Frühe Einblattdrucke - Xylographie, Typographie, Blockbuch


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

29 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

I. Medienspezifische Grundlagen

2. Xylographie
2.1 Technik
2.2 Vor- und Nachteile des xylographischen Verfahrens
2.3 Konkurrenz mit dem Kupferstich

3. Typographie

4. Gemeinsamkeiten von Xylographie und Typographie

5. Produktion und Vertrieb früher Einblattdrucke
5.1 Produktion
5.2 Vertrieb
6. Publikum

II. Bild und Text im Einblattdruck des 15. Jahrhunderts

7. Wie sieht ein früher Einblattdruck aus?

8. Das Verhältnis von Text und Bild im frühen Einblattdruck
8.1 Mögliche Arten von Text-Bild-Bezug
8.2 Text und Bild im xylographischen Einblattdruck
8.3 Veränderungen nach Einführung des typographischen Drucks

9. Inhalte früher Einblattdrucke
9.1 Thematischer Überblick
9.2 Funktionen früher Einblattdrucke

III. Blockbuch und Einblattdruck

10. Blockbücher
10.1 Was ist ein Blockbuch?
10.2 Zeitliche und örtliche Einordnung
10.3 Produktion und Vertrieb
10.4 Publikum
10.5 Das Verhältnis von Text und Bild im Blockbuch
10.6 Inhalte

11. Veranschaulichung des Gesagten anhand einer Blockbuchillustration
11.1 Technischer Aspekt
11.2 Publikum, Produktion und Vertrieb
11.3 Inhalt
11.4 Text und Bild, künstlerischer Aspekt

Illustrationen zum Ausklappen

12. Schlussbemerkung

13. Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkung

„Seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts mehrten sich die Versuche, den ständig steigenden Bedarf an Schrifttum und mehr noch an Bildern rationell und effizient zu befriedigen. Neue Gewerbe entstanden oder blühten auf mit den Papiermachern und Briefmalern, Formschneidern und Miniatoren, Rubrikatoren und Buchbindern. [...] Nun setzte sich auch der Druck von Einblattholzschnitten mit dem Reiberdruckverfahren durch.“[1]

Mit diesen frühen Einblattdrucken beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Zu Beginn sollen medienspezifische Grundlagen von Xylographie und Typographie erläutert werden, die wesentlich für das Verständnis von Erscheinungsformen früher Einblattdrucke in Hinblick auf Aussehen, Text-Bild-Kombinationen und die thematische Bandbreite sind. In einem zweiten Teil wird auf das Verhältnis und Zusammenwirken von Text und Bild im frühen Einblattdruck eingegangen werden, wobei auch ein (Über-)Blick auf Inhalte und Funktionen früher Einblattdrucke geworfen werden soll. Ein dritter Teil wird sich mit dem Phänomen des Blockbuches beschäftigen, das aus dem Einblattwesen erwächst.

Aufgrund des engen Zusammenhangs der einzelnen Teile dieser Arbeit werden die genannten drei Hauptteile zwar durch eigene Überschriften kenntlich gemacht, die einzelnen Kapitel jedoch werden fortlaufend nummeriert. Abschließend werden die genannten Punkte kurz an zwei inhaltlich identischen Blockbuchillustrationen aus der Ars moriendi veranschaulicht, wobei beide Illustrationen zum Aufklappen am Ende des Kapitels der Arbeit beigegeben werden.

I. Medienspezifische Grundlagen

2. Xylographie

Als Hintergrundwissen ist festzuhalten, dass das Phänomen der Einblatt handschrift sehr alt ist. Sie reicht mindestens bis ins 12. Jahrhundert zurück.

Die Einführung des Holzschnitts, der in Europa ältesten Art des Bilddrucks auf Papier, um 1400 in Mitteleuropa, wohl in Augsburg, Ulm oder Nürnberg, sollte nicht nur die begehrten kleinen Andachtsbildchen verbilligen, sondern vor allem der übergroßen Spielkartennachfrage Herr werden.[2] Auch aus diesem Grunde kam es im Übrigen zur Gründung der ersten deutschen Papiermühle durch Stromer im Jahre 1390. Ursache für die Einführung des Holzschnittes war auch ein starkes Bedürfnis breiter Bevölkerungsschichten nach privatem Bildbesitz für die private, häusliche Andacht.

Das Verfahren zur Verfertigung eines Holzschnittes war seit alters her bekannt. Als Vorläufer muss hier der Zeugdruck genannt werden, der aus dem alten Orient stammte und zur Zeit der Kreuzzüge nach Europa gelangte.[3] Gebraucht wurde der Zeugdruck zur Musterung von Textilien. Es wurde ein Muster aus einer Holzplatte ausgeschnitten, eingefärbt, auf den Stoff gesetzt, mit einem Griffbrettchen angedrückt und abgerieben.

2.1 Technik

Der Holzschnitt[4] basiert auf dem Stempelprinzip: die Zeichnung des Bildes oder Tex­tes wird von der Vorlage auf den längs seiner Faserstruktur geschnittenen (= Langholzschnitt), geglätteten und mit Kreide grundierten Holzstock seitenverkehrt übertragen oder es wird gleich auf dem Holz gezeichnet. Die Vorzeichnung wird aus der Holztafel herausgeschnitten, sodass die druckenden Teile erhaben stehen bleiben. Die Farbe (meist eine wässrige Farblösung in Schwarz- und Brauntönen) wird mit einem Tampon aus Leder oder Stoff mit Rosshaarfüllung (Reiber genannt) aufgebracht, später auch mit kleinen Walzen oder Rollen. Auf den so eingefärbten Stock legt der Drucker angefeuchtetes Papier und fertigt mit der Hand, einem Falzbein, Löffel oder einer Bürste einen Reiberabzug des Holzstockes. Abschließend wurde der Druck eventuell noch vom Briefmaler (von lat. breve = kurz, also Kleinmaler; später Briefdrucker genannt) per Hand koloriert, wobei oft Schablonen zur Anwendung kamen.

2.2 Vor- und Nachteile des xylographischen Verfahrens

Die xylographisch hergestellten Einblätter waren einfach, rasch und preiswert in der Produktion. Von einem Holzstock konnte man bis zu 300 Exemplare abziehen. Wohl am ausschlaggebendsten war die Möglichkeit, Typen und Holzschnitt in der Druckform zu kombinieren. Trotzdem waren Holzstock und Typensatz nicht das Gleiche und mussten tech­nisch und typographisch aufeinander abgestimmt werden, d.h. der Holzschnitt und der Ty­pen­satz mussten gleich hoch und so plan wie möglich sein.[5]

Der Holzschnitt eignet sich jedoch nicht zur Vervielfältigung größerer Textmengen. Eine exakte Kleinteiligkeit ist nicht erreichbar, genormte Buchstaben- und Schriftbilder können durch die menschliche Hand nicht entstehen. Eine einmal gefertigte Holzplatte ist kaum korrigier- oder veränderbar (aufgrund der Natur der Sache ist zur Korrektur oder Veränderung nur ein Wegnehmen von Material möglich). In Holz geschnittener Text weist grobe, ungleichmäßige Linien und tanzende Buchstaben auf. Ganz abgesehen davon ist auf einem Holzstock nur wenig Text unterbringbar. Insgesamt empfindet man in Holzschnitt ausgeführte Textabzüge häufig als schwer lesbar.

Die Druckstöcke an sich sind widerstandsfähig, aber im Gebrauch verlieren sie durch Ausbrechen von Graten und durch Sprünge im Holz rasch an Qualität. Beim Abzug mit der Druckerpresse brechen durch den enormen Druck der Pressen mitunter Teile der feinen Stege heraus, was zu Unterbrechungen der Linien, zu Rissen und Spalten führt. Weitere Nachteile können Probleme bei der Lagerung der feuchtigkeitsempfindlichen Stöcke sein, wie auch Schädlingsbefall, vor allem Wurmlöcher.[6]

Das ökonomisch aufdringlichste Problem der xylographischen Drucke ist jedoch ein ganz anderes: zweiseitige Bedruckbarkeit ist nicht möglich. Durch den hohen Andruck werden die druckenden Stege so stark auf die Rückseite des Papiers durchgedrückt, dass dieses nicht auf der Rückseite bedruckt werden kann. Beim manuellen Abreiben kommen dazu noch die Abnutzungsspuren durch die Tätigkeit des Reibens hinzu. Man spricht bei solchen nur einseitig bedruckten Drucken von anopistographischen Drucken im Gegensatz zu zweiseitigen, opistographischen Drucken.

2.3 Konkurrenz mit dem Kupferstich

Neben dem Holzschnitt war der um etwa 1420 aufgekommene Kupferstich das wichtigste Bild­druckverfahren im 15. und 16. Jahrhundert. Diese Technik war vom künstlerischen Aspekt her von jeher angesehener, „da die Platte anders als beim Holzschnitt vom Künstler selbst ohne die Hilfe eines spezialisierten Handwerkers graviert wird“[7]. Der Kupferstich stammt von der Goldschmiedekunst ab: „Beim Gravieren von Metallflächen wollten die Goldschmiede ihre Arbeit überprüfen, indem sie die gravierten Linien mit Ruß füllten, um dann mit Hilfe gefeuchteten Papiers Kontrollabzüge herzustellen.“[8]

Im weichen Kupfer ist eine feine Schraffur möglich, die Linienführung kann viel weicher sein als beim Holzschnitt. Daraus ergibt sich eine hohe mögliche Detailgenauigkeit und durch gegeneinander laufende Schattierungen und Punkte sehr plastische Wirkung, die vor allem in naturwissenschaftlichen Büchern bevorzugt eingesetzt wurde.

Schwierig war hier der Druckvorgang: eine spezielle Presse war nötig, in der die Kupferplatte durch Walzen hindurchgeführt wurde. Das zu bedruckende Papier wurde auf die Platte gelegt, darüber Filz zur besseren Druckverteilung. Der Druck erfolgte unter hohem Kraftaufwand. Entscheidender Nachteil gegenüber der Xylographie war jedoch die Kombi­nation von Bild und Text im Druck: Holzschnitt und Typendruck sind beides Hochdruck­arten, konnten also relativ unkompliziert in einem Druckvorgang zusammen abgedruckt werden. Der Kupferstich jedoch ist im Tiefdruck zu vervielfältigen und erfordert spezielles Papier, das die Farbe optimal aus den Vertiefungen saugt. Buchbinderisch heißt dies, dass Kupferstiche auf extra Bögen separat in ein Buch eingebunden werden müssen. Dies ist für das Thema der Einblattdrucke weniger ausschlaggebend, erklärt jedoch, warum durchwegs bis ins 16. Jahrhundert der Holzschnitt die Norm­illustration blieb. Erst ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Holzschnitt allmählich durch Kupferstich und Radierung verdrängt. Holzschnitte wurden in der Folge sehr häufig als Stiche wieder aufgelegt.

„Da der Holzschnitt für weit mehr als hundert Jahre die einzige Technik war, mit deren Hilfe man Bücher illustrieren konnte, hat er in dieser Zeit eine erstaunliche Entwicklung durchlebt.“[9] Die Buchillustration erreichte anfangs gegenüber dem Einblattholzschnitt nicht immer gleich dessen in dieser Zeit bereits erlangte Qualität.

3. Typographie

Mit der Einführung des typographischen Drucks konnte die auf einer Seite reproduzierbare Textmenge erheblich gesteigert werden. Text- und Bildwerke waren nun viel schneller und in größeren Auflagen – man geht von einer Durchschnittsauflage von 1000 bis 1500 Exemplaren aus – herstellbar. Es resultierte ein Aufschwung der Produktion und einer Ausweitung der thematischen Vielfalt. Auch kam eine Palette bisher nur handschriftlich über­lieferter textlicher Ausdrucksformen hinzu. Dennoch war die Typographie nicht „besser“, „ästhetischer“ oder „raffinierter“ als die Xylographie, die zu dieser Zeit bereits hoch entwickelt war.

Druck und Satz eines einzelnen Blattes kam der Forderung nach schneller Verbreitung an ein großes Publikum entgegen. Vorhandene Illustrationen (Druckstöcke) wurden zum Teil für verschiedene Drucke verwendet. Die Vereinfachung und Beschleunigung in der Herstellung von Formularen und Ankündigungen etc. war durchaus ein dringendes Erfordernis dieser Zeit.

Nur kurze Zeit nach der Erfindung des Buchdrucks bedienten sich auch die Holzschneider der Druckerpresse, auch zur Vervielfältigung reiner Bilddrucke. Der Zeitpunkt – nach 1465 – fällt etwa mit der Entstehung der ältesten Blockbücher zusammen, die teils Hand-, teils Pressendrucke sind (vgl. Kapitel 10).

Der Typendruck ist dem Blockdruck in vielen Bereichen überlegen. Der Drucker muss im Gegensatz zur Handschriftenzeit nun betriebswirtschaftlich kalkulieren, um durch die Investitionen in Maschinen und Material verauslagtes Kapital als Gewinn wieder hereinzuholen. Das bedeutet, dass Überlegungen getroffen werden müssen, wie der Materialbedarf für die Produktion, der Platzbedarf für die Lagerung der Güter und deren Gewicht im Hinblick auf den Vertrieb minimiert werden müssen.[10] Hierfür ist der

typographische Druck von Vorteil, denn er „erlaubt die Nachahmung des handschriftlichen Musters bei gleichzeitiger mechanischer Vervielfältigungsmethode und Papier­ökonomie“[11].

Die relativ glatte und saubere Papierrückseite, die auch bedruckt werden kann, führt jedoch nicht unmittelbar zu einer ausgeübten Zweiseitigkeit. Etabliert also das xylo­graphische Blatt einen formalen Typus, den das typographische übernimmt?

Ablassbriefe und ähnliche amtliche und halbamtliche Einblattdrucke ohne Illustrationen kommen eher vom Handschriftlichen her (und nicht vom xylographischen Einblattdruck), sind daher auch in der Praxis nicht zwingend einseitig. Illustrierte Blätter dagegen haben ihre Wurzel im xylographischen Einblatt, bewegen sich in semiliteraten Bereichen und haben einen ausgeprägten Warencharakter, unterliegen also stärker den Gesetzen des Marktes und haben als bindende formale Vorgabe den einblättrig-einseitigen Druck.[12]

Man kann also durchaus sagen, dass der xylographische Einblattdruck durch seine drucktechnischen Vorgaben eine formale Eigenschaft etabliert, die dann vom typographisch-xylographischen Blatt übernommen wird, außer es gehört der Gruppe der amtlichen und halbamtlichen Schriften und Bekanntmachungen an.[13]

4. Gemeinsamkeiten von Xylographie und Typographie

Xylographisch wie auch typographisch hergestellten Einblattdrucken sind einige Eigenschaften gemeinsam: Das Verhaften in bewährten Gestaltungstraditionen anderer Medien, näm­lich den herkömmlichen handschriftlichen Buchcodices ist noch deutlich spürbar. Sowohl xylographische als auch typographische Einblattdrucke sind eine Handelsware. Sie sind schnell und beweglich produzierbar und richten sich an eine breite Öffentlichkeit. Spä­testens mit der Reformation tritt auch ihre politische Instrumentalisierung klar zu Tage.

Typographisch-xylographischer Druck in einem Arbeitsgang ist ab etwa 1460 möglich. Generell gesehen sind die jeweiligen Auflagen in sich nicht einheitlich: Neufertigungen von Holzstöcken aufgrund von Abnutzung sowie wiederholtes Setzen des Textes lassen kleine Änderungen auftreten.

5. Produktion und Vertrieb früher Einblattdrucke

5.1 Produktion

Die Hersteller des xylographischen Einblattdrucks sind Zeugdrucker, Andachtsbildchenma­ler sowie Karten- und Briefmaler. Das Briefmalertum war ein umfangreiches Gewer­be, das schon vor Einführung des Einblattdruckes Spielkarten und Heiligenbilder mit der Hand zeichnete und kolorierte. Sie waren auch die hauptsächlichen Hersteller der Blockbücher (siehe Kapitel 10). Das Briefmalergewerbe litt aufgrund von Konkurrenz und Zensur unter „ständigen Verfolgungen seitens des Buchdrucks und Buchhandels wie seitens der Behörden“[14].

Technisch gesehen waren an der Produktion maßgeblich die Reißer und Formschneider beteiligt, wobei die Reißer oft selbst die entwerfenden Künstler waren und die Aufgabe hatten, die Formvorlage auf den Druckstock zu übertragen. Die Formschneider oder Formstecher schnitten die Vorzeichnung dann seitenverkehrt in den Holzblock. Im Normalfall handelt es sich bei Reißer und Formschneider um verschiedene Personen. Daraus ergibt sich, dass das Gelingen des Holzschnittes nicht nur vom Reißer abhängig ist, sondern auch die Schneidetechnik und das Können des Formschneiders das Endergebnis prägen.[15]

Mit der Erfindung des Typendrucks kommen auch die Drucker als maßgebliche Auftraggeber von Holzschnitten und als Produzenten von Einblattdrucken hinzu.

Da kein farbiger Bilddruck möglich war wurden die Einblätter nachträglich von Hand koloriert, worunter man sich im Regelfall eine Flächenkolorierung mit billigen Wasserfarben vorzustellen hat. Diese meist durch Briefmaler ausgeführte Koloration steht in der Tradition der kolorierten Federzeichnung, und nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, in der der Miniatur. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts werden Bücher nicht mehr von Hand nachkoloriert, die Verschwarzweißlichung des Buches hat sich durchgesetzt.

Die hauptsächlichen Produktionszentren für Einblattdrucke sind die freien Reichsstädte, vor allem Augsburg, Nürnberg, Prag, Erfurt, Straßburg und Wittenberg.

5.2 Vertrieb

Xylographische Einblattdrucke waren in erster Linie für den lokalen Markt bestimmt, bzw. wurden über die Kolportage vertrieben, d.h. von ambulanten Händlern zum Kauf angeboten, auf Straßen, Märkten und Messen angepriesen und von so genannten Zeitungssängern ausgerufen.

War der Vorrat aufgebraucht, so fand sich leicht ein Kupferstecher und Verleger am Messort oder in der näheren Umgebung, der den relativ billigen aber auch gewinnbringenden Artikel kopierte, und dabei oft mit kleinen Bildveränderungen oder Abweichungen im Text versah.[16] Dadurch entstand „[…] von einem beliebten Flugblatt oft eine verwirrende Vielfalt von Varianten.“[17] Die Briefmaler vertrieben ihre Erzeugnisse meist selbst auf Messen und Märkten oder von Haus zu Haus.

Mit Hinzukommen der Typographie nimmt auch der direkte Ladenverkauf durch die Hersteller zu, aber auch die Drucker bedienen sich der Zwischenhändler auf Märkten und Messen, Vorplätzen von Kirchen und Wallfahrtskapellen sowie Jahrmärkten.

6. Publikum

Voraussetzung für den Aufstieg der Xylographie im Allgemeinen war ein starkes Bedürf­nis nach privatem Bildbesitz breiter Bevölkerungsschichten. Bereits Ende des 15. Jahr­hunderts steigerte sich auch das Lesebedürfnis der breiten Massen erheblich. Nichtlesefähige wurden durch Vorlesen und kollektiven Gebrauch einbezogen. Daraus erklärt sich auch das scheinbare Paradoxon, dass die vielfach des Lesens unkundige Bevölkerung den Text der Flugblätter zwar nicht lesen konnte, das Bild dagegen ihr aber dennoch vertraut war, wohingegen dem heutigen Betrachter gerade das Bild des Flugblatts des Öfteren Rätsel aufgibt.[18]

Erwerb und Nutzung früher Einblattdrucke blieben nicht auf die unteren Schichten beschränkt, sondern richteten sich an eine breite Öffentlichkeit („der gemeine Mann“), das Einblatt wurde zum preiswerten Alltagsgut für die breite Masse, zum Wegwerfartikel. Der relativ niedrige Preis begünstigte eine hohe Nutzerzahl ebenso wie der Hang zur individu­ellen Volksfrömmigkeit dieser Zeit. Mit dem Druck erweiterte sich der Rezipientenkreis durch die erneute Verbilligung und geographisch extensivere Verbreitung nochmals um ein Vielfaches.

Die Latinität vieler Blätter macht deutlich, dass auch eine gelehrte Öffentlichkeit von dem Medium angesprochen werden konnte. Auch die Verfasser kamen häufig aus höheren Schichten, und viele der Schriften stellten (z.B. durch allegorische Bedeutung) höhere geistige Anforderungen.

II. Bild und Text im Einblattdruck des 15. Jahrhunderts

7. Wie sieht ein früher Einblattdruck aus?

Grundsätzlich haben sich einseitig bedruckte chiro-xylographische, typographisch-xylographische sowie rein xylographische oder rein typographische Einzelblätter erhalten.

In der Xylographie wie auch noch teilweise in den ersten typographisch gedruckten Einblättern ist das Verhaften in bewährten Gestaltungstraditionen anderer Medien noch deutlich spürbar, nämlich des handgeschriebenen Einblattes und der Handschrift in Codexform. Bei der Gestaltung der Einblattdrucke der Übergangszeit wurde zunehmend der Aspekt der Vermarktung wirksam (vgl. Kapitel 8.3).

Über den Aufbau (xylo-)typographischer Einblattdrucke schreibt Wilke:

„Die Einblattdrucke besaßen eine weitgehend standardisierte Aufmachung: den Kopf bildete eine Überschrift. Unter den Titeln platzierte man häufig eine Illustration. Sie war als Blickfang gedacht und kam dem Bedürfnis nach Veranschaulichung entgegen, das im Zeitalter einer noch geringen Lesefähigkeit selbstverständlich groß war. Erst darunter erfolgte der Textsatz (meist in Prosa, aber auch in Liedform oder gebundener Sprache).“[19]

Diese Aussage ist kritisch zu betrachten, denn eine solche Verallgemeinerung lässt sich hier nicht aufrechterhalten, da der Aufbau und das Erscheinungsbild eines Blattes maßgeblich von der inhaltlichen Thematik vorgegeben sind, wie auch in Kapitel 8 zu sehen sein wird. Grob vereinfacht lässt sich aber festhalten, dass sich im Einblattdruck Mit­teilungen in konzentrierter Form finden, wobei in vielen Fällen ein erklärender Titel, ein Bild in Holzschnitt, Kupferstich, Radierung, später auch Lithographie, und ein kurzgefasster Text in Prosa oder Vers­form vorliegen[20].

Das Flugblatt als solches tendiert aufgrund seiner Publikations- und Verbreitungsform zur Plakativität in Aufmachung, Thematik sowie sprachlicher und bildlicher Darbietung, d.h. es findet sich ein meist schreierischer Titel und eine plakative Illustration als Kaufanreiz.

8. Das Verhältnis von Text und Bild im frühen Einblattdruck

8.1 Mögliche Arten von Text-Bild-Bezug

Bevor das Verhältnis von Text und Bild im frühen Einblattdruck dargestellt wird, sollen kurz einmal die theoretisch möglichen Text-Bild-Bezüge erläutert werden:[21]

1) Text und Bild stehen ohne Bezug zueinander, d.h. der Text wird nicht durch das Bild veranschaulicht, das Bild nicht durch den Text erläutert. Man kann von einer zufälligen Zuordnung von Text und Bild sprechen.
2) Text und Bild sind gleichgewichtig, d.h. sie illustrieren und erläutern sich gegenseitig. Beispiele hierfür unter den Einblattdrucken sind jene, die zur Meditatio dienen: Der Text mag ein Gebet sein, das Bild bezieht sich auf diesen (wie auch der Text sich auf das Bild bezieht) und unterstützt die religiöse Versenkung.
3) Der Text erläutert das Bild (d.h. der Text dient). Hier ist das Bild der zentrale Nachrichten-, Informations- oder Bedeutungsträger, dem Text wird beispielsweise eine „die Bilddevotion stützende Funktion zugebilligt“[22], oder er erläutert das im Bild dargestellte, wie es des Öfteren auf Einblättern festzustellen ist, die zum Bereich der Sensationsberichte gehören, und die das Geschehene anschaulich-auffällig darbieten.[23]
4) Das Bild erläutert den Text oder dient nur als Schmuck. Dies ist bei literarischen Einblattdrucken die Regel. Diese Art von Text-Bild-Bezug findet sich aber schon bei einfachsten handgeschriebenen Blättern ohne „Bild“ im engeren Sinne, nämlich dort, wo eine bildliche oder ornamentale Initiale den Text schmückt.

8.2 Text und Bild im xylographischen Einblattdruck

Im xylographischen Einblatt sind diverse gestalterische Elemente durch die mediale Technik vorgegeben. Wichtigste Einschränkung: eine Seite = ein Holzblock. Das Format ist meist Folio oder Groß-Folio. Auch steht das xylographische Einblatt in der Illus­trationstradition der bebilderten Handschrift. Traditionell werden Bilder und Motive aus dem Kirchenraum verwendet, die Texte werden meist von Parallelüberlieferungen aus Handschriften oder ad hoc-Bildungen der Holzschneider gestellt.

Um 1400 finden sich erste xylographische Drucke mit kaum Textanteil, oft in Schriftbändern. Kurze erläuternde Texte werden zuerst handschriftlich eingefügt, ab dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts ebenfalls in Holz geschnitten und abgezogen. Aufgrund der technischen Voraussetzungen des Holzschnittes konnten so in der Regel nur geringe Textmengen verbreitet werden (siehe Teil I). Das Bild ist daher dominant, aber auch schon vor der Zeit des Typendrucks wächst die erzeugte Textlänge deutlich.

[...]


[1] Wittmann 1999, S. 21

[2] vgl. Wittmann 1999, S. 21

[3] Diese Abstammung des Holzschnittverfahrens vom Zeugdruck ist gängige Lehrmeinung. Rosenfeld (1991, S. 224) jedoch leugnet dies: „Es wird immer wieder behauptet, der Zeugdruck habe bereits die Holzschnittkunst vorweggenommen, sei nur von Textilien auf Papier umzustellen gewesen. Das ist im wesentlichen falsch. Zeugdruck gab es in Europa seit dem frühen Mittelalter. […] Mit der Holzschnittkunst in unserem Sinne hat das (über die Benutzung von Holzplatten zum Reliefdruck hinaus) nicht das geringste zu tun […].“

[4] Eva Hanebutt-Benz bezeichnet nur den Holz stich als „Xylographie“. Beim Holzstich wird im Unterschied zum Holzschnitt die Platte quer zum Stamm geschnitten (nicht parallel zur Faser). Die harte Oberfläche wird mit Sticheln bearbeitet, ähnlich dem Kupferstich. Man erreicht damit eine flächige und schattierte Darstellung und somit feinteilige, detaillierte und präzise Abbildungen. (1999/2001, S. 413)

[5] vgl. Gerhardt 1975, S. 4-10 und 24-28

[6] vgl. Germanisches Nationalmuseum 2000, S. 18

[7] Germanisches Nationalmuseum 2000, S. 20f

[8] Wendland 1987, S. 18

[9] Wendland 1987, S. 19

[10] vgl. Rautenberg 2000, S. 136

[11] Rautenberg 2000, S. 136

[12] vgl. Rautenberg 2000, S. 129-143

[13] so auch bei Rautenberg (2000, S. 140): „Der xylographische Drucker druckt nicht einseitig, weil er einen bestimmten medialen Typus erzielen will, sondern weil er nur einseitig drucken kann; daß diese Vorgabe das zu erzielende Produkt nicht beeinträchtigt, liegt an der Art der Objekte, die er vervielfältigen will. Der Typendrucker kann zweiseitig drucken, aber er steht bereits in formalen Traditionen.“

[14] Lange 1949, S. 68

[15] vgl. Germanisches Nationalmuseum 2000, S. 18

[16] vgl. Bahns 1980, S. 7

[17] Bahns 1980, S. 7

[18] vgl. Bahns 1980, S. 8

[19] Wilke 2000, S. 21

[20] vgl. hierzu auch Bahns 1980, S.7f

[21] vgl. Honemann et al. 1999, S. 333-348

[22] Rautenberg 2000, S. 131

[23] vgl. Rautenberg 2000, S. 131: „Das Blatt regt allererst zum Schauen an, es ist sinnlich-konkreter Anlaß kultischer Übungen.“

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Frühe Einblattdrucke - Xylographie, Typographie, Blockbuch
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Buchwissenschaft)
Veranstaltung
HS Einblattdrucke und Flugblätter
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V13477
ISBN (eBook)
9783638191302
ISBN (Buch)
9783638719360
Dateigröße
1044 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühe, Einblattdrucke, Xylographie, Typographie, Blockbuch, Einblattdrucke, Flugblätter
Arbeit zitieren
Astrid Schaumberger (Autor), 2002, Frühe Einblattdrucke - Xylographie, Typographie, Blockbuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13477

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