„[...] Bischof Burkhard von Würzburg und Kaplan Folrad wurden zum Papst Zacharias gesandt, um wegen der Könige in Francien zu fragen, die damals keine Macht als Könige hatten, ob das gut sei oder nicht.
Und Papst Zacharias gab Pippin Bescheid, es sei besser, den als König zu bezeichnen, der die Macht habe, statt den, der ohne königliche Macht blieb. Um die Ordnung nicht zu stören, ließ er kraft seiner apostolischen Autorität den Pippin zum König machen.
[...] Pippin wurde nach der Sitte der Franken zum König gewählt und gesalbt von der Hand des Erzbischofs Bonifatius heiligen Andenkens und von den Franken in Soissons zum König erhoben.
Hilderich aber, der Scheinkönig, wurde geschoren und ins Kloster geschickt.“
Mit diesem Wortlaut beschreibt der Verfasser der karolingischen Reichsannalen die Ereignisse des Dynastiewechsels vom Merowinger zum Karolingergeschlecht im Jahr 751.
Die Bedeutung dieser Ereignisse veranlasste Erich Caspar seinerzeit sogar dazu, den Dynastiewechsel als „die folgenschwerste Tat des ganzen Mittelalters“ zu bezeichnen.
Gerade weil ein solches Urteil, das wiederum mehrfach zitiert und zur Grundlage verschiedener Abhandlungen gemacht wurde zu dieser Thematik vorliegt, ist und war die Erforschung der vorhandenen Quellen wichtig und daher auch ausführlich betrieben worden.
Insbesondere die Schilderungen der Reichsannalen haben ihren Weg bis in die einschlägigen Nachschlagewerke gefunden. Jedoch ist die von ihnen gebotene Darstellung keinesfalls so unproblematisch wie es ihre intensive Nutzung vermuten lässt.
Die Frage dieser Arbeit soll sein, in wieweit sich die Schilderungen der Annales regni Francorum durch die wenigen vorhandenen zeitgenössischen Quellen untermauern lassen. Hierzu wird neben einem ereignisgeschichtlichen Hintergrund ein Überblick über die existierenden Quellen geboten und Forschungskontroversen behandelt.
Auch die Frage inwieweit der Verfasser der Reichsannalen einem verfälschenden Gesamtkonzept folgte, wird thematisiert werden.
Ein kurzer Ausblick über den Einfluss der Reichsannalen auf die früh- und hochmittelalterliche Geschichtsschreibung soll diese Arbeit, deren Ziel letztendlich die Darstellung eines Gesamtüberblicks über die schon häufig behandelte Thematik ist, abrunden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der geschichtliche Rahmen zum fränkischen Dynastiewechsel
2.1 Das Ende des Merowingerreichs und der Aufstieg der karolingischen Dynastie
2.2 Die Pippinsche Königserhebung
3. Die Quellen zum Dynastiewechsel von 751
3.1 Die karolingischen Reichsannalen
3.2 Die Continuationes Fredegarii
3.3 Die Papstvita des Zacharias und Stephans II.
3.4 Die Clausula de Unctione Pippini
3.5 Vita und Briefe des Bonifatius
4. Erklärung der abweichenden Schilderungen der Reichsannalen vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Darstellung
4.1 Die päpstliche Gesandtschaft und die Frage, wem die potestas zustehe
4.2 Der päpstliche Bescheid oder die Rolle des Papstes bei der Königserhebung
4.3 Der Königserhebungsritus und die Frage nach der Königssalbung
5. Die Gründe für die Veränderungen in den Reichsannalen und die Frage nach einer bewussten Verfälschung in der Darstellung
6. Wichtige Forschungskontroversen zum Dynastiewechsel 751
7. Die Bedeutung der Schilderungen der Reichsannalen für die spätere Geschichtsschreibung
8. Fazit
9. Bibliographische Angaben
11.1 Quellen
11.2 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit die Schilderungen des karolingischen Dynastiewechsels von 751 in den Reichsannalen durch zeitgenössische Quellen untermauert werden können. Dabei wird insbesondere analysiert, ob die Darstellung der Annalen ein verfälschendes Gesamtkonzept zur Legitimation der Herrschaftsübernahme durch die Karolinger verfolgt.
- Analyse der Quellenlage zum fränkischen Dynastiewechsel
- Untersuchung des päpstlichen Einflusses und der päpstlichen Gesandtschaft
- Kritische Würdigung der Pippinschen Königserhebung und Salbung
- Erforschung der Gründe für narrative Veränderungen in den Reichsannalen
- Beleuchtung der späteren geschichtsschreiberischen Wirkung dieser Schilderungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Die karolingischen Reichsannalen
Die Annales Regni Francorum (Reichsannalen) wurden um das Jahr 790 am Hofe Karls des Großen verfasst und sind somit die offiziöse Geschichtsschreibung der Karolingischen Dynastie. Durch ihren Entstehungszeitpunkt können sie somit nur rückwirkend über die Ereignisse der Jahre 751 bis 769 berichten. Trotzdem ist die Schilderung, die in den Reichsannalen vorgenommen wird die ausschlaggebende Vorlage für nahezu alle Quellen, die nach dem 8. Jahrhundert verfasst wurden.
Die Reichsannalen datieren die Erhebung Pippins zum fränkischen König auf die Jahre 749 und 750. Auffallend ist, dass die unmittelbar vorhergehenden und nachfolgenden Ereignisse keine Erwähnung finden beziehungsweise dass die Eintragungen zu 749 (abgesehen von der fälschlich zugeordneten Papstgesandtschaft) und 751/52 fehlen.
Auf den ersten Blick fallen die Reichsannalen durch eine sehr detaillierte Darstellung der Geschehnisse um die Pippinsche Königserhebung auf, jedoch sind alle Einträge vor und nach diesem Ereignis eher kurz gehalten. Dieser Umstand, kombiniert mit den fehlenden Jahren 751/52 wirft die Frage auf, ob die Schilderung der Königserhebung nicht nachträglich eingefügt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung nach der historischen Belastbarkeit der Schilderungen des Dynastiewechsels in den Reichsannalen dar.
2. Der geschichtliche Rahmen zum fränkischen Dynastiewechsel: Dieses Kapitel erläutert den Niedergang der Merowinger und den Aufstieg der karolingischen Hausmeier bis zur Pippinschen Königserhebung.
3. Die Quellen zum Dynastiewechsel von 751: Hier werden die wichtigsten zeitgenössischen Quellen, insbesondere die Reichsannalen und die Fredegar-Chronik, kurz vorgestellt.
4. Erklärung der abweichenden Schilderungen der Reichsannalen vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Darstellung: In diesem Abschnitt werden Details wie die päpstliche Gesandtschaft und der Königserhebungsritus kritisch hinterfragt.
5. Die Gründe für die Veränderungen in den Reichsannalen und die Frage nach einer bewussten Verfälschung in der Darstellung: Dieses Kapitel untersucht, ob die in den Reichsannalen vorgenommenen Änderungen der bewussten Legitimationsstrategie dienten.
6. Wichtige Forschungskontroversen zum Dynastiewechsel 751: Hier werden wissenschaftliche Debatten, wie die Interpretation des Begriffs "ordo" oder die Nomentheorie, behandelt.
7. Die Bedeutung der Schilderungen der Reichsannalen für die spätere Geschichtsschreibung: Diese Analyse zeigt auf, wie die Sichtweise der Reichsannalen die spätere mittelalterliche Geschichtsschreibung nachhaltig beeinflusste.
8. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Reichsannalen eine starke Färbung aufweisen, die die Geschichtsschreibung prägte, ohne jedoch die historisch adäquateste Schilderung zu sein.
9. Bibliographische Angaben: Auflistung der verwendeten Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Dynastiewechsel 751, Merowinger, Karolinger, Reichsannalen, Pippin der Jüngere, Königserhebung, Königssalbung, Papst Zacharias, Bonifatius, Legitimation, Hausmeier, Geschichtsschreibung, Mittelalter, Annales Regni Francorum, Clausula de Unctione Pippini
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Glaubwürdigkeit der Darstellung des fränkischen Dynastiewechsels von 751, wie sie in den karolingischen Reichsannalen tradiert wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die historische Rolle der Hausmeier, die Rolle des Papstes bei der Absetzung der Merowinger sowie die Bedeutung von Ritualen wie Königswahl und Salbung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Frage lautet, ob die Schilderungen in den Reichsannalen durch zeitgenössische Quellen untermauert werden können oder ob sie einem verfälschenden, legitimatorischen Gesamtkonzept folgen.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Die Arbeit nutzt einen vergleichenden Quellenzugang und analysiert die Abweichungen der Reichsannalen gegenüber anderen zeitgenössischen Zeugnissen, ergänzt durch die Auseinandersetzung mit aktueller Forschungsliteratur.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der päpstlichen Gesandtschaft, der Rolle des Bischofs Burkard und Kaplans Fulrad, der Interpretation von "ordo" sowie der wissenschaftlichen Kontroverse um die Salbung Pippins.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen "Reichsannalen", "Legitimation", "Pippin der Jüngere", "Königssalbung" und die kritische Auseinandersetzung mit der "Verformung der Vergangenheit".
Wie bewertet die Arbeit die Rolle des Papstes Zacharias?
Die Arbeit stellt infrage, ob der Papst tatsächlich als "Königsmacher" fungierte, da zeitgenössische Quellen diesen Befehl nicht in der Form erwähnen, wie es die späteren Reichsannalen suggerieren.
Warum wird die Erwähnung von Bischof Burkard und Kaplan Fulrad als kritisch eingestuft?
Diese Akteure werden in keinen anderen zeitgenössischen Quellen im Zusammenhang mit der Gesandtschaft genannt, was auf eine spätere, bewusste Konstruktion des Chronisten zur Überhöhung des Geschehens hindeutet.
Wie steht die Arbeit zur Frage der Königssalbung im Jahr 751?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass die Schilderung der Salbung durch Bonifatius ein Konstrukt ist, das erst später in die Geschichtsschreibung eingeflossen ist.
- Citar trabajo
- Patrick Gälweiler (Autor), 2006, Die Schilderung der Reichsannalen zum Dynastiewechsel 751 im Spiegel der zeitgenössischen Quellen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134896