Starke Mädchen in der Kinderliteratur. Die Bachelorarbeit bietet einen Abriss über die Entwicklung des Mädchenbildes in Kinderbüchern. Anschließend erfolgt eine literarische Analyse der klassischen Kinderbücher "Heidi", "Pippi Langstrumpf" und "Momo" hinsichtlich der Charaktereigenschaften der jeweiligen Protagonistin im Kontext des zeittypischen Mädchenbildes.
Trotz des wachsenden Marktes an digitalen Unterhaltungsmedien lesen Kinder heute noch gerne Bücher. Dabei werden ihnen durch die Figurengestaltung bestimmte Rollenbilder vermittelt. Auf diese Weise tragen Kinderbücher zur geschlechtsspezifischen Sozialisation bei. So wird ein Kind, das Bücher wie "Prinzessin Lillifee" liest, eine andere Vorstellung von Mädchen haben als Kinder, die sich für Literaturfiguren wie "Ronja Räubertochter" interessieren. Solche in der Kinderliteratur präsentierten Rollenbilder entsprechen den typisierten Vorstellungen von Jungen und Mädchen, wie sie in der Gesellschaft vorherrschen. Parallel zur Emanzipationsentwicklung sind sie daher einem starken Wandel unterworfen. Wegen der männlichen Dominanz in der Gesellschaft sei es laut der Kinderbuchautorin Lauren Child nicht überraschend, dass es bisher in der Kinderliteratur zweimal so viele männliche wie weibliche Hauptrollen gibt. Im Gegensatz zu den heldenhaften Jungenfiguren gäbe es kaum starke Mädchen in der klassischen Literatur. In Zeiten, in denen die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen gesellschaftliches Ziel ist, dürften dagegen auch in der Kinderliteratur weibliche Hauptfiguren aus dem Schatten der Jungen treten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mädchenliteratur
2.1 Definition
2.2 Geschichte
2.3 Geschlechtermodellierungen
2.3.1 Mädchenbild um 1880
2.3.2 Mädchenbild um 1945
2.3.3 Mädchenbild um 1973
3. Die Geniusfigur
4. Figurenanalyse zu Heidi
4.1 Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte
4.2 Charakterisierung und geschlechtstypische Merkmale
4.3 Heidi als Geniusfigur
5. Figurenanalyse zu Pippi Langstrumpf
5.1 Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte
5.2 Charakterisierung und geschlechtstypische Merkmale
5.3 Pippi Langstrumpf als Geniusfigur
6. Figurenanalyse zu Momo
6.1 Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte
6.2 Charakterisierung und geschlechtstypische Merkmale
6.3 Momo als Geniusfigur
7. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern literarische Klassiker der Mädchenliteratur zeitgenössische Mädchenbilder widerspiegeln, aktiv prägen und wie sich diese durch die Figur des "Genius" in der Kinderliteratur vermitteln lassen. Dabei wird analysiert, wie sich das Ideal des Mädchens durch verschiedene Epochen hindurch gewandelt hat und welche Rolle die Figurengestaltung im Hinblick auf traditionelle Rollenbilder und Emanzipationsbestrebungen spielt.
- Historische Entwicklung der Mädchenliteratur und des Mädchenbildes (1880 bis heute).
- Die literaturwissenschaftliche Kategorie der "Geniusfigur" nach Ewers und Seinsche.
- Figurenanalyse von Heidi, Pippi Langstrumpf und Momo im historischen Kontext.
- Die reziproke Wechselbeziehung zwischen gesellschaftlichen Rollenvorstellungen und literarischen Frauenbildern.
- Untersuchung der Rolle der Mädchenfigur als Identifikations- und Projektionsfläche.
Auszug aus dem Buch
4.2 Charakterisierung und geschlechtstypische Merkmale
In Kapitel 2.3 wurde deutlich, dass Mädchen im 19. Jahrhundert in erster Linie auf ihre tradierte Rolle als Frau, die vor allem die Funktionen der Haus-, Ehefrau und Mutter übernahm, vorbereitet wurden. Dabei wiesen sie bestimmte Charaktereigenschaften wie Gehorsamkeit und Passivität auf. In der Geschichte der Mädchenliteratur zeigt sich, dass dieses Bild durch Mädchenbücher reflektiert wird. Im Folgenden soll herausgefunden werden, inwiefern „Heidi“ als Klassiker der Mädchenliteratur das Mädchenbild des 19. Jahrhunderts widerspiegelt. Dazu werden die Eigenschaften von Heidi analysiert und mit dem zeittypischen Mädchenbild verglichen, wobei relevante Instrumente der narratologischen Analyse nach Gérard Genette Anwendung finden.
Bereits das Cover des Buches weist auf Merkmale der Protagonistin hin. Es zeigt eine Alpenlandschaft mit einem Mädchen, das ein Kleid mit rotem Rock und braune Schuhe trägt. Das Kind hat rötliche Wangen und Lippen sowie braune, leicht gelockte Haare. Zudem trägt es einen Korb, fasst seine Hände zusammen und schaut mit leicht geöffnetem Mund in die Ferne. In Form einer Zeichnung erzeugt diese Darstellung eine Idylle und entwirft eine Mädchenfigur, die aufgrund ihrer Haltung beglückt und verträumt wirkt. Das Cover spiegelt die Beschreibungen von Heidi aus der Erzählung wider. Sie wird durch den Großvater als „zart-gliedriges Kind“ bezeichnet. Die Dorfbewohner rufen in zitierter Rede aus, es sei „so rotbackig“. Heidi sieht also zierlich und gesund aus. Der Erzähler reduziert sie zunächst auf „ein Kind“. Er beschreibt Heidis Kleidungsstücke im Deminutiv, was Heidi klein und kindlich erscheinen lässt. Sie ist zu Beginn des Buches allerdings auch „kaum fünf Jahre“ alt. Bei dieser Information handelt es sich um eine Mutmaßung des Erzählers. Dadurch erscheint er zunächst extern fokalisiert, denn auch über Heidis Vergangenheit erfährt man nur etwas durch den eher dramatischen Modus der Erzählung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung von Kinderliteratur für die Rollenbildung dar und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Repräsentation von Mädchenbildern in den ausgewählten Romanen.
2. Mädchenliteratur: Dieses Kapitel erläutert die historische Entwicklung des Genres der Mädchenliteratur und stellt die wandelnden gesellschaftlichen Mädchenbilder von 1880 über 1945 bis 1973 systematisch dar.
3. Die Geniusfigur: Hier wird der literaturwissenschaftliche Typus der Geniusfigur theoretisch fundiert, insbesondere unter Rückgriff auf die Definitionen von Ewers und Seinsche.
4. Figurenanalyse zu Heidi: Dieses Kapitel untersucht Johanna Spyris "Heidi" auf ihre narratologischen Merkmale und bewertet, inwieweit die Figur sowohl dem zeittypischen Rollenbild als auch dem Genius-Konzept entspricht.
5. Figurenanalyse zu Pippi Langstrumpf: Es folgt eine Analyse von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, wobei besonders Pippis Stärke und Unangepasstheit als Kontrast zum traditionellen Frauenideal für das Jahr 1945 herausgearbeitet werden.
6. Figurenanalyse zu Momo: Momo wird als Heldin einer gesellschaftskritischen Erzählung analysiert, wobei ihr neutrales Geschlecht und ihre Funktion als Geniusfigur in einer durch Zeitdruck geprägten Gesellschaft im Mittelpunkt stehen.
7. Fazit und Ausblick: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und zeigt, wie sich vom 19. Jahrhundert bis heute eine stetige Entwicklung hin zu selbstbestimmteren Mädchenfiguren und einer zunehmenden Relativierung klassischer Weiblichkeitsideale vollzogen hat.
Schlüsselwörter
Mädchenliteratur, Geniusfigur, Heidi, Pippi Langstrumpf, Momo, Rollenbilder, Geschlechtersozialisation, Kinderliteratur, Emanzipation, Narratologie, historische Mädchenbilder, Weiblichkeitsentwürfe, Mädchenrollen, Kinderbuchanalyse, Identitätsfindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit analysiert die Entwicklung des Bildes vom Mädchen in drei Kinderbuchklassikern aus unterschiedlichen Epochen und prüft, inwiefern diese Figuren durch das Konzept der "Geniusfigur" geprägt sind.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Historie der Mädchenliteratur, gesellschaftliche Geschlechtermodellierungen im 19. und 20. Jahrhundert sowie die literaturwissenschaftliche Untersuchung spezifischer Mädchenfiguren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie Literatur sowohl gesellschaftliche Vorstellungen von Weiblichkeit widerspiegelt als auch durch die Schaffung neuer Vorbilder Rollenbilder aktiv mitgestalten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine historische Einordnung der Mädchenbilder mit einer textimmanenten Figurenanalyse, wobei narratologische Instrumente nach Gérard Genette zur Anwendung kommen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Neben der theoretischen Herleitung des Begriffs "Geniusfigur" folgt eine ausführliche Analyse der drei Protagonistinnen Heidi, Pippi Langstrumpf und Momo, inklusive deren Entstehungsgeschichte und Charakterisierung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben den drei Hauptfiguren vor allem Mädchenliteratur, Geschlechtermodellierung, Geniusfunktion und die narratologische Kategorisierung der Figuren.
Warum wurde ausgerechnet die "Geniusfigur" als Fokus gewählt?
Die Geniusfigur dient laut der Arbeit als Idealtypus, der erzieherischen Charakter hat und besonders klar aufzeigt, welche Werte und Normen eine Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit an Mädchen vermitteln wollte.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Entwicklung?
Die Autorin stellt eine deutliche Abkehr von traditionellen, fremdbestimmten Rollenbildern hin zu einer größeren Autonomie und Emanzipation der Mädchenfiguren im 20. Jahrhundert fest, wobei Weiblichkeit teilweise zugunsten einer allgemeinen Heldenrolle in den Hintergrund tritt.
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- Antonia Elisa Blank (Author), 2022, Zeittypische Mädchenbilder der Geniusfiguren Heidi, Pippi Langstrumpf und Momo, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1347662