Es war Mittwoch. An diesem Tag erschien das Nachrichtenmagazin Der Spiegel.
Wie jeden Mittwoch. An jenem 9. Juli 1958 aber hatte sich die Redaktion eine ganz
besondere Titelgeschichte einfallen lassen. Thema war Deutschlands bis dahin letzter
Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse und seine Affinität zur Gartenarbeit – ein
Paradoxon, das durch das Titelblatt noch verstärkt wurde. Auf jenem war der
Schriftsteller mit einem Strohhut abgebildet, während am unteren Rand der Slogan
„In der Gartenlaube“ zu lesen war.1
Deutschland2 am Ende der 1950er Jahre. Die Darstellung im Spiegel illustrierte die
Extremform der Ablehnung Hermann Hesses in geradezu idealer Weise – ein Bild,
das keinesfalls nur Stimmungsmache eines einzelnen Autors oder eines einzigen
Magazins war, sondern dem damaligen Zeitgeist entsprach.3
USA 1969. Die aus New York stammende Zeitschrift American German Review
erscheint ebenfalls mit einem Leitartikel über Hermann Hesse. Doch im Gegensatz
zu den Diffamierungen, die sich Hesse im Artikel des Spiegels gefallen lassen
musste, erhebt die ansonsten eher wissenschaftlich ausgelegte Monatszeitschrift den
Schriftsteller plakativ zu einem Heiligen. Sie bezeichnet ihn als „Guru“ und titelt auf
der von mehreren Abbildungen Hesse unter zahlreichen langhaarigen Jugendlichen
überfüllten Frontseite „Saint Hesse among the Hippies“.4
Hesse als Idylliker in der Gartenlaube und Hesse als heiliger Guru. Zwei
Momentaufnahmen, die unterschiedlicher fast nicht sein können. Doch zeigen beide
in vergleichender Perspektive genau jene Ambivalenz auf, mit der die
Rezeptionsgeschichte des Dichters wohl behandelt werden muss. Diese Ambivalenz
– also Hesses Popularität sowie die Ablehnung des Dichters – soll im Folgenden
erläutert und mit Gründen unterfüttert werden. Im Zentrum der Untersuchung soll
dabei das Rezeptionsverhalten der deutschen Studenten5 stehen, da bei diesen der Idealtypus der Ablehnung am stärksten ausgeprägt war und somit am geeignetesten
dargestellt werden kann.
Ob der Autor aus dem schwäbischen Kleinstädtchen Calw letztlich als Guru gelten
kann oder tatsächlich lediglich ein Idylliker in der Gartenlaube war, muss aber
zudem auch im internationalen Vergleich geklärt werden. Zur Verdeutlichung von
Unterschieden eignet sich hierbei – wie bereits der Artikel des American German
Review gezeigt hat – besonders die Rezeption in den USA, da sich diese in ihrer
Intensität und Übertreibung von jener anderer Länder evident unterscheidet.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Strohhut versus Heiligenschein
2. Die Rezeptionsgeschichte der Werke Hermann Hesses
2.1. Die erste Rezeptionswelle und ihr abruptes Ende durch den Nationalsozialismus
2.2. Die zweite Rezeptionswelle
2.3. Das veränderte Hesse-Bild
2.4. Die Extreme der Hesse-Rezeption
2.5. Wiederentdeckung und Konsolidierung
3. Zwischenfazit
4. Die Gründe für die Popularität Hesses unter Studenten
4.1. Identifikation mit den Romanfiguren Hesses
4.2. Identifikation mit Hesse selbst
4.3. Thematisierung der studentischen Lebensauffassung und Wunschvorstellungen
4.3.1. Zeitprotest
4.3.2. Seelenspeise
5. Abschlussfazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Rezeptionsverhalten deutscher Studenten gegenüber den Werken von Hermann Hesse und analysiert dabei die starken Schwankungen in der Popularität des Autors im historischen Kontext. Die zentrale Forschungsfrage beschäftigt sich mit den Gründen, warum Hesse zu bestimmten Zeiten als „Idylliker“ abgelehnt und in anderen Phasen, insbesondere unter dem Einfluss internationaler Trends, als „Guru“ oder Leitfigur einer ganzen Generation verehrt wurde.
- Rezeptionsgeschichte der Werke Hesses im 20. Jahrhundert
- Einfluss soziopolitischer Krisenzeiten auf die Lektüre von Hesses Romanen
- Identifikationsprozesse zwischen Studenten und literarischen Archetypen
- Vergleich der Hesse-Rezeption zwischen Deutschland, den USA und Japan
- Die Rolle Hesses als "Autor der Krise" und Vermittler von Identitätsmodellen
Auszug aus dem Buch
2.1. Die erste Rezeptionswelle und ihr abruptes Ende durch den Nationalsozialismus
Eine erste Popularitätswelle ist unter deutschen Studenten unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg zu verzeichnen. Zuvor war Hesse in Deutschland eher von bürgerlich-traditionsbewussten Konservativen gelesen worden, die sich aber schon während des Ersten Weltkriegs aufgrund unterschiedlicher Interessen und Lebenseinstellungen nicht mehr mit Hesse identifizieren konnten, der wegen seiner Positionierung auf Seiten der Kriegsgegner von nun als „vaterlandsloser Geselle“ galt.
Nur ein Jahr nach Kriegsende erschien Hesses Roman Demian und ergriff sehr schnell die studentischen Herzen. Während Hesses Vorkriegsromane – zu nennen sind hier vor allem Peter Camenzind (1904) und Unterm Rad (1906) – bei den Studenten zur Zeit ihrer Veröffentlichung keine auffälligen Reaktionen hervorriefen, sondern vor allem auf die Deutschen Jugendbewegung besondere Wirkungen hatten, konnten sich die Studenten in ihren Idealen mit der Romanfigur Emil Sinclair in Demian identifizieren und machten das Buch bereits 1919 und in den Jahren danach zu einem Verkaufserfolg.
Thomas Mann konstatierte 1947 in der in Stockholm erscheinenden Neuen Rundschau, dass ihm „die elektrisierende Wirkung, die Demian hervorrief“ „unvergesslich“ war. Demian sei „eine Dichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine ganze Jugend, die wähnte, aus ihrer Mitte sei ihr ein Künder ihres tiefsten Lebens entstanden“. Dabei war es „schon ein Zweiundvierzigjähriger, der ihnen gab, was sie brauchte.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Strohhut versus Heiligenschein: Das Kapitel führt in die Ambivalenz der Hesse-Rezeption ein, indem es die gegensätzlichen medialen Darstellungen des Autors als Idylliker und als Guru gegenüberstellt.
2. Die Rezeptionsgeschichte der Werke Hermann Hesses: Hier wird der wellenförmige Verlauf der Aufnahme Hesses analysiert, von der Popularität nach dem Ersten Weltkrieg bis hin zu den extremen Schwankungen durch politische und gesellschaftliche Umbrüche.
2.1. Die erste Rezeptionswelle und ihr abruptes Ende durch den Nationalsozialismus: Dieses Unterkapitel beleuchtet den Erfolg von „Demian“ nach 1918 und die politische Diskreditierung Hesses während der NS-Zeit.
2.2. Die zweite Rezeptionswelle: Das Kapitel beschreibt die erneute Popularität Hesses im Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg an den deutschen Universitäten.
2.3. Das veränderte Hesse-Bild: Hier wird analysiert, warum die Generation der 1950er Jahre den Autor zunehmend als altmodisch und "zu deutsch" ablehnte.
2.4. Die Extreme der Hesse-Rezeption: Das Kapitel kontrastiert die deutsche Ablehnung des Autors in den 1960er Jahren mit der massiven Verehrung in den USA und Japan.
2.5. Wiederentdeckung und Konsolidierung: Es wird die Phase ab den 1970er Jahren betrachtet, in der Hesse erneut für Studenten, insbesondere für alternative Bewegungen, an Bedeutung gewann.
3. Zwischenfazit: Eine Zusammenfassung der soziologischen Faktoren, die verdeutlicht, dass die Wahrnehmung eines Autors stark von der historischen Position des Rezipienten abhängig ist.
4. Die Gründe für die Popularität Hesses unter Studenten: Dieses Hauptkapitel untersucht die psychologischen und identitätsstiftenden Motive, warum Studenten in Hesses Werken Antworten auf ihre Lebensfragen suchten.
4.1. Identifikation mit den Romanfiguren Hesses: Analyse der revolutionären Archetypen wie Emil Sinclair oder Josef Knecht, in denen Studenten sich selbst und ihre eigene Suche wiedererkannten.
4.2. Identifikation mit Hesse selbst: Beschreibung der Faszination für die Biografie und das pazifistische Engagement des Menschen Hermann Hesse.
4.3. Thematisierung der studentischen Lebensauffassung und Wunschvorstellungen: Dieses Kapitel erläutert, wie Hesses Literatur als Ventil für studentische Bedürfnisse dient.
4.3.1. Zeitprotest: Untersuchung der Rebellion in Hesses Werken gegen gesellschaftliche Konventionen, Autoritäten und den Materialismus.
4.3.2. Seelenspeise: Analyse der Bedeutung von Hesses Werken als spirituelle Orientierungshilfe in Krisenzeiten.
5. Abschlussfazit und Ausblick: Zusammenfassung der ambivalenten Rezeption und ein Ausblick auf die Relevanz Hesses in zukünftigen Krisenzeiten.
Schlüsselwörter
Hermann Hesse, Rezeptionsgeschichte, Studenten, Literatur, Identifikation, Demian, Der Steppenwolf, Das Glasperlenspiel, Zeitgeist, Jugendbewegung, Psychedelische Kultur, Autor der Krise, Gesellschaftskritik, Individuation, Seelenspeise
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die wechselvolle Rezeptionsgeschichte von Hermann Hesse unter deutschen Studenten und untersucht die Gründe für die extremen Schwankungen zwischen Ablehnung und Verehrung im Laufe des 20. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die soziologische Betrachtung von Literaturrezeption, das Generationenverhältnis, die Identifikation mit literarischen Identitätsfiguren und den Einfluss von Krisenzeiten auf das Interesse an Hesses Werken.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Gründe für das „Auf und Ab“ der Popularität Hesses nachvollziehbar zu machen und die Mechanismen der studentischen Identifikation mit seinem Werk aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es wird eine historisch-analytische Methode angewandt, die Rezeptionsgeschichte mit literaturwissenschaftlichen Analysen der Romane verknüpft und diese in einen soziokulturellen Kontext stellt.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die chronologische Aufarbeitung der Rezeptionswellen sowie eine detaillierte Analyse der Identifikationsfaktoren (Romanfiguren, Biografie Hesses, Zeitprotest und Seelenspeise).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem „Zeitprotest“, „Seelenspeise“, „Autor der Krise“, „Identifikation“, „Generationenkonflikt“ und „Rezeptionswelle“.
Warum wurde Hermann Hesse in den 1960er Jahren in den USA als Guru verehrt?
In den USA fiel Hesses Literatur auf eine Generation, die sich in einer Sinnkrise befand und durch den Vietnamkrieg sowie die gesellschaftliche Verunsicherung nach neuen, nicht-etablierten Vorbildern suchte. Die Studenten projizierten ihre Ideale von Selbstverwirklichung und Gegenkultur in Hesses Figuren.
Was ist mit dem Begriff „Zeitprotest“ in Hesses Werken gemeint?
Dies beschreibt den nonkonformistischen Charakter der Romane, in denen Hesse gegen gesellschaftliche Zwänge, leere Autoritäten, Materialismus und die rücksichtslose Normierung des Einzelnen anschrieb, was bei Studenten auf große Zustimmung stieß.
Wie unterscheidet sich die deutsche Rezeption von der US-amerikanischen Rezeption?
Während die US-amerikanische Rezeption in den 1960er Jahren oft durch eine radikale, fast kultartige Überhöhung und eine teilweise Überinterpretation gekennzeichnet war, verlief die deutsche Rezeption differenzierter, war jedoch in den 1960er Jahren durch eine starke Abgrenzung und Ablehnung geprägt.
Ist Hermann Hesses Erfolg heute noch vorhanden?
Ja, die Arbeit stellt eine Konsolidierung der Hesse-Rezeption fest. Auch wenn die spektakulären Höchstwerte der 1970er Jahre nicht mehr erreicht werden, werden jährlich weiterhin hunderttausende Exemplare verkauft, was die dauerhafte Bedeutung des Autors unterstreicht.
- Citation du texte
- Dirk Wippert (Auteur), 2003, Hermann Hesse. Guru oder Idylliker in der Gartenlaube, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134862