1993 verließ der damalige Chefeinkäufer Jose Ignacio Lopez de Arriortua General Motors
(GM) zusammen mit sieben weiteren Führungskräften und wechselte zu Volkswagen
(VW) – nicht ohne vorher sensitives Wissen zu entwenden.1 Wenige Tage vor seinem
Ausscheiden hatte Lopez wettbewerbsrelevante Unterlagen bei GM angefordert,
die er bei seinem Wechsel unterschlug. Dieses wettbewerbsrelevante Wissen umfasste
vertrauliche Daten über Einkaufspreise von Komponenten sowie die Herstellungskosten
aller europäischen Fabrikationsstandorte des damals neu entwickelten Opel Corsa (B).
GM kann den durch Wissensverlust verursachten Schaden nicht genau beziffern, schätzt
diesen aber vorsichtig auf 300 Millionen Euro.2 Abgesehen von dem Verrat von Betriebs-
und Geschäftsgeheimnissen und der illegitimen Entwendung von vertraulichen
Daten, hatte GM obendrein durch den Abgang hochqualifizierter Führungskräfte einen
bedeutenden Bestand an unternehmenseigenem, personengebundenen Wissen eingebüßt.
Die Ressource Wissen hat in den letzten zehn Jahren besonders in der strategischen
Managementforschung zunehmend an Bedeutung gewonnen. Deutlich wird dies anhand
der zahlreichen Publikationen von wissenschaftlichen Aufsätzen und den vielen interdisziplinären
Theorien zu unterschiedlichen Aspekten des Wissensmanagements. In der
Praxis stellt die Ressource Wissen einen wesentlichen Faktor zur Differenzierung von
Unternehmen dar. Nicht nur in dem Dienstleistungssektor, sondern auch in den „alten“
Industriebranchen kann Wissen zur nachhaltigen Sicherung von Wettbewerbsvorteilen
beitragen.
Dabei beruht die Wettbewerbsstärke eines Unternehmens vorwiegend auf der Fähigkeit
das im Unternehmen vorhandene Wissen Ertrag bringend einzusetzen, sich den im Laufe
der Zeit verändernden Wettbewerbssituationen anzupassen und die Wissensbasis laufend
auszubauen. Aus diesem Grund sind die Unternehmen bemüht Wissen aus allen zur Verfügung stehenden Quellen, sei es intern oder extern, aufzunehmen und weiterzuentwickeln. Vor diesem Hintergrund gewinnen Unternehmenskooperationen und insbesondere strategische
Allianzen eine neue strategische und wettbewerbsentscheidende Relevanz.
Als Auslöser für die zunehmende Bedeutung wird vor allem auf die veränderten Umweltbedingungen
hingewiesen. Diese zeichnen sich durch die zunehmende Globalisierung
der Märkte und rapide technologische Entwicklungen verbunden mit großem Kostendruck
aus.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffliche Absetzung und Definitionen
2.1 Strategische Allianzen
2.2 Daten, Informationen und Wissen
2.3 Typologisierung von Wissen
2.4 Schutz von Wissen
2.5 Theoretische Erklärungsansätze
2.5.1 Knowledge-Based View of the Firm
2.5.2 Transaktionskostentheorie
3 Wissensschutz und der Schutzbedarf von Wissen
3.1 Werthaltigkeit und Wettbewerbsrelevanz von Wissen
3.2 Wissensdiffusion
4 Der Einfluss der Rahmenbedingungen auf den Schutz von Wissen
4.1 Die Wahl des Allianzpartners
4.2 Die Organisationsstruktur der strategischen Allianz
4.3 Die Lernabsicht des Allianzpartners
4.4 Vertrauen in den Allianzpartner
5 Schutzmechanismen von Wissen in strategischen Allianzen
5.1 Rechtliche Schutzmaßnahmen
5.1.1 Vertragliche Schutzmechanismen
5.1.2 Gewerbliche Schutz- und Urheberrechte
5.2 Personenbezogene Schutzmaßnahmen
5.3 Organisatorische Maßnahmen
5.3.1 Standortisolation
5.3.2 Gatekeeper
5.3.3 Modularisierung von Wissen
6 Die Kosten des Wissensschutzes
7 Schlussbetrachtung
8 Anhang
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit zielt darauf ab, die wichtigsten Mechanismen zum Schutz von Wissen in strategischen Allianzen auf Basis der existierenden Managementliteratur vergleichend zu analysieren und zu systematisieren. Die Forschungsfrage untersucht, wie Unternehmen in einem ambivalenten Kooperationsumfeld ihren Wissensbestand vor unkontrollierter Diffusion schützen können, ohne dabei den Erfolg der Kooperation durch zu restriktive Maßnahmen zu gefährden.
- Identifikation und Kategorisierung von Wissensarten und -eigenschaften.
- Analyse des Einflusses von Rahmenbedingungen wie Partnerwahl, Organisationsform und Vertrauen auf den Wissensschutz.
- Untersuchung rechtlicher, personalpolitischer und organisatorischer Schutzmechanismen.
- Betrachtung des Spannungsfeldes zwischen Wissensschutz und den damit verbundenen Kosten.
Auszug aus dem Buch
3.1 Werthaltigkeit und Wettbewerbsrelevanz von Wissen
Aufgrund des sehr engen Zusammenhangs zwischen Wissensschutz und dem Wert von Wissen soll im Folgenden auf den Wert und die sich daraus ergebende Wettbewerbsrelevanz im Rahmen von strategischen Allianzen eingegangen werden. Denn erst wenn der Wert des strategisch relevanten Wissens ermittelt wurde, lassen sich angemessene Maßnahmen für den Schutz festlegen.
In der Analyse von postkapitalistischen Gesellschaften deckt Drucker auf, dass die Wissensproduktivität der entscheidende Faktor für die Wettbewerbsposition eines Unternehmens, einer Branche oder gar eines Landes ist. In diesem Zusammenhang ist in der Managementliteratur von einem Wandel weg von der Industrie- hin zur Wissensgesellschaft die Rede. Willke definiert die Wissensgesellschaft dabei wie folgt: „Von einer Wissensgesellschaft oder von einer wissensbasierten Gesellschaft lässt sich dann sprechen, wenn zum einen die Strukturen und Prozesse der materiellen und symbolischen Reproduktion einer Gesellschaft so von wissensabhängigen Operationen durchdrungen sind, dass Informationsverarbeitung, symbolische Analyse und Expertensysteme gegenüber anderen Faktoren der Reproduktion vorrangig werden.“ Entfielen Mitte des 20. Jahrhunderts noch rund 40% der Wertschöpfung auf die industrielle Produktion von Gütern, so beträgt der Anteil heute ca. 20%. Ca. 80% aller marktlich gehandelten Leistungen sind Dienstleistungen oder befassen sich mit Informationen. Diese Dynamik trägt entscheidend dazu bei, dass die traditionellen, physischen Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital zunehmend durch wissensbasierte Ressourcen ersetzt werden.
Diesbezüglich findet sich in der Managementliteratur ein allgemeiner Konsens. Führende Managementtheoretiker erachten die Investition in die Wissensressourcen eines Unternehmens für weitaus profitabler als solche in materielles Anlagenkapital.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Wissensverlustes in strategischen Allianzen ein und definiert den Wissensschutz als strategische Herausforderung.
2 Begriffliche Absetzung und Definitionen: Hier werden zentrale Begriffe wie strategische Allianzen, Wissenstypen sowie theoretische Ansätze wie der Knowledge-Based View und die Transaktionskostentheorie erläutert.
3 Wissensschutz und der Schutzbedarf von Wissen: Dieses Kapitel beleuchtet den ökonomischen Wert von Wissen und analysiert die Risiken der Wissensdiffusion in Kooperationen.
4 Der Einfluss der Rahmenbedingungen auf den Schutz von Wissen: Hier wird untersucht, wie strukturelle Faktoren wie die Partnerwahl, die Organisationsform und das Vertrauen den Schutz von Wissen bereits auf strategischer Ebene beeinflussen.
5 Schutzmechanismen von Wissen in strategischen Allianzen: Dieses Kapitel widmet sich detailliert der Implementierung konkreter rechtlicher, personenbezogener und organisatorischer Schutzmaßnahmen.
6 Die Kosten des Wissensschutzes: Hier werden die mit den verschiedenen Schutzmechanismen verbundenen Kosten sowie deren Auswirkungen auf die Allianzperformance analysiert.
7 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass ein effektiver Wissensschutz stark branchen- und kontextabhängig ist.
8 Anhang: Der Anhang bietet grafische Übersichten und Klassifizierungen der Schutzmechanismen in Abhängigkeit der Wissensart.
Schlüsselwörter
Wissensmanagement, Strategische Allianzen, Wissensschutz, Wissensdiffusion, Knowledge-Based View, Transaktionskostentheorie, Wissensabfluss, Schutzmechanismen, Patente, Geheimhaltungsvereinbarung, Personalführung, Standortisolation, Gatekeeper-Ansatz, Modularisierung, Wettbewerbsvorteile.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Unternehmen in strategischen Allianzen ihr wertvolles Wissen vor einem unbeabsichtigten oder opportunistischen Abfluss an den Allianzpartner schützen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Definition und Typologisierung von Wissen, die Analyse der Risiken der Wissensdiffusion und die Bewertung verschiedener Schutzmechanismen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die systematische Darstellung und Analyse der wichtigsten Mechanismen des Wissensschutzes, um Managern eine Orientierung für die Ausgestaltung von Kooperationen zu bieten.
Welche wissenschaftlichen Theorien werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf den "Knowledge-Based View of the Firm" sowie auf die "Transaktionskostentheorie", um das opportunistische Verhalten von Akteuren zu erklären.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil evaluiert Einflussfaktoren wie Partnerwahl, Organisationsstruktur und Vertrauen sowie konkrete Schutzmaßnahmen wie Verträge, Patente, Personalführung und organisatorische Schnittstellenkontrollen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wissensschutz, Strategische Allianzen, Wissensdiffusion, Knowledge-Based View, Schutzmechanismen, Opportunismus und Wettbewerbsvorteile.
Warum spielt die Partnerwahl eine so große Rolle für den Wissensschutz?
Die Partnerwahl ist in der Initiierungsphase der wichtigste Schritt, da die Wahl eines Partners mit komplementären statt kongruenten Ressourcen den Anreiz zu opportunistischem Verhalten und damit die Gefahr des Wissenstransfers signifikant senken kann.
Was sind die Vor- und Nachteile der Modularisierung von Wissen?
Die Modularisierung schützt implizites Wissen effektiv durch physikalische Trennung von Entwicklungsschritten, kann aber die Transparenz und die Effizienz der Zusammenarbeit erschweren.
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- Marc Curtis (Author), 2008, Schutz von Wissen in strategischen Allianzen - Eine kritische Bestandsaufnahme der Managementliteratur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134866