Um sich einen Eindruck von den Frauengestalten im Roman „Partonopier und Meliûr“ verschaffen zu können, ist es notwendig, diese im Verhältnis zum Protagonisten zu betrachten. Drei Frauen treten in besonderem Ausmaß hervor: Meliûr, die Kaiserin von Konstantinopel, Geliebte und spätere Ehefrau von Partonopier, dessen Mutter Lucrête, Schwester des französischen Königs und Gräfin von Anjou und Blois und Meliûrs Schwester Irekel, Herrscherin über die (von Meliûr erhaltene) paradiesische Insel Salenze und Retterin des Helden. Aufgrund des Einflusses, den sie sowohl auf den Fortgang der Handlung als auch auf Partonopier ausüben, sollen allein diese drei weiblichen Figuren Gegenstand meiner Untersuchungen sein.
In der Beziehung zum Protagonisten lassen sich drei Aspekte konstatieren, die allen drei Frauen gemeinsam sind: der Einsatz von Zauber- bzw. „zauberhaften“ Kräften, die Einflussnahme auf den Helden und das offenlîche und touge Handeln. Durch einen Vergleich der weiblichen Hauptfiguren anhand dieser Gesichtspunkte werden sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede bezüglich deren Gebrauch ersichtlich.
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Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. MELIÛR
1. Die Funktionen der magischen Kräfte
2. Die Macht über Partonopier
3. Die Divergenz zwischen dem verborgenen und dem vordergründigen Geschehen
4. Exkurs: Die Bedeutung der minne
III. LUCRÊTE
1. Der Einsatz des Gegenzaubers
2. Der Einfluss auf den Sohn
3. Der Unterschied zwischen verbalem und realem Agieren
IV. IREKEL
1. Ratio und Altruismus als „wahrer“ Zauber
2. Der Gegensatz von Aktivität und Passivität
3. Die zeitliche Diskrepanz zwischen Äußerung und Ereignis
V. ZUSAMMENFASSUNG
1. Die Bedeutung des Zaubers
2. Die Abhängigkeit Partonopiers von den Frauen
3. Die Divergenz zwischen dem offenlîchen und dem tougen Handeln
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Frauenbild in Konrad von Würzburgs Roman „Partonopier und Meliûr“ durch eine fokussierte Analyse der drei weiblichen Hauptfiguren Meliûr, Lucrête und Irekel. Ziel ist es, deren Einfluss auf den Protagonisten Partonopier zu beleuchten und dabei Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in ihrem Verhalten und ihrem Gebrauch von Zauberkräften herauszuarbeiten.
- Analyse der magischen Kräfte und deren Auswirkungen auf die Handlung.
- Untersuchung des Verhältnisses zwischen den weiblichen Figuren und dem Protagonisten.
- Gegenüberstellung von öffentlichem (offenlîchem) und verborgenem (tougen) Handeln.
- Beleuchtung des Motivs der „Minne“ und des ritterlichen Reifeprozesses des Helden.
- Diskussion über das Spannungsfeld zwischen Affekt und Vernunft in der Handlungssteuerung.
Auszug aus dem Buch
II. MELIÛR
Nach dem Übertreten des Sehverbots durch Partonopier enthüllt Meliûr in ihrer zweiten Selbstbeschreibung die Herkunft ihrer magischen Kräfte. Auf Wunsch ihres Vaters, des Kaisers von Konstantinopel, erwarb sie neben anderen Studien auch Zauberkenntnisse. Diese sollten - in Ermangelung eines männlichen Thronfolgers - primär dazu dienen, sie auf die Rolle als künftige Herrscherin vorzubereiten. Da die Beherrschung der „übernatürlichen“ Fähigkeiten einer umfassenden Ausbildung bedurfte, liegt eine rationale Erklärung für den Zauber vor. Der dämonische Aspekt lässt sich jedoch nicht vollständig aus dem Weg räumen, denn nach Steffek war die Vorstellung von der nigrômancîe[...] (8096) als Teufelskunst im Mittelalter weit verbreitet. Vermutlich um diesen negativen Aspekt abzuschwächen, wird sofort ein harmloser Verwendungszweck genannt - die Unterhaltung des Vaters.
Als Meliûr selbst keiserin ist, erreicht sie mit den Mitteln des Zaubers, dass der dreizehnjährige Partonopier auf dem von ihr bereitgestellten Schiff in ihr Land gelangt. Da der Knabe dort von einem unsichtbaren Hofstaat bedient wird und später die ebenfalls unsichtbare Meliûr zu ihm ins Bett steigt, wähnt er sich dem Teufel ausgeliefert. Doch wie sich (für Partonopier sowie für das aussertextuelle Publikum) erst später herausstellen wird, ist diese Invisibilität nur ein Bestandteil ihres Planes, die festgesetzte Heiratsfrist von drei Jahren zu unterlaufen und ihres herzen gir (1840) schon jetzt befriedigen zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Frauengestalten im Roman und methodisches Vorgehen durch Vergleich der drei Hauptfiguren.
II. MELIÛR: Untersuchung der magischen Kräfte Meliûrs, ihres Einflusses auf Partonopier und der Differenz zwischen ihrem verborgenen und vordergründigen Handeln.
III. LUCRÊTE: Analyse der Rolle von Partonopiers Mutter, ihres Einsatzes von Gegenzauber zur Trennung der Liebenden und ihres manipulativen Einflusses auf den Sohn.
IV. IREKEL: Erörterung der vermittelnden Rolle Irekels, die durch Vernunft und Altruismus als "wahrer" Zauber charakterisiert wird.
V. ZUSAMMENFASSUNG: Synthese der Ergebnisse zur Bedeutung des Zaubers, der Abhängigkeit des Protagonisten von den Frauen und der Divergenz von öffentlichem und verborgenem Agieren.
Schlüsselwörter
Partonopier und Meliûr, Konrad von Würzburg, Minne, Magie, Frauenbild, Meliûr, Lucrête, Irekel, Zauber, Gegenzauber, höfische Literatur, Affekt, Ratio, Rittertum, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Frauenbild in Konrad von Würzburgs Roman „Partonopier und Meliûr“, indem sie die weiblichen Hauptfiguren und deren Einfluss auf den Helden Partonopier analysiert.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind der Gebrauch von Zauberkräften, das Spannungsfeld zwischen öffentlichem und verborgenem Handeln sowie die verschiedenen Rollen der Frauen als Lenkerinnen des männlichen Schicksals.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Ziel ist es, durch einen Vergleich der drei zentralen Frauenfiguren Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrem Handeln und in ihrer Beziehung zum Protagonisten aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Untersuchung, die Textanalysen und den Vergleich der drei weiblichen Hauptfiguren anhand der Aspekte „Zauberkräfte“, „Einflussnahme“ und „offenlîches/touges Handeln“ nutzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Kapitel, die jeweils eine der weiblichen Hauptfiguren – Meliûr, Lucrête und Irekel – unter den genannten Gesichtspunkten detailliert analysieren.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Minne, Zauber, höfisches Ideal, Affekt, Ratio, Abhängigkeit und das Handeln im Verborgenen.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Irekel von den anderen Frauenfiguren?
Im Gegensatz zu Meliûr und Lucrête, deren Handeln stark von Affekten und Eigennutz geprägt ist, zeichnet sich Irekel durch Klugheit, Vernunft und selbstloses, vermittelndes Handeln aus.
Wie bewertet die Autorin den Einsatz von „schwarzer Kunst“ im Roman?
Die Autorin verdeutlicht, dass die Bewertung der Magie vom Kontext abhängt, wobei der Einsatz von Zauber bei Meliûr und Lucrête oft zu katastrophalen Folgen führt, während Irekel ohne direkte Zauberkraft den positiven Ausgang fördert.
Welchen Einfluss hat die Mutterfigur Lucrête auf Partonopier?
Lucrête versucht, ihren Sohn durch die Sorge vor einem Sukkubus und den Einsatz von Gegenzauber von seiner Geliebten zu trennen, schafft damit jedoch die Voraussetzungen für den wiederholten Bruch der Treue (triuwe) des Sohnes.
Inwiefern spielt die „Minne“ eine Rolle für die Entwicklung des Helden?
Die „Minne“ fungiert als Motor für Partonopiers Entwicklung; seine Reise und seine Bewährung, hin zur ritterlichen Reife und schließlich zur Herrschaft, sind eng mit den Erfahrungen aus der Liebesbeziehung verknüpft.
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- Marion Luger (Author), 1999, Das Frauenbild in Konrad von Würzburgs "Partonopier und Meliur", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134814