Diese Arbeit beschäftigt sich vor allem mit der Kategorisierung literarischer Texte. Allerdings verfolgt sie den etwas ungewöhnlichen Ansatz, dass sie allgemeine poetologische und literaturtheoretische Ansätze vor allem aus den Strukturen eines einzelnen literarischen Textes herleitet und diese versucht durch das Heranziehen weiterer literarischer und literaturtheoretischer Texte zu unterstützen. Bei diesem zentralen literarischen Text handelt es sich um Saša Sokolovs “Škola dlja durakov”.
Möglich wird diese radikal induktive Vorgehensweise aufgrund des besonderen Aufbaus von “Škola dlja durakov”. Ich bezeichne die Struktur dieses Textes als “analogistisch”. Das bedeutet, dass sowohl in der Form als auch im Inhalt des Textes analogisierende Merkmale die differenzierenden Merkmale bei weitem übersteigen, was zu ganz bestimmten formalen Effekten und semantischen Implikationen führt. Eine wesentliche Wirkung der analogistischen
Struktur von “Škola dlja durakov” ist, dass absolut jeder semantische oder formale Komplex sich mit allen anderen semantischen oder formalen Einheiten des Textes in einer Beziehung
gegenseitiger Teilhabe und gegenseitigen Einflusses befindet. Dadurch kommt es in “Škola dlja durakov” zu einer ständigen Zirkulation von Form und Sinn. Diese Bewegung erfasst auch die Kategorisierung des Textes. Im Rahmen von Sokolovs Text wird dadurch deutlich, dass Textkategorien, so wie alle anderen Kategorien, sich zueinander nicht in einem Verhältnis völliger Diskretion, sonder in einem Verhältnis gegenseitiger Abstufung befinden. Dieses Verhältnis tritt um so deutlicher zutage, je weniger differenziert die formalen und inhaltlichen
Aspekte sind, durch die ein bestimmtes Kategorisierungssystem indiziert wird. Da es ein programmatisches Ziel von “Škola dlja durakov” ist, die Grenzen aller Kategorien, darunter auch
von Textkategorien, als ambivalent und fließend darzustellen, wird hier besonders deutlich, dass die diskrete Kategorisierung von Erscheinungen eine Konvention darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1 Zum Konzept und Aufbau dieser Arbeit
I Analogistische Textstruktur von “Škola dlja durakov”
2 Ähnlichkeiten und Differenzen - Identität und Nicht-Identität
3 Analogie versus Zeit und Raum
3.1 Zeitliche und räumliche Verhältnisse in “Škola dlja durakov”
3.2 Henri Bergsons analogistische Konzeption der Dauer
4 Gedächtnis: Erinnern und Vergessen
4.1 Räumliche Metaphern für das Vergessen
4.2 Differenzlosigkeit im Geschlechtsakt
4.3 Die Bewegung von der Peripherie ins Zentrum: Wind und Schrei
4.4 Der ästhetische Diskurs
II Analogisierung in der Textkategorisierung
5 Analogisierung der Textkategorisierung in “Škola dlja durakov”
5.1 Beispiel: Drama oder Epik?
5.2 Beispiel: Prosa oder gebundene Rede?
6 Analogisierungen in der Gattungstheorie
6.1 Zeit, Raum und Sprache
6.1.1 Raum, Zeit und Sprache im Zusammenhang mit Textkategorisierung in “Škola dlja durakov”
6.1.2 Der Produzent sprachlicher Zeichen
6.1.3 Beispiel für das reziproke Verhältnis von Raum, Zeit und Zeichenproduzent im Zusammenhang mit Textkategorisierung in “Škola dlja durakov”
6.1.4 Raum, Zeit und Position des Zeichenproduzenten innerhalb unterschiedlicher theoretischer Ansätze zur Kategorisierung literarischer Texte
III Methodischer Ansatz zur Kategorisierung literarischer Texte
7 Entwicklung von Kategorisierungsbegriffen literarischer Texte
7.1 Begriffe der Gattungstheorie
7.1.1 Aristoteles: genos und eidos
7.1.2 Parallelen mit der Biologie
7.1.3 Babylonische Verwirrung der Begrifflichkeiten
7.2 Historischer Überblick: Gattungspoetik - Gattungstheorie
7.3 Der triadische Gattungsbegriff: Lyrik, Epik, Drama
7.3.1 Mögliche Rechtfertigung der Unterteilung der Dichtung in drei umfassende Kategorien
8 Unterschiedliche Verhältnisse der Ebenen der Zeichenproduktion als Grundlage literarischer Kategorisierung
8.1 Zeichen innerhalb von Zeichen - Deixeis in literarischen Texten
8.2 Ebenen der Zeichenproduktion in Drama, Epik und Lyrik
8.2.1 Zeichenproduzent als Indikator für eine Ebene der Zeichenproduktion
8.2.2 Unterschiedlicher Grad und unterschiedliche Qualität von Analogizität in Drama, Lyrik und Epik in Verbindung mit den Ebenen der Zeichenproduktion
8.2.3 Deiktische Parameter in Zusammenhang mit den Ebenen der Zeichenproduktion in Lyrik, Epik und Drama
8.3 Das besondere Verhältnis zwischen Lyrik und Drama
8.3.1 Lyrik
8.3.2 Drama
8.3.3 Überlappung von Drama und Lyrik
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Kategorisierung literarischer Texte durch einen ungewöhnlichen, induktiven Ansatz, der auf der Analyse der "analogistischen" Struktur von Saša Sokolovs Roman "Škola dlja durakov" basiert. Das primäre Ziel ist es, ein Verständnis für die Relativität und gegenseitige Abstufung von Textkategorien zu entwickeln, anstatt starre Gattungsgrenzen zu postulieren.
- Strukturanalyse von "Škola dlja durakov" als analogistischer Text.
- Die Rolle von Zeit, Raum und Zeichenproduktion in der literarischen Kategorisierung.
- Das Zusammenspiel von Gedächtnis, Erinnern und Vergessen als formgebende Prozesse.
- Kritische Überprüfung der traditionellen Gattungsbegriffe (Lyrik, Epik, Drama).
- Theoretische Verknüpfung von Ästhetik, Wahrnehmungstheorie und Textstruktur.
Auszug aus dem Buch
3 Analogie versus Zeit und Raum
Im alltäglichen Sprachgebrauch und auch in mehr oder weniger als realistisch empfundenen literarischen Texten zeichnen sich die sprachlichen und auch die begrifflichen Kontiguitätsbeziehungen dadurch aus, dass die Einheiten, die sie miteinander verbinden, mehr Differenz- als Ähnlichkeitsbeziehungen aufweisen. Wollte man eine räumliche Metapher benutzen, so dienen die Ähnlichkeitsbeziehungen in diesem Fall als eine Art Brücke oder Verbindungstunnel, über die man von Differenz zu Differenz - die die einzelnen sich im Kontiguitätsverhältnis befindlichen Einheiten voneinander unterscheidbar machen - schreitet und somit im Bewusstsein einen kohärenten semiotischen Raum schafft. In diesem in seinem Bewusstsein über Differenz- und Ähnlichkeitsbeziehungen geschaffenen Raum kann sich ein Mensch orientieren und sich in kontinuierlichen Bahnen bewegen. Denn Ähnlichkeitsbeziehungen schaffen zwar Verbindungen zwischen den einzelnen erkannten Einheiten, es sind jedoch erst die Differenzbeziehungen, die einen homogenen Zusammenhang zwischen diesen Einheiten ermöglichen und dadurch ein kohärentes, im Bewusstsein entfaltetes Bild ergeben. Dementsprechend ist der semiotische Raum desto differenzierter und weitläufiger, je mehr Differenzbeziehungen die erkannten und in ein Kontiguitätsverhältnis gesetzten Einheiten aufweisen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Zum Konzept und Aufbau dieser Arbeit: Einführung in den induktiven Ansatz der Arbeit, die poetologische Kategorien aus der Struktur von Sokolovs "Škola dlja durakov" ableitet.
I Analogistische Textstruktur von “Škola dlja durakov”: Untersuchung des "analogistischen" Aufbaus des Romans, in dem Ähnlichkeitsbeziehungen die Differenzen überwiegen und eine ständige Zirkulation von Form und Sinn erzeugen.
II Analogisierung in der Textkategorisierung: Anwendung der Erkenntnisse über die analogistische Struktur auf die Frage, wie ein Text in literarische Kategorien wie Drama oder Epik eingeordnet werden kann.
III Methodischer Ansatz zur Kategorisierung literarischer Texte: Historischer und theoretischer Überblick über Gattungstheorien, ergänzt durch eine formale Begründung der Gattungsunterscheidungen basierend auf deiktischen Parametern.
Schlüsselwörter
Analogistik, Textkategorisierung, Gattungstheorie, Saša Sokolov, Škola dlja durakov, Zeit, Raum, Zeichenproduktion, Gedächtnis, Ähnlichkeit, Differenz, Wahrnehmung, Lyrik, Epik, Drama.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Kategorisierung literarischer Texte, wobei sie einen induktiven Ansatz wählt, indem sie literaturtheoretische Konzepte primär aus der spezifischen Struktur von Saša Sokolovs Roman "Škola dlja durakov" herleitet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Analogie und Differenz, die Rolle der menschlichen Wahrnehmung bei der Konstruktion von Raum und Zeit in Texten sowie die theoretische Grundlegung der traditionellen Gattungen Lyrik, Epik und Drama.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Textkategorien keine diskreten Einheiten sind, sondern auf relativen Analogie- und Differenzverhältnissen basieren, und zu untersuchen, wie diese Erkenntnisse das Verständnis von Gattungstheorien verändern können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine radikal induktive Vorgehensweise, bei der poetologische Ansätze aus der Struktur des literarischen Textes selbst extrahiert und durch literatur- und kulturtheoretische Texte (u.a. von Bergson, Lotman, Bachtin) gestützt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die analogistische Struktur des Sokolov-Textes, untersucht die Mechanismen der zeitlichen und räumlichen Wahrnehmung sowie das Gedächtnis und entwickelt daraus ein formales Kategoriensystem für die drei Hauptgattungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Analogistik, Textkategorisierung, Gattungstheorie, Zeit, Raum, Zeichenproduktion, Gedächtnis und die Begriffe Lyrik, Epik sowie Drama.
Wie definiert der Autor das Konzept der "analogistischen Struktur"?
Eine Struktur wird als "analogistisch" bezeichnet, wenn analogisierende Merkmale in Form und Inhalt die differenzierenden Merkmale bei weitem übersteigen, was zu einer ständigen Zirkulation von Form und Sinn im Text führt.
Welche Rolle spielen die "Ebenen der Zeichenproduktion" in der Kategorisierung?
Die Anzahl und der Grad der Differenziertheit dieser Ebenen, die durch Raum-Zeit-Parameter und den Zeichenproduzenten konstituiert werden, bestimmen laut der Konzeption der Autorin die tendenzielle Zugehörigkeit eines Textes zu einer der drei Hauptgattungen.
- Citation du texte
- Katharina Friesen (Auteur), 2009, Kategorisierung literarischer Texte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134944