Erkenntnistheorie - Ein Begriff des Umbruchs


Hausarbeit, 2009

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Vorwort

B Begriffsgeschichte Erkenntnistheorie
I. Stand der Forschung
II. Begriffsgeschichte

C Erkenntnistheorie in seinem philosophisch-kulturellen Umfeld
I. Ein Stück deutsche Philosophiekultur
II. Die vermeintlichen Synonyme und die Diskussion

D Fazit

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Internetquellen

A Vorwort

Begriffsgeschichte als Wissenschaft bekam in Deutschland einen besonderen Impetus durch die Herausgabe des Archivs für Begriffsgeschichte, begründet 1955 durch Erich Rothacker, sowie 1971 durch das historische Wörterbuch der Philosophie durch Joachim Ritter. Diese vergleichsweise neue interdisziplinäre Wissenschaft reagiert damit auf die Einsicht, dass Sprache und Sprachwandel für alle Wissenschaften immer mehr von Bedeutung sind.[1] Hinter diesen Projekten stand immer der Gedanke, durch die genaue Herkunft eines Begriffs und dessen Bedeutungswandels auch den Begriff an sich genauer verstehen zu können.

Wenn ein Begriff als solcher in der Kritik steht, lohnt es sich immer der Begriffsgeschichte nachzugehen. So können diese Nachforschungen ergeben, dass die vermeintliche Prägung eines Begriffs lange falsch verortet wurde. Und letztlich kann Begriffsgeschichte auch eine philosophische Dimension haben, wenn die spezielle Verwendung des Begriffs auf eine bestimmte Eigenart in seiner philosophischen Kultur verweist. Bei dem Begriff „Erkenntnistheorie“ treffen diese Faktoren scheinbar zu. Erkenntnistheorie stand lange in der Konkurrenz zu den Begriffen „Erkenntnislehre“ und „Erkenntniskritik“, jedoch setzte sich Erkenntnistheorie im Laufe der Zeit immer mehr durch. Zudem wurde lange fälschlicherweise, soviel sei verraten, die Prägung des Begriffes Erkenntnistheorie 1862 Eduard Zeller zugeschrieben. Auch ist Erkenntnistheorie als wissenschaftlicher Begriff für eine Disziplin der theoretischen Philosophie in der Wissenschaft wesentlich häufiger zu finden als der verwandte Begriff „Epistemologie“. In der englischen und vor allem in der französischen Wissenschaft wird die griechische Zusammensetzung von dem Wort „epistéme“ und „logos“ viel häufiger verwendet als im deutschsprachigen Raum.[2] Und letztlich wird aufzuzeigen sein, dass die Prägung von Erkenntnistheorie in einer bestimmten philosophischen Tradition steht.

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Begriffsgeschichte des Wortes „Erkenntnistheorie“ auseinander. Es soll der Stand der Forschung gezeigt werden, der Ursprung des deutschen Begriffes. Anschließend folgt eine Diskussion, warum sich dieser Begriff gegenüber anderen durchsetzte. Den philosophischen Ursprung des Themenbereiches Erkenntnistheorie genau aufzuzeigen und eine systematische Begriffsanalyse durchzuführen würde den Rahmen der Arbeit hoffnungslos sprengen.

Es wird sich jedoch bemüht, einen guten Überblick über den gewählten Rahmen zu geben und wohlmöglich auch allgemeine Schlussfolgerungen über die philosophische Kultur des deutschen Sprachraums zu geben.

B Begriffsgeschichte Erkenntnistheorie

I. Stand der Forschung

Gerade weil Begriffsgeschichte ein so weitläufiges Gebiet ist, ist einschlägige Literatur zu einem bestimmten Wort nur wenig vorhanden. So ist Erkenntnistheorie ein durchaus renommiertes Wort in der Philosophie, nichtsdestotrotz bleibt die Literatur darüber überschaubar.

Als Standardwerk für solche Fälle empfiehlt sich immer das schon erwähnte „Historische Wörterbuch der Philosophie“. Der Eintrag dort zur Erkenntnistheorie von Alwin Diemer ist 1972 erschienen, darin verweist er auf die unsichere Quellenlage zur Entstehung des Wortes Erkenntnistheorie. Zwar wird Ernst Reinhold (1793-1855) als vermutlicher Ursprung des Begriffes genannt, jedoch wird diese Behauptung nur wenige Sätze später wieder relativiert: „Wann der Terminus < E. > [Erkenntnistheorie, BH] zum ersten Male geprägt wurde ist nicht klar festzustellen.“[3] Zwar wird noch auf die fälschliche Prägung von Eduard Zeller verwiesen, jedoch wird Zeller andererseits zugewiesen, dass er letztlich dazu beitrug, den Begriff auf seine „jetzigen akademischen Würden“ zu promovieren. Außerdem wird keine gründliche Unterscheidung der Begriffe „Erkenntnistheorie“, „Erkenntnislehre“ sowie „Erkenntniskritik“ vorgenommen.[4]

Ein Aufsatz von Klaus Christian Köhnke aus dem Jahr 1982, der im Archiv für Begriffsgeschichte erschienen ist, widerspricht dem Eintrag von Diemer in weiten Teilen. So weist er anhand von Originalquellen nach, dass weder bei Ernst Reinhold der Begriff als erstes vorkam, noch dass es erst Eduard Zeller war, der den Begriff auch systematisch und konsequent anwendete.[5] Methodisch leitet Köhnke die Herleitung aus einer Diskussion von 1876 zwischen Hans Vahinger, Friedrich Harms und Rudolf Seydel ab. In dem Aufsatz wird die Diskussion zusammengefasst, und die Thesen werden kritisch diskutiert. Vor allem das genaue Quellenstudium machen diesen Aufsatz letztlich auch so ergiebig. Somit hat der Aufsatz von Köhnke auch als Standardwerk zur Begriffsgeschichte von Erkenntnistheorie zu gelten. Zwar wird diese Arbeit in einem Aspekt die Folgerungen von Köhnke korrigieren, jedoch leitet die vorliegende Arbeit sich die Begriffsgeschichte überwiegend aus dem Aufsatz Köhnkes her.

Trotz dieser eindeutigen Lag sind in der Fachliteratur auch seitdem noch abweichende Darstellungen der Begriffsgeschichte von Erkenntnistheorie zu finden. In einigen Einführungswerken zur Thematik der Erkenntnistheorie, wie beispielsweise in der Einführung von Herbert Schnädelbach wird die Begriffsgeschichte wie folgt dargestellt:

„Das Wort >Erkenntnistheorie< kommt freilich erst im frühen 19. Jahrhundert

auf und wird dann durch Eduard Zellers vielbeachtete Heidelberger Vorlesung

Ueber Bedeutung und Aufgabe der Erkenntnistheorie (1862) allgemein ge-

bräuchlich; [...]“[6]

Diese Ausführungen folgen damit dem Eintrag aus dem Historischen Wörterbuch der Philosophie, sind aber, wie noch zu zeigen sein wird, nicht sehr gründlich recherchiert.

Ein Werk, welches den Ausführungen von Köhnke folgt, ist ausgerechnet das französisch Nachschlagewerk, das „Vocabulaire européen des Philosophies“. Dabei geht es nicht nur auf den Ursprung des deutschen Begriffes ein, sondern auch deren weitere Entwicklung vor allem ab Anfang des 20. Jahrhunderts.[7]

II. Begriffsgeschichte

Vorangestellt sei noch festgehalten, dass der Begriff Erkenntnistheorie nicht auch erst erkenntnistheoretische Themen aufkommen ließ. Die Sache ist selbstverständlich viel älter, vermutlich sogar so alt wie die Philosophie selbst. Der erste „erkenntnistheoretische“ Text, der uns überliefert ist, ist Platons Dialog Theätet, in dem er Sokrates das „Wissen“ gegenüber dem Relativismus des Sophisten Protagoras verteidigen lässt. Immer wieder wurde sich im Laufe der Jahrhunderte mit solchen Themen beschäftigt, aber sie standen dabei nie im Fokus des philosophischen Augenmerks. Erst als die aristotelische Metaphysik in der Neuzeit immer mehr an Zuspruch verlor, rückten auch metaphysische Probleme in den Vordergrund. Mit Descartes, Locke und vor allem Kant wurden dann auch erkenntnistheoretische Fragen elementar, ohne jedoch dass von Erkenntnistheorie die Rede war.[8]

[...]


[1] Vgl. http://www.uni-trier.de/index.php?id=22333 14.04.2009

[2] Für den englischsprachigen Bereich siehe: Matthias Steup: epistemology, in: The Cambridge Dictionary of Philosophy, hrsg. von Robert Audi, New York bzw. Cambridge, Cambridge University Press 1995. Für den französischsprachigen Bereich siehe: Cathrine Chevalley: Épistémologie, in: Vocabulaire européen des Philosophies, hrsg. von Barbara Cassin, Paris, Le Robert 2004.

[3] Diemer, Alwin: Erkenntnistheorie, Erkenntnislehre, Erkenntniskritik, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Hrsg. von Joachim Ritter, 2. Bd. (D-F), Basel bzw. Darmstadt 1972. Sp. 683.

[4] Ebd. Sp. 683.

[5] Köhnke, Klaus Christian: Über den Ursprung des Wortes Erkenntnistheorie – und desen vermeintliche Synonyme, in: Archiv für Begriffsgeschichte, hrsg. von Erich Rothacker, Bd. 26, 1982. S. 185-210.

[6] Schnädelbach, Herbert: Erkenntnistheorie zur Einführung. Hamburg, Junius Verlag 2002. S.8.

[7] Cathrine Chevalley: Erkenntnistheorie, in: Vocabulaire européen des Philosophies, hrsg. von Barbara Cassin, Paris, Le Robert 2004.

[8] Schnädelbach: Erkenntnistheorie Einführung S. 8-9.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Erkenntnistheorie - Ein Begriff des Umbruchs
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Veranstaltung
Meinen – Glauben – Wissen
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V134734
ISBN (eBook)
9783640427123
ISBN (Buch)
9783640425389
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Begriffsgeschichte, Neukantianismus, Erkenntnistheorie
Arbeit zitieren
Bernard Hoffmeister (Autor), 2009, Erkenntnistheorie - Ein Begriff des Umbruchs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134734

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