In den 1970er Jahren erfuhr der innertheologische Diskurs um das Phänomen des Exorzismus und der Bessenheit, angeregt durch einen vermeintlichen Besessenheitsfall im deutschsprachigen Raum, einen Aufschwung und eine Wende. Die Pädagogikstudentin Anneliese Michel aus Klingenberg erlag den an ihr ausgeführten exorzistischen Praktiken unter der Verantwortung der katholischen Kirche Deutschlands. Auch die gegenwärtige Forschung erfährt eine Wiederentdeckung des Exorzismus. So sind neben der einheitlichen Praxis in der röm.-kath. Tradition in bestimmten christlichen Gruppierungen wie den pfingstlich-charismatischen Gruppen exorzistische Praktiken ins Zentrum gerückt.
Die Arbeit beginnt mit einer religionswissenschaftlichen Übersicht über die Themen "der Rolle des Teufels" und der damit verbundenen "Dämonologie" sowie "Besessenheit" im Sinne einer allgemeinen Einführung in die Thematik. Darauf folgt die Geschichte des christlichen Exorzismus, in der ebenfalls einleitend eine Übersicht über relevante Aspekte zum Thema folgt und diese in die unterschiedlichen Zugänge verortet werden. Schließlich wird der Fall Klingenberg näher beleuchtet und analysiert, sodass abschließend die Stellungnahme der röm.-kath. Kirche betrachtet und damit der Einfluss aufgearbeitet wird.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE ROLLE DES TEUFELS UND DER DÄMONOLOGIE FÜR LEHRE UND PRAXIS DER RÖM.-KATH. KIRCHE
2.1 DER BEGRIFF DER DÄMONOLOGIE
2.1.1 Die Dämonologie der Bibel
2.1.2 Die Dämonologie der Kirche
2.2 BESESSENHEIT ALS TEIL DER RÖM.-KATH. LEHRE
3. DIE GESCHICHTE DES CHRISTLICHEN EXORZISMUS
3.1 DER BEGRIFF DES EXORZISMUS
3.2 DIE HERKUNFT DES EXORZISMUS IM CHRISTLICHEN GLAUBEN
3.3 DER RÖMISCH-KATHOLISCHE EXORZISMUS
3.3.1 Das Rituale Romanum (1614/1999)
3.3.2 Der Ritus des Exorzismus
3.4 ZUGÄNGE
3.4.1 Nicht-theologische Zugänge
3.4.2 Der protestantische Zugang
3.4.3 Der röm.-kath. Zugang
4. DER SCHOCK IN KLINGENBERG: DER EXORZISMUS DER ANNELIESE MICHEL MIT TODESFALL
4.1 DIE BIOGRAPHIE DER ANNELIESE MICHEL
4.2 EINE ERLÄUTERUNG DES FALL KLINGENBERGS
4.2.1 Die Durchführung der Exorzismen an Anneliese Michel
4.2.2 Der Prozess im Fall Klingenberg
4.2.2.1 Die Ermittlungen und das Strafverfahren
4.2.2.2 Das Urteil
4.3 DIE ERKLÄRUNGSMODELLE ZUR TODESURSACHE
4.3.1 Das medizinische Modell auf Grundlage des Urteils
4.3.2 Das Modell der dämonischen Besessenheit
4.3.3 Das Modell der Auswirkung der Behandlung mit dem Antiepileptikum Tegretal
4.4 DIE STELLUNGNAHME UND ERKLÄRUNG DER KATHOLISCHEN KIRCHE
5. DER EINFLUSS AUF DIE KATH. KIRCHE UND DIE DAMIT VERBUNDENE HALTUNG NACH DEM FALL KLINGENBERG
5.1 NACHWIRKUNGEN
6. FAZIT
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht die Haltung der römisch-katholischen Kirche zum Exorzismus im 20. Jahrhundert, wobei der tragische Fall der Anneliese Michel aus Klingenberg als zentrales Fallbeispiel dient, um theologische, medizinische und gesellschaftliche Aspekte sowie den anschließenden Diskussionsprozess innerhalb der Kirche kritisch zu beleuchten.
- Historische Entwicklung und theologische Grundlagen des christlichen Exorzismus
- Phänomenologische Analyse der Begriffe "Besessenheit" und "Dämonologie"
- Detaillierte Fallstudie zu den Ereignissen in Klingenberg um Anneliese Michel
- Interdisziplinäre Betrachtung medizinischer Erklärungsmodelle vs. religiöser Deutungshoheit
- Einfluss des Falles Klingenberg auf die kirchliche Lehre und Reformansätze im Exorzismus
Auszug aus dem Buch
Die Rolle des Teufels und der Dämonologie für Lehre und Praxis der röm.-kath. Kirche
„Die Existenz des Teufels ist keine Ansichtssache“, so Kardinal Jorge Medina Estevez bei der Vorstellung der neuen Richtlinien des Vatikans für den Exorzismus. Die Ambivalenz der Gestalt des Teufels hat Menschen über Jahrhunderte hinweg fasziniert und begeistert. Ob als Personifikation des Bösen in der Rolle des Satans, Luzifers oder Beelzebub – eins ist ihnen gemeinsam: Die Gefährdung der Menschen. Den meisten dient der Teufel als praktische Erklärung, um unfassbar Schlimmes und Böses begreiflich zu machen. Trotz seiner großen Popularität erscheint die Teufelsfigur selbst statt verschiedener dämonischer Gestalten offiziell nur in vier Glaubensrichtungen. Darunter fallen der Mazdaismus, das Antike-dentum, das Christentum sowie der Islam. Voraussetzung ist der Dualismus, der das Böse außerhalb der obersten Gottheit ansiedelt, sowie für den Theologen Paul Metzger der Monotheismus, denn erst durch die Konzentration des Guten in einem einzigen Gott tritt das Böse als Gegenpol – dem Teufel – auf. Im Polytheismus ist die Schuldzuweisung für das Böse mit klar definierten Wirkungsbereichen hingegen wesentlich einfacher.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung thematisiert die bestehende Relevanz exorzistischer Praktiken im 20. Jahrhundert und führt in die zentrale Fragestellung der Arbeit ein, die den medial diskutierten Fall der Anneliese Michel betrachtet.
2. DIE ROLLE DES TEUFELS UND DER DÄMONOLOGIE FÜR LEHRE UND PRAXIS DER RÖM.-KATH. KIRCHE: Dieses Kapitel erläutert die dogmatischen Grundlagen, definiert die Begriffe der Dämonologie und ordnet die Personifikation des Bösen in unterschiedliche religiöse Weltbilder ein.
3. DIE GESCHICHTE DES CHRISTLICHEN EXORZISMUS: Hier erfolgt eine historische Herleitung der Exorzismus-Praxis, die Definition des Begriffs sowie die Erläuterung der verschiedenen Ansätze, von der biblischen Sicht bis hin zu den Riten des Rituale Romanum.
4. DER SCHOCK IN KLINGENBERG: DER EXORZISMUS DER ANNELIESE MICHEL MIT TODESFALL: Dieser Hauptteil widmet sich intensiv der Biografie von Anneliese Michel und analysiert den chronologischen Ablauf der Exorzismen, den juristischen Prozess und die verschiedenen Erklärungsmodelle des tragischen Todesfalls.
5. DER EINFLUSS AUF DIE KATH. KIRCHE UND DIE DAMIT VERBUNDENE HALTUNG NACH DEM FALL KLINGENBERG: Das fünfte Kapitel beleuchtet, wie der gesellschaftliche und mediale Druck der Nachkriegszeit die Kirche zu einer Stellungnahme und zu einer fachübergreifenden Aufarbeitung durch Expertenkommissionen zwang.
6. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, wie der Fall Klingenberg zu einem Umdenken innerhalb der katholischen Kirche führte und wie sich das Verständnis von Besessenheit im 21. Jahrhundert angesichts moderner psychologischer Erkenntnisse gewandelt hat.
Schlüsselwörter
Exorzismus, römisch-katholische Kirche, Anneliese Michel, Dämonologie, Besessenheit, Fall Klingenberg, Rituale Romanum, Teufel, Dämonen, Exorzisten, Psychiatrie, Theologie, Glaubenslehre, medizinische Erklärungsmodelle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die Haltung der römisch-katholischen Kirche zum Exorzismus im 20. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung des Falles Anneliese Michel.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themenfelder umfassen die Dämonologie, die Geschichte der exorzistischen Praxis, medizinisch-psychologische Erklärungsmodelle und die kirchliche Reaktion nach einem Todesfall.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, den Einfluss des Falles Klingenberg auf die kirchliche Lehre aufzuzeigen und die Spannung zwischen religiöser Tradition und wissenschaftlicher Aufklärung zu demaskieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine interdisziplinäre Form der Literaturanalyse und historischen Quellenarbeit, um theologische Texte mit medizinischen und psychologischen Fallberichten zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Biografie von Anneliese Michel, die exorzistischen Praktiken, das anschließende Gerichtsverfahren und die darauffolgenden innerkirchlichen Debatten sowie Reformen.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk?
Besessenheit, Dämonenglaube, Rituale Romanum, Seelsorge, medizinische Diagnose und kirchenkritische Diskurse.
Welche spezifische Rolle spielt der Teufel in der Argumentation der Exorzisten?
Er dient als praktische, oft unhinterfragte Erklärung für unfassbar scheinendes Leid und als funktionale Größe zur Legitimierung des kirchlichen Befreiungsdienstes.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen medizinischen Diagnosen und religiöser Deutung?
Die Arbeit stellt dar, wie die offizielle medizinische Diagnose (z.B. psychogene Psychose bei Epilepsie) mit den religiösen "Besessenheits-Narrativen" der beteiligten Geistlichen kollidierte.
Welche Rolle spielt die Ausbildung der Exorzisten nach 1999?
Nach 1999 wurde verstärkt Wert auf eine interdisziplinäre Beratung gelegt, um sicherzustellen, dass physische oder psychische Krankheiten medizinisch ausgeschlossen werden müssen, bevor rituell interveniert wird.
- Citation du texte
- Dana Stefanie (Auteur), 2023, Die Haltung der römisch-katholischen Kirche zum Exorzismus im 20. Jahrhundert. Am Fallbeispiel der Anneliese Michel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1348144