reisebrief, der das stereotypische Sehnsuchtsziel der Deutschen adressiert. Brinkmanns „Blick auf Rom ist der nackte Blick der radikalen Desillusion“; ein Blick, der die Fassaden kultureller Gesten und Ideen entlarvt und einer Verwahrlosung des Authentischen bezichtigt; der in den Menschen „Automaten“ sieht, „die von [anderen] Menschen zu Automaten gemacht worden waren“ (RB, 163); und der in der konsumgeprägten „Eitelkeit, Mode [und] Aufmachung“ (RB, 147) die Abstumpfung menschlicher Sinne erkennt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Ambivalenz Brinkmanns sowie Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich seines Status als (Anti-)Mythologe.
2. Sprachkritik und Sprachutopie: Theoretische Untersuchung von Barthes’ Konzepten der Lektion, der Semiologie und der Mythen sowie Herleitung von Vergleichskriterien.
3. Rolf Dieter Brinkmann als (Anti-)Mythologe: Detaillierte Analyse und Anwendung der erarbeiteten Kriterien auf Brinkmanns Rom, Blicke unter Berücksichtigung von Demontage, Kritik und Außenseiterperspektive.
4. Rolf Dieter Brinkmann – Mythologe oder nicht?: Fazit der vergleichenden Analyse mit einer abschließenden Einordnung von Brinkmann als Antimythologe.
Schlüsselwörter
Rolf Dieter Brinkmann, Roland Barthes, Rom Blicke, Mythen des Alltags, Sprachkritik, Mythologe, Antimythologe, Ideologiekritik, Semiotik, Collage, Außenseiter, Moderne Konsumgesellschaft, Kulturwissenschaft, Subjektivität, Dekonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit vergleicht die Kultur- und Sprachkritik des deutschen Autors Rolf Dieter Brinkmann mit den theoretischen Ansätzen des französischen Zeichentheoretikers Roland Barthes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Begriffe der Sprachkritik, der Utopie gegenüber gesellschaftlichen Normen, die Rolle des Außenseiters sowie die methodische Demontage von Mythen und künstlichen Wirklichkeiten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, ob Rolf Dieter Brinkmann durch seine Vorgehensweise in Rom, Blicke als Mythologe im Sinne von Barthes gelten kann oder ob er eher als ein „Antimythologe“ einzuordnen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative literaturwissenschaftliche Analyse, bei der Barthes’ strukturalistische und poststrukturalistische Konzepte (wie Mythen, Mathesis, Mimesis) auf Brinkmanns textliche Collage-Technik in Rom, Blicke angewendet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie Brinkmann die Umgebung in Rom wahrnimmt, sie in ihre Einzelteile zerlegt (Inventarisierung) und wie er gegen die Ideologien der Konsumgesellschaft und mediale Inszenierungen anarbeitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben den Namen der beiden Protagonisten sind Begriffe wie Sprachkritik, Mythologie, Antimythologe, Ideologiekritik, Semiotik und Individualität essenziell für die Arbeit.
Wie bewertet der Autor Brinkmanns Umgang mit dem „Abendland“?
Der Autor zeigt auf, dass Brinkmann das „Abendland“ als ein zerfallendes, von der Idee des Todes besessenes Konstrukt wahrnimmt, das er durch seine destruktive Schreibweise und Zerstückelung der Blicke ironisiert.
Inwiefern beeinflusst die „Außenseiterrolle“ das Werk der beiden Autoren?
Sowohl Barthes als auch Brinkmann nutzen die Distanz zur Gesellschaft als methodisches Werkzeug, um die Mechanismen der Identitätsbildung und Sprachkonventionen kritisch zu demaskieren – wenn auch Brinkmann aus einer persönlicheren Betroffenheit heraus als der eher professionell distanzierte Barthes.
- Quote paper
- David Gense (Author), 2021, Als (Anti-)Mythologe durch Rom. Rolf Dieter Brinkmanns "Rom, Blicke" und Roland Barthes’ "Mythen des Alltags", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1347315