Im Gegensatz zu der Unbekanntheit in seinen letzten Lebensjahren, die Walter Benjamin im Exil verbrachte, gehört sein Werk „mittlerweile zum Grundinventar der geisteswissenschaftlichen Diskurse“. Dabei wurde auf sehr unterschiedliche Weise versucht, der thematischen und formalen Heterogenität und Reichhaltigkeit in den Arbeiten Benjamins Rechnung zu tragen. In der Folge kam es zu einer breiten Auseinandersetzung mit Benjamin, die fast alle geisteswissenschaftlichen Fächer ergriff und dazu führte, dass sich die verschiedensten theoretischen Richtungen auf ihn berufen.
Die vorliegende Untersuchung wird die beiden eng zusammenhängenden Arbeiten Benjamins, die Berliner Kindheit um neunzehnhundert und die spätere Sprachphilosophie Lehre vom Ähnlichen und Über das mimetische Vermögen zum Gegenstand haben. In der Forschung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass es Parallelen und Zusammenhänge zwischen diesen beiden Arbeiten gibt.
Es wird herausgearbeitet, wie die Auseinandersetzung Benjamins mit dem eigenen Schreiben im Zusammenhang mit der Berliner Kindheit zu der theoretischen Formulierung einer Sprachtheorie in der Lehre vom Ähnlichen geführt hat. Zu diesem Zwecke werde ich zunächst die Erkenntnisse von Sigmund Freud und Jean Piaget zusammenfassen, da diese großen Einfluss auf die Berliner Kindheit hatten. Im folgenden werde ich zeigen, inwiefern sich diese beiden Arbeiten auf die literarische Umsetzung der Kindheitserinnerungen ausgewirkt haben. Im letzten Abschnitt wird dann eine Brücke zur Sprachtheorie geschlagen, in der aufgrund der Diskrepanz zwischen der Erinnerung des Erwachsenen und der Wahrnehmung des Kindes eine ontogenetische Entwicklung des mimetischen Vermögens konstatiert wird. Diese Entwicklung findet nach Benjamin eine Entsprechung in der phylogentischen Dimension des mimetischen Vermögens und bildet somit einen Ansatz für die Sprachtheorie.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1. Das Werk Walter Benjamins
1.2. Gang der Arbeit
2. Entstehungshintergründe und Zusammenfassung
2.1. „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“
2.2. „Lehre vom Ähnlichen“ und „Über das mimetische Vermögen“
3. Erinnerung und Wahrnehmung nach Sigmund Freud und Jean Piaget
3.1. Erinnerung und Traum bei Freud
3.1.1. Der seelische Apparat
3.1.2. Die Traumarbeit
3.1.3. Die Traumanalyse
3.2. Sprachverhalten und Logik des Kindes nach Jean Piaget
3.2.1. Synkretisitsches Denken
3.2.2. Verbaler Synkretismus
4. Darstellungsmerkmale der Kindheitserinnerungen
4.1. Erinnerungen des Erwachsenen
4.2. Wahrnehmungsweisen des Kindes
4.3. sprachliche Gestaltungsmerkmale
5. Die Lehre vom Ähnlichen vor dem Hintergrund der Berliner Kindheit
5.1. ontogenetische Dimension des mimetischen Vermögens
5.2. phylogenetische Dimension des mimetischen Vermögens
5.3. Magische Lektüre und Traumdeutung
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den engen Zusammenhang zwischen Walter Benjamins autobiographischem Werk "Berliner Kindheit um neunzehnhundert" und seiner sprachphilosophischen Schrift "Lehre vom Ähnlichen". Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Benjamin die kindliche Wahrnehmung und Erinnerung theoretisch reflektiert und in eine eigene Sprachtheorie überführt, wobei die Konzepte von Freud und Piaget als zentrale Analyseinstrumente dienen.
- Die Analyse der Kindheitserinnerungen als fragmentarische Bilder
- Einfluss psychoanalytischer Konzepte (Freud) auf das Verständnis von Erinnerung
- Die Rolle der kindlichen Wahrnehmung und der "egozentrischen Sprache" (Piaget)
- Der Begriff der "unsinnlichen Ähnlichkeit" innerhalb der Sprachtheorie
- Das mimetische Vermögen als Bindeglied zwischen Kindheit und Sprache
Auszug aus dem Buch
1.1. Das Werk Walter Benjamins
Im Gegensatz zu der Unbekanntheit in seinen letzten Lebensjahren, die Walter Benjamin im Exil verbrachte, gehört sein Werk „mittlerweile zum Grundinventar der geisteswissenschaftlichen Diskurse“. Dabei wurde auf sehr unterschiedliche Weise versucht, der thematischen und formalen Heterogenität und Reichhaltigkeit in den Arbeiten Benjamins Rechnung zu tragen. In der Folge kam es zu einer breiten Auseinandersetzung mit Benjamin, die fast alle geisteswissenschaftlichen Fächer ergriff und dazu führte, dass sich die verschiedensten theoretischen Richtungen auf ihn berufen.
Benjamin war sich dieser Komplexität seines Wirkens bewusst, wie sich in einem Brief an Gretel Karplus (später Adorno) aus dem Jahre 1934 zeigt: „Gerade dir ist es ja keineswegs undeutlich, daß mein Leben so gut wie mein Denken sich in extremen Positionen bewegt. Die Weite, die es dergestalt behauptet, die Freiheit, Dinge und Gedanken, die als unvereinbar gelten, neben einander zu bewegen, erhält ihr Gesicht erst durch die Gefahr.“
Die Arbeit Benjamins ist nach Sigrid Weigel als eine Theorie zu lesen, die in einer spezifischen Schreibweise, bei der Denk- und Schreibweise Benjamins im Bild als einem Dritten zusammentreffen, kulminiert. Doris Fittler hingegen hat versucht, die unter der amorphen Oberfläche wirkende Substruktur aufzuzeigen und damit die Systematik von Benjamins Eigenart, „die Trennwände zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen und Sachbereichen nicht zu respektieren“, kenntlich zu machen. Diese Substruktur ergibt sich durch leitmotivartige Wiederholung von Formulierungen und Bildern in den verschiedensten Stoffkreisen, die dadurch immer neu zueinander in Beziehung gesetzt werden und ineinander übergreifen. Somit sind die Benjaminschen Begriffe und Gegenstände nie abschließend fixiert oder fest umrissen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel führt in das komplexe Werk Walter Benjamins ein und erläutert den Gang der Untersuchung, die den Bezug zwischen der "Berliner Kindheit" und seiner Sprachtheorie herstellt.
2. Entstehungshintergründe und Zusammenfassung: Hier werden die primären Quellen – "Berliner Kindheit um neunzehnhundert" sowie die "Lehre vom Ähnlichen" – in ihren Entstehungskontext eingeordnet.
3. Erinnerung und Wahrnehmung nach Sigmund Freud und Jean Piaget: Das Kapitel legt die theoretischen Grundlagen durch die Aufarbeitung von Freuds Traumtheorie und Piagets Erkenntnissen zur kindlichen Logik.
4. Darstellungsmerkmale der Kindheitserinnerungen: Es wird analysiert, wie sich die Konzepte von Freud und Piaget auf die literarische Form und den Inhalt der Kindheitserinnerungen auswirken.
5. Die Lehre vom Ähnlichen vor dem Hintergrund der Berliner Kindheit: Das Kapitel verbindet die Kindheitsstudien mit der Sprachtheorie durch die Untersuchung des ontogenetischen und phylogenetischen mimetischen Vermögens.
6. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse über die Verbindung von kindlicher Wahrnehmung, mimetischem Vermögen und der Theorie des Verdrängten in der Sprache.
Schlüsselwörter
Walter Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert, Lehre vom Ähnlichen, mimetisches Vermögen, Kindheitserinnerungen, Sigmund Freud, Jean Piaget, Sprachtheorie, unsinnliche Ähnlichkeit, Traumarbeit, synkretistisches Denken, magische Lektüre, Wahrnehmung, Kindheit, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Verbindungen zwischen Walter Benjamins autobiographischen Aufzeichnungen in der "Berliner Kindheit" und seinen sprachphilosophischen Überlegungen zum mimetischen Vermögen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die frühkindliche Wahrnehmung, die Struktur des Erinnerns, das Konzept der "unsinnlichen Ähnlichkeit" sowie die Rezeption von Freuds Psychoanalyse und Piagets Entwicklungspsychologie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Benjamin die in seinen Kindheitserinnerungen beobachteten Wahrnehmungsweisen des Kindes zur Grundlage für eine allgemeine Theorie des mimetischen Vermögens und der Sprache macht.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine hermeneutische und komparative Methode, um Benjamins Texte im Kontext der psychoanalytischen Theorie (Freud) und der Entwicklungspsychologie (Piaget) zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die relevanten Konzepte von Freud und Piaget dargelegt, gefolgt von einer Untersuchung, wie sich diese auf Benjamins "Berliner Kindheit" auswirken, um schließlich eine Brücke zu seiner späteren Sprachtheorie zu schlagen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe mimetisches Vermögen, Berliner Kindheit, unsinnliche Ähnlichkeit und Traumarbeit.
Inwiefern beeinflusste Jean Piaget die Untersuchung?
Piagets Erkenntnisse über das synkretistische Denken des Kindes dienen dazu, Benjamins Beschreibung des spielerischen, magischen Umgangs des Kindes mit Sprache theoretisch zu fundieren.
Welche Funktion hat die "magische Lektüre"?
Sie beschreibt Benjamins Theorie des Lesens, bei der im Akt einer kritischen Ausdeutung die unsinnlichen Ähnlichkeiten der Sprache entschlüsselt werden können.
Warum ist das mimetische Vermögen für Benjamin so wichtig?
Es fungiert als Bindeglied zwischen der Welt der Dinge und der Sprache und erklärt, wie der Mensch durch Sprache nicht mehr nur die Dinge, sondern deren Sinngehalt erfassen kann.
- Quote paper
- Dipl.-Kauffrau Katja Schulz (Author), 2009, Wahrnehmung und Erinnerung in Walter Benjamins "Berliner Kindheit um neunzehnhundert" und der "Lehre vom Ähnlichen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134940